Zwölf Zehner – Juni 2012

06.07.2012
Willkommen im Juli. Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat Juni musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Juni 2011, es kann alles so einfach sein. Gebt Nas ein Drumbreak, gebt ihm ein paar Zigarren und den Remy Martin und er sorgt mit Nasty für das größte Feuerwerk seit Made You Look.
März 2012: Nasir Jones geht auf The Don all in und erklärt uns nebenbei noch, dass man seinen Stash doch bitte nicht im Bauarbeiter-Dekolleté, sondern in den Socken zu verstecken hat. Wir erinnern uns: Er ist einfach der Größte, sofern er denn will.
Mai 2012: Nas reflektiert auf Daughters höchst unpeinlich seinen Erziehungsstil, erzählt wenig erfreuliche Instagram-Anekdoten und gibt zu Protokoll, wie schwer es doch ist, alleinerziehender Vater einer Tochter im fortgeschrittenen Teeniealter zu sein.
Juni 2012: Nas spannt den Bogen zum Beginn seiner Karriere, als 17.000 Dollar Albumvorschuss ihm die Flucht aus der Sozialsiedlung ermöglichten. Der Mann hat den Frieden gefunden und droppt knowledge eines elder statesman: So lange man im Leben an seine Ziele glaubt, findet auch der zwanzigjährige Soldat, dem beide Beine amputiert wurden, noch Sinn in seinem Leben. Large Pro pflichtet bei und No I.D. bleibt am Western-Beat weiterhin über alle Zweifel erhaben. Mit Ansage: Life is good wird das beste Album nach Illmatic und das Rap-Album-Highlight des Jahres.

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Man ist ja von diesen ganzen grundsympathischen DIY-House-Weirdos mittlerweile viel gewöhnt bezüglich Eklektizismus, aber Ron Morellis L.I.E.S.-Imprint ist vielleicht das schrägste all jener neuen Ostküsten-Labels. Auf der zehneinhalbsten (sic!) Platte haben sich, so wird zumindest gemunkelt, einige bekanntere New Yorker Produzenten zum fröhlich verpeilten Proggen getroffen, die Drummachines dabei immer schön im roten Bereich haltend und mit einer vage nach Madlibs Afrika-Trip klingenden Grundmelodie, über die immer wieder brachial mit Filtern, Delay, Reverb und dem ganzen Pipapo drübergewischt wird. Ich meine ja als einen der Verantwortlichen Ital ausmachen zu können, aber bisweilen fühlt man sich auch an die Ungehobeltheit eines Jamal Moss erinnert. So oder so: wir stehen auf diesen Kram. Und nennen ihn diesen Monat dann halt mal nicht Cubist House.

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Dieser Beat. Oh mein Gott, dieser Beat. Als hätte jemand »Drop It Like It’s Hot« schmutzigen G.V. mit »A Mill« machen lassen und dann vergessen hinterher die Sauerei aufzuräumen. Dazu erklärt uns Pusha nachdrücklich, dass er mit Jacob schon in den 90ern dick war, Schlüssel immer noch Türen öffnen und ihn Schönheit zu seiner Rechten nur müde lächeln lässt. Jada rattert pflichtbewusst die ganze Trophäensammlung runter, inklusive 12 Zylinder, industrieabstinenten Perlen und Glitzerglitzer. Dass da Bangladesh selbst sehr hüftsteif dagegen wirkt, weiß er vermutlich selbst am besten. Aber das tangiert dann auch nur noch peripher, weil: Oh mein Gott, dieser Beat. Oder um es mit Kollege Kunze zu sagen: Kommt in die Playlist direkt nach Megaman.

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Nicht, dass man sich nicht über Joy Orbisons ungewöhnlich hohen Output der letzten Monate freuen würde, aber irgendwie hatte kaum einer der Tracks mit Boddika diese unerklärliche Aura, die seine Soloprojekte scheinbar selbstverständlich umweht. »Ellipsis« ist einer dieser quintessentiellen Orbison Tracks, auf die man bis zur Veröffentlichung ein Jahr lang wartet, bis man zu dem Punkt gelangt, an dem man sich vorgaukelt, das nun wirklich oft genug gehört zu haben, nur um sich in das physische Produkt doch sofort wieder neu zu verlieben. Basierend auf einem für sich genommen eher enervierenden Interview-Schnipsel, arbeitet sich Orbison hier von einem trockenen Rhythm Track zu feistem Acid vor, krönt das Ganze mit einer epischen Piano-Passage und trabt dann die letzten 1,5 Minuten in einem blitzsauberen Deep House Track aus. Klingt auf dem Papier konfus und eher mittelgeil, ist aber wirklich annähernd so gut wie es momentan Blogosphäre und Freelance-Sklaven überall von den Dächern pfeifen.

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Auf einen äußerst galant schleppenden Beat von Lewis Parker sinniert Joey Bada$$ über die Auswege aus der Ghetto-Realität. In verblüffender Ehrlichkeit skizziert der gerade mal siebzehnjährige New Yorker auf »Hardknock« die perverse Perspektive seiner Realität, in der seine Altersgenosse keine Furcht vor dem Gefängnis verspüren, weil dieses ihnen immerhin einen Ausweg aus der eigenen Wirklichkeit eröffnet.
In der vielleicht eindringslichsten Hookline des Jahres kontrastiert Joey, der dem Vernehmen nach höchstwahrscheinlich gar nicht mal so ein badass ist, den Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit und findet die Lösung in der Aufgabe der eigenen Ignoranz: One day I’m tryna have a wife and kids – So I just can’t live my life like this – And I ain’t tryna learn what lifeless is – So I just can’t live my life like this – I want the gold chains and diamond rings – But I just can’t live my life like this – And sometimes I just wanna light this spliff – But I just can’t live my life like this. Ganz schön deep der Mann und gleichzeitig die größte Raphoffnung aus Flatbush nach Busta Rhymes.

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Kollege O. und ich sind ja im Zweifelsfall gegen Neon. Aber die Rustie’sche Neonisierung der Post-Dilla-Boom-Clap-Glitch-Rave findet nun in der Zusammenarbeit von Lunice und Hudson Mohawke (der an der neuen Grellheit gleichermaßen beteiligt war, sie nur nicht ganz so pointiert in ein Album pressen konnte wie Rustie) ihre konsequente Fortführung. Für die Großen des Rapgeschäfts wollen die Beiden zukünftig produzieren, nicht mehr, aber ganz sicher auch nicht weniger. Wer dieses ungemein verspielte und dennoch so funktionale, Trance in seine kleinsten Partikel zerhackende und als minimalistisch-maximalistisches Stadion-Hop-Instrumental ausspeiende Monstrum »Goooo« bezwingen könnte, fällt mir ad hoc nicht ein, ist an dieser Stelle aber auch nicht wirklich relevant. Viel wichtiger: das hier ist der Soundtrack für verbrannte Erde, geplatzte Boxen und Epilepsie-Daggering für Fortgeschrittene.

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Kanye ist larger than life. Punkt. Kokettiert auf »New God Flow« dank identischem Drumbreak und ähnlicher Klavierakkorde mit Big Brothers Empire State Of Mind kondoliert artig der toten Whitney Houston ehe er mit dem dem ignorantesten Vers seiner gar nicht mehr so jungen Rapkarriere weit über das Ziel hinausschießt. Aber dafür muss man ihn einfach so gern haben. He made it und muss keine Burger wenden bei McDonalds sondern kann stattlich bei Jacob im neuen Murcielago vorfahren. Nochmal: Man muss ihn einfach so gern haben.

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History repeating. Wie im vergangenen Jahr zu einem ählichen Zeitpunkt präsentieren die Jungs von Poolside einen veritablen Sommerhit. Wie auch im vergangenen Jahr funktioniert »Slow Down« vor allem als audiovisuelles Statement zum Sommer Ohne Video ist da gleich weniger los. Und drittens: Wie schon bei »Do You Believe« dürfte die Halbwertszeit dieser Entschleunigungs-Hymne schneller vergehen als die Euromeisterpläne der deutschen Nationalmannschaft in der Zeitrechnung pre Burawah Seis drum, im Sommer wird uns »Slow Down« gewiss begleiten.

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Zugegeben: Jock Sin Six hat uns zunächst vor allem auf der visuellen Ebene herrlich amüsiert, weil dilettantisch explodierende Köpfe aus viralen Youtube-Clips in Feierabendlaune vermutlich sogar mit einem »Don’t Cry For Me Argentina« intonierenden Chad Kroeger noch mächtig viel Spaß machen würden. Dass aber auch das begleitende Instrumental, das sich auf dem neuen Beattape der Detroiter Nachwuchshoffnung Quelle Chris findet, so einiges kann, wurde dann doch auch relativ zügig nach den ersten Lachern klar. Bisweilen fühlt man sich sogar an Oh Nos großartiges Psych-Brett »Heavy« erinnert, nur dass sich Quelle Chris die Samples vermutlich noch einen Tacken weiter im Osten geborgt hat. Vielleicht sollte dem jungen Herren jetzt noch einer mitteilen, dass man nicht zwangsweise auch rappen muss, wenn man im kalten D Beats schraubt.

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Big Strick feat. Generation Next
Alpha & Omega
7 Days Entertainment • 2012 • ab 13.99€
Schulunterricht im Hause Strick. Strick senior (Der Große) zeigt Strick junior respektive dem kleinen Neffen respektive egal wem aus dem großen und inniggeliebten Familienverbund (aka Generation Next) die Vorzüge seiner analogen Drummachinesammlung. Der Dreikäsehoch hört wissbegierig zu, lernt schnell, schaltet und programmiert eine charmante Rhytmussequenz mit heimtückisch aus dem Hinterhalt tretenden Claps, wie wir sie lieben und meistens nur aus der Motor City zu hören bekommen. Fehlt was? Oh ja, oh ja, die Bassline. Und die bleibt Chefsache. Furztrocken und supersimpel – aber mit kolossaler Wucht wummert diese aus Big Stricks Synthesizer. Und der hat die Ruhe weg. Oder wie meinte Kollege Aigner damals schon nach Stricks Erstlingswerk? »Ich höre gerade Big Strick über Kopfhörer und mit totally authentischem Vinylrauschen und muss sagen: Wo haben die Jungs nur die Ruhe her? Lässt es fünf Minuten einfach stampfen ohne Snare und trotzdem: Übermagic.« Auch noch in den nächsten 50 Jahren.

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