Music Review | verfasst 07.08.2019
Dots (Atom TM)
Dots
Astral Industries , 2019
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
8.3
Nutzer (3)
8.3
Redaktion
Cover Dots (Atom TM) - Dots

Zu den Grenzbereichen des Wahrnehmbaren zog es Uwe Schmidt schon, als er in den Neunzigern unter dem Namen Atom Heart morphogenetische Felder (»Morphogenetic Fields«) und McKennas DMT-Dome (»Orange«) vertonte. Zu einer Zeit, in der Computer noch wie unbeholfene aber liebgewonnene Kinder behandelt wurden, hob der Frankfurter mit ihnen bereits in andere Sphären ab und zeigte hinter Pseudonymen wie Bund Deutscher Programmierer, Erik Satin, Naturalist oder Schnittstelle, dass brillante IDM-Skizzen nicht immer aus dem Norden Englands kommen. Mindestens drei Dutzend weitere Namen verwendete Schmidt seither für die Ausdehnung seiner Klangstudien auf alle Lebensbereiche des von der Natur entfremdeten Menschen. Zeitweise erscheint ein Album pro Monat auf seinem Label Rather Interesting, dessen Name den Backkatalog stilecht zurückhaltend umschreibt. Mäandert Schmidt zwischen surrealer Umgebungsmusik und extraterrestrischen Signalen wie mit dem 1994 veröffentlichten »Dots«, tritt sein Instinkt für rituelle Futurismen besonders deutlich zutage. Damals nur als CD erschienen, nahmen sich die stellaren Schatzsucher von Astral Industries dem LP-Reissue in diesem Jahr an und holen damit ein Album zurück ins Gedächtnis, das gut in die Gegenwart passt, weil es damals schon die Zukunft in ihrer opaken Absurdität erahnte. Über den 13-minütigen Titeltrack von »Dots«, scheinbar mit der verwahrlost bleependen Armatur der Nostromo produziert, streift das Gehört nicht ohne eine gewisse Anspannung, die im Unterwasserjazz eines »Seaweed« aber schnell ertränkt wird. Eher selten eindeutig zuzuordnen, schwankt das Album zwischen Stimmungen, auch im mystischen Stahlruinen-Ambient von »Stain (Dot)« oder dem tückischen Outro »Tonic Edge«, das anfangs noch freundlich Trommelfell und Amboss einbalsamiert, ab der zweiten Hälfte aber schleichend in bedrohliche Weiten entlässt. Hintergrundmusik ist das nur so lange, bis man bemerkt, dass der Hintergrund zur Umgebung geworden ist.

»Dots« von Dots findest du bei HHV: Vinyl LP
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 30.10.2013
Atom TM
Lassigue Bendthouse/Matter
Flirrende Acidlines, Ambientflächen, Vocalcuts, Rhythmuswechsel: Atom TM veröffentlicht ein erstes Highlight seines Schaffens.
Music Review | verfasst 04.04.2014
Atom TM & Marc Behrens
Bauteile
Zwischen 1987 und 2013 sind Soundschnippsel entstanden, die AtomTM und Marc Behrens zu einer wilden Collage montiert haben. Ein irrer Spaß.
Music Review | verfasst 03.08.2015
Atom TM
Riding The Void Remixes
Mit seiner Remix-EP zu »Riding The Void« zelebriert Atom TM die Leere. Uwe Schmidt holt aus dem Nichts mehr Nichtigkeit heraus.
Music Review | verfasst 13.08.2019
J.Derwort
Bamboo Music
Jacobus Derwart von The Chi Factory hatte in den späten 1980er Jahren mit Bambusflöten und Zweispurrekorder »Bamboo Music« aufgenommen.
Music Review | verfasst 13.04.2020
LF58
Alterazione
»Alterazione« ist das Debüt von LF58, dem gemeinsamen Projekt des als Neel bekannten Giuseppe Tillieci und Filipo Scorcucchi.
Music Review | verfasst 15.04.2020
The Chi Factory
Travel In Peace
Mit »Travel In Peace« bringt Hanyo van Oosterom das gemeinsam mit Jacobus Derwort verantwortete Projekt The Chi Factory zu einem Ende.
Music Review | verfasst 22.04.2020
Multicast Dynamics
Ancient Circuits
»Ancient Circuits« des Niederländers Multicast Dynamics gerät zu einer weiteren immersiven Erfahrung aus dem Hause Astral Industries.
Music Review
Luca Yupanqui
Sounds Of The Unborn
Pränatale Kinderarbeit? »Sounds Of The Unborn« von Luca Yupanqui ist das erste Album einer ungeborenen Künstlerin.
Music Review
Jimi Tenor
Deep Sound Learning (1993-2000)
Bureau B hat unveröffentlichtes Material von Jimi Tenor geborgen und unter dem Titel »Deep Sound Learning (1993-2000)« veröffentlicht.
Music Review
Robbie Basho
The Art Of The Acoustic String Guitar 6 & 12
Robbie Basho gilt als Pionier der Steel Guitar. Jetzt wurde das tolle »The Art Of The Acoustic String Guitar 6 & 12« wiederveröffentlicht.
Music Review
Rogér Fakhr
Fine Anyway
Mit »Fine Away« hat das Label Habibi Funk Songs des libanesischen Songwriters Rogér Fakhr zusammengestellt und wiederveröffentlicht.
Music Review
S. Fidelity
Fidelity Radio Club
»Fidelity Radio Club« von S.Fidelity ist eine Melange aus Now-School-Rap, House und Funk, die den Produzenten als Schlüsselfigur entdeckt.
Music Review
Various Artists
Belong To The Wind
Ein Mix aus Peyote-Saft am Canapé und Kerzenschein beim Schlager-Open-Air: »Belong To The Wind« versammelt obskuren Psychrock der Siebziger.
Music Review
Niko Tzoukmanis
Hope Is The Sister Of Despair
Erstmals 2013 erschienen, ist »Hope Is The Sister Of Despair« von Niko Tzoukmanis jetzt auf Libreville Records wiederveröffentlicht worden.
Music Review
Robert Cotter
Missing You
»Missing You«, 1976 veröffentlicht und von Robert Cotter mit Musikern von Chic aufgenommen, wurde auf WeWantSounds wiederveröffentlicht.
Music Review
Gary Bartz, Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad
Jazz Is Dead 006
Diesmal haben sich Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad den Saxophonisten Gary Bartz für »Jazz Is Dead« auf die Bühne geholt.
Music Review
Gotham (Talib Kweli & Diamond D)
Gotham
»Gotham« heißt das gemeinsame Werk von Talib Kweli und Diamond D, welches ganz der Stadt New York City gewidmet ist, ohne zu verklären.
Music Review
Roc Marciano
Mt. Marci
»Mt. Marci«, Roc Marcianos Album aus dem letzten Jahr, ist nun endlich auf Vinyl erschienen.
Music Review
Steve O'Sullivan
Green Trax
Eine höchst aufschlussreiche Irrfahrt in die Techno-Historie: »Green Trax« versammelt Perlen des britischen Produzenten Steve O’Sullivan.
Music Review
Selda Bağcan
Selda
Das 1973 entstande Album »Selda« von Selda Bağcan ist eines der schönsten Zeugnisse türkischer Musik. Jetzt wurde es wiederveröffentlicht.
Music Review
Nils Frahm
Graz
Mit fast 12 Jahren Verspätung erscheint nun erstmals das in »Graz« aufgenommene Debütalbum von Nils Frahm.
Music Review
Michel Banabila
Wah-Wah Whispers
Mit »Wah-Wah Whispers« veröffentlicht das Hamburger Label Burea B zwischen 2013 und 2020 entstandene Stücke des Musikers Michel Banabila.
Music Review
Irena & Vojtěch Havlovi
Melodies In The Sand
»Melodies In The Sand« versammelt Stücke aus drei Jahrzehnten des tschechischen Musikerpärchens Irena und Vojtěch Havlovi.
Music Review
Various Artists
Edo Funk Explosion Vol.1
Analog Africa gräbt mit »Edo Funk Explosion Vol.1« den explosiven Sound des nigerianischen Bundesstaats Edo in den 1970er Jahren aus.
Music Review
Moor Mother & billy woods
BRASS
Moor Mother & billy woods… und noch ein gutes Dutzend mehr: Camae Ayewa dominiert »BRASS«, aber alle anderen dürfen auch mitreden.
Music Review
Various Artists
Silk Road Journey Of The Armenian Diaspora (1971-1982)
Darone Sassounian hat sieben Stücke für die Compilation »Silk Road Journey Of The Armenian Diaspora (1971-1982)« zusammengestellt.
Music Review
Ali Farka Touré
Red Album
Das als »Red Album« titulierte Debüt des malischen Gitarristen Ali Farka Touré wurde jetzt bei World Circuit wiederveröffentlicht.
Music Review
Prequel
Love (I Heard You Like Heartbreak)
»Love (I Heard You Like Heartbreak)« ist sieben Jahren nach seiner ersten EP Prequels Debüt-LP auf Rhythm Section International ab.
Music Review
Retrogott & Nepumuk
Metamusik
Der Funk schwebt über den Dingen. Mit »Metamusik« haben Retrogott und Nepumuk ein gemeinsames Album auf Sichtexot veröffentlicht.
Books Review
Christian Elster
Pop-Musik Sammeln
Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Christian Elster hat sich in einer Monographie mit dem »Pop-Musik Sammeln« beschäftigt.
Music Review
El Michels Affair
Yeti Season
El Michels Affair viben sich auf »Yeti Season« mit Stil und Expertise durch die Jahreszeit des Schneemenschen.
Music Review
Irakli
Major Signals
Nach einer Reihe von EPs veröffentlicht der Berliner Produzent und Staub-Mitveranstalter Irakli sein Debütalbum auf »Major Signals«.
Music Review
Electric Jalaba
El Hal (The Feeling)
Die in London lebenden Marokkaner Electric Jalaba sind jetzt bei Strut untergekommen und veröffentlichen dort ihr neues Album »El Hal«.
Music Review
Lazy Jones & Hazenberg
Unter Einem Berg
»Unter einem Berg« von Lazy Jones & Hazenberg klingt so vertraut, dass sie geeignet für das ständige Tippen der Wiederholungstaste ist.
Music Review
Lana Del Rey
Chemtrails Over The Country Club
Mit »Chemtrails Over The Country Club« spinnt Lana Del Rey ihr große Kapitalismus-Cinema-Popkunst weiter.
Music Review
Gianni Brezzo
The Awakening
Unter dem Alias Gianni Brezzo veröffentlicht der Kölner Marvin Horsch mit »The Awakening« ein Album auf Jakarta Records.
Music Review
Nico Mecca
Floppy Computer
Irgendwo zwischen Kraftwerks Autobahn und Mort Garsons Gewächshaus: Periodica Records veröffentlicht »Floppy Computer« von Nico Mecca.
Books Review
Marie Staggat & Timo Stein
HUSH - Berlin Club Culture In A Time Of Silence
Fotografin Marie Staggat und Autor Timo Stein halten in »HUSH« den andauernden Ausnahmezustand in Bild und Wort fest.
Music Review
Panoptique
How Did You Find Me?
Diese Musik schreit nach Kontakt: Panoptique haben ihr neues Album »How Did You Find Me?« bei Macadam Mambo veröffentlicht.
Music Review
Reymour
Leviosa
Abwechslungsreiches Debüt: Das Schweizer Synthpop-Duo Reymour veröffentlichen mit »Leviosa« auf Knekelhuis ihr erstes Album.
Music Review
Grandbrothers
All the Unknown
Mit »All The Unknown« erweitern die Grandbrothers ihre Klangpalette. Es gelingt ihnen dennoch ein in sich kohärentes Album.
Music Review
Gabrielle Roth & The Mirrors
Selected Works (1985-2005)
»Selected Works (1985-2005)« versammelte elf Stücke der amerikanischen Tänzerin und Schamanistin Gabrielle Roth auf einer Schallplatte.
Music Review
Sarah Davachi
All My Circles Run
Mit »All My Circles Run« kehrte Sarah Davachi erstmals dem Synthesizer den Rücken zu. Jetzt hat die Komponistin die LP neu veröffentlicht.
Music Review
Maulawi
Maulawi
1973 aufgenommen, niemals veröffentlicht: Nun ist erstmals »Maulawi« von Maulawi Nururdin veröffentlicht worden.
Music Review
Nadia Struiwigh
Oooso
Die Niederländerin Nadia Struiwigh hat mit »Oooso« vier neue Tracks auf Nous’klaer Audio veröffentlicht. Und das mit einigem Gewinn.
Music Review
Julien Baker
Little Oblivions
Auf »Little Oblivions« ist Julien Baker laut geworden. Gleichzeitig schreibt sie immer noch Songs, die im Kern fragil sind.
Music Review
Various Artists
La Ola Interior
Mit »La Ola Interior« ist jetzt ein Zeitdokument erschienen, dass die Stimmung des postfranquistischen Spaniens einfängt
Music Review
Dax Pierson
Nerve Bumps (A Queer Divine Disappointment)
Freunde des Labels Anticon. kennen Dax Pierson noch. Jetzt veröffentlicht er sein Solodebüt »Nerve Bumps (A Queer Divine Disappointment)«.