Music Liste | verfasst 16.07.2015
Halbjahresrückblick 2015
12 Platten gegen die Gesamtscheiße
Ein weiteres halbes Jahr liegt hinter uns, Zeit für einen Rückblick der besonderen Art: Wir haben zwölf Platten ausgewählt, die sich mit den Umständen nicht zufrieden geben. Die einen sprechen das laut und deutlich, die anderen subtil aus.
Text Kristoffer Cornils
Gesamtscheisse

Die Welt anno 2015: Immer noch ziemlich scheiße. Weil Frauen immer noch strukturell benachteiligt oder unterdrückt werden. Weil die LGBTIQ*-Community weiterhin marginalisiert und ausgegrenzt wird. Weil Europa an seinen Grenzen Flüchtlinge ertrinken lässt und innerhalb derer wieder Asylunterkünfte angezündet werden. Weil die US-amerikanische Polizei Schwarze niederschießt und weiße Terroristen in Kirchen Amok laufen. Weil selbst die privilegiertesten Menschen im Internet, der angeblichen comfort zone unserer hochtechnologisierten Wohlstandsgesellschaft, vom Staat überwacht und von Konzernen ausgebeutet werden.

Die Gesamtscheiße bleibt bestehen. Doch was macht die Musik dagegen? Die Musik positioniert sich. Genauso hart und häufig, wie sie das schon immer getan hat. Auf herkömmliche oder aber gänzlich unerhörte Art. Manche Kritik verhallt, manche wird überdimensional aufgebläht. Manche ist selbst nicht frei von dem, was sie kritisiert. Manche legt den Finger auf Wunden, die sie selbst geschlagen hat. Wir haben in einer nicht repräsentativen Liste zwölf Platten zusammengetragen, die sich auf unterschiedliche Arten gegen die Gesamtscheiße positionieren – und diese wiederum kritisch kommentiert.

Refused - Freedom Refused – Freedom (Epitaph)
Find it at hhv.de: LP
Fangen wir da an, wo wir traditoneller Weise die explosivste Form von Agitation erwarten: Im Punk- und Hardcore-Bereich. Refused haben sich 1998 nach Veröffentlichung ihres Überalbums »The Shape Of Punk To Come« aufgelöst, kamen 2012 für eine Handvoll Konzerte und dieses Jahr mit einer neuen LP zurück- Die wagt musikalisch und wenig verlegt sich lieber auf große Gesten. »Freedom« rotzt gegen Post-Kolonialismus, fanatischen Atheismus und trägt Schaum vorm Mund darüber, wie die europäische Wohlstandsgesellschaft beim Teeschlürfen vor ihren Küsten refugees absaufen lässt. Probate Kritik, jedoch lassen die Schweden nicht nur ihre privileges unchecked, sondern auch den Humor auf der Strecke.

Plain White Record Sleeve Pisse – Mit Schinken durch die Menopause (Phantom/Beau Travail)
Das sieht bei Pisse, die aus Hoyerswerda und damit dem Herzen Dunkeldeutschlands stammen, anders aus. Als wäre ihr von der (ersten) Neuen Deutschen Welle infizierter Theremin-Punk nicht schon irrwitzig genug, sind es die Kürzesttexte der Band umso mehr. »Alle gut vernetzt / alles überwachen / alle müssen irgendwas / Ich muss kacken.« Auch eine Art, auf Optimierungszwänge und kapitalistische Vereinnahmung zu reagieren: einfach drauf scheißen. Geht das so einfach? Der Kopf sagt nein, die Bremsspuren im Unterhöschen behaupten Gegenteiliges. Nach »Mit Schinken durch die Menopause« steht fest: Deutschland, 2015 – alles scheiße, außer Pisse.

Jenny Hval - Apocalypse Girl Jenny Hval – Apocalpyse, girl (Sacred Bones)
Find it at hhv.de:LP
Jenny Hval kann prima singen und tolle Pop-Songs schreiben, wenn sie will. Auf Apocalypse, girl will sie das endgültig nicht mehr. Wichtiger ist ihr die Message, die sich holistisch über die fragmentarischen Versatzstücke ihres dritten Albums unter dem eigenen Namen zu einem gewaltigen Ganzen zusammenfinden. Bestes Beispiel die Noise-Hymne »That Battle Is Over«, in der Hval das zersetzende Gelaber gegen Feminismus, Sozialismus und anderen, auf Gerechtigkeit abzielende Bewegungen mit Harmonium-Noise überschwemmt. Tabula rasa mit Patriarchat, Kapitalismus und Religion. Hval denkt kingsize, in kleinen und effektiven Schritten.

Holly Herndon - Platform Holly Herndon – Platform (RVNG Intl.)
Find it at hhv.de on: LP
Bisher war ihre Mission vor allem musikalischer Natur: Holly Herndon wollte Laptop-ProduzentInnen rehabilitieren, indem sie live vor Kontaktmikrofonen herumfuchtelte. Mittlerweile hat sie sich zunehmend politisiert, der Fokus liegt aber nach wie vor auf dem Computer. Wie gehen Menschen in einer durchdigitalisierten Überwachungsgesellschaft miteinander um, wie weit sind Staat und Konzerne schon in unsere Leben eingedrungen und wie können wir sie daraus verscheuchen? »Platform« sucht nach »New Ways To Love« im Like-Zeitalter und formuliert dringliche, nie aber aufdringliche Appelle zum Aktivismus. Dazu gehört bei Herndon – wie auch bei Hval – eine Erweiterung der Konzertsituation hin zu einem performativen Miteinander.

Herbert - The Shakes Herbert – The Shakes (Accidental)
Find it at hhv.de: 2LP
Matthew Herbert setzt ebenfalls auf Miteinander, in seiner und um seine Musik herum. Parallel zur Veröffentlichung seines ersten Herbert-Albums seit gut neun Jahren relaunchte er den virtuellen Staat »Country X«. Mitmachen dürfen dabei alle, wenn die Useranzahl die Millionengrenze geknackt hat. Auch die opulenten Disco-Derivate auf »The Shakes« geben sich gleichsam nahbar wie kritisch. »Get Strong« lautet der Schlachtruf, und das geht nur gemeinsam. Eh klar, dass eine von Herbert ausgerufene Revolution eine tanzbare sein würde. Dass sich mit Herberts Utopien aber keine Boote von Nordafrika nach Europa verschiffen lassen, weiß er selber nur zu gut.

Lotic - Heterocetera Lotic – Heterocetera (Tri-Angle)
Find it at hhv.de: LP
Es braucht manchmal nicht viele Worte, um ein Zeichen zu setzen. Auf Lotics Debüt-EP finden sich keine und das reicht auch. Dass der gebürtige Texaner mit seinen basslastigen Beats vielleicht Björk, ganz sicher aber nicht den Mainstream begeistern dürfte, sollte klar sein. Dass er sich darüber hinaus aber noch mit der eigenen Subkultur querstellt und zugleich per Sampling auf deren Wurzeln in der queeren, Schwarzen Ballroom-Community verweist, macht ihn zu einer umso interessanteren Figur in der gegenwärtigen Clubkultur. Zumal er außerhalb seiner Musik immer wieder ebenso richtige wie wichtige Worte gegen eine weißgewaschene, heteronormative Szene findet.

kendrick to pimp cover Kendrick Lamar – To Pimp A Butterfly (Top Dawg Entertainment)
Find it at hhv.de: CD
Noch mehr Worte gibt es derzeit von Kendrick Lamar zu hören, zumindest wenn Killer Mike mal Sendepause hat. Dem Rapper, von dem Aigner pointiert feststellte, er würde primär als Lyriker rezipiert, hängt aktuell die gesamte Welt an den Lippen. Dabei legt »To Pimp A Butterfly« über relativ egaler, musikhistorisch aber feinsinnig verwurzelter Musik den Finger auf mehrere Wunden, darunter die selbst geschlagenen. So viel über »The Blacker The Berry« bereits geschrieben wurde: Dass Lamar sich damit in einem fast marxistischen Sinne umso mehr radikalisiert, kann gar nicht oft genug hervorgehoben werden. Zumal angesichts fortlaufender Polizeigewalt und Terroranschlägen gegenüber der Schwarzen Community sich die Probleme eher verschlimmern, als sich in Wohlgefallen aufzulösen. Disregard the hype – this is relevant.

d'angelo black messiah D’Angelo and The Vanguard – Black Messiah (RCA)
Find it at hhv.de: 2LP und CD
Relevant ist ein Schlagwort, das Mark Terkessidis für D’Angelos »Black Messiah« nicht gelten lassen will: »beim Hören fühle ich mich immer wie in einer Lounge voller cocktailschwenkender Zombies. Man kann das genießen wie ein schönes Abendessen. Aber relevant ist es nicht«, schreibt der Kulturjournalist in der aktuellen Jubiläumsausgabe der Spex. D’Angelos geschichtsbewusster Soul tut im Jahr 2015 also nicht weh, sondern nur gut. Oder? Diedrich Diederichsen, gönniger Polit-Guru der Pop-Linken sah das noch ein paar Monate im selben Magazin anders: Von »ergreifender Dringlichkeit« schrieb er und davon, dass D’Angelo das »Hitzezentrum in der Gegenwart errichtet, in der alles zusammenschießt«. Frei nach altem Five-Percenter-Glauben seien wir alle der »Messiah« und könnten unsere Zukunft gemeinsam schreiben. D’Angelos Hoffnung gegen Lamars Selbstkrittelei – zwei Seiten einer Medaille? Ihr Nebeneinander zumindest macht sie umso stärker.

Young Fathers - White Men Are Black Black Men Too Young Fathers – Black Men Are White Men Too (Big Dada)
Find it at hhv.de: LP, LP+7inch, Tape and CD
Geht es um Ambiguitäten, liegen die Young Fathers ebenso weit vorn. »White Men Are Black Men Too« heißt das Debütalbum der Mercury Award-Gewinner und wirft zuerst mehr Fragen auf, als es zu beantworten weiß oder will. Will das internationale schottische Trio (neben einem gebürtigen Schotten wären da noch ein Liberianer und ein zum Teil in den USA aufgewachsene Sohn nigerianischer Eltern) eine Art post-racial Utopie erschaffen? Wenn ja, wie soll die aussehen – und warum ist dann eigentlich nur von Kerlen die Rede? Zu zweiter Fragen lässt sich in der Musik der Drei keine rechte Antwort finden, zur ersten schon: Young Fathers wollen einfach alles transzendieren: race, Genres, Underground. Ob es aber Zufall ist, dass sie dabei ziemlich nach den bereits 2001 gegründeten TV On The Radio klingen?

Zugezogen Maskulin - »Alles brennt« (LP) (Cover) Zugezogen Maskulin – Alles brennt (Buback)
Find it at hhv.de: LP+CD, CD und Box Set
In Zeiten, in denen selbst Bass Sultan Hengzt die Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien auf seinen Bausparvertrag lenkt, indem er zwei Männer kurz vorm Knutscher aufs Cover (der Limited Edition, nicht aber regulären Version) seines neuen Albums stellt, laufen auch Videos wie »Verliebt« von der Antilopen Gang unter gut gemeint und einträglich. Zugezogen Maskulin immerhin konnten die Szene, aus der sie kommen, wirklich spalten, weil sie sie selbst internalisiert haben. »Alles brennt« rief zum »Vatermord« an der alten Rap-Garde auf und sieht sich selbst als »grausame Saat« in der Tradition der Problemverursacher. Hipster sein, gegen Gentrification sein und das als Konflikt einfach mal so stehen lassen? Knackiger lassen sich Widersprüche unserer subversionsverliebten Subkulturen kaum ausreizen. Böse, gegen alle und sich selbst. Und passt trotzdem gut zu eisgekühltem Sterni.

Decon/Recon - Noise Manifesto Decon/Recon #1 (Noise Manifesto)
Find it at hhv.de on LP
À propos Widersprüche: Sich überhaupt nicht in den Vordergrund drängen, kein Wort sagen und trotzdem politisch sein – geht das? Im Techno schon, seit immer eigentlich. Kontext ist king und das Medium die Message. Ein ähnliches Unterfangen wie zuvor Underground Resistance startete Paula Temple mit und auf ihrem eigenen Imprint Noise Manifesto mit dem Release der Mini-Compilation »Recon / Decon«: Vier ProduzentInnen – neben Temple sind The Knife-Mitglied Olof Dreijer, Jam Rostron aka Planningtorock und Hermione Frank alias rRoxymore beteiligt – fummelten gemeinsam an Tracks, bis die Urheberschaft verfloss. Angeblich. Das allerdings ist den Tracks nicht anzuhören. Eh: Wenn es wirklich um eine rein musikalische Rezeption jenseits von Geschlecht und Personenhype ginge, warum überhaupt so viele Zusatzinformationen ins Rennen werfen, Namen droppen und Konzept ausbuchstabieren? Labels wie R-Zone oder Knowone ziehen dasselbe Projekt weitaus länger und konsequenter durch. Dass das kommerziell nicht funktioniert, ist allerdings wiederum ein zweifelhafter Sieg über die Marktmechanismen.

Future Brown - Future Brown Future Brown – Future Brown (Warp)
Find it at hhv.de: LP
Das Kollektiv Future Brown will zwar ebenfalls nicht auf einzelne Mitglieder reduziert werden, stellt allerdings den Bandgedanken vor jede Techno-Anonymität. Schwer zu sagen, wer der Vier – Fatima Al Qadiri, Jamie Imanian-Friedman (Labelbetreiber von Lit City Trax), Asma Maroof und Daniel Pineda (beide bei Nguzunguzu) – sich überhaupt in den Vordergrund drängen könnte. Auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum stellen sich dann noch so viele Gäste über den entnationalisierten Grime-Beats ein, dass Future Brown endgültig alle Grenzen transzendieren. Geschlossenheit und Offenheit müssen sich eben nicht zwangsläufig ausschließen. »Future Brown« enthält eine scharfe, aber auch slicke Parodie auf die Marktmechanismen und ästhetischen Paradigmen des alles schluckenden Digitalkapitalismus, den Future Brown allein schon per Logo zitieren. Würden sie das in weißer Schrift auf blauem Grund schreiben, hätten sie wohl schnell Mark Zuckerbergs Copyright-Anwälte auf dem Hals. Schal schmeckt dabei, dass Fatima al-Qadiris Rants gegen (angeblich) falsche Darstellungen der Band allen Interpretationsfreiheiten rückwirkend den Maulkorb aufsetzen wollen.

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Records Revisited
Miles Davis – Bitches Brew (1970)
Raus aus dem Jazzkeller, rauf auf die Rockbühnen – mit »Bitches Brew« wurde Miles Davis zu »Electric Miles« und braute den psychedelischen Trunk für alle, die nicht wussten, dass sie Jazz geil finden.
Music Kolumne
Records Revisited
Ol Dirty Bastard – Return To The 36 Chambers (1995)
1993 begann eine Erfolgsgeschichte. Mit »Enter The Wu-Tang (36 Chambers)« produzierte der Wu-Tang Clan einen Meilenstein und nachfolgend zahlreiche Klassiker des Genres. Darunter: »Return To The 36 Chambers« von Ol‘ Dirty Bastard.
Music Kolumne
Records Revisited
Depeche Mode – Violator (1990)
Das siebente Studioalbum von Depeche Mode ist die perfekte Verbindung von Experiment und Pop, Elektronik und Rock. Eigentlich hätte es aber auch ganz anders ausgehen können.
Music Kolumne
Aigners Inventur
März & April 2020
Boomer vermissen hier die neue Ozzy Ozzbourne, Fintec-Heinis finden eine Antwort auf die Frage nach ihrer Seele: Aigners Inventur im März Mit dem ersten essentiellen Album des neuen Jahrzehnts und einer überraschenden Enttäuschung
Music Porträt
Kalahari Oyster Cult
Die beste aller Welten
Im Morast nach Perlen tauchen, Rave-Klassiker aus den 90ern aufstöbern und mit Menschen zusammenarbeiten, denen es nicht darauf ankommt, ob sie in den Beatport-Charts landet: Colin Volverts Kalahari Oyster Cult mischt den Underground auf.
Music Liste
Malcolm Catto of The Heliocentrics
10 All Time Favs
Soeben haben The Heliocentrics »Infinity Of Now« veröffentlicht. Das Album hat das Zeug zukünftige Musiker zu inspirieren. Malcolm Catto hat uns aber erstmal die Schallplatten verraten, die ihn geformt, gebessert und gebildet haben.
Music Kolumne
Records Revisited
Tricky – Maxinquaye (1995)
Trickys Debütalbum »Maxinquaye« mit der Sängerin Martina Topley-Bird und dem Produzenten Mark Saunders ist ein Werk der verwischten Grenzen. Urheberrechte gelten hier genauso wenig wie Gender und Individuum.