2013 – Die 50 Alben des Jahres (Teil 2)

12.12.2013
Es war ein richtig gutes Jahr für alle Musikconnaisseure. Wir haben uns durch Alben und Mini-Alben gehört und 50 Highlights zusammengetragen. Lest hier Teil 2 der Liste…
Drohnen, Überwachungsskandal, weltweite Krisen: zu finden in sämtlichen Jahresrückblicken und auf James Ferraros Album mit dem ausdrucksstarken Titel »NYC, Hell 3:AM« Ferraro hat hier Zeitgeschichte in avantgardistische Pop-Musik gepackt. Und das zugänglicher, als man das vom New Yorker Querkopf gewöhnt ist. Widergespiegelt durch den Kontrast von MacBook-Sprachwiedergabe und Streichern greift Ferraro den Kampf von Man vs. Machine auf. Philipp Kunze

Janelle Monae
Electric Lady Colored Vinyl Edition
Bad Boy • 2013 • ab 26.99€
Die Saga geht weiter. Mit »The Electric Lady« veröffentlicht Janelle Monáe den nächsten Teil ihres Projekts, in dem sich Liebe und Futurismus vermischen. Keine wackelnden Hintern, keine knappen Outfits – Stil ist das Wort, um sich Janelle Monáe als Künstlerin zu nähern. Deutlich fokussierter als der Vorgänger ist »The Electric Lady« ein wenig unauffälliger – was die Qualität dieser Platte sehr gut tut. Es gab wohl bisher selten ein so durchdachtes Album, das sein Konzept so federleicht umsetzt. Björn Bischoff

Jessy Lanza
Pull My Hair Back
Hyperdub • 2013 • ab 16.99€
Wenn Jessy Lanza uns auffordert ihr das Haupthaar aus dem Gesicht zu befördern, hat das selbstredend nichts mit Emesis-Problemen zu tun, sondern fungiert als liebevolle Metapher für zarte R&B-Songs in postmodernem Gewand. Anders als The Weeknd, der sich musikalisch zunehmend an ausgetretenen EDM-Signifieren abarbeitet, findet Lanza mit ihrem Produzenten Jeremy Greenspan (Junior Boys, genau!) einen weniger aufdringlichen Weg ihre Harmonien in minimalistische, elektronische Popsongs zu pflegen. Dass »Pull My Hair Back« auf Hyperdub erscheint, ist dann auch gar nicht mehr die ganz große Überraschung. Eines der wichtigsten Pop-Alben des Jahres. Punkt. Florian Aigner

Jon Hopkins
Immunity
Domino • 2013 • ab 28.99€
R. Kelly hat nicht immer Recht. Nach der Party folgt meist nicht eine Zusammenkunft in der Hotel-Lobby. Eher schleppen sich melancholische Menschen mit entleertem Dopamin-Haushalt durch Häuserschluchten und haben keine Ahnung wo jemals wieder Antrieb herkommen soll. Dieses Gefühl fängt »Immunity« von Jon Hopkins ein. Die zweite Hälfte des Albums. Die erste klingt nach dem, was davor war: Party. Genauer gesagt nach Minimal-Techno, Trip-Hop-Anleihen und Post-Bass. Kaum ein Album 2013 hat so verschiedene Emotionen eingefangen, den Hörer umhüllt und in diesen zwischenweltlichen Sog zwischen Euphorie und Depression gezogen. Philipp Kunze

Julia Holter
Loud City Song
Domino • 2013 • ab 17.59€
Auf ihrem dritten Album zieht Julia Holter eine beeindruckende Atmosphäre auf. Taumelnd durch die nächtlichen Straßen rollen Bläser und Synthies dahin. Im Gegensatz zu ihren Platten davor nahm die Amerikanerin »Loud City Song« nicht in ihrem Schlafzimmer aus – wäre auch ein wenig eng geworden. Denn Holters Song haben viel mehr Facetten bekommen, pulsieren und funkeln in der Dunkelheit, sind so sanft und leicht. Ein Album, in dem man sich selbst verlieren kann. Und möchte. Björn Bischoff

Kanye West
Yeezus Clear Vinyl Edition
• 2013 • ab 11.99€
Ja, er ist vermutlich das größte Arschloch der vor Arschlöchern nicht gerade rar-gesäten Musikindustrie. Doch Mr. Wests leidenschaftliche Egozentrik gipfelte bei »Yeezus« in einer musikalisch-bombastischen Chewbacca-Defensive, die so verstörend ich-bezogen, faszinierend blasphemisch und unangepasst großartig war – man konnte gar nicht wegschauen. »Album des Jahres«-Diskussionen sind ohnehin überflüssig, denn wer sonst konnte mit einem unbeschrifteten CD-Rohling die Welt dieses Jahr so in Atem halten? Fionn Birr

King Krule
6 Feet Beneath The Moon
XL Recordings • 2013 • ab 28.99€
Das Debütalbum von King Krule besticht durch die lyrischen Qualitäten und die überraschende musikalische Reife des jungen Musikers. Archie Samuel Marshall führt mit Gitarre, Samples, Loops und seiner rauen Stimme durch die wilden Gedankengänge und Anekdoten zwischen jugendlichem Leichtsinn und der Ernsthaftigkeit des alltäglichen Lebens im urbanen Raum. Dabei vermeidet er auf »6 Feet Beneath The Moon« geschickt eine eindeutige musikalische Genrezuordnung und stärkt damit seine künstlerische Identität, die er bereits unter dem Künstlernamen Zoo Kid verfolgt hat. Henning Koch

Koreless
Yugen EP
Young Turks • 2013 • ab 12.99€
So schwerelos kann Radikalität klingen. Koreless hat sich mit seiner »Yugen EP« komplett vom Beat verabschiedet. Dabei baut Koreless keine Flächen, die sich in der Unendlichkeit verlieren, noch betont er das Ende oder feiert es. Stattdessen erlaubt er jedem einzelnen Song bis zum letzten Funken auszuglühen. So beiläufig das Album an Synth-Flächen gezogen an einem vorbei zu schweben scheint, so nachhaltig ist doch der Eindruck, den es hinterließ. Philipp Kunze

Kwes
Ilp
Warp • 2013 • ab 7.99€
Skizze war gestern. Ähnlich wie Dean Blunt auch auch Kwes sich auf seinem Debütalbum mehr Struktur als noch auf der Vorgänger-EP zugestanden. »Ilp« schwebt trotzdem noch über Pop und R&B, verflüssigt sich im Psychedelischen bevor es vom Bass beschwert wieder Substanz annimmt. Kwes war einer der spannendsten Akteure des Jahres, doch v.a. spürt man in diesem Sound auch noch eine Menge unausgeschöpftes Potential. Lust auf Mehr ist doch immer das beste Zeichen. Philipp Kunze

Machinedrum
Vapor City
Ninja Tune • 2013 • ab 11.99€
Ohne, dass man es so richtig gemerkt hätte, hat sich Machinedrum in den letzten Jahren zum Fixpunkt für alles entwickelt, was sich auf der Insel so Post-Post-Dubstep-mäßig tut. Bei Machinedrum läuft die musikalische Entwicklung zusammen und er bringt sie scheinbar problemlos auf den Punkt. Machinedrum schneidert wieder einen eleganten Anzug britischer Electronic auf eckige Juke-Gerüste, spielt mit Jungle, schneidet sanfte Vocal-Samples rein. Schlüssig, vielseitig und mit einer Selbstverständlichkeit, dass wir »Vapor City« fast für diese Liste vergessen hätten. Philipp Kunze

Maxmillion Dunbar
House Of Woo
Rvng Intl. • 2013 • ab 18.19€
Mit »House Of Woo« und dem Beautiful Swimmers Album »Son»« hatte Maxmillion Dunbar 2013 gleich zwei heisse Eisen im Feuer. Doch während »Son« – nicht minder großartig – auch als Compilation vergangener Swimmers-Maxi fungierte, blieb »House of Woo« der genuinere Entwurf in Max D’s eigenwilliger Housewelt zwischen 100 umd 125 BPM, die New Age und Hedonismus gleichermaßen zusammenführt und sich dabei eine laszive Sleazyness bewahrt. Und da wären noch diese Hi-Hats, der Max, der hat einfach die schönsten! Paul Okraj

Mount Kimbie
Cold Spring Fault Less Youth
Warp • 2013 • ab 28.99€
Mit ihrem ersten Album für Warp schreiben Mount Kimbie souverän den eigenen Sound fort. »Cold Spring Fault Less Youth« klingt dabei immer überraschend – etwa durch den Einsatz von mehr Live-Instrumenten und Gesang (dem eigenen als auch dem des Durchstarters King Krule). Doch das Duo bleibt natürlich fest im Elektro-Kosmos aus zurückhaltenden, teils frickligen Percussions, nicht immer geraden Kicks und seltsam getimten Melodien. Reduziert, aber durchaus ambitioniert, warm und absolut modern. Martin Silbermann

Perera Elsewhere
Everlast
Friends Of Friends • 2013 • ab 16.99€
Perera Elsewhere spielt die ›Percussions‹ auf Küchentöpfen ein, paart eingängige Melodien mit außerweltlichen Atmosphären und hat so ein Pop-Album gemacht, das ungeniert zwischen Ohrwurm und Brainfuck wandelt. Viele Songs von »Everlast« gehen rein wie Radio-Hits, aber fühlen sich an, als hätte sie jemand von einem heißen Dachboden in irgendeinem Wüsten-Staat gekramt. So hat Sasha Perera eines der seltenen Pop-Alben aufgenommen, die man sowohl einfach hören und fühlen kann.. Philipp Kunze

Pusha T
My Name Is My Name
Decon • 2013 • ab 11.39€
Sätze, die man von Musik-Nerds selten hört, Nummer 496: »Als Band waren die scheiße. Die Solo-Alben sind viel besser.« – Tja, vielleicht wäre Pusha Ts Debüt nicht so großartig aus- bzw aufgefallen, wenn Bruder No Malice mit »Hear Ye Him« keine astreine Selbstdemontage hingelegt hätte. Für Freunde des geschmeidig-geflowten Kokain-Verpackens brachte Pushs unterkühlter Punchline-Blockbuster »My Name Is My Name« allerdings jene Nummern auf die Wage, die 2013 hinter keiner anderen Skiptaste aufwarteten. Fionn Birr

Range, The
Nonfiction
Project: Mooncircle / HHV • 2013 • ab 15.99€
Wenn das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil entspricht, dann nennt man das nicht nur in der Mathematik den »Goldenen Schnitt«. Nun, James Hinton hat Mathematik studiert (aha!) und in diesem Jahr als The Range mit »Nonfiction« ein Album genommen, dass dieser Formel gefährlich nahe kommt. So wie sich die Kreise auf dem Artwork zueinander in Beziehung setzen, setzen sich auch die Bestandteile seiner Musik zueinander in Beziehung. Am Ende spricht man nicht mehr über Genres (Bassmusik? Downbeat? Instrumentaler Hip Hop? Pah! Pah! und: Pah!), sondern nur noch über die Schönheit der Klänge. Sebastian hinz

Rhye (Robin Hannibal & Mike Milosh)
Woman
Universal • 2013 • ab 21.99€
Mit »Woman« haben Mike Milosh und Robin Hannibal eines der konsequentesten Alben des Jahres veröffentlicht. 10 Pop-Songs, ohne Aufregung und ohne mitreißende Höhepunkte, doch integer bis zum letzten Tropfen der einlullenden Stimme von Hannibal. Der Referenzkanon, der hier bemüht wird, ist dabei weniger spannend, als die kompositorische Klarheit mit der alle zehn Lieder geschrieben sind. Sie sind nicht aufdringlich und wissen doch was sie wollen. Sie scheinen klar verständlich und doch umgibt Rhye, nicht zuletzt auch wegen ihrer passenderweise unaufgereten, informationsarmen Veröffentlichungsstrategie, ein milchig-mystischer Schleier. »Open« und »The Fall« klingen nach Pop-Melodien aus einer vergangen Zeit und gehören doch zweifelslos zu den besten Liedern des Jahres. John Luas

Sola Rosa
Low And Behold, High And Beyond
Agogo • 2013 • ab 14.99€
Die mit organischem Hip Hop, swingendem Jazz und treibenden Funk angereicherten Melodiemärchen-Beats von Andrew Spraggon und seiner Band groovten auf »Low And Behold, High And Beyond« mühelos zu einem warmen wie vitalen Eklektizismus zusammen, der ganz ohne Superstar-Features oder Down Under-Bonus allen Kiwis und Kakapos das Fliegen beibrachte. Man muss das Rad nicht neu erfinden, man kann auch einfach mal so richtig dran drehen. Fionn Birr

Ras G
Back On The Planet
Brainfeeder • 2013 • ab 20.99€
Ganz entgegen des Titels ist »Back On The Planet« die wohl abgespaceteste Platte des Jahres. Ras G ist auf Brainfeeder zwar sehr gut aufgehoben, doch sein Klangkosmos kann nur als sehr eigenständig, ja einzigartig bezeichnet werden. Zwischen hitzigen Free Jazz-Einlagen und knochentrockenen Hip Hop-Bangern hin und her pendelnd schafft es Gregory Shorter Jr. spielend, weder verkopft noch artifiziell zu klingen. Sein Space Program hat nichts von einer Akademie, sondern ist ein chaotischer Spontan-Trip quer durchs All. Martin Silbermann

Omar S
Thank You For Letting Me Be Myself (Vinyl ABCD)
FXHE • 2013 • ab 19.99€
»Thank You for letting be me be myself«. Omar-S wollte Anfang des Jahres einfach mal Danke sagen. Danke dafür, dass man ihn gefälligst in Ruhe lassen sollte mit diesen vermeintlichen oder erfundenen Marotten, den falschen Images und den vielen Interviewanfragen. Wir wollen Ende des Jahres Danke sagen für eines der elektronischen Alben des Jahres, das zwar nicht die Hits der Vorjahre wiederholen, dafür aber in puncto Kohärenz die Ausnahmestellung von Everybody’s Darling aus der Motor City herausarbeiten konnte. Mal wieder. Paul Okraj

Space Dimension Controller
Welcome To Mikrosector-50
R&S • 2013 • ab 12.76€
Auf dem cinematischen Langspieler »Welcome To Microsector-50« wird der Zuhörer auf eine intergalaktische Odyssee in ein Retro-Universum entführt, dessen Inspirationen unverkennbar aus Comic Strips, B-Movies, alten Videospielen und den Sonic Fictions des Detroit Techno bezogen worden sind. Space Dimension Controller lässt diese Einflüsse zu einem musikalischen Hörspiel zwischen Cyberpunk, Electro Funk und Techno verschmelzen, welches sowohl wunderbar als Konzeptalbum funktioniert, als auch ein eigenständiges narratives Fundament für die cluborientierte Musik des britischen Produzenten erschafft. Henning Koch

Thundercat
Apocalypse
Brainfeeder • 2013 • ab 19.99€
Thundercat gelingt es hier – sich, trotz der Hilfe von Flying Lotus selbst – von der Brainfeeder-Esoterik zu lösen. In den Mittelpunkt rückt die Symbiose aus Indie R&B, Soul-Funk und dem jazzigem Freigeist Austin Peraltas. Leicht taucht man ein in die organischen Lo-Fi-Grooves der präsenten Bassarrangements. Durch die vielen Gesangsanteile unterscheidet sich »Apocalypse« vom immer noch sehr guten Vorgänger. Der innovative Ideenreichtum nimmt sich dabei aber nie zu wichtig und ist deswegen gut tanzbar. Tim Tschentscher

Tim Hecker
Virgins
Kranky • 2013 • ab 24.99€
Gebrochene Töne, verkümmerten Rhythmen und schemenhafte Skizzen: Einladend ist »Virgins« von Tim Hecker nicht wirklich. Es dröhnt in der Stille, manche angedachte Melodie taucht in den Krach ab. Doch trotzdem ist das siebente Album von Hecker voll mit Momenten, die einen in die Tiefe ziehen. Denn der Kanadier öffnet Räume und schafft mit »Virgins« ein Geisterhaus. Hinter jedem Ton lauert mehr als nur sein Klang. Denn letztendlich ist »Virgins« der wunderschöne Sturz in die Endlosigkeit. Björn Bischoff

Twit One
Urlaub In Der Bredouille
ENTBS • 2013 • ab 16.99€
Twit One bleibt mit »Urlaub in der Bredouille« einer der interessantesten Spieler im allemanischen Instrumentalkosmos. Schüchterne Drumpatterns, melodiereiche Samples, vornehmlich aus längeren Piano- oder Saxophonakkorden zusammengesetzt, dazu humoristisch aber auch geschichtstreu eingesetzte Skit- und Cutelemente. Selbst wenn er auf wunderbaren Kleinoden mit beiden Augen zwinkernd sehr offensichtlich mit Quasimoto kokettiert, kann man sich tatsächlich vorstellen, Madlibs Alter Ego hierauf rappen zu lassen. Paul Okraj

µ-Ziq
Chewed Corners
Planet Mu • 2013 • ab 24.99€
Mit »Centres« lieferten die vier Kölner Posterboys von Urban Homes ein mustergültiges Debütalbum ab, das kürzlich erst mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein Westfalen ausgezeichnet worden ist. Tja, zu diesem entzückend irgendwie auch kosmischen Sound aus ratternden Roland-Drumcomputern, fluoriszierenden Gitarren, verspielten Synthesizerklängen und dosiert eingesetzten vokalen Lauten können auch behördenähnliche Institutionen manchmal eben auch nicht nein sagen. Und wir schließen uns einfach an. Paul Okraj

µ-Ziq
Chewed Corners
Planet Mu • 2013 • ab 24.99€
Mike Paradinas aks µ-Ziq hat mit seiner Rückkehr nach gut sechs Jahren Hiatus mit »Chewed Corners« eines der schönsten Sommeralben der elektronischen Musik geschaffen, das mal wieder viel zu wenige zu hören bekommen haben. Luftige, ineinander verschachtelte Melodien, Beatstrukturen zwischen IDM, House, Bass Music und ein wenig Footwork plus einer Menge Synthesizer mit den Köpfen in den Ahctzigern und 90ern, ohne Retro in Gedanken. Das ganze noch immer clever komponiert. Soll heißen: klingt einfach, ist es aber wahrscheinlich nicht. Jens Pacholsky

Hier geht’s zum 1. Teil der 50 Alben des Jahres 2013