Music Interview | verfasst 02.06.2014
Lee Fields
When Good Was Good
Zwei Jahre nach »Faithful Man« ist Lee Fields mit seinem fünften Album für Truth & Soul zurück. »Emma Jean« trägt den Namen seiner Mutter. Wir sprachen über Konzerte als spirituelles Ereignis und eine Zeit, als das Gute noch gut war.
Text John Luas , Fotos Fabian Saul / © hhv.de mag
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Zwei Jahre nach »Faithful Man« ist Lee Fields mit seinem fünften Album für Truth & Soul zurück. Wir verabreden uns im Hotel in Berlin. Lee Fields springt im Jogginganzug aus dem Taxi und verschwindet auf seinem Zimmer. Eine halbe Stunde später kommt er im silbernen Bühnenanzug aus dem Fahrstuhl, bestellt eine Coca Cola an der Bar und setzt seine Sonnenbrille auf, rückt das silberne Kreuz auf seiner Brust gerade. Zusammen mit Daptone Records bildet Truth & Soul die Speerspitze des Soul-Revivals der letzten Jahre und wie kaum einer anderen Formation gelingt es Lee Fields & The Expressions den klassischen Soul in seiner Zeitlosigkeit zu einem musikalischen Gegenstand des 21. Jahrhunderts zu machen. Wenn Charles Bradley der »Screaming Eagle of Soul« und Sharon Jones die Grande Dame dieses Revivals ist, dann ist Lee Fields sein Entertainer, »Little JB«. Sein aktuelles Album trägt den Namen seiner Mutter: Emma Jean. Wir sprachen über Konzerte als spirituelles Ereignis und eine Zeit, als das Gute noch gut war.

Vor zwei Jahren haben wir viel über den Prozess hinter den Platten gesprochen, darüber was es heißt Worte in Musik zu übersetzen. Ich würde heute gerne mit dir über die Konzerte der letzten Jahre sprechen, über die Konzerte als eine spirituelles Ereignis…
Lee Fields: Sehr gern. Weißt du, es gibt eine Passage in der Bibel, da heißt es: »Was auch immer du tust, tu alles zu Gottes Ehren« [1 Korinther 10:31]. Bevor ich auf die Bühne gehe, bete ich. Ich bitte den Geist während des Konzerts bei mir zu sein.

Vom christlichen Gott jetzt einmal abgesehen, um was geht es bei dieser spirituellen Erfahrung?
Lee Fields: Der Geist ist alles, der Geist ist der Behälter. Für mich spielt die Zahl Null dabei eine große Rolle. Ich glaube die Null ist die wichtigste Zahl im numerischen System, weil alle Dinge immateriell begonnen haben. Und diese Abwesenheit von allen Dingen ist Gott. Alles, was ist, ist Vorstellung. Die Abwesenheit aller Dinge, Gott, ist noch nicht materialisierte Energie. Ich bete den Geist an, mir zu helfen die Worte richtig zu sagen, denn um diese geht es in meiner Show. Es ist keine Gospel-Show. Der Unterschied ist, dass die über die guten Nachrichten singen, darüber, dass Christus bald kommt. Das ist eine schöne Sache, aber ich bin kein Prediger. Mein Job ist es über Dinge unserer Zeit zu singen, das ist die Aufgabe von Soul. Es geht um das, was wir durchmachen. Die Menschen wollen in den Liedern etwas hören, dass sie durchleben und hören, dass da auch andere sind, die das gleiche durchmachen. Es ist also wichtig, dass ich überzeugend bin, auch wenn ich vielleicht mal über Dinge singe, die ich nicht selbst durchlebt habe. Und um diese Überzeugungskraft bitte ich den Geist. Denn wenn die Menschen in den Liedern hören, dass auch ein anderer es geschafft hat, dann werden sie rausgehen mit dem Gefühl, dass auch sie es schaffen können. Ich versuche die Lieder zu überzeugend wie möglich zu singen. Das ist die Realness des Souls.

»Normalerweise würde man seiner Mutter einen Strauß Blumen geben. Aber da ich ihr nun nicht mehr einen Strauß Blumen geben kann, da sie nicht mehr hier ist, gebe ich ihr diese Lieder.« (Lee Fields) Es geht in den Texten ja oft um diesen Prozess, durch etwas hindurch zu gehen. Sänger wie Charles Bradley, Sharon Jones und du strahlen da eine Autorität und Authentizität aus, die sich aus eurer jahrzehntelanger Erfahrung speist. Denn die Botschaft ist vor allem doch, dass man diesen Weg nicht überspringen oder beschleunigen kann – dein aktuelles Musikvideo spielt ja auch darauf an, richtig?
Lee Fields: Ja, genau darum geht es. Meine Fähigkeit besteht in der Interpretation der Lieder, die ich höre. Für das neue Album wurden mir viele großartige Songs vorgestellt. Und ich bin der Typ, der, wenn er etwas nicht gleich auf Anhieb versteht, zuhört. Und alle bei Truth & Soul, die Songschreiber, die Musiker, alle legen ihre Egos ab, wenn es darum geht eine Platte zu produzieren. Wir wollen das, was gut klingt und berührt – es geht nicht darum, wer sich durchsetzt. Und ich bin sehr glücklich über die Auswahl der Lieder, die wir gemeinsam getroffen haben. Es geht um Beziehungen, es geht um Liebe. Liebe ist etwas, das immer war und immer sein wird, es gibt da nicht eine einzige neue Sache unter der Sonne.

Für dich persönlich ist auf dem neuen Album die private Widmung neu. »Emma Jean« ist nach deiner Mutter benannt. Warum war das wichtig?
*Lee Fields:
Normalerweise würde man seiner Mutter ein Strauß Blumen geben. Aber da ich ihr nun nicht mehr einen Strauß Blumen geben kann, da sie nicht mehr hier ist, gebe ich ihr diese Lieder.

Die Spiritualität, von der du gesprochen hast, das Geschenk an deine Mutter, hier geht es ja um Immaterielles. Es scheint, als sei die Musik in besonderer Weise für diese Botschaften geeignet, da sie selbst immateriell ist. Kannst du dich an Momente der vergangenen Touren erinnern, wo Menschen dir diese Energie zurückgegeben haben?
*Lee Fields:
Ich bekomme es jede Show, jede Nacht alles zurück. Das ist das erhebendste Gefühl, wenn man bemerkt, dass das Publikum die Liebe zurück gibt. Ich kann das die ganze Nacht lang machen. Aber klar, es gibt auch Grenzen, den Moment, wenn man nicht mehr geben kann und sich Quellen suchen muss, um weiter machen zu können.

Soul gehört gesangstechnisch zu den letzten großen Erfindungen der westlichen Musik und hat viele Musiken beeinflusst, allen voran den Hip Hop. Ist dir Hip Hop vertraut?
*Lee Fields:
Ich habe kein Problem mit Hip Hop. Dennoch: Menschen wollen immer so werden wie ihre Helden sind. Wenn du also ein Held bist und sagen wir mal negative Botschaften verbreitest, musst du aufpassen, denn diese Botschaften multiplizieren sich da draußen. Man muss sich Gedanken machen, was man sagt und wie. Klar, jeder sollte singen dürfen über was er will, aber man sollte sich der Verantwortung bewusst sein. Es stört mich, in mancher Musik, dass sie etwas verbreiten, das nur destruktiv wirken kann. Aber ich bin nicht wütend auf diese Künstler. Viele sind ja auf kurzfristige Dinge wie Geld aus, doch diese Dinge sind nun einmal nur kurzfristig und damit müssen sie dann später klarkommen. Ich jedenfalls versuche Lieder über reife Themen zu machen und vor allem über reale Dinge, die die Menschen bewegen, verunsichern und über die sie sich austauschen müssen.

Denkst du dass das destruktive Element, von dem du sprichst, in der Sprache oder der Form der Musik liegt?
Lee Fields: Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Sprache so korrumpiert wurde, dass wir der Korruption glauben. Als ich aufwuchs, war gut gut und schlecht war schlecht. Jetzt heißt es »Oh man, that are bad shoes you got on there« und das heißt etwas Gutes. Alles Schlechte ist plötzlich gut. »Man, you’re bad«, »Badass«, »That’s a bad jacket you got on there«. Als Musiker müssen wir wieder in unsere Herzen hören und versuchen das Gute wieder beliebt zu machen. Im Moment ist das Gute nicht sehr beliebt, aber ich glaube, dass das Gute gut ist und dass die Welt das einsehen wird.

Das Album »Emma Jean« von Lee Fields findest du bei hhv.de: LP undCD.
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