Àbáse und das Etwas, das die Welt bedeutet

13.06.2019
Foto:Yukitaka Amemiya / © Cosmic Compostions
Inspiriert von Fela Kutis Afrobeat, Blue Note-Jazz und einer lebensverändernden Erfahrung in Brasilien, vereinen Àbáse mit ihrer neuen EP »Invocation« die beste aller Welten. Wir hatten die Gelegenheit mit Szabolcs Bognar zu sprechen.

Gleich zu Beginn möchte Szabolcs Bognar etwas klarstellen: Bei Àbáse (ausgesprochen: Abaschee) gehe es nicht um ihn, sondern vor allem um die künstlerische Zusammenarbeit. »Da hatten wir in der Vergangenheit Probleme, das richtig zu kommunizieren«, sagt Szabolcs, der mit seinem Bandprojekt Àbáse bisher drei Singles (u.a. mit Wayne Snow) veröffentlicht hat. Àbáse sei gleichzeitig sein eigener Künstlername und der Name der Band, was schon mal für Verwirrung sorgen könne. Dabei, so meint er, sei es gar nicht so schwierig. Schließlich stehe der Begriff »Àbáse« in der westafrikanischen Yorùbá-Sprache für Gemeinschaft. »Auch wenn die Ideen, die Arrangements und die finalen Edits von mir kommen, geht es immer um die kollektive Anstrengung und um den gemeinschaftlichen Vibe«, erklärt der ungarische Musiker und verweist auf eine berühmte Schallplatte: »Wenn du das Cover von Miles Davis’ ›Bitches Brew‹ anschaust, steht da ›Sound Directions from Miles Davis‹. Die Ideen für den Sound kamen von ihm, aber das Album ist mehr als das. Es ist ein musikalisches Kollektiv, das dahinter steht. Genauso ist es mit Àbáse.«

Dass er diesen Vergleich zieht, ist kein Zufall. Szabolcs, den alle Szabi nennen, kommt früh mit Musik in Kontakt. »Ich wuchs neben Jazz- und Soulplatten auf, weil meine Eltern Musikliebhaber waren und viele Alben zu Hause hatten«,* sagt er. Als Teenager verbringt der Ungar viele Stunden damit, in Budapester Plattenläden nach musikalischen Schätzen zu graben. »Afroamerikanische Musik hatte damals den größten Einfluss auf mich als Teenager. Ich hab viel Reggae gehört, beschäftigte mich mit der Bedeutung von afrodiasporischer Musik. Und dann entdeckte ich Fela.« Szabi erklärt, dass die Musik von Fela Kuti wie etwas Außerirdisches in sein Leben getreten sei und alles verändert habe. »Davor kratze ich an der Oberfläche. Erst mit Fela entdeckte ich die westafrikanische Musik der Siebziger. Das stellte alles auf den Kopf.« Die Kombination aus repetitiver, ausgelassener Yoruba-Musik und westlich geprägtem Jazz mit Funk-Einflüssen wie sie Fela Kuti mit seiner Band Afrika 70 spielte, fasziniert Szabi – und lässt ihn nicht mehr los.

»Wenn du das Cover von Miles Davis’ ›Bitches Brew‹ anschaust, steht da ›Sound Directions from Miles Davis‹. Die Ideen für den Sound kamen von ihm, aber das Album ist mehr als das. Es ist ein musikalisches Kollektiv, das dahinter steht. Genauso ist es mit Àbáse.«

Die Entdeckung von Fela Kuti beeinflusst seinen Sound. Szabi studiert am Budapester Konservatorium Jazz-Klavier, kauft sich ein Fender Rhodes und beginnt damit herumzuexperimentieren. »Mein großer Traum war es, nach New York zu gehen, um dort weiter Jazz zu studieren«, sagt Szabi, der von internationalen Szenegrößen wie Marcus Strickland und Robert Glasper schwärmt. Als er sein Diplom abschließt, bewirbt er sich für einen Studienplatz und bekommt die Zusage. »Aber das Studium war extrem teuer, und ich hatte nicht genügend Geld, um mich dort einzuschreiben.« Er bleibt in Budapest, fest verankert in der dortigen Szene, die er mit seinen Freunden langsam aufbaut. »Ich wurde 1991 geboren, kurz nachdem der Eiserne Vorhang fiel. Zu Zeiten des kommunistischen Regimes herrschte eine starke kulturelle Unterdrückung. Meine Generation hatte keine musikalische Geschichte, auf der sie aufbauen konnten. Zumindest keine, die für uns Sinn machte«, sagt Szabi und erwähnt als Vergleich die lange Jazztradition von New York. »Wir mussten in Budapest etwas Neues aufziehen, unsere eigene Clubszene verwirklichen. Das war nicht einfach. Dafür hatten wir viel Raum für neue Ideen.«

2011 gründet Szabi mit befreundeten Musikerinnen das Kollektiv SoulClap Budapest Immer wieder holen sie Künstlerinnen wie Call Me Unique oder Wayne Snow in die ungarische Hauptstadt an die Donau und spielen mit ihnen zusammen. Ein Netzwerk entsteht. Mittlerweile sei in Budapest eine junge und gut ausgebildete Jazzszene herangewachsen, die sich aus Techno- und Hip-Hop-Partys entwickelt habe. »Die Leute sind extrem offen für unterschiedliche Musikstile. Manchmal kommen bei Veranstaltungen Bands aus völlig unterschiedlichen Bereichen zusammen. Von Noise über Free Jazz bis zu lateinamerikanischer Musik ist alles dabei«, erklärt Szabi und meint: »Wir bewegen uns nicht innerhalb von Genredefinitionen, sondern zwischen ihnen. Das hat mich als jungen Musiker sehr stark geprägt.«

»Meine Generation hatte keine musikalische Geschichte, auf der sie aufbauen konnten. Zumindest keine, die für uns Sinn machte«

Nachdem Szabi 2017 die erste offizielle »Felabration«, eine Veranstaltung im Zeichen von Fela Kutis Musik, in Budapest veranstaltet, will er erneut Jazz studieren. »Ich flog wieder nach New York, wollte drei Monate bleiben und mich in dieser Zeit um das Stipendium kümmern. Die Uni sagte mir zuerst zu, später wieder ab – ohne Grund«, erzählt er. Eine Ernüchterung, trotz allem sei die Zeit wichtig für ihn gewesen. Szabi kann bei seinem Freund, dem Rapper iLLspokinn, in Brooklyn leben, den er zuvor mit seinem Soul Clap Budapest-Kollektiv nach Ungarn geholt hat. »Er half mir viel, machte mich mit Leuten aus der dortigen Szene bekannt. Viele von denen haben mir dann geraten, das teure Jazzstudium zu vergessen und mich für ein Künstler-Visum zu bewerben, um länger in den USA bleiben zu können.« Doch die Behörden haben ihn immer wieder vertröstet. »Irgendwann hab ich die Entscheidung getroffen, dass sich was ändern muss. Also bin ich nach Brasilien geflogen.«

Den eigenen Sound finden

Eigentlich sei es nie der Plan gewesen, nach Brasilien zu gehen, sagt Szabi rückblickend. Es habe sich vielmehr aus den Umständen ergeben. Er musste weg aus New York, brauchte neue Einflüsse. Da sei Rio gerade recht gekommen. Szabi lernt dort Musiker*innen westafrikanischer Abstammung kennen, die viel Jazz und noch mehr Afrobeat spielten. Er jammt mit allen, die er trifft, ist begeistert von dem Vibe, den die Leute ihm entgegenbringen und nimmt die Sessions auf seinem Zoom-Recorder auf. »Für mich war das eine lebensverändernde Erfahrung«, sagt Szabi. »In New York hatte ich eine Identitätskrise, aber hier wusste ich auf einmal, dass ich den Sound gefunden hatte, den ich machen wollte.«

Als Szabi fünf Monate später aus Brasilien zurück nach Budapest kommt, hat er zwölf neue Songs im Gepäck. Songs, die allesamt noch nicht auf seinem Debüt, »Invocation«, zu hören sein, es aber auf das kommende Album schaffen werden, versichert er. Tatsächlich seien die Ideen für fast alle der sieben Stücke auf Àbáses Debüt-EP schon vor der Zeit in Brasilien entstanden. »Ich hatte damals mit den Aufnahmen begonnen, merkte aber, dass ich persönlich noch nicht so weit war. Erst die Zeit in Brasilien gab mir das Vertrauen, diese Ideen wieder aufzugreifen, sie weiter zu verfolgen und zu definieren und damit die Songs nach meiner Rückkehr fertig zu machen«, erklärt er und fügt an: »Vor Brasilien war ich auf der Suche nach meinem Sound – die Musiker*innen dort halfen mir, ihn zu finden.«

»Erst mit Fela entdeckte ich die westafrikanische Musik der Siebziger. Das stellte alles auf den Kopf.«

Szabi klingt euphorisch, fast gelöst, wenn er von diesem Findungsprozess erzählt. Und sobald man die EP hört, weiß man, was er meint. »Invocation« versprüht Lebensfreude in 10-Liter-Fässern, benetzt uns mit einer zum Dauerngrinsen verleitenden Lebensfreude, die Àbáse aus Afrobeat-, Jazz- und Hip Hop-Grooves zusammenmischt und doch ihre ganz persönliche Essenz unterhebt.

Beispielsweise sei die Grundlage für den Song »Align« 2017 in seinem Wohnzimmer entstanden – gemeinsam mit dem in Berlin lebenden Musiker Wayne Snow, der für ein Soul Clap Budapest-Event in der ungarischen Hauptstadt war und für dessen Band Szabi mittlerweile als Keyboarder spielt. »Das passte von Anfang an und hat auf der Platte eine extreme Power«, sagt Szabi, als er über die Zusammenarbeit mit dem nigerianischen Songwriter spricht. Außerdem ist der aus Marokko stammenden Musiker Saïd Tichiti auf der neuen EP zu hören. Auf »Ashek Ellil« spielt er mit einer Oud, eine Kurzhalslaute, die ihren Ursprung im ehemaligen Persien hat. Der Song sei in seiner verspielten Rhythmik frei improvisiert, erklärt Szabi. Tichitis Gesang klingt flehend, irgendwie mystisch, als wolle er etwas beschwören, dass er mit bloßen Worten nicht fassen kann.

»Invocation«, die Anrufung, ist ein Wort, das Szabi gerne in Bezug auf seine Musik verwendet. »Manchmal müssen wir uns von allen Bequemlichkeiten lösen und in die Ungewissheit hineintappen«, sagt er. Auch die Entscheidung, 2018 in die ghanaische Hauptstadt Accra zu fliegen, um mit dem Kologo-Musiker Stevo Atambire das treibende, nach vorne preschende »Sambo« aufzunehmen, fügt sich in diese Lebenseinstellung mit ein. »Nur indem wir uns trauen, unseren Horizont zu erweitern, können wir etwas beschwören, dass zuvor noch nicht da war«, sagt Szabi. Und genau das möchte Àbáse mit »Invocation« vermitteln. »In jedem von uns steckt dieses ›Etwas‹. Wenn man es zulässt, erzeugt es magische Momente. Und ich bin stolz darauf, dass ich diese Momente mit meiner Musik weitergeben darf.«

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