Zwölf Zehner – Oktober 2014

12.11.2014
Willkommen im November. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Oktober musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
»Butterfly Effect« ist ein gutes Beispiel dafür, dass Rap auch 2014 immer noch funktioniert ohne Quantenmechanik-Reflektionen und metaphysische Abhandlungen über Kants Imperative. Stattdessen vergreifen sich Clockwork Indigo, also die Zusammenarbeit der East Flatbush Zombies und der Underachievers, an treudoofer postpubertärer Kräuterbeweihräucherung, Hashtag-Protzerei, plumper Sozialkritik und historisch nicht besonders akkurater Monarchie-Punchlines. Weil die Chemie der fünf Rapper hier aber derart stimmt, dass wir sogar kurz an Triumph denken mussten, ist das jedoch wieder völlig irrelevant, nicht zuletzt weil The Architect dem Quintett einen derart sinistren Beat zuschanzt, dass uns nicht mal die ausgelutschtesten Metaphern (Zunge = Schwert: ja, im Ernst) davon abhalten konnten »Butterfly Effect« häufiger zu hören als jeden anderen Track im Oktober.

Clockwork Indigo’s »Nutterfly Effect« auf Youtube anhören

»Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative« hieß ihr erstes Album. Die utopische Schönheit eines verträumten Synthesizers ist das, was Von Spar gut zehn Jahre später auf »Hearts Fear« abliefern. Formvollendete Klangteppiche, Schwerelosigkeit allerorten, angedeutete Kicks, Klick Klack und auf einmal: eine repititive Synth avanciert aus der friedlichen Geräuchkulisse hoch an die Oberfläche und nimmt die Ohren in Beschlag. Eine paradiesische Melodie, eine Melodie zum Verlieben. Herzen fürchtet euch – nicht!

Von Spar’s »Hears Fear« auf Soundcloud anhören

Haftbefehl
Russisch Roulette
Urban • 2014 • ab 22.99€
Wir konnten der Versuchung beinahe nicht widerstehen uns an dieser Stelle mit den von Haft kurartierten Louis-V-Burkas aus Saudi Arabi Money Rich zu beschäftigen, aber musikalisch hat uns sein »1999er«-Doppelschlag doch nachträglicher beschäftigt. Im ersten Teil lässt sich Hafti sein eigenes Shook Ones kredenzen, angefeuert von Uuuuuh Junge Adlibs, zwischen die er die patentierten Hessen-Ebonics presst, dass das wunderbar simple Loop kaum mehr atmen kann. Das ist Rap mit Machete zwischen den Zähnen und allein schon die Tatsache, dass sich in jedem zweiten FB-Kommentar die beratungsresistentesten Hafti-Hasser für zwei Minuten konvertieren ließen, spricht Bände. Auf Teil 2 bleibt Haftbefehl in Queensbridge, Hessen und macht eine souveräne Figur in der Disziplin When Thugs Cry. Einmal Unikat, immer Unikat.

Haftbefehls’ »1999« auf Youtube anhören

Dean Blunt
Black Metal
Rough Trade • 2014 • ab 29.99€
Cold Wave Synthies, ein verlorenes Saxofon in all Moll everything, eine quietschende Schäunentür, T2-Titandrums, die krächzende japanische Nichte von Björk und der Chef persönlich mit einer nicht völlig entwurzelten Slam Poetry Drohung, die in etwa so klingt als würde Commader Riker ein Ginsberg Gedicht rezitieren? Dean Blunt, wir verneigen uns mal wieder.

Dean Blunt’s »Grade« auf Soundcloud anhören

Was klingt dieser Nas doch unfassbar geschmeidig auf diesem – ja – auf diesem Dilla-Beat! Dass sich ein Elder Statesman des Raps, mittlerweile ja auch 40, nicht an der Leichenfledderei beteiligt und lieber ein Instrumental aus dem Bestand nimmt, das versteht sich auch von selbst. Der Gobstopper also, Trompeten für Nas! Oder wie er selbst sagt: The soulful sample complements my rhyme so well. Wir sagen: This is »The Season«. Nas sagt: Da da da da daaaa!

Nas »The Season« auf Youtube anhören

Objekt
Flatland
Pan • 2014 • ab 21.99€
Man soll sich mit derlei Rekontextualisierungen ja zurückhalten, aber seit ich mich mit der Möglichkeit einer weiteren Wurzelbehandlung angefreundet habe, hat Objekts kalter Techno-Thumper »Strays« ein Gesicht, beziehungsweise eine physische Präsenz bekommen. Die Musik des Berliners lebt ja zu einem Großteil auch davon nicht greifbar zu sein, irgendwo in dieser seltsamen Zwischenwelt von Techno und IDM zu vegetieren, sich eine manische Boomkat-Beschreibung nach der anderen abholend, aber immer mit dieser wissenden, akademischen Reserviertheit. Das ist toll und macht »Flatland« zu einem wahnsinnig fordernden Erlebnis, aber jetzt, mit dumpfer Backe ist Objekt auf einmal der Typ, der dir konzentriert mit Mundschutz den Bohrer in den Hals rammt und alle paar Minuten den entstandenen Schmutz absaugt, nur um wieder von vorne mit Skalpel und Bohrer gleichzeitig zu hantieren. German Engineering eben.

Object’s »Strays« auf Youtube anhören

K15
Insecurities
Wild Oats • 2014 • ab 31.99€
K15 ist ein dieser ominösen Londoner Junbrunnen, der jetzt von Funkineven und Kyle Hall unter die Fittiche genommen wird. Nach »Yellow«, vielleicht dem Track seiner jetzt auf Wild Oats Music erscheinenden »Insecurities EP«, ist die Geistesverwandschaft auch deutlich spürbar. Nonchalant lässt er die filigrane Bassline (Soundcloud-Zitat: wicked melody floats on that bass… future house!!) und die bedeutungsschwangere Klaviermelodie eine Symbiose bilden, während er die gewaltige Kick permanent aus dem verdubbten Off unvorbereitet in den Vordergund schmettert. Watch out for K15, da kommt noch was auf uns zu.

K15’s »Yellow« auf Soundcloud anhören

»Multiply« verdeutlicht vor allem eins: Ohne Rocky fehlt etwas, obwohl hier nichts passiert was wir nicht kennen würden. Rocky schaut nicht uneitel in der Hood vorbei, vergleicht in einem Satz Brooklyn mit Baghdad, um sich kurze Zeit später als Balmain-Botschafter und Margiela-Flüsterer zu positionieren und krude Disses in Richtung Virgil Abloh und Hood By Air zu feuern. Der Runway wird zum Kriegsschauplatz und trotzdem findet man das nicht peinlich. Dass dann Großvater Saftig nur benutzt wird um einige Plattitüden zu nuscheln, ist angesichts der wieder mal überragenden Präsenz des PMFs durchaus zu verkraften. So, neues Album, zack zack!

A$ap Rocky’s »Multiply« auf Youtube anhören

Spitzzüngig ließe sich behaupten, dass Avalon Emerson’s »Let Me Love & Steal« klingt wie ein Joy Orbison Track von vor ungefähr fünf Jahren. Andererseits – ein Joy Orbison Track vor fünf Jahren, das steht für sich, wer sich erinnern kann. Doch zurück zum Track. Im Vordergrund von »Let Me Love & Steal« steht ein kurzes Stimmsample, das in der Loopschleife tatsächlich für die nächsten sechseinhalb Minuten nicht zur Ruhe kommt. Die eigentliche Sensation findet aber im Hintergrund statt. Spur für Spur für Spur spinnt Emerson hier ein unheimlich dichtes wie atmosphärisches Netz – insichgekehrt und stimmig – so dass die insgesamt sehr schweren und fordernden Akkorde wunderbar mit dem luftigen Stimmsample in Einklang korrenspondieren. Eine perfekte Symbiose. Techno braucht mehr Frauen, ja. Aber mehr Emerson, weniger Kraviz!

Avalon Emerson’s »Let Me Love & Steal« auf Soundcloud anhören

Wenn Drake einen Song mit Anrufbeantworternachrichten einer Verflossenen beginnt und direkt mit dem Vaginaflüstererflow einsteigt, nur um kurze Zeit später dummdreist anzumerken, dass er jetzt gerade da ist wo oben ist und sie nicht, dann sind das auf der Drake-Drake-Doin-Drake-Things-Skala direkt mal wieder 9 von 10 Schluffibären. Wenn er dann auch noch wie ein jämmerlicher Prom-Date-Schmierlappen zu Protokoll gibt, dass er dem Vater des ehemaligen Herzblatts sogar etwas zum Geburtstag geschenkt habe, das diesen aber nur sehr peripher tangiert habe, dann haben wir es mit der schönsten Drizzy-Anekdote seit seinem Teekränzchen bei Erykah Badu zu tun. Never change, Aubrey, niemals!

Drake’s »How about now« auf Soundcloud anhören