Die Kulturszene hat es unter Kulturstaatsminister Wolfram Robert Wilhelm Weimer schwer. Die Popszene trifft es oft besonders hart. Das liegt nicht nur daran, dass sie von den politischen Entscheidungsträgern und Chefetagen oft als politisch links wahrgenommen oder in Zeiten knapper Mittel plötzlich wieder ein Graben zwischen E (dem Ernsthaften) und U (Unterhaltung) geöffnet wird, sondern auch daran, dass Pop im Kleinen entsteht. Innovation, Zeitgeist, Szenen, »das Neue« (Boris Groys), »das Kulturelle« (Jochen Bonz) entwickeln sich in den Nischen. Sie werden vor Publikum in Clubs mit weniger als 500 Besuchern erprobt. Gerade diese sind nun besonders von steigenden Produktionskosten, nachlassendem Zuschauerinteresse und Ignoranz durch die Politik betroffen. Das führt zu steigenden Eintrittspreisen oder Streichung von Veranstaltungen, was den Zugang zu Kunst in vielerlei Hinsicht versperrt, wie Wolfgang M. Schmitt in Surplus ausführt.
Doch auch Institutionen wie das Reeperbahn-Festival sind betroffen. »Weimer weiß, wo Kultur ist«, schreibt Detlef Diederichsen in der taz. »In Bayreuth zum Beispiel. Da gibt er gern.« Und ergänzt: »Das Hamburger Reeperbahn-Festival klingt da allein schon von der Location her eher anrüchig und kulturfern. Also Förderung halbieren.« Halbieren also. Die Kürzung der Fördermittel des Bundes ab 2027 ist eine klare politische Entscheidung und nicht auf knappe Ressourcen zurückzuführen (was nicht unwichtig ist, das immer wieder zu betonen!). Das Festival stellt sich in seinem diesjährigen Motto nach dieser Entscheidung halbironisch selbst infrage: »Forever legit?« Wenn der Staat einem die Legitimation entzieht, muss man sie sich selbst erarbeiten.
Ach, so kulturfern also
Vom 16. bis 19. September wird Hamburg also zu einer einzigen Partymeile. Es werden in mehr als 50 Spielorten über 300 Acts auftreten ( das Line-Up ist super abwechslungsreich, eine kleine Auswahl findet ihr weiter unten), darunter über 170 FLINTA*-fronted Acts aus mehr als 30 Ländern. Insgesamt positioniert sich das Festival in diesem Jahr, in einem Moment, in dem seine eigene Förderung als »kulturfern« abgewertet wird, explizit gesellschaftspolitisch: Es gibt zum Auftakt eine Keynote von Schiller über Kriegserfahrung, die Ukraine ist »Guest Country of Honour«, es gibt die Installation »Shifting Perspectives« von Keychange x Bona Berlin zu Diversität und Geschlechtergerechtigkeit im Kulturbetrieb sowie die Ausstellung »Humans in Transit« zusammen mit Ärzte ohne Grenzen, die Fluchtgeschichten über die Mittelmeerroute thematisiert.
Und hier noch ein letzter Grund, weshalb das Reeperbahn-Festival in diesem Jahr so wichtig ist: In einer Zeit, in der Kulturförderung, kleine Strukturen und unabhängige Musikorte unter Druck geraten, wird das Reeperbahn-Festival auch als Versammlungsort wichtig. Nicht, weil dort die gesamte Szene abgebildet wäre – das ist leider nicht der Fall –, sondern weil dort sichtbar wird, wie sehr Popmusik von Räumen, Begegnungen und Infrastruktur lebt. Sebastian Hinz




1000 Rabbits
Wenn eine Band den Club The Windmill in Brixton betritt, scheint ihr eine Art Diplom in Art-Rock ausgestellt zu werden. Alumni: Black Country, New Road, Squid, Black Midi, Shame. Jüngst graduiert: 1000 Rabbits. Die fünf Musiker:innen nutzen einen Bass-Synthesizer als Fundament und fügen Violine, Gitarre, Schlagzeug und Gesang hinzu. Synthetik trifft Natürlichkeit. Flüstern auf Schreie. Es ist intime Musik für Leute, denen das Intime zu intim ist. SH
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Boutique Feelings
Vielleicht die letzte Chance, Boutique Feelings als Geheimtipp zu sehen. Dieser Hip-Hop mit »echter« Instrumentierung ist dermaßen gut, frei und eigenständig, dass die Stimmen in den vergangenen zwei Jahren mehr und lauter geworden sind, die Karim Lakhdar aus Montréal zum real deal ausgerufen haben. Und: Das ist alles gemacht, um mit Band und großer Dringlichkeit live gespielt zu werden. PK
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daoud
Der französisch-marokkanische Trompeter daoud – bürgerlich: Luc Klein Ben Abdeslam – weiß, wie es ist, nicht dazuzugehören. Und er überträgt diese Erfahrung in seinen Jazz. Puristen werden ihn hassen – und genauso will er es. Seine letzte EP Hoods setzt auf Hip-Hop-Grooves als Grundlage, auf seinem Debüt Good Boy von 2024 sind auch mal technoide Rhythmen zu hören. Sein 2025er Album ok auf ACT entzieht sich allem und öffnet sich zugleich. Wenn du dich vom Jazz bislang ausgeschlossen gefühlt hast: Hier ist dein Ort. SH
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GB
Eines der letzten Releases von Posh Isolation war Gusse Music, das Debüt von Gustav Berntsen, auch bekannt als GB. Das inzwischen leider eingestellte Kopenhagener Label hatte sich einen Namen gemacht, indem es Ideen aufzeigte, wie Pop im Hier und Jetzt klingen könnte. Die Musik von GB repräsentiert exakt das: Pop-Songs. Hier mit Jazz-Rock-Vibes, aber unverblümt und unmittelbar. Aufgenommen in der schwedischen Ödnis. Texte aus Zeitungschnipseln aneinandergereiht: »This chaos, / these fever dreams, / secrets and lies, / losing touch with reality, / let’s make out«. Und trotzdem diese enorme emotionale Wucht. Das Einfache so komplex. SH
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Gia Margaret
Gia Margaret ist eine Singer-Songwriterin, der zwischenzeitlich das Singing durch eine Infektion der Stimmbänder verunmöglicht wurde. Inzwischen ist ihre Stimme in ihrer ganzen gekonnten Delikatheit zurückgekehrt – geblieben ist die Experimentierfreude, die aus der temporären Stimmlosigkeit erwachsen ist. Versteckte Autotune-Momente, Downbeat-Instrumentierung und der Mut zur Fläche machen ihre Musik zu einer Insel der Introspektion zwischen den vielen Welle-machenden Bands beim diesjährigen Reeperbahn Festival. PK
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Josi Miller
Ein Josi-Miller-DJ-Set? Da kommst du hin und bist nicht unprepared. Du kommst aufgewärmt! Weil: Josi Miller ist üblicherweise keine, die auf einen langsamen Build-Up setzt. Die Trettmann-/Frauenarzt Tour-DJ sucht an der Schnittstelle von Hip-Hop und elektronischer Musik die Gegend, wo der größte Bounce liegt. Du kommst hier hin und puttest deinen back into it. PK
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Lynx IRL
Rap und sehr, sehr dance-y Instrumentals, da weiß ja jeder: it’s a thing. Was die Musik von Lynx IRL aus Lille von den hiesigen Entwürfen unterscheidet, ist, dass ihr Sound weniger von Eurotrance inspiriert ist als von eher analoger 90er-Jahre-Dance-Musik. Mit »FOCUS« hat die Französin gerade erst einen neuen Song veröffentlicht, der noch mal in eine andere Kerbe schlägt – kennen hier noch alle The Prodigy? PK
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Moses Yoofee Trio
Wer »Moses Yoofee Trio« sagt, muss auch »live« sagen. Der Text könnte hier auch enden. Könnte, könnte, Bananenbrot. Daher: Das Berliner Trio hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Energie ihres Jazz zu destillieren. Virtuosität schwingt mit, wird aber nicht ausgestellt. Stattdessen volle Konzentration auf Textur, Dynamik, Präzision. Also: Wie kompliziert kann der Groove sein, ohne den Vibe zu killen? Ziemlich sehr, wirst du noch denken, während du beim Tanzen dich selbst im Staunen vergisst. SH
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Peki Momés
Einfach mal machen! Nimm dir ein Instrument und musiziere drauflos. Benutze das Klavier auf eine Weise, die deinen Klavierlehrer die Nase rümpfen lässt. Mixe Genres, hier anatolischer Rock, da japanischer City Pop, Funk, Soft Rock, Library Music, dies das. Totaler Spieltrieb. Klingt das nicht very punk? Das dachte sich wohl auch Iggy Pop und spielte »Rüya« von Peki Momés in seiner BBC-Radiosendung. A star is born. Na ja, also fast. Zuvor ist noch das Reeperbahn Festival. SH
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TAM
Don’t regretti! TAM sollte man schon gesehen haben. Die Musik der Berlinerin pulsiert mit diesem old-school Herz, das einfach eine andere Grobkörnigkeit und einen tief verinnerlichten Groove produziert, der so guuut reingeht und so guuuut tut. Soul, R&B, Rap, Little Simz, Cleo Sol; Beat und Sinnlichkeit. PK
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