Music Kolumne | verfasst 03.11.2021
Aigners Inventur
November & Dezember 2021
Er wäre gerne der Typ, der immer die wildesten Puffer Jackets in den Supreme-Videos trägt. Ist aber nur unser Kolumnist. Ja, die sad’e Jahreszeit beginnt. Immerhin nicht mit schlechter Musik: Hier ist die neue Ausgabe von Aigners Inventur.
Text Florian Aigner

wiki half godVinyl 2LP Raps Ostküstenzentrismus feiert ja mindestens einmal pro Dekade ein veritables Comeback. »Half God« reiht sich mit seiner erwachsenenen und bleaken Introspektion nahtlos in die minimalistische Loop-Verliebtheit der Generation Earl ein, erweitert dessen entwaffnende Psychoanalyse aber durch eine New York Dekodierung, die man so eigentlich nur aus der Golden Era kennt. Wikis Ich-Erzähler verlässt aber im Gegensatz zu offensichtlichen Vorbildern (Nas, Mobb Deep et al.) die enge Perspektive der Project Windows und reflektiert New York als durchgentrifiziertes Oxymoron. Produziert hat das mit Navy Blue wahlweise Earls bester Freund oder der Typ, der immer die wildesten Puffer Jackets in den Supreme Videos trägt. Special, auch ohne 25 Jahre Boom Bap Silberhochzeit in der eigenen Vita.
 

bronze ekphrasisVinyl LP Witzig auch wie Bronze Nazareth 15 Jahre nach seiner Tätigkeit als quasi Wu-Insolvenzverwalter jetzt wieder cool ist. Das liegt natürlich auch daran, dass mit Roc Marciano die wichtigste Größe im humorvoll humorlosen Zähnefletschen die Hälfte von »Ekphrasis« produziert hat, aber auch daran, dass sich auf dem Indielevel eine gewisse ATL-Ermüdung nicht leugnen lässt. Solider Kram, vielleicht sollte ich »The Great Migration« doch mal vom Dachboden bergen, wenn ich meine Eltern besuche.
 

BadBadNotGood - Talk MemoryVinyl LP Noch eine Spur mehr Biedermeier, aber auch ein eleganter Weg aus der sich anbahnenden Band-Identitätskrise: BadBadNotGood machen jetzt Jazz. Also richtig normalen Jazz: Sun Ra, Miles, Coltrane, ihr wisst schon. »Talk Memory« streift Hip Hop und Beatmaking nur noch ganz peripher und wirkt mit sich völlig im Reinen. Allein deswegen vielleicht das bisher beste BBNG-Album.
 

madteo head goneVinyl 2LP So kurz vor Jahresende prescht derweil Madteo mit dem sprödholzigsten House-Entwurf seit Theo Parrishs »Parallel Dimensions« in meine Jahrescharts. »Head Gone Wrong By Noise« ist ein ungeheuer stoischer Bock von einem Album, morastige Downtempo-Nummern treffen auf verkanteten 125 BPM House, der in keinster Weise zum Tanzen einlädt, aber mit Halftime-Halluzinationen trickst und Rhodes-Melodien und Voicemails in dieser Molasse verschwinden lässt. Dazu noch Raps von Sensational, aufgenommen im Atombunker und irgendwo auf Spur 64 in halber Lautstärke offbeat über eine Tribal Meditation gerotzt. Eine absolute Frechheit, dieses Album <3
 

trip shrubbVinyl LP Trip Shrubb gelingt derweil mit »Trewwer, Leud Un Danz« ebenfalls eine Sensation. Als Ausgangspunkt dieser Remixe diente der Folkways-Katalog, aber mit Folk haben diese 13 ausgewählten Stücke nur noch eine krude Sehnsucht gemein. Eigentlich ist das hier Dub Techno ohne Techno und Dub ohne Jamaika. Heraus kommt dabei dann eine Werkbund Platte für Chain Reaction. Dass man das noch erleben darf.
 

international sangmanVinyl LP Ebenfalls Dub in seiner dekonstruierten Version liefert International Sangman über das Züricher Experimental-Beats-Label Ish. »Death Roads & Spirit Ways« ist 40% Beattape, 40% Dub und 20% Pansonic auf -16. Cringe-Fazit: 100% Kaufempfehlung.
 

Froid dubVinyl LP Etwas klassischer dann Froid Dub, deren »An Iceberg…« EP im Frühjahr sofort ausverkauft war. Anstatt schnöde nachzupressen gibt es jetzt die 1.5 Version dazu, die auf den Namen »Dubs & Beats From An Iceberg Cruising Jamaican Coastline« hört und bereits bekanntes nochmals durch die Version-Kammer jagt. Kontemporärer Dub ohne slacklinige 420-Appropriation, so muss das sein.
 

shackleton departing like rivers Shackletons erste Soloplatte seit längerem ist natürlich wieder unantastbar. Nicht, dass ich den proggigen Kollabo-Sam nicht zu schätzen wüsste, aber am abgründigsten und rhythmisch interessantesten arbeitet Shackleton für mich immer noch allein. »Departing Like Rivers« ist dann gemessen am eigenen Ouevre eine fast konservative Platte, will heißen: fluides Taktmassaker trifft auf die typischen Tribal-Signifier und bitterböse fauchende Walls und Walls of Sound, die in einem wohligen Subbassbrei aufgelöst werden. Einer der besten, immer noch.
 

pendant to all sidesVinyl 2LP Pendant, ein weiteres Huerco S Alias, befeit sich auf »To All Sides They Will Stretch Out Their Hands« unterdessen fast gänzlich von der Rigidität des Taktes. Der Pressetext spricht selbstverständlich von Vaportrails und Chain Reaction und hat damit Recht. Wem das zu krude bleibt: Dub Techno ohne Drums bleibt schon so ziemlich der geilste Ambient.
 

livity moltenVinyl 4LP Kurzer Abstecher nach Bristol, wo Livity Sound seinen starken zweiten Frühling mit einer 4LP kürt. »Molten Mirrors« krönt gleichzeitig das zehnjährige Bestehen und die letzten zwei Jahre, in denen Peverelist sich durch eine stärkere Öffnung für globale Bass Sounds zu einem der eindrucksvollsten Kuratoren kontemporärer Club Musik gemacht hat, die über die Post-Dubstep-Anfänge des Labels zu Beginn weit hinausgehen. Hier nun Exklusivbeiträge von Simo Cell bis Azu Tiwaline, 18 Tracks, Drill Bass, Breakbeats, Dem Bow, Hands In The Air House und Trap Snares, manchmal alles gleichzeitig.
 

blackwater navigationVinyl LP Auch alles gleichzeitig, aber anders: »Navigation« von Blackwater ist zu gleichen Teilen klassischer Trip Hop, Post Punk in seinem dubbigen Heyday und, ja doch, einfach britische Popmusik. RIYL die weniger curveballige Version von CS+Kreme, Carla Dal Forno B-Seiten oder dieses YL Hooi Album vor ein paar Monaten.
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jonnine blue hillsVinyl LP Apropos CS+Kreme: Jonnines Lockdown-Vignette »Blue Hills«, bereits 2020 auf Tape erschienen, kam nach Vinyl-Miniauflage jetzt nochmal als zweite Pressung. Immer noch super wie die Australierin hier ihre Htrk-Trademarks in spleenigeren Miniatur-Pop verfremdet und ohne feste Songstrukturen mindestens genau so reüssiert.
 

oi les oxVinyl LP Bereits in der letzten Inventur angeteast, jetzt draußen: Oi Les Ox und »Crooner Qui Coule Sous Les Clous«, eine wahnwitzige LP, die auch zwei Monate später noch klingt wie ein Best-Of dieser LSD-Compilations. Die in Brüssel lebende Aude Van Wyller dekliniert sich hier teilweise innerhalb weniger Minuten durch die wahnwitzigsten Avantgarde Subgenres, lässt Drumcomputer und Vocalschnippsel durch ihre wortwörtlich zeitlosen Fragmente rattern und schreibt hier einfach mal so ein Album, das klingt wie die absoluten Highlights einer über Jahrzehnte snobistischst kuratierten Plattensammlung. Noch eine für die Jahrescharts.
 

aya im hole Mit »im hole« erscheint die definitive Post-Post-Club Platte nicht über Pan, sondern ganz unaufgeregt bei Hyperdub. aya schreddert hier SOPHIE, M.E.S.H., Loraine James und Wiley gleichzeitig, rappt und spuckt, löst hypersexuelle Entendres in metallener Abyss auf und kreiert nebenbei Tiktok Industrial. Gemein, irre und vor allem mal tatsächlich innovativ.
 

phew new decadeVinyl LP Phews radikalste Ära dürften die frühen Achtiger gewesen sein, vor wenigen Wochen erschien als Beleg auch endlich ihr Debütalbum als Reissue. »New Decade« mag heute gemessen an der Konkurrenz nicht ganz so out there sein wie Phews frühe Arbeiten, aber nach vierzig Jahren im Dienst immer noch mit Flammenwerfer und einer Flasche Rotwein ins Büro zu steppen um der läppschen Belegschaft ständig die eigene Unantastbarkeit zu vergegenwärtigen, ist schon übel inspirational shit.
 

Tirzah – Colourgate EPVinyl LP Übel inspirational auch wie es Tirzah auf »Colourgrade« schafft, das doch (wie Schatzi Cornils hier schon anmerkte) für cooler als coolen Pop nicht so ganz einfache Sujet Motherhood so souverän zu erschließen, dass es den zum Großteil von Mica Levi produzierten, fast durchgängig sensationellen Instrumentals nie zu einer Bürde wird, sondern im Gegenteil diesen eine tiefere Ebene gibt. Selbst randome Geräusche mutieren hier zu in Reverb gebadeten Ultraschallwellen, jedes noch so banal anmutende Zwiegespräch wird zum Lippenbekenntnis. Anyway, noch so ein Jahrescharts-Ding.
 

Dean Blunt - Black Metal 2Vinyl LP Oh und Dean Blunt hat auch einen Track auf dem Tirzah Album produziert. Für sein eigenes »Black Metal« Sequel legte er sich dafür deutlich strengere Regeln auf: »Black Metal 2« ist wie schon sein Vorgänger ein für Dean Blunts Verhältnisse extrem rigides Gitarrenballaden-Album, eine stringente Verneigung vor seinem Helden AR Kane, vorgetragen in dieser unkopierbaren sedierten Nonchalance, die gleichzeitig so abgründig und verletzt klingt.
 

Grouper – ShadeVinyl LP Ebenfalls eine Bank bleibt Liz Harris, deren zwölftes Grouper Album wieder Lo-Fi-Folk, Shoegaze und Flüster-Pop im obersten Perzentil anbietet.
 

kashual plastik labyrinthVinyl 2LP Die neue Kashual Plastik Compilation liest sich anschließend wie eine posthume Low Company Notiz, angereichert mit den üblichen Verdächtigen aus der Göteborg-Szene. Brannten Schnüre, Thomas Bush, Monokultur, Loopsel, The Fulmars, Mosquitoes, Bobby Would, Maxine Funke, ihr wisst Bescheid. »Labyrinth Of Memories« beantwortet von Berlin aus die Fragen, die die plötzliche Blackest Ever Black Beerdigung »A Sudden Illness He Never Recovered From« hinterlassen hatte und ey ja, Gitarren sind einfach back.
 

The War On Drugs - I Don't Live Here AnymoreVinyl 2LP Komm, ich gönne es mir doch öffentlich: The War On Drugs sind an diesem Punkt eigentlich eine Karikatur ihrer selbst, ein absurd überzeichnete Michael-Bay-Version der Band, die mit »Lost In A Dream« bereits die perfekte Americana-Schmonzette geschrieben hatte. »I Don’t Live Here Anymore« ist nun das schamlos zu Ende gebrachte finale Breitbrein-Klischee, lyrische Teilzeitsatire mit Wortklumpen aus den Wortfeldern Sabbatjahr und Selfcare, aber in seiner karrikaturesken Sentimentalität und in seinem hochprofessionell neoliberalen Arrangementporn in meiner Welt ein schon wieder so geil unprätentiöses Loslassen, dass ich halt doch wieder freudentrunken »Dream/Destiny/Lost/Feeling/Searching» mitgröhle. Adam, oh du meine Helene Fischer.
 

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Aigners Inventur
Juli & August 2021
Hier wird nicht lange gefackelt und sogar auf halbgare UEFA-Gags wird verzichtet. Stattdessen wird im Sinne der Schallplatte gehandelt und an die 20 Vinyl-Scheiben werden zum Drehen gebracht.
Music Liste
Halbjahresrückblick 2021
50 best Vinyl Records so far
Das vergangene halbe Jahr hat gefühlt ganze fünf gedauert. Ein nie endender Winter, quälende Isolation. Und die Musik? Die lief weiter, auf unseren Plattenspielern. Diese 50 Schallplatten blieben dabei besonders im Gedächtnis.
Music Porträt
Hōzan Yamamoto
Meditation aus Improvisation
Über fünf Dekaden hinweg pushte er japanischen Jazz in spirituelle Sphären, ohne Kitsch oder Esoterik. Ansehen erntete er dafür vor allem in seiner Heimat. Bis heute gilt Hōzan Yamamotos Schaffen international als Geheimtipp.
Music Porträt
Hoshina Anniversary
Die Fusion von Techno und Jazz
Hoshina Anniversary macht Techno. Er selbst würde sich aber eher in der Nachfolge zu Jazz und traditioneller japanischer Musik verorten. Und damit ist der Tokioter nicht allein.
Music Essay
Jazz Kissa
Wo in Japan die Musik spielt
Sie bieten stilvollen Rückzug aus einer Welt, in der alle permanent hören. Und zelebrieren das Hören von Musik: Jazz Kissas sind Japans inoffizielles Kulturerbe. Der Journalist Katsumasa Kusunose dokumentiert sie nun.
Music Porträt
Hiroshi Suzuki
Der Unbekannte mit der Posaune
1976 hat der japanische Posaunist Hiroshi Suzuki ein Album aufgenommen. »Cat«, das sich weniger durch Perfektion als durch einen feinen Groove auszeichnet, ging dereinst ein wenig unter. Nun kannst du es wiederentdecken.
Music Essay
Small In Japan
Die Vinyl-Nation, die keine ist
Aufwändige Aufmachungen, audiophile Listening Bars und die meisten Plattenläden der Welt: Japan, ein Vinyl-Paradies? Jein. Das Medium spielt dort gar keine große Rolle. Unsere Kulturgeschichte der japanischen Musikindustrie.
Music Liste
Evidence
10 All Time Favs
Evidence ist Producer, Cratedigger und Rapper, und zwar einer, der in 15 Karrierejahren die Lust am Entdecken nie verloren hat. Jetzt erscheint sein Album »Unlearning Vol.1«. Wir fragten nach 10 Schallplatten, die ihn geformt haben.
Music Liste
Record Store Day 2021 – 2nd Drop
12 Releases nach denen du Ausschau halten solltest
Am 17.7.2021 findet nun der zweite Record Store Days in diesem Jahr statt. Auch dafür sind wieder mehrere Dutzend exklusive Releases angekündigt. Wir haben daraus abermals zwölf Schallplatten gepickt, die wir euch ans Herz legen wollen.
Music Kolumne
Records Revisited
The Smiths – The Queen Is Dead (1986)
Das 1986 veröffentlichte »The Queen Is Dead« ist der Höhepunkt der nur fünf Jahre und vier Studioalben währenden Karriere der britischen Band The Smiths. Es klingt auch nach so langer Zeit noch erfrischend eigenwillig.
Music Kolumne
Records Revisited
Porter Ricks – Biokinetics (1996)
Als Porter Ricks im Jahr 1996 das Album »Biokinetics« veröffentlichten, handelte es sich um mehr als nur eine um Zusatzstücke erweiterte Sammlung ihrer ersten 12inches. Sondern um den utopistischen Versuch, Dub Techno weiterzudenken.
Music Porträt
BBE Records
Influencer der Influencer
Peter Adarkwah ist der Grund, warum manches Life durch J Dilla gechanged wurde, das Roy Ayers einen zweiten Frühling erlebt hat und das japanische Jazz-Alben von Pitchfork rezensiert werden. In anderen Worten: BBE Music wird 25 Jahre alt.