Aigners Inventur – Februar 2015

25.02.2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Drake, Zugezogen Maskulin, Levon Vincent und Romare.
Natürlich weckt Drake immer noch den Löwenmutterinstinkt in mir, aber mit welcher absoluten Vorhersehbarkeit ihm jetzt von vielen Journalisten die Freundschaft gekündigt wird, obwohl er sich auf dem Vertragserfüller »If You’re Reading This It’s Too Late« nicht nur keine Blöße gibt, sondern auch einige Tracks vorlegt, die durchaus ins Aubrey Highlight Reel aufgenommen werden (»Me & The 6«, irgendwer?), ist ein Systemfehler. Dumm ist es darüberhinaus auch, nun anzufangen sich über die Diskrepanz zwischen Guido-Mariaerei und dünnhäutigem Chauvinismus aufzuregen, den sich das Gesicht der Raptors von einigen nun gefallen lassen soll. Ja seid ihr den völlig deppert? Genau diese Widersprüchlichkeit ist es doch, die Drake von allen unterscheidet. Den Erigierten stolz präsentierend, aber mit Krokodilstränen dem einen Mädchen nachheulen, das schon um 9 Uhr morgens für ihn kochte und dazwischen härteres Success-Suffering (ich muss euch bei der nächsten Gelegenheit von meinem Sonntag erzählen) denn je, versteckt hinter der staatsmännischen Geste. Hier geht alles, ihr Ottos.

Bushido
Carlo Cokxxx Nutten 3
Bushido • 2015 • ab 59.99€
Weniger überzeugt Bushidos Habitus auf »CCN3«, was primär daran liegt, dass er mit »Sonny Black« vor nicht einmal einem Jahr bereits dieses Bürgerschreck-Album gemacht hat, das ihm viele gar nicht mehr zugetraut hatten. Erwartbar neoklassizistisch, bisweilen sogar mit Premo-Scratch-Hooks, beschäftigt sich Bushido hier bevorzugt mit Jokos Frisur, Müttern, Schnee und all den anderen Sachen, für die der kleine Hubertus Aristoteles ein ernstes Gespräch mit seinen Eltern führen muss, wenn diese erschrocken feststellen, dass Bushido aus ihrem Sprössling entweder al-Baghdadi oder Jorge Ochoa machen wird. Volljährig hat man nach fünf Minuten dann halt auch das ganze Album gehört und wieder vergessen.

Zugezogen Maskulin
Alles brennt
Buback • 2015 • ab 17.99€
Mehr lohnt da die Auseinandersetzung mit Zugezogen Maskulin, die die durchaus angenehme Eigenschaft haben, ihre politische Agenda so ironisiert zu unterwandern, dass »Alles Brennt«. Wer schon immer ein etwas weniger bösartiges Bindeglied zwischen Karate Andi Audio 88 und K.I.Z. suchte, dürfte hier breit grinsend über dummen Spanierhass, den immer noch das Land prägenden Tatort State Of Mind und Guccibäuche bedient werden. Wie so häufig in diesem Kontext: für mich als Lyrikband reizvoller als mit Inbrunst eingerappt, aber zumindest musikalisch für Teutonien erstaunlich kontemporär.

BBNG (BadBadNotGood) & Ghostface Killah
Sour Soul Black Vinyl Edition
Lex • 2015 • ab 20.99€
Ein bißchen Leid kann einem das Badbadnotgood Kollektiv ja schon tun. Was hätte man 2004 dafür gegeben Ghostface in voller Länge über staubigen Live-Soul zu hören? 2015 passiert das nun innerhalb von zwei Jahren zum dritten Mal. »Sour Soul« ist trotz des ziemlich definitiven »12 Reasons To Die« mit Adrian Younge aber dennoch eine liebevolle Fußnote im mächtigen Tony Starks-Kanon. Die Autorität Pretty Toneys geht langsam in Altersmilde über und dennoch steckt er hiermit mal wieder alle seine alten Wu-Tang-Kollegen, die nicht Raekwon heißen, in den Seidenmantel.

