Zwölf Zehner – Juni 2011

01.07.2011
Foto:HHV Handels GmbH
Willkommen im Juli. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat Juni musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Dass die basslastigen Engländer in letzter Zeit auch wieder vermehrt auf Vintage Drum Machines und den Acid-Squelch der TB 303 zurückgreifen, dürfte den wenigsten entgangen sein. Ob Joy Orbison, Blawan oder Dave Kennedy – der Post-Stepper von heute macht House-Jams mit Hilfe der Roland’schen Produktpalette aus den frühen Achtzigern. Von Anfang an einen Schritt weiter ging das Eglo-Signing FunkinEven, der Acid nicht nur zitiert, sondern umarmt, drygehumpt und ganggebangt hat. Und so gut seine bisherigen Maxis waren, diese hier schießt den Vogel ab. Ein unfassbar energetischer Throwback-Track, der dennoch absolut zwingend 2011 ist. Kaum sechs Takte gibt er uns Zeit, bevor er aus den alten und schweineteuren Fetischobjekten eine entfernt an das Mario Bros.-Theme angelehnte Melodie gegen offbeatige Rimshots und Claps kämpfen lässt, zur Mitte die Euphorie gekonnt in einem kurzen Break verschleppt, um dann derwischig zu schließen. So viele versuchen mit den gleichen MItteln die Unschuld der Pionierjahre zu beschwören, Funkineven hingegen bedient seine Geräte mit der gleichen Naivität wie die einstigen Fahnenträger und macht damit, ohne es zu wollen, all die anderen Kopierkatzen obsolet.

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Der runtergepitsche Linndrum-Loop. Der opulent-wummernde Bassteppich. Der auf so vielen Ebenen erhaben arrangierte Einsatz seines Vokals. Jedes kleine Einzelteil auf Body Work ist bis in die letzte Pore von Sex (und Prince) durchdrungen. So aufgeladen, dass es sich auf Fuck My Brains Out, das sich direkt nach Body Work anschließt, (und gemeinsam gedacht werden muss) entlädt. Viel mehr noch: Explodiert. Wer nach seiner grandiosen Love-Trilogy immer noch nicht mitbekommen hat, dass The-Dream weit mehr ist als der Thronfolger Timbalands, dem sollte spätestens im Herbst diesen Jahres klar werden, dass der Mann in so vielen Bereichen »next level« ist. Der vierte Teil – The Love, IV (Diary of a Mad Man) – erscheint angeblich im September. Und, auch ungehört, wenn man Body Work / Fuck My Brains Out zum Maßstab nimmt: Das wird das ganz große Ding. Und in Europa nimmt es dennoch niemand wahr.

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Beautiful Swimmers
Open Shadow
Future Times • 2011 • ab 9.99€
Machen wir uns nichts vor: Kollege Okraj und ich sind Fanboys. Fanboys zweier Geeks aus dem Großraum Washington D.C./Baltimore, deren Zusammenarbeit im Projekt Beautiful Swimmers wilde Stilblüten trägt. Und so sehr wir uns schon daran gewöhnt hatten, das Unerwartete von Ari Goldman und Andrew Field-Pickering (alias Maxmillion Dunbar) zu erwarten: Yacht Dub hatten wir dann doch nicht auf dem Zettel. Genau das ist es aber, was die ebenfalls für ihren Eklektizismus berüchtigte Soft Rocks Clique von der Insel aus der Crosby,Stills & Nash-Hommage auf der A-Seite gemacht haben. Die augenzwinkernden Vocals von Gastsänger John Davis werden in einen dubbigen Zeitlupengroove getriggert, der am ehesten noch mit Todd Terjes All That She Wants-Cover zu vergleichen ist, aber weniger kokettiert. Sommerhit? Natürlich!

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Techno, Filter, Trash, Rave und Boombap bilden den Rahmen dieser neuen Interpretation des 1996er Eurodance-Klassikers Hymn von Music Instructor, den der Kölner Produzent HADE für seinen Auftritt beim Kölner Beat BBQ angefertigt hat. Hier treffen Eurodance auf Madlib, Money Boy auf Bill Cosby und Busta auf – nun gut – Bass. Mit Spaß fängt es an, mit Spaß hört es auf. Doch was dazwischen passiert ist mehr als nur der ganz normale Wahnwitz. Der Moog-Bass zerrt am Membran, die Snare knallt gewaltig auf der Zwei und der Vier. Das grundsätzlich unsägliche Sample ist in die Einzelteile verchoppt und wird dabei von verschiedenen Adlibs von allen Seiten gefeiert. Doch wo war jetzt der Rave? Habe ich schon die Bleeps erwähnt? Nun gut. Beim Beat BBQ waren sich alle darin einig, dass der Mann, der als erster auftrat, gleich für das Highlight gesorgt hat. Tschau für Now. Der Rest: Game Over.

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Selbst als großer Björk-Fan muss man zugeben, dass die in den letzten Jahren hervorgegangen Projekte und Alben der Isländerin schwer zugänglich, schwer zu fassen, ja, zu avantgardistisch waren. Stets im Fluss der eigenen Inspiration scheint Björk nun aber nach der Auseinandersetzung mit Mensch und Stimme, später mit der Natur, nun plötzlich wieder bei der Technologie angekommen zu sein. So entsteht das neue Album Biophilla in Kooperation mit Apple und markiert das wohl »first app album« der Weltgeschichte. So sind auch einzelne Tracks auf dem iPad entstanden. Einer davon – Crystalline – erfüllt dabei die Sehnsüchte vieler Björk-Fans, die sich wieder einfachere Strukturen, mehr Elektrizität und weniger Spuren wünschten. Kurzum: Mehr Mark Bell als Walgesänge. So verzückt auf Crystalline die Triangel mit einer einfachen Grundmelodie, die Bässe tanzen im Galopp. Währenddessen ersetzen verschiedene Störgeräusche die Snare und fangen die Stimmung ein. Unweigerlich fühlt man sich an Homogenic erinnert, zu Zeiten als Alec Empire noch für Digital Hardcore sorgte und Joga remixte. Und siehe da: Plötzlich bricht die minimale Instrumentalisierung auf und wird von einem unbehandelten Jungle radikalisiert. Und Björk? Der wachsen Kristalle aus den Füssen.

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Kyle Hall
Kmfh
Wild Oats • 2011 • ab 8.99€
Es sind diese unvorhergesehenen Kyle-Hall-Momente, die beim Kollegen Aigner und mir – da sind wir ganz klar auf Linie – immer wieder für Verwunderung und große Freude sorgen. Nicht die manchmal etwas sperrig geratenen, deepen oder auch verschroben trackigen Produktionen des mittlerweile zwanzigjährigen einstigen Wonderboys aus Detroit sind es, die bei uns für Verzückung sorgen. Auch die sind gut, keine Frage. Sobald Kyle Hall aber den Equalizer aus dem Auge verliert, die Filter aufdreht, abdreht, umdreht, sich kurzer Soul/Funksamples bedient und äußerst discoesque nach vorne stampft, spätestens dann ist es um uns geschehen. So war das im letzten Jahr schon auf After Fall, so ist es in diesem Monat (Jahr) mit Down.

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Matias Aguayo
I Don't Smoke EP
Kompakt • 2011 • ab 7.99€
Irgendwie konnte ich mit Matias Aguyaos südamerikanischem La Vida Loca -Shtick nie so richtig, vielleicht auch deswegen weil Aguyaos Blütezeit mit dem großen Ethno-Sample-Hype zusammenfiel und ich schlicht keine Lust hatte, die Spreu vom Weizen zu trennen. Bongo-Loops und Flamenco, nein danke. Kein Wunder also, dass es gerade Aguayos rohster Track ist, der mich wieder zu einem Gläubigen macht. Von den meisten Kollegen als DJ-Tool abqualifiziert, drückt der Kompaktler mit 127 BPM und übersteuerten Vintage-Drums-Sounds hier fester auf die Tube als jemals zuvor. Aufgrund der Art und Weise wie skeletthaft und trackig hier gearbeit wird, könnte man dann fast schon wieder das Adjektiv †ºminimal†¹ bemühen, wenn man nicht wüsste, dass genau jene Klientel, die sich von diesem Adjektiv angesprochen fühlt, traumatisiert vor dieser – im besten Sinne brutalen – Coversion eines EBM-Klassikers davonlaufen würde.

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Es kann alles so einfach sein. Niemand erwartet von Nas anno 2011 ein zweites Illmatic. Nicht mal im Ansatz. Das wäre auch der vollkommen falsche. Erwartungen also zurückgeschraubt. Und dennoch war zuletzt so vieles aus der Feder von »Queensbridge†˜s Finest« so vollkommen uninspiriert, teils wirklich belanglos. Was nun? Zurück zum Einganssatz. Es kann nämlich alles so einfach sein. Gebt dem Mann ein Drumbreak, gebt ihm ein paar Zigarren und den Remy Martin und er sorgt für das größte Feuerwerk seit Made You Look. Da war doch auch so ein Drumbreak im Spiel. Nas droppt »Robes, Clothes, Hoes, Flows«, nein, keine Moneytoes. Und er braucht noch nicht einmal eine Hook dafür. Ein Mann, ein Break, ein Take. Und Hip-Hop ist immer noch nicht tot.

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Floating Points
Marylin
Eglo • 2011 • ab 8.99€
Sam Shepherd ist schon ein Phänomen. Da sitzt dieses nerdige Big-Bang-Theory-Reject also in den wenigen Minuten, die er nicht im Unilabor verbringt vor seinen Synthies und Drummachines, berechnet im Vorfeld vermutlich Sinuskurven und Algorithmen seiner Tracks selbst und am Ende hat das immer so viel Funk und Seele, dass man all die Wissenschaftsklischees schon wieder vergessen hat. Marilyn ist, nach den jaziggen Downtempo-Exkursionen seines Ensemble-Projekts und der Garage-Blaupause wieder eher jener Floating Points, der mit seiner Vacuum Boogie vor zwei Jahren die EP der EPs veröffentlichte. Galant schlackernd im 110bpm-Galopp schichtet Shepherd hier Synthfläche um Synthfläche auf eine gerade Drumpattern und immer dann wenn man sich fragt, ob das jetzt gerade noch harmoniert, macht es klickt und dieser Alchimist hat wieder jeden Zweifel vergessen gemacht.

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Jacob Korn ist Schirmherr des Aufschwung-Ost-Projekts Uncanny Valley und endlich unbescheiden genug sich eine Solo-EP auf dem Label und Kollektiv zu gönnen, das in der Warteschleife vor der Panoramabar (Gast: Moodymann) gegründet wurde. She ist ein äußerst episch angelegtes Techno-Stück, das in der Progression manchmal an Santiago Salazar erinnert und wieder einmal Korns feines Gespür für anspruchsvollere Melodien verdeutlicht. Wie Korn es geschafft hat, dass dieses seltsame Glockenspiel-Sample so wunderbar zusammengeht mit den elegischen Pianopassagen und einer böse zischenden Snare, bleibt Korns Geheimnis.

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