Music Kolumne | verfasst 21.09.2015
Vinyl-Sprechstunde
Future & Drakes »What A Time To Be Alive«
Zwei der derzeit populärsten Rap-Schwergewichte haben ein gemeinsames Album veröffentlicht. Grund für eine Notfall-Sprechstunde, in der wir das »Vinyl« einfach mal außen vor gelassen haben.
Text Florian Aigner, Pippo Kuhzart
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Aigner: Also, ich war da ja jetzt glaube ich fast aufgeregter als vor Watch The Throne. Warum?
Kunze: Weil bei WTT einer der beiden nicht auf seinem Zenit war? Weil Future und Drake beide rappen und »singen« können? Aber brauchen wir überhaupt über das Album sprechen, oder können wir stellvertretend für deine Meinung einfach einen riesigen Auberginen-Emoji posten? Nach den ersten drei Songs war da bei mir erstmal nix mit Aubergine. Maximal KNAX.

Aigner: Lass’ mich raten: dir sind auch die Metro Boomer zuerst nicht reingegangen?!
Kunze: Ja, ich will immer some more von Metro Boomin – eigentlich. Aber hier war mir am Anfang dessen Dominanz zu stark.
Aigner: Ich auch – eigentlich. Aber wir wollen ja auch diese Kuschel-Not-Kuschel-Dinger, »Diamonds Dancing« halt. Ich finde auch, dass es mit dem erst so richtig losgeht. Aber: wir hören das ja jetzt auch verschlafen in Joggingbuxe am Rechner. Ich schwöre, dass zu »Big Rings« bald Russell Westbrook Highlight Reels geschnitten werden und Bron dazu wieder Kreide wirft.
Kunze:Auf jeden Fall, Warriors-Squad nach Auswärtssieg im Flieger-Shit. Trotzdem: Ich war erst ein bisschen enttäuscht, weil man dem Album zu sehr anhört, dass es bei Future aufgenommen wurde. Und nicht bei Drake im Studio.

Aigner: Ja, es ist ein Future Tape mit Drake Features, das merkt man schon.
Kunze: Ich will unbedingt eine ›Revanche‹. Nächstes Kollabo-Tape in se 6 aufnehmen, bitte!

Aigner: Aber es gibt ja »Diamonds«, »Change Locations« und…
Kunze: Okay, »Diamonds«, ey! Wie hat Pitchfork geschrieben: Gott schuf die Erde in sieben Tagen. Drake und Future haben das Ding in sechs Tagen aufgenommen; wegen »Diamonds« dürfen sie sich die Pause an Tag sieben gönnen.
Aigner: Hahaha. »Plastic Bag« kann man auch noch zu der Machart dazu zählen, aber das ist textlich so befremdlich. Also selbst für Future. Diese Daddy-Attitüde versteht man halt zu recht nicht, wenn man am Kölner Pascha nur vorbei läuft und sich direkt mit dem Dampfstrahler reinigen will.

Kunze: Findest du es befremdlich, weil Future »Girl« anstatt »Bitch« sagt und dann auch noch meint: »You deserve it«? »Ich wollte zu Beginn schon fragen: finden wir Drake mittlerweile ein bißchen eklig?«
Aigner: Nein, nein, das gehört ja irgendwie dazu. Ich finde es eher eklig wie die beiden die arme Stripperin ermutigen, sich die Plastiktüte vollzumachen, weil sie so tapfer gearbeitet hat. Das ist halt andererseits auch so hilariös, weil Drake es wieder versucht mit der Verständnis-Tour. Als würde sie gerade aus der Anwaltskanzlei marschieren.

Kunze: Ja, das ist eh so ein Drake-Ding.
Aigner: Der Pole-Feminist.
Kunze: Ja, so ein Schmierfink.
Aigner: Ich wollte zu Beginn schon fragen: finden wir Drake mittlerweile ein bißchen eklig? Future ist ja raus aus so einem Diskurs, der ist einfach ein Außerirdischer.
Kunze: Future verschleiert sein Patriarchen-Verständnis nicht; Drake ist sooft liederlich hinter der Ecke misogyn.

Aigner: Ja, und trotzdem verzeiht man ihm das doch irgendwie immer noch, oder? Überhaupt: man verzeiht ihm alles. Auch dass er genau jetzt genau dieses Tape macht. Das ist doch Reißbrett Marketing-Team-Shit. Aber wir fallen immer wieder drauf rein.
Kunze: Man denkt halt bei Drake nie, dass der was wirklich böse meint. Oder berechnet hat.

Aigner: Vielleicht ist das deswegen auch spannender als Watch The Throne: weil die beiden auf so unterschiedliche Art und Weise um sich kreisen.
Kunze: Aber ich höre hier nicht die Chemie, die ich bei Ye und Jigga gehört habe. Ich finde nicht, dass man unbedingt hört, dass die sich sechs Tage gemeinsam im Studio eingeschlossen haben. Das könnten auch E-Mail-Features sein.

Aigner: Finde ich verfrüht, ich glaube, dass hier mindestens sieben Hymnen drauf sind. Die brauchen ja auch gerne mal zwei Wochen.
Kunze: Verfrüht eh. Da sind Hymnen drauf. Aber die leben nicht von der Chemie. Sondern einfach von Drake + Future+ Hot Ass Beat = Hot Ass Song.

Aigner: Ich glaube, was ich eigentlich will, ist ein reines R&B Album der beiden. Kein Rap, nur dieses Gesäusel wie auf »Change Locations«. Wobei, jein. Dann kommt da auf einmal hot ass Metro Boomin rein und ich baue mir aus meinem Spültuch ein Bandana. Also bei »Jumpman« vor allem.

Kunze: Hahaha, wobei ich aber bei diesem »Plug«-Song direkt lieber Leonard Cohen auflege und penibel den Schwarztee-Rand aus der Tasse spüle.
Aigner: Nein, man, der »Plug«- Song ist wieder genau mein Scheiß. Designer-Runtergerattere mit verfaulter Seele.
Kunze: Oh Gott, ich geh darauf nicht ein, sonst muss ich wieder straight to Psychoanalyse mit dir.

Aigner: Wir sollten mal noch über Texte reden.
Kunze: Ouh, soweit bist du schon. Ich hab bei Future nur »Bottles« und »Models« verstanden.
Aigner: »Codeine«, »Racks« und »Menage« sind auch noch wichtig. Schlimmste Line bisher glaube ich: »60 Naked Bitches, no exaggeration«. Und natürlich macht die Future direkt zum Refrain. Ich glaube sowieso, dass der in den letzten drei Jahren nicht einen Text geschrieben hat. Das ist doch alles situativer, repetitiver Wahnsinn. »Ich stell’ mir das so toll vor im Studio. Weil Drake halt einfach nicht bout dat life ist. Der macht doch eine Ayurveda Kur, wenn er am Abend vorher einmal am Lean genippt hat.«
Kunze: Ich finde ja auch, dass Drake hier manchmal fast ein bisschen schüchtern wirkt. Vielleicht strahlt er echt nicht so hell, weil Futures Universum so klein ist. Und er (Drake) sich deshalb nicht ganz ausleben konnte. Ich denke, dass Drake neben Futures Freestyle-Beast-Mode nicht so recht klarkommt, wo er doch immer erst das Tagebuch rausholen muss.

Aigner: Jahahah, ich stell mir das so toll vor im Studio. Weil Drake halt einfach nicht bout dat life ist. Der macht doch eine Ayurveda Kur, wenn er am Abend vorher einmal am Lean genippt hat. Drake kippt sich einen Protein-Shake und hüpft 15 Min Seil, während Future kurz das ganze Album einsingt. Und Future pinkelt morgens entweder purple oder rot. Das macht auch den Titel so verdammt toll. »What A Time To Be Alive« zu sagen, ist unter den Umständen schon völlig irre.

Kunze: Ja, was ist das überhaupt für ein Statement? Einfach das reicher Hedonisten? Oder gibt’s da irgend ne Meta-Ebene?
Aigner: Ist ja auch noch so eine Simpsons-Referenz,

Kunze: Check ich nicht, was ist daran witzig?
Aigner: It’s Provocative? It gets the people goin? Ah, hier die Auflösung.
Poah, »30 for 30 Freestyle« Heart-Emoticon
Kunze: Ja, 40. Das als Outro, da hat man dann direkt das Gefühl, man habe schon die ganze Zeit davor ein kohärentes Album gehört.

Aigner: Und er rappt über Macarena. Future hatte in seinem Solo-Song über … über … Trikots gerappt.
Kunze: Und Drake rappt: »Kids are losing life«. Systemkritik in Future in Drake. Future trägt die Trikots, die Drakes Kinder in Bangladesh hergestellt haben.
Achso, vielleicht sollten wir noch betonen: Wir wussten ja eh, dass das genau unsere Suppe wird. Deshalb haben wir uns hier vor allem damit beschäftigt, das Haar in ihr zu suchen.
Aigner: Absolut. Das Auberginen-Emoji steht. Ach ja, ich glaube ich kann »Change Locations« und »Diamonds« übermorgen auswendig. Zeig ich dir dann, mit Spültuchbandana.

Drakes sowie Futures Musik und Merch findest du bei hhv.de
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