Music Review | verfasst 04.09.2011
Chilly Gonzales
The Ivory Tower
Heavenly Sweetness, 2010
Text Markus von Schwerin
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (2)
7.5
Redaktion
Cover Chilly Gonzales - The Ivory Tower

»Without the competition will I become a hippie or a hipster with no ambition?« Das fragt sich Chilly Gonzales in The Grudge, einem der gerade mal vier Stücke seines siebenten Albums, die einen Text vorweisen. In den titelgebenden Turm schien sich der Künstler nach der ernüchternden Resonanz auf das 2008er Vorgänger-Album Soft Power (seine Hommage an das Popjahr 1978, die hier in Earth, Wind & Fire-artigen Gute-Laune-Stücken wie You Can Dance oder Knight Moves fortgeführt wird ) tatsächlich eine Weile zurückgezogen zu haben. Die Erfahrung, dass dasselbe Team, welches die Feist-Alben zu Bestsellern machte (er und Renaud Letang), ihn als Singer/Songwriter nicht etablieren konnte, sah der Enddreißiger als Zeichen für eine neue Kreativkonstellation. Mit Erfolg! Dem elf Jahre jüngeren House-Produzenten Boyz Noise ist es geglückt, den Klaviervirtuosen bei allen Stücken in den Mittelpunkt zu stellen und dabei trotzdem fürs tanzbarste Gonzales-Album seit Presidential Suite (2003) zu sorgen: das aus polyrhythmischem Schnipsen und Piano-Loops zusammengesetzte Never Stop geriet ebenso clubtauglich wie I Am Europe, jene Ohrfeige im ABBA-Gewand, in welcher der Kanadier seine unappetitlichsten zales:Reiseeindrücke (»I’m an imperial armpit sweating Chianti, I’m a toilet with no seat…«) aneinander reiht. Zugleich ist Ivory Tower Soundtrack eines gleichnamigen Films, in dem Gonzales einen Ex-Schachweltmeister verkörpert, der für eine wettkampffreie Spielweise (»Chess Jazz«) plädiert. Mit Vollbart und Wuschelmähne ähnelt er in diesem Streifen verblüffend Kevin Godley, an dessen satirische Geniestreiche – als Hälfte von Godley & Creme – das eingangs zitierte Missgunstlied auch musikalisch erinnert. Weshalb Chilly Gonzales das Album 2010 nur auf CD veröffentlichte, bleibt des Künstlers Geheimnis. Dass es nun – zeitgleich mit seinem orchestralen Rap-Opus The Unspeakable Chilly Gonzakes – bei den Soul-Spezialisten von Heavely Sweetness nachträglich als Deluxe-Doppel-LP erscheint, ist natürlich zu begrüßen!

Das Album The Ivory Tower von chilly Gonzales findest du bei hhv.de: 2LP | CD
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Interview | verfasst 09.06.2011
Chilly Gonzales
»Hip-hop's piano player«
Das Klavier, ein Instrument, dass uns an den Kern der Musik und ihrer Komposition und Dramaturgie führen kann. Dass dies auch in der Popmusik Gültigkeit hat, dem sollen eine Reihe von Gespräche nachspüren. Den Anfang macht: Gonzales.
Music Bericht | verfasst 04.01.2012
Chilly Gonzales
Live am 30.12. in der Kölner Philharmonie
Kurz vor Jahresende lud Chilly Gonzales zum Klavierabend in die Kölner Philharmonie und veranstaltet eine Show, die eben so unvergessen bleiben wird wie das berühmte The Köln Concert von Keith Jarrett.
Music Review | verfasst 18.10.2012
Gonzales
Solo Piano II
»Solo Piano II« ist nicht besser oder schlechter als sein älterer Vorgänger – es ist einfach die bestmögliche Fortsetzung.
Music Review | verfasst 10.04.2014
Kevin Drew
Darlings
Kevin Drew, Gründungsmitglied von Broken Social Scene, veröffentlicht nach 7 Jahren mit »Darlings« sein zweites Soloalbum.
Music Review | verfasst 23.03.2017
Kid Koala & Emiliana Torrini
»Music To Draw To: Satellite«
KId Koala macht wieder zweckorientierte Musik – mit »Music To Draw To: Satellite«, für die er Emiliana Torrini ins Studio geholt hat.
Music Review | verfasst 16.06.2011
Chilly Gonzales
The Unspeakable Chilly Gonzales
Mit seinem »first orchestra rap album« gelingt Gonzales ein filmisch-opulenter, doch intimer Rückblick auf sein musikalisches Schaffen.
Music Review
De Ambassade
Standhouden
Der auch als Dollkraut bekannte Musiker Pascal Pinkert legt mit »Verwijder Jezelf« und »Standhouden« zwei neue Tracks als De Ambassade vor.
Music Review
Gerhard Heinz
OST The Story Of The Dolls
Mucke für Tage, an denen einem die Sonne aus dem Arsch scheint: »OST The Story Of The Dolls« von Gerhard Heinz wird wiedervöerffentlicht.
Music Review
Ebi Soda
Ugh
Jede Woche neue interessante Jazzbands aus Großbritannien: Nun haben die aus Brighton kommenden Ebi Soda ihr Debüt »Soda« veröffentlicht.
Music Review
Imagination
Shake It
Das Label The Artless Cuckoo veröffentlicht zum vierzigjährigen Jubiläum das vielgesuchte »Shake It« der Düsseldorfer Band Imagination neu.
Music Review
Zmatsutsi, Tross, Houschyar
Various Lurkers 3
Mit »Various Lurkers 3« setzt Space Ritual ihre Labelreihe fort. Darauf sind sehr gute Tracks von Zmatsutsi, Tross und Houschyar zu hören.
Music Review
Earl Sweatshirt
Feet Of Clay
»Feet Of Clay« ist ein Fragment dessen, was Earl Sweatshirt ausmacht. Es besitzt die Dringlichkeit und Haltung, die Underground verkörpert.
Music Review
Jon Hassell
Seeing Through Sound Pentimento Vol.2
Nur konsequent: Zwei Jahre nach »Listening To Pictures« geht es bei Jon Hassell mit »Seeing Through Sounds« synästhetisch weiter.
Music Review
Minyo Crusadres / Frente Cumbiero
Minyo Cunbiero
Japan trifft Kolumbien: Auf »Minyo Cunbiero« verschmilzt das beste der Kombos Minyo Crusadres und Frente Cumbiero zu einer wilden Sause.
Music Review
Jessy Lanza
All The Time
Wieder gemeinsam mit Jeremy Greenspan bündelt Jessy Lanza auf »All The Time“ ihre Kräfte zu auf den Punkt angespitzten R&B-Pop-Nummern.
Music Review
Jason Molina
Eight Gates
Sieben Jahre nach seinem Tod erscheinen mit »Eight Gates« nun unveröffentlichte Aufnahmen des amerikanischen Songwriters Jason Molina.
Music Review
Eiko Ishibashi
Hyakki Yagyō
Auf »Hyakki Yagyō« bringt Eiko Ishibashi auf zwei Klangcollagen wunderbar-wunderliche Sounds in fließende Bewegungen.
Music Review
Tadao Sawai, Kazue Sawai, Takeshi Inomata, Norio Maeda, Hozan Yamamoto
Jazz Rock
Mr Bongo veröffentlicht das zuerst 1973 veröffentlichte »Jazz Rock« des Koto-Spielers Tadao Sawai und weiterer Mitstreiter erstmals neu.
Music Review
Manfredo Fest
Brazilian Dorian Dream
»Brazilian Dorian Dream«, das 1976 erschienene Album des Brasilianers Manfredo Fest, ist Bossa Jazz der ansteckend eleganten Sorte.
Music Review
Various Artists
Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown
Auf »Kaleidoscope: New Spirits Known & Unknown« beleuchtet Soul Jazz Records die umtriebige britische Jazzszene vielfältig und genau.
Music Review
Voz Di Sanicolau
Fundo De Mare Palinha
Analog Africa hat »Fundo De Mare Palinha«, 1976 aufgenommene Musik der kapverdischen Band Voz Di Sanicolau, wiederveröffentlicht.
Music Review
SW.
Night
»Night« ist das dritte Album von Stefan Wust unter seinem Alias SW., das erste außerhalb seines Labels SUED. Diese Platte ist ein Abenteuer.
Music Review
Adult Fantasies
Towers Of Silence
Eine ausgesprochen verdienstvolle Zusammenstellung bringt uns Stroom in diesen Tagen mit »Towers Of Silence« der Belgier Adult Fantasies.
Music Review
Zara McFarlane
Songs Of An Unknown Tongue
Femininer Vocal Jazz muss nicht wie Norah Jones klingen: Zara McFarlane hat mit »Songs Of An Unknown Tongue« ihr viertes Album vorgelegt.
Music Review
Blu & Exile
Miles
Nach acht Jahren kommen Blu und Exile wieder für ein Album zusammen. »Miles« zeigt, dass sich nur wenige Duos so ergänzen wie diese zwei.
Music Review
Sharhabil Ahmed
The King Of Sudanese Jazz
Wunsch nach einer neuen Freiheit: Mit »The King Of Sudanese Jazz« veröffentlicht Habibi Funk nun Musik von Sharhabil Ahmed.
Music Review
Bob Dylan
Rough And Rowdy Ways
Mit »Rough And Rowdy Ways« lädt Bob Dylan ein, sich auf dem Schoß des Onkels endlich gemütlich zu machen. Oder ist bloß alles eine Finte?
Music Review
Adaye
Turn It Up
Leise spielen ist nicht: »Turn It Up«, der Bubblegum der südafrikanischen Band Adaye (ihr einziger Hit), sollte laut gehört werden.
Music Review
Karate Boogaloo
Carn The Boogers
Urlaub in Italien war gestern. Heute holt man sich Aruba, die Beach Boys, gute Laune mit Karate Boogaloos »Carn The Boogers« ins Schwimmbad.
Music Review
Jim O'Rourke
Shutting Down Here
Anfang der Neunziger war Jim O’Rourke erstmals in den legendären GRM-Studios zu Gast. Für »Shutting Down Here« kehrte er dorthin zurück.
Music Review
Nullptr
Future World
Der Electro von Nullptr auf »Future World« kommt dem Titel widerstrebend ohne aufgesetzte Zukunftsvisionen aus.
Music Review
Yumiko Morioka
Resonance
Mit »Resonance«, ihrem einzigen Album aus dem Jahr 1987, lässt Yumiko Morioka Teile postklassischer Musik jüngerer Machart obsolet wirken.
Music Review
Julianna Barwick
Healing Is A Miracle
Julianna Barwick lässt auf »Healing Is A Miracle« den einen oder anderen Fremdkörper in ihrer Musik zu. Tut das nur wohl oder sogar Not?
Music Review
Jay Glass Dubs
Soma
Jay Glass Dubs tritt auch auf »Soma« für mehr Melodie, für mehr Hall, für Elegie am Sonnendeck ein.
Music Review
Jura Soundsystem
With You EP
Kevin Griffiths hat für sein Projekt Jura Soundsystem die alten Maschinen wieder angeschmissen und die »With You EP« aufgenommen.
Music Review
Rie Murakami
Sahara
»Sahara« von der ansonsten unbekannten Japanerin Rie Murakami wurde 1984 veröffentlicht. Ein Album ohne Eigenschaften, doch voller Hits.
Music Review
Vague Imaginaries
L'ile Sous L'eau
Nur kurz nach Erscheinen seines Albums »L’Île D’or« legt Vague Imaginaries mit »L’ile Sous L’eau« eine EP nach.
Music Review
Alhousseini Anivolla & Girum Mezmur
Afropentatonism
Verschmelzen der Welten: Auf »Afropentatonism« treffen Alhousseini Anivolla aus dem Niger und Girum Mezmur aus Äthiopien zusammen.
Music Review
Haiyti
Sui Sui
Das Prädikat Pop reicht hierfür nicht aus: »Sui Sui«, das vierte Album von Haiyti, ist eine Machtdemonstration.
Music Review
Skudge
Time Tracks
Mit »Time Tracks« will Elias Landberg alias Skudge mal wieder die Zeit anhalten. Doof nur, dass er sie manchmal zurückdreht.
Music Review
The Exaltics & Heinrich Mueller
Dimensional Shifting
The Exaltics macht erstmal mit Heinrich Mueller alias Gerald Donald gemeinsame Sache. »Dimensional Shifting« ist eins nicht: vorgestrig.
Music Review
Mulatu Astatke & Black Jesus Experience
To Know Without Knowing
Auch auf »To Know Without Knowing«, seinem neuen Album mit Black Jesus Experience, ist Mulatu Astatke unverkennbar.
Music Review
Croatian Amor
All In The Same Breath
Loke Rahbek hat mit »All In The Same Breath« ein neues Album unter seinem Moniker Croatian Amor bei Posh Isolation veröffentlicht.
Music Review
Dee Dee Bridgewater
Afro Blue
1974 nur in Japan veröffentlicht, bekommt »Afro Blue«, das Debüt von Dee Dee Bridgewater jetzt eine zweiten Anlauf auf Mr Bongo spendiert.
Music Review
Soul Media
Funky Stuff
Das 1975 nur in Japan veröffentlicht Album »Funky Stuff« von Jiro Inagaki’ Soul Media wurde jetzt bei Nippon Columbia wiederveröffentlicht.
Music Review
Oiro Pena
2
Der finnische Multiinstrumentalist Antti Vauhkonen veröffentlicht Versponnes mit seiner bei Jazzaggression erschienenen Vinyl 10-inch »2«.
Music Review
Groupe RTD
The Dancing Devils Of Djibouti
Hand hoch, wer Dschibuti auf dem Globus auscheckt. Musikalisch war das afrikanische Land noch gar nicht auf der Landkarte verzeichnet.