Wiley
Snakes & Ladders
Big Dada • 2015 • ab 21.99€
Wiley ist der Beste. Fertig. Ich hatte kurz darüber nachgedacht, ob ich nach Skeptas bemerkenswertem 2014 das Zepter mal kurz weiterreichen sollte, aber »Snakes & Ladders« bestätigt mich wieder in meinem Apologetentum: keinem Briten höre ich so gerne zu beim rappen, die beiden Exillegenden Doom und Slick Rick vielleicht ausgenommen. Das liegt wohl auch daran, dass Wiley auch in fortgeschrittenem Alter solch ein Exzentriker bleibt, wahrscheinlich aber auch daran, dass er die Hektik des Grime mit seiner Trademark-Delivery so abfedert, dass sich ein Sättigungseffekt einfach nicht einstellen will. Oh, und musikalisch mag im Königreich mittlerweile anderswo härter gecuttingedget (ja, an diesem verflixten Sonntag wurde Moneyboy gehört) werden, aber ey, geschenkt.

Joker
The Mainframe
Kapsize • 2015 • ab 23.39€
Wenn das mit dem Altern nicht so klappt, nennt man ein Album »The Mainframe« und versucht mit C-Promis ein R&B-Album zu machen, das klingt als hätte Rustie all seine Megalomanie bei Tortenschlachten mit Diplo verloren. Joker war einer der größten Hoffnungsträger dieses Purple-Dingens vor gut fünf Jahren, aber all das was ihn damals auszeichnete – größenwahnsinnige Bassläufe und Melodien, die South Central nach Bristol verlegten – ist hier nur nur noch für Sekundenbruchteile zu hören. Ein Album, designiert als Pop-Opus, das aber so viel Lebensenergie versprüht wie ein Imakeyousexy.com-Trailer.

Mumdance & Logos
Legion
Tectonic • 2013 • ab 8.99€
Aber Großbritannien wäre nicht Großbritannien, wenn auf ein verheiztes Talent nicht 20 neue folgen würden. Zwei der größten Redefiner (Moneyboy, schon wieder) der letzten Jahre sind Logos und Mumdance, die hier auf Albumlänge zusammenarbeiten. »Proto« ist, um es kurz zu machen, genau der Gamechanger, den sich sabbernde Fact-Redakteure wahnwitziger im Vorfeld nicht hätten zusammenspinnen können. Ein eiskalter Post-Post-Post-Grime-Tsunami mit unverschämten Jungle-Irritationen, das skelettierte »Where Were U In 92?», ein Ideenfeuerwerk unbequemer als Lederjogginghosen.

Beat Spacek
Modern Streets
Ninja Tune • 2014 • ab 21.99€
Spacek ist vermutlich einer der unterbewertetsten Musiker der letzten 15 Jahre. Wie selbstbewusst er mit diesem Umstand umgeht, demonstriert »Modern Streets«, auf dem er sein mal nach Curtis Mayfield, mal nach Peven Everett klingendes Goldkehlchen ausschließlich auf selbst programmierte Beats bettet, die unterwegs auf iPhone oder iPad entstanden sind. Und wir bekommen die iTunes-Library mit U2-Alben zugeschissen. Pffffff.

Romare
Projections
Ninja Tune • 2015 • ab 21.99€
Überhaupt Ninja Tune ich muss an dieser Stelle mal eine Lanze für die Briten brechen. Mitte des letzten Jahrtausends sah es für einige Zeit so aus, als würden sie dem Tod der IDM/DontCallItTripHop-Ära so lange hinterhertrauern bis sie genau so in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würden wie Mo’Wax aber wie sich die Briten in den letzten 6-7 Jahren neu aufgestellt haben, muss den Vergleich mit Warp keinesfalls scheuen. Romare ist nun ein Singning, das mit der alten Ära viel gemein hat, Sample-Collagen aus denen sich bluesige Lamentos schälen, der RJD2 der »Deadringer« – und »Since We Last Spoke« – Phase ist nicht zu weit entfernt und genau weil sowas heute dort nicht mehr 20x pro Jahr in den VÖs auftaucht, ist das wirklich eine willkommene Portion Retrofetischismus.

Future Brown
Future Brown
Warp • 2015 • ab 9.99€
Apropos Warp die haben das Wettbieten um Future Brown gewonnen und dürften das ach so edgy-e (Moneyboy, zum dritten) Quartett nun infrastrukturell unterstützen. Das beginnt zunächst vielversprechend, Tink gibt zunächst die Ciara, Shawnna engagiert sich in Minaj’schem Quasi-Feminismus und der Sicