Ausklang | 2017KW35 – 8 essentielle neue Platten

01.09.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Archie Shepp / Lars Gullin Quintet
The House I Live In
Modern Silence • 1980 • ab 19.99€
»Okay! Okay!«. Ein Gedanke der sich in meinem Kopf langsam festsetzt und ich nehme einen Schluck der bitteren Medizin. Es sollte mich etwas angehen. »I Should Care«. So wie [Archie Shepp](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5366/archie-shepp,) als er 1963 mit dem Lars Gullin Quintet musizierte, im Montmartre Jazzhouse in Kopenhagen, lange bevor die Olsen Brothers ihr Lied zur Eröffnung der Öresundverbindung geträllert haben, zu einer Zeit also, als noch faule Früchte auf Schmachtsänger geworfen wurden, und der Jazz durch gut ausgebildete weiße Musiker begann, geglättet zu werden, wovon Archie Shepp sich aber nicht beirren lässt, und das Ungezähmte und Schrille dieser Musik, mit wenigen Tönen nur, in Erinnerung zu rufen vermag und zum Engtanz auf heißen Kohlen lädt. SH
Arturo Stalteri
…E Il Pavone Parlo Alla Luna
Soave • 1987 • ab 22.99€
Montags, 7:20 Uhr in Deutschland. Der Cornils schreibt über Arturo Stalteris selten bezahlbaren High-Brow-Überclassic »E Il Pavone Parlo Alla Luna«: Nach 4 Stunden Schlaf bester Montagssoundtrack. Der Kunze erigiert gegen 9 mit GEILDANKEHAMMER und der Aigner realisiert erst am Dienstag, dass da dank Soave Anfang September die Wantlist weiter ordentlich ausgemistet werden kann, nur um im Anschluss hektisch zu googlen was eigentlich Paul Stalteri heute macht. Gut, dass heute Freitag ist. FA
Photay
Onism
Astro Nautico • 2017 • ab 22.99€
Gut, dass heute Freitag ist und ich den passenden Tune vorbereitet habe. Also dann: Ein schönes Wochenende, alle miteinander, Hochstapler, Taugenichtse, hochgradig Unterschätzte, fleißige Bienchen, Vogelkundler, Briefmarkensammler, alle ihr fröhlichen Irren. Möget ihr steil gehen! Feierabend! Ich bin schon mal raus. SH
Actress X London Contemporary Orchestra
Audio Track 5
NinjaTune • 2017 • ab 6.59€
Actress verspielt langsam seinen Vorsprung als über jeden Zweifel Erhabener. »Audio Track 5« ist immer noch gut (besser die Version in -6, leider kein Stream über die ersten beiden Google-Pages zu erreichen). Ein Orchester tut einfach den wenigstens gut, es hilft eigentlich nur dem kleinen Dicken an der Tuba, der tubalos bei den Girls einfach nicht punkten konnte, nicht aber einem Techno-Produzenten. Stopp die FloatingPointsisierung musikalischer Genies ja ok! Aber Actress bleibt Actress und wenn man hier von Vorsprung verspielen redet, dann bei einem Verfolgerfeld, das doch wieder Unentschieden beim Tabellendrittletzten spielt.
PK
YobKiss
Asexual EP
Electronic Emergencies • 2017 • ab 11.99€
Die nächste weirde Wave-Platte ist immer nur so weit entfernt wie der neueste Game Of Thrones-Spoiler und es gibt nur zwei Strategien, dem zu entgehen: Entweder du stellst dich tot oder reitest selbst auf der #FOMO-Tsunami ins Herz der Finsternis, sprich entweder zum Düsterdunkelcrate eines Plattenladens deines Vertrauens oder auf die seriöse russische Warez-Seite, die Google als erstes ausspuckt. YobKiss sind das, was die gemeine Drachenlordsagafigur nicht ist, nämlich »Asexual«, und wecken doch niederste Begierden in mir: Ich wollte euch die Platte hier unterschummeln, bevor Aigner oder Kunze vor mir die Büxen platzen. Nennen wir diese EP also einfach den Moneyshot im Wave-Stau des Jahres und erklären das Boxduell #FOMO vs. Cornils für beendet und auf beiden Seiten verloren. PS. Jon Snow ist Voldemort. KC
Inigo Vontier
Aluxes Tolouse Low Trax Remix
Lumiere Noire • 2017 • ab 9.99€
Game Of Thrones tangiert mich erst, wenn der Spinoff ins Jahr 2056 verlegt wird und Tolouse Low Trax den Soundtrack macht. Jaaaaha, ok, sein Remix von Inigo Vontiers »Aluxes« mag nur” – ! Achtung, Lindnersprech ! – eine Konsolidierung des Trademark-Sounds des Düsseldorfer Vodoogurus sein. Wenn ich jedoch kurz zuvor auf einer Platte den besten Remix des Jahres gemacht hätte, würde ich mir vermutlich wohligst grinsend bis Juli 2018 nur noch Fussel aus dem Bauchnabel fischen. “EINSEINSSIEBEN/EINSEINSACHT ihr wisst schon. FA
Schwefelgelb
Den Umgekehrten Atem
Fleisch • 2017 • ab 11.99€
Irgendwo zwischen Planet Rock und Kosmonautentraum angesiedelt, veröffentlichen Schwefelgelb mit »Im Wasser« diese Woche den absolut geilsten Song und trete mir aus meinem vergilbten Sichtfeld, wenn du was anderes denkst. Das der Scheiss, zu dem ich dann doch wieder mit tristen Kids raven gehe, die alle perfekt das Gerundium beherrschen und zwischen denen keine Verbindung besteht, weil sie nie wirklich miteinander gesprochen haben. PK
Function
Recompiled I/II
A-Ton • 2017 • ab 22.99€
Function schreibt schon per Pseudonym aus, was in emotionaler Hinsicht von ihm zu erwarten wäre und dennoch kam mir genau das in einem dunklen Sommer sehr recht: Sein spät nachgeschobenes Debütalbum »Incubation« war zwischen dreckigem Geschirr und ausgetrockneten Mundwinkeln das einzige, was in dieser Jahreszeit in der Hölle nicht den Kampf gegen die Schwerkraft verlor, weil es horizontal geradeaus und somit weit nach vorn preschte. Nun also vom Future Shock zum Blast From The Past: Die stillschweigend eingeschobene »Recompiled I/II«-Compilation auf der Ostgut Ton-Ambient-Abschussrampe A-Ton muss das zum Glück nicht mehr leisten und zieht den spröden Mundwinkel dennoch nach oben. Wenn mir Dave Sumner jetzt noch das Geschirr abwäscht, finde ich noch endgültig meinen Frieden mit der Welt. KC
[shariff]