Music Kolumne | verfasst 22.02.2018
Records Revisited
Sun Kil Moon – Ghosts Of The Great Highway (2003)
Die Reissue von »Ghosts Of The Great Highway« erschien die Tage. Es ist eines der besten Gitarrenalben des 21. Jahrhunderts, obwohl oder vielleicht gerade weil es die maßlose Selbstübersteigerung Kozeleks erstmals in voller Blüte zeigt.
Text Kristoffer Cornils
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Mark Kozelek ist der Onkel, der auf Familienfeiern früher noch wie ein widerspenstiger Held wirkte. Heute ruft seine Anwesenheit bei dir lediglich eine Mischung aus Betroffenheit und Abscheu hervor. Auch dir selbst gegenüber, weil du ihn eigentlich nie geil gefunden haben willst und sein Verhalten nicht mit deiner Leidenschaft für ihn vereinbaren kannst.

Mark Kozelek redet in seinen Songs gerne über sich und das macht es paradoxerweise umso schwerer noch als bei anderen Künstlern, zwischen der von ihm geschaffenen Persona und seiner eigentlichen Person zu unterscheiden. Denn die ist so eine, deren neue Alben mit lapidaren Sätzen wie »The first track is an ode to San Francisco, with references to the Grateful Dead and Kozelek’s skills with chopsticks« angekündigt werden. So eine, die unbedingt Beef mit irgendwelchen Indie-Bands anfängt und dann schnippisch zu Protokoll gibt, dass sie nicht auf Facebook und Twitter an der Aufregung daran teilnimmt, weil: »I make albums«. So eine, die dann zwar wirklich Alben macht, aber auch viel Stress ohne Grund. Stress, der gerne mal in unverhohlenen Sexismus ausartet.

Kozelek ist nämlich auch so eine Person, die auf der Bühne demütigende Songs über eine Journalistin improvisiert (»Laura Snapes totally wants to fuck me / get in line, bitch … Laura Snapes totally wants to have my babies«), weil die nur ihren Job machen will. Es lachen dann ja schließlich ein paar und hey, ein bisschen Banter gehört eben dazu.

Mark Kozelek war schon immer gern am Austeilen, denn ums Austeilen ging es seinem Band-but-Soloprojekt Sun Kil Moon ja von Anfang an: Benannt hat Kozelek es nach dem südkoreanischen Leichtgewichtboxer Sung Kil-Moon. Um noch mehr Boxer geht es auf dem Debütalbum dieser Band, »Ghosts Of The Great Highway« aus dem Jahr 2003: Salvador Sanchez, Duk Koo Kim, Pancho Villa prügelten sich allesamt gegen widrige Umstände an die Weltspitze und starben mit jeweils nur 23 Jahren, Benny »Kid« Paret schaffte es immerhin etwas länger. Heroische Selbstverwirklichungsversuche, tragische Ungerechtigkeiten: Das sind eben die beiden Kernthemen Kozeleks, der geil mit Stäbchen essen kann und nach Verlauf eines Albums für gewöhnlich mehr Menschen zu Grabe getragen hat als George R. R. Martin nach durchschnittlich 600 Seiten.

Als Frontmann der Red House Painters hatte Kozelek zuvor etwas weniger als anderthalb Jahrzehnte lang schaurig-schöne und manchmal sogar selbsteinsichtige Musik gemacht, die zur Hochzeit des Flanellhemden-Hypes einen leisen Kontrapunkt unter dieses Ding namens Rock’n’Roll setzte. So leise, dass von der Auflösung der Band im Jahr 2001 kaum jemand etwas mitbekam, bevor dann »Ghosts Of The Great Highway« erschien. Dabei waren von der alten Band Drummer Anthony Koutsos sowie Geoff Stanfield und Tim Mooney, im Vordergrund aber stand Kozelek und die Versatzstücke seines Themensetzkastens, die auf »Ghosts Of The Great Highway« bereits nach vier Minuten verbaut sind: Boxer, Rockmusik, die Eltern, der Tod, Melancholie, Serienmörder und Liebe, wobei letzteres natürlich so ziemlich dasselbe ist. Denn wenn Kozelek Adieu sagt, dann tut’s weh und in manchen Fällen ist die erlittene Verletzung lebensgefährlich. »Carry Me Ohio« ist so ein Song, in dem Kozelek Adieu sagt, der ungeliebten Geliebten ebenso wie dem Heimatstaat, der sich doch bitte darum zu kümmern hat, die Tränchen der Verflossenen zu trocknen. Nach ihm die Sintflut, so oder so.

Nicht nur ums Draufhauen, sondern auch ums Abhauen geht es auf »Ghosts Of The Great Highway« nämlich und die Gespenster, die Kozeleks Reise den Highway entlang heimsuchen. Einerseits sind das in musikalischer Hinsicht die Gespenster der Vergangenheit wie der breitbeinige Rock der Siebziger, wie er ihn tonnenweise gecovert oder besungen und an deren liebevoller Persiflage er als Nebendarsteller in »Almost Famous« mitgewirkt hat. Aber andererseits haben ebenso die Gespenster einer Zukunft für das stockende Erzählmedium ihren Auftritt: plinkernde Mandolinensounds, nasaler Gesang im hohen Register und shoegazige Endlosriffs, die neben dem aufkommenden Post-Metal-Hype schon wieder sehr zeitgemäß bis zukünftig klangen und bereits 2003 ankündigten, dass Kozelek sich 13 Jahre später mit Justin Broadrick das Studio teilen würde. Das alles gab es vorher schon bei den Red House Painters zu hören, besser und kohärenter allerdings klang es nie. Im selben Jahr, als Elliott Smith die letzte Saite verklingen ließ, übernahm Kozelek für alle Dauermiesepeter den Job und brillierte damit.

Doch vor allem ist »Ghosts Of The Great Highway« ein Folk-Album und wie auf so gut wie jedem Folk-Album gibt es darauf von schweigsamen, aber feinfühligen Helden und Outlaws zu hören. Männlich und doch deep. Kozelek legt das auf die Leidensgeschichten von gepeinigten Jungboxer ab, konnte und kann aber nicht davon lassen, über die Geschichten anderer zum Selbstausdruck zu kommen, so wie er später jede noch so fiktive Selbsterzählung zu »Universal Themes« hochjubilierte. Da steckt viel poetisches Kalkül und Persona drin, dahinter aber eine Person, die genau das allzu gerne als Rechtfertigung für Nichtentschuldbares heranzieht.

Sun Kil Moon - Ghosts Of The Great HighwayWebshop ► Vinyl 2LP Kozeleks chauvinistischer Heroismusfetisch und seine Selbstinszenierung als Poet der Verlorenen zeichnete nämlich auch die kommenden Entgleisungen vor. Denn wer bequem genug ist, zwei Songs denselben Text zu verpassen, der prügelt wohl zwangsläufig irgendwann von der Bühne auf andere herab, weil ihm sowieso alle nur die Schuhsohlen lecken. Er führte spätestens mit »Ghosts Of The Great Highway« ein krudes Konzept von Männlichkeit in seine Musik ein, das mittlerweile in maßlose Selbstüberschätzung und sexistische Beleidigungsarien ausgeartet ist. Dieses Gespenst hat ihn also eingeholt, leider nur scheint er es nicht bemerkt zu haben – und wir dafür zu spät.

»Ghosts Of The Great Highway« ist eines der besten Gitarrenalben des 21. Jahrhunderts, obwohl oder vielleicht gerade weil es die maßlose Selbstübersteigerung Kozeleks erstmals in voller Blüte zeigt. Das ist weder zu verklären noch zu entschuldigen, unbedingt aber zu reflektieren.

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