Zwölf Zehner – Januar 2014

05.02.2014
Willkommen im Februar. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Januar musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Actress
Ghettoville
Werkdiscs • 2014 • ab 24.29€
Es passiert immer wieder, in verhältnismäßig kurzen Abständen und dennoch freut man sich jedes Mal wie ein kleines Kind: Actress macht Tanzmusik. Also so im großen Stil, nicht 2 Minuten angedacht und dann von Unfriendly Fire zerschossen, nein, mit Drum-Intro, 4×4-Logik, sogar mit einem Hauch Euphorie und zumindest angedeuteten Händen in der Luft. »Gaze« heißt dieser Derwisch dieses Mal, fünf Minuten Glückseligkeit gönnt uns Cunningham mit seinem unzickigsten Stück auf Ghettoville, fünf Minuten in denen er es wieder einmal schafft sämtliche Tropen zu vermeiden, trotzdem irgendwie referentiell und trotzdem nur wie er selbst zu klingen. Er mag uns als Adressaten temporär(?!) nicht mehr brauchen wir als Empfänger ihn aber schon.

Actress’ »Gaze« bei Vimeo anhören

Actress
Ghettoville
Werkdiscs • 2014 • ab 24.29€
Dass Kenny Dixon Jr. einer der wichtigsten Musiker seiner Generation ist und nicht bloß dieser eine Typ von Youtube, der seine DJ-Auftritte hinter Vorhängen und seine Interviews mit weiblicher Entourage, die ihm die Haare toupiert, bestreitet, das sollte allen spätestens mit »Sloppy Cosmic« bewusst werden. Klar, es ist nicht mehr der Moodymann, den wir seit Mitte der Neunziger für seine wegweisenden (House-) Maxis bewundern, so vielfach kopiert und bisweilen nie wirklich erreicht. Aufgrund seiner bisweilen sehr eigenwilligen Darstellung, ist er mittlerweile eben auch der kauzige Typ von Youtube, über den wir milde lächeln, aber blind seine Platten kaufen – nicht nur der Wertsteigerung wegen. Aber es ist nachwievor der Mann, der sich selbst in die Waagschale legt. Und damit alle seine Einflüsse der politischen Selbst- und Musikerfindung, zurückreichend über die Last Poets, bis hin zu Gil-Scott Heron und Funkadelic, denen er hier auf einer bombastischen zwölfminütigen Funkoper ein epochales Denkmal setzt. Dass das dann irgendwie nebenher so klingt, wie die Soulquarians anno 2002 zu Electric Circus-Zeiten, mag den Umstand erklären, warum auch alle Hip-Hop-Enthusiasten in meinem Freundeskreis diesen Mann so vergöttern, als wäre er J Dilla persönlich. Da schließt sich der Kreis.

Moodymanns »Sloppy Cosmix« auf Youtube anhören

Wenn es läuft, dann läuft’s. Uns Aubrey krönt seinen absurd erfolgreichen Winter nicht nur mit NBA-Mottoabenden , nein, auch Hit-Boy packt die Plastiktröten aus für die gemeinsame Selbstbeweihräucherung mit unserem Lieblings-Tourette-Duo aus Atlanta. Und genau jene sind mit ihren dadaistischen Adlibs und Brokkoli-Anekdoten auch dafür verantwortlich, dass das mehr ist als schnöde Leftover-Verwertung. Ganz im Gegenteil: Drake lieferte damit direkt wieder den perfekten Stimulus für ein ungemein selbstgefälliges Reinrutschen ins neue Jahr.

Drakes »Trophies« auf Youtube anhören

Was Nicki Minaj mit Danny Glover und Jessica Biel macht, wurde hier bereits poetisch wie eh und je geklärt, vielleicht könnte man aber auch noch anmerken, dass Nicki es tatsächlich geschafft hat einen ohnehin schon omnipräsenten Track mit ihrer lakonisch-kalkulierten sexuellen Ambivalenz, dem perfekten Anschmiegen an Young Thugs wunderbar schiefe Delivery und ein paar präzisen Bars noch relevanter zu machen. Das war wann das letzte Mal so? Ach richtig, Versace Versace

Young Thugs »Danny Glover« auf Soundcloud anhören

St. Julien
St. Julien
Apron • 2013 • ab 11.04€
Man kann, man muss Funkineven dafür dankbar sein, dass er sich mit St. Julien endlich ein Synonym zugelegt. So fällt in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so auf, mit welcher Regelmäßigkeit wir ihn hier in die Zwölf Zehner hieven. Dabei ist die Faszination für das Werk des Londoners schwer in Worte zu hüllen und damit auch »Jupiter« nur am Rande zu erklären. Das hier ist kein kosmischer Groove im Sinne Sun Ras oder im Sinne des Hieroglyphic Beings, dazu später mehr. Das hier ist ein repetitiver, sich immer neu windender Loop, marginal in der Tonhöhe moduliert, mit Claps befeuert und dennoch so schrecklich banal, dass man ihn einfach gern haben muss. Funkineven ist mitnichten ein Zauberer, aber der Mann verfügt über diesen nonchalanten Habitus, der uns wie kein anderer mit den einfachsten Mitteln spüren lässt, wie verführerisch sexy der Sound von ungefilterten Drummaschinen oder Synthesizern zu klingen vermag. Immer wieder und immer wieder. Wohl auch in Zukunft wieder.

St. Juliens »Jupiter« auf Soundcloud anhören

Awww yeah, das Rudel ist zurück. Die Zeiten, in denen Wolf-Music-Maxis ungehört zum Pflichtkauf zählten, sind gefühlt seit Mitte 2012 vorbei. Mit dem kölschen Leev Jung Damiano von Erckert an Bord, mit dem in den vergangenen Monaten Freundschaft geschlossen werden konnte, ist man jetzt wieder auf der Gewinnerstraße. Zumindest in meiner Gunst. Denn Damiano hat zur Zeit eine Art Midas Touch und verwandelt hiermit einen eher schwachen, oder sagen wir langweiligen Track von Casino Times, bei dem nichts bei altem bleibt, zu einem brachialen Clubmonster mit sanft aufbauendem Groove, der einen nach dem gewaltigen Breakdown und noch gewaltigerem Basslauf zielsicher ins Congakoma lotst.

Casino Times’ »High Hopes« auf Soundcloud anhören

Hieroglyphic Being
A Synthetic Love Life
Mathematics • 2013 • ab 19.19€
Es ist fast unmöglich den Überblick über Hieroglyphic Beings Output zu bewahren, also sei uns verziehen, dass das wunderbar programmatisch betitelte »Space Is The Place (But We Stuck Here On Earth)« bereits Ende November erschienen ist und von sämtlichen Listen-Kompilierern übersehen wurde. Dabei sind das zehneinhalb Minuten, die in dieser Form eher untypisch für Herrn Moss sind, sofern dieses Adjektiv nicht sowieso völlig ungeeignet ist für einen Typen, der von EBM-Noise, Freejazz bis zu Tribal Acid auf 140 MPM schon vierzig Mikrogenres durchexerziert hat und immer noch rastlos ist. Nein, ungewöhnlich ist eher, dass die Sun-Ra-Referenz so extrem kristallin klingt, hier klingt nichts verzehrt oder übersteuert, im Gegenteil: dieses Wechselspiel zwischen kühlen Synth-Lines, metallenen Störgeräuschen und fast zögerlicher Percussion klingt eher wie der zweitbeste Oni Ayhun Track nach ihr wisst schon

Hieroglyphic Beings »Space is the place (But we stuck here on earth)« auf Youtube anhören

Logos
Cold Mission
Keysound • 2013 • ab 16.99€
Eigentlich ist »Ex 101« eine ziemlich dämliche Wahl um Menschen von Logos’ Qualitäten zu überzeugen. Dieser ganze Purple-Boys-Gone-Oxford-Vorlesung-Habitus, der dessen Debüt auf Keysound Ende November zu einem Klassenprimus machte, wird hier eher angedacht, denn ausformuliert, diese typische LDN-Nightbus-Romantik ist zwar spürbar, aber nicht explizit durchexerziert, es hallt eine Spur Hyph Mngo durch die Staccato-Rimshots, ohne jedoch einen Drop auch nur ansatzweise in Aussicht zu stellen und dennoch einen damit vergleichbaren Spannungsbogen zu ziehen. Man sagt sich ständig: da fehlt doch was. Und genau weil es das tut, weil es das in seinen Produktionen eigentlich immer tut und man dennoch gefesselt zu Ende hört, ist dieser Logos so ein Engima.

Logos’ »Ex 101« auf Youtube anhören

Merwyn & Inkswel
Cloud Eaters
Hot Shot Sounds • 2014 • ab 16.99€
Mit Inkswel und Merwyn Sanders (ja, der legendäre Virgo-Merwyn) haben sich für »Cloud Eaters« zwei zusammengefunden, die man im ersten Augenblick nicht gemeinsam in Zusammenhang bringen würde. Dass dabei ein dermaßen soulgeschwängerter Boogie-House herauskommt, auch hier läge der Gedanke nicht unbedingt nahe. Allerdings nur zu Beginn, denn im Nachhienin ist man ja meistens schlauer. Am Ende kann man sich nichts anderes mehr vorstellen. Inkswel sorgt dabei für den Boogie, den 80er-PPU-Einschlag, und das B-Boy-Feeling, das mit Einsatz einen kurzen Vocalschnipsels den Groove ausruft. Und Merwyn? Merwyn sorgt für den Song, Merwyn sorgt für den Gospel, Merwyn gets spiritual: »Hope«, »Dreams«, »Music«, »Love«, »Brighter Day« – das ist das Vokabular der 80er, das Vokabular und die Hoffnung, die diesem Kind House Music seit Mitte der 90er leider abhanden gekommen ist. Jetzt aber ist sie wieder da, banal wie es klingt, the cloud eates come and take your rainy days. Alles wird wieder gut: Hoffnungen, Träume, Musik, Liebe.

Inkswels und Merwyns »Cloud Eaters« auf Soundcloud anhören

NHK yx Koyxen
Dance Classics Volume 3
Pan • 2013 • ab 16.99€
All das, was Kollege Okraj über diese St. Julien Maxi geschrieben hat, ließe sich für »341« zweitverwerten. Ein lächerlich simpler House-Groove, ein bißchen Reverb, Bass raus, Kick rein, Clap laut, you name it. Aber gerade im Falle von NHK’Koyxen ist ein solch unverkaufter, unprätentiöser Track besonders wohltuend, verdient sich jener nämlich primär seinen Sojalatte mit avantgardistischen Soundtrack-Experimenten. So freut man sich, dass man im Hause PAN offensichtlich weiterhin Spaß versteht und mit »341« ein Nachfolger für das wunderbar bekloppt stumpfe “112":http://www.youtube.com/watch?v=UcL_Q65R8jg gefunden ist.

NHK’Koyxens »341« anhören