Records Revisited: Nas – Illmatic (1994)

19.04.2019
Wenn es um Nas’ »Illmatic« geht, spitzen sich die Ohren all jener, die Rap auch nur ein Fünkchen abgewinnen können. Klar, denn »Illmatic«, das sind Erzählungen für jeden und Nas wurde zum poetischsten Chronisten seiner Zeit.

Eigentlich sollte der 23.5.1992 für Nasir bin Olu Dara Jones, besser bekannt als Nas, ein gemütlicher Kinoabend werden. »Alien III« lief gerade neu im Kino, am Vortag erst hatte der Film seinen Starttermin. Doch als der Vorhang im Kinosaal längst zugezogen war und er und seine Freunde auf dem Nachhauseweg zurück in den Queensbridge Projects waren, kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der Schüsse fielen. Die bittere Folge: ein Verletzter, sein jüngerer Bruder Jabari. Und ein Toter, sein Nachbar und bester Freund William »Ill Will« Graham. Die Utopie ging weder in dem Film noch in den Queensbridge Projects als größter städtischer Sozialwohnsiedung New York Citys auf: Wo Menschen kaserniert sind, ist auch das Unheil zuhause.

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Nas, der seit seinem 13. Lebensjahr alleine von seiner Mutter aufgezogen wurde, war damals gerade 18 Jahre alt. Die Schule hatte er schon Jahre zuvor abgebrochen. Mit Will als seinem DJ unternahm er erste Gehversucher in Sachen Rap. Nun aber musste es alleine weitergehen. Nas glaubte an sein Talent, knüpfte Kontakte. In den Projects, als der einen Adresse im legendären Queensbridge-Southbronx-Battle, waren sie natürlich vorhanden, z.B. in Form des Producers Large Professor. Er macht Nas mit seiner Band Main Source bekannt, Nas durfte ein Feature auf deren LP »Breaking Atoms« abliefern. Und er lieferte. Nas erntete Aufmerksamkeit, die nicht gleich verhallte. Eines kam zum anderen, Large Professor zu MC Serch, »Live At The Barbecue« zu »Back To The Grill Again« – und nachdem die großen Labels, bei denen er mit seinen Demos vorstellig wurde, u.a. auch Def Jam, ihm keinen Vertrag für sein Debütalbum anboten, kam er mit Hilfe von MC Serch bei Columbia unter.

Es schimmert Hoffnung durch den aufgewühlten Straßenstaub. Einmal blitzt sie als Trompetensolo auf, gespielt von Nas’ Vater. Nas erklärte ihm, er solle einfach das spielen, was ihm einfällt, wenn er an Nas als kleinen Jungen denkt.

Bis zu diesem Zeitpunkt zählten neben Serch und Large Professor auch schon Q-Tip und Pete Rock zu Nas’ Freunden. Komplettiert mit DJ Premier, den er ebenfalls über MC Serch kennenlernte, hatte Nas für sein Album das Who is Who der New Yorker Producer-Szene im Rücken. Und die waren heiß, war Nas’ Talent doch unüberhörbar – und eh längst Stadtgespräch. Alle ahnten, dass sie mit »Illmatic« an etwas Großem arbeiteten.

Was heute jeder weiß, war auch damals schnell klar: »Illmatic« wurde etwas Großes. Eine scharfsinnig beobachtete Straßenballade, deren hungrige, druckvolle und präzise Raps mit Bildern, Vergleichen und auch Stimmungen aufwarten, die im Rap erzählerisches Neuland erschlossen. Sein Rap kam direkt mit der Erhabenheit des altgedienten MCs daher – und dem Zorn und den Ängsten eines abgehängten, auf sich zurückgeworfenen Heranwachsenden, der tief blickt und blicken lässt. »Illmatic« liefert Kapriolen schlagende Gossenpoesie als intensive Straßenberichterstattung. Die Platte zeichnet ein beeindruckendes Stimmungsbild eines vernachlässigten urbanen Winkels, vorgetragen mit infektiöser Dringlichkeit und brodelnder Ruhe, aufwühlend und doch auch hoffnungsvoll.

Ja, es schimmert Hoffnung durch den aufgewühlten Straßenstaub. Einmal blitzt sie als Trompetensolo auf, gespielt von Nas’ Vater, der damals schon seit sechs Jahren von der Familie getrennt lebt. Nas erklärte ihm, er solle einfach das spielen, was ihm einfällt, wenn er an Nas als kleinen Jungen denkt.

Hört man Nas zu, ist man verflucht nah dran am Geschehen, man steckt mit drin – als ob man einer der Adressaten jener Briefe wäre, die Nas in den Strophen von »One Love« an inhaftierte Freunde schickt.

Solch ein Detail kann man natürlich herrlich verklären. Es ist allerdings eines, das hier ein Meisterwerk mitgeneriert. Darüber sind sich seit seinem Erscheinen im April 1994, fünf Monate vor Nas´ 21. Geburtstag, alle einig. Die Source vergab seinerzeit erstmals volle fünf Mics, »Illmatic« wird seitdem in quasi allen relevanten Bestenlisten verhandelt, Kendrick Lamar, Busta Rhymes, Kool Savas, Alicia Keys, Erykah Badu und Legionen andere geraten heute noch ins Schwärmen.

»Illmatic« prägte die gesamte Rap-Sprache nachhaltig. Nas glänzte nicht nur mit einem Vokabular, das innerhalb seiner komplex arrangierten Strophen auf abgedroschene fill phrases verzichtete, er bewies auch Storytelling-Qualitäten. Hört man Nas zu, ist man verflucht nah dran am Geschehen, man steckt mit drin – als ob man einer der Adressaten jener Briefe wäre, die Nas in den Strophen von »One Love« an inhaftierte Freunde schickt. »Plus, congratulations, you know you got a son. I heard he looks like ya, why don’t your lady write ya?«

Jeder kann sich in Nas’ Raps wiederfinden. Nicht umsonst sieht der amerikanische Breakbeat-Poet Kevin Coval in »Illmatic« einen Dichterreporter des Hip-Hop am Werk, während Filmwissenschaftler Sohail Daulatzai die LP eben mit Film und dem Kino vergleicht. »Illmatic« erinnere ihn an Gillo Pontecorvos bemerkenswerte Spielfilmdoku »Schlacht um Algier«, wo die Grenzen zwischen Fiktion und dokumentierter Realität ähnlich effektvoll verwischen. Doch egal, ob man’s so oder so sieht, in einem sind sich alle einig: »Illmatic« ist ein verflucht gutes Rap Album, für so manchen ist es das beste. Wer’s nicht glaubt, fragt Kendrick Lamar, Busta Rhymes, Kool Savas, Alicia Keys, Erykah Badu oder Legionen andere.