Die ursprüngliche Idee hinter der Veröffentlichungsreihe In the Fishtank war simpel: eine Band bekam ein bisschen Studiozeit und konnte die Ergebnisse direkt im Anschluss veröffentlichen. Das mag heute kaum innovativ klingen, brachte aber einige der interessantesten Platten der 1990er- und 2000er-Jahre hervor. Zwischen den Jahren 1996 und 2009 hielt In the Fishtank in 15 Ausgaben einzigartige Momente fest, die meist innerhalb von nur zwei Tagen entstanden und nicht selten improvisiert waren.

In The Fishtank 15 Turquoise Vinyl Edition

In The Fishtank 14

In The Fishtank

In The Fishtank 7
Das niederländische Label Konkurrent hatte bereits mit frühen Einträgen bewiesen, dass es stilistisch aufgeschlossen war. Ein Wendepunkt kam im Jahr 1999, als die Post-Rocker Tortoise mit den niederländischen Art-Punks The Ex gemeinsame Sache machten. Das sorgte nicht nur für jede Menge Reibereien im Studio, sondern ebnete auch den Weg für weitere einmalige Kollaborationen zwischen verschiedenen Bands und Künstler:innen, die In the Fishtank mit etwas Verzögerung in die Musikgeschichte eingehen ließen.
Nicht alle dieser spontanen und nicht selten improvisierten Sessions sorgten für großes Aufsehen. Doch die gemeinsamen Veröffentlichungen von Größen wie Low und Dirty Three, Motorpsycho und der Bläsersektion von Jaga Jazzist sowie die letzte In the Fishtank-Ausgabe mit Singer-Songwriter Sparklehorse und dem Drone-Gitarristen Fennesz werden zu Recht als Meilensteine gehandelt. Obwohl Konkurrent keine neuen Ausgaben mehr produziert, legt das Label weiterhin Perlen aus dem Backkatalog neu auf.
Die unverwechselbaren monochromen Artworks wurden ebenso ikonisch wie die Serie selbst. Eine ganze Generation von Musikfans wusste nie genau, was von der Reihe zu erwarten war, und konnte dennoch sicher sein, dass es besonders sein würde. Der »In the Fishtank«-Katalog mag überschaubar sein, Neulinge haben trotzdem die Qual der Wahl. Die folgende Auswahl von zehn Veröffentlichungen zeichnet die Geschichte der Serie nach und hebt dabei auch einige der weniger bekannten Titel hervor.

Als Nomeansno 1996 ihre erste Europatournee antraten, waren die kanadischen Jazzcore-Provokateure bereits legendär. Für den ersten Teil der In the Fishtank-Reihe nahmen sie einige ältere Songs, einen neuen Titel namens »You’re Not One« sowie ein Cover eines The-Residents-Stücks auf und begründeten wie nebenbei damit die Tradition, innerhalb der Reihe einflussreichen Bands Tribut zu zollen. Mit ihrer minimalistischen Produktion fängt diese Platte die frenetische Live-Energie der Gruppe elegant ein.
Kristoffer Cornils
Zwar fokussierte sich »In the Fishtank« größtenteils auf Gitarrenmusik, doch bereits 1998 bildete die dritte Ausgabe eine Ausnahme von dieser Regel. Wie andere frühe Beiträge wurde auch die Session der The Tassilli Players vom belgischen Label Atomic auf Vinyl veröffentlicht. Unter dem irreführenden (Unter-)Titel »at the cowshed« wich sie vom gewohnten Pfad ab und erweiterte das Klangspektrum: Das Nebenprojekt der deutschen Gruppe Zion Train beschwört bassigen Dub hervor, der zunehmend abstrakter wird.
Kristoffer Cornils
Der Wendepunkt für In the Fishtank war das unerwartete Zusammentreffen von Tortoise und The Ex. Aufgenommen im Jahr 1998 während der TNT-Europatournee der Chicagoer Band, bei der die Amsterdamer als Vorgruppe auftraten, legte es den Grundstein für die Legende um die Reihe. Die Kings of Cool Tortoise trafen auf eine feurige Freakshow. »Wenn man mit einer Band wie Tortoise spielt, ist es fast schon zu einfach«, sagte Terry Ex später – angesichts der spürbaren Reibungen zwischen den Bands eine überraschende Aussage.
Kristoffer Cornils Sebastian Hinz
Die Kollaboration zwischen den Sadcore-Legenden Low und den Instrumental-Rockern Dirty Three – beide waren für das heutzutage in Den Haag ansässige Festival Crossing Border in Amsterdam – war schon eher einleuchtend. In the Fishtank 7 wirkt inklusive seiner 9 ½-minütigen Interpretation von Neil Youngs »Down by the River« ausgereifter, als eine spontane Session es hätte sein sollen. Die Stücke sind von subtilen Dynamiken verwoben, die so natürlich fließen, als wäre all das von langer Hand geplant gewesen.
Kristoffer Cornils
Die Rückkehr von The Ex erfolgte im Rahmen der Goodbye 20th Century-Tournee von Sonic Youth, während derer die Band Stücke von Avantgarde-Komponist:innen wie Christian Wolff und Pauline Oliveros interpretierten. Mit Mitgliedern des Instant Composers Pool um Han Bennink ließ das zehnköpfige Ensemble (Kim Gordon war nicht dabei) in diesen acht Stücken den Dingen einem freiförmigen Free-Jazz-/Improvisations-Freak-Out freien Lauf, wie das zuvor bei »In the Fishtank« noch nie passiert war.
Kristoffer Cornils
»Jaga Jazzist sind viel besser als wir: Das sind allesamt versierte Musiker, die eine richtige Ausbildung hatten«, klagten die Psych-Rocker von Motorpsycho, bevor sie mit der Bläsersektion der IDM/Jazz-Gruppe ins Studio gingen. In diesen 46 Minuten brauchen beide Seiten tatsächlich Zeit, um eine gemeinsame Basis und den passenden Groove zu finden. Sobald das indes gelingt, überzeugen die Ergebnisse – besonders im Falle der Interpretation von »Theme de Yoyo« des Art Ensemble of Chicago sowie des 20-minütigen Schlussstücks.
Kristoffer Cornils
2005 stellten Aufnahmen einer einzigen Band eine Seltenheit dar, zuletzt waren im Jahr 1999 June of 44 alleine im Studio. Karate wollten ihren Beitrag zu »In the Fishtank« dennoch zu etwas Besonderem machen. Sie öffnen mit einer eindringlichen Interpretation von Billie Holidays »Strange Fruit«, bevor sie sich Songs von Beefeater und Bob Dylan sowie vier Stücke von den Minutemen und »New Jerusalem« von Mark Hollis vornehmen. Das funktioniert nicht immer, doch der Dialog mit ihren Einflüssen bringt auch Großes hervor.
Kristoffer Cornils
In the Fishtank 13 ist in vielerlei Hinsicht eine Anomalie: Aufgenommen wurde die Session von Niederländer:innen, kam fast ohne Gitarre aus und näherte sich konventionellem Pop-Songwriting an. Die Indie-Künstlerin Solex hatte eine Reihe von Alben für Matador vorzuweisen, der Nachfolger des Maarten Altena Ensembles arbeitete an der Schnittstelle von zeitgenössischer Musik und Jazz. Nur logisch, dass diese vier Tracks aus der Reihe tanzen: Dieser oft übersehene Beitrag ist ebenso strange wie strong.
Kristoffer Cornils
Die Zusammenarbeit zwischen den gelegentlichen Tournee-Partnern Isis und Aereogramme schien geradezu unvermeidlich: Langsame Dynamiken und dichte Atmosphären prägten den Sound beider Bands, die gerade auf dem Zenit standen. Zwei der drei Stücke, »Delial« und »Stolen«, orientieren sich jeweils am Sound einer der beiden Bands. Doch der Opener »Low Tide« stellt gerade deshalb ein Highlight in ihren Diskografien dar, weil sich Isis’ grollende Slow-Mo-Metal-Riffs und die zärtliche Dramatik von Aereogramme perfekt ergänzen.
Kristoffer Cornils
»Es ist sehr ruhig und sanft«, sagte der Laptop-Gitarrist Fennesz in einem Interview mit TinyMixTapes im Vorfeld der Veröffentlichung der letzten Folge von In the Fishtank, zugleich das letzte größere Release vor dem Freitod seines Kollaborationspartners Mark Linkous alias Sparklehorse. Körnigen Ambient, zarten Drone-Pop, folkige Momente und sogar brutzelnde Noise-Eskapaden bieten diese sieben Stücke. Der abwechslungsreichste und wohl beliebteste »In the Fishtank«-Beitrag formuliert einen bittersüßen Abschiedsgruß.
Kristoffer Cornils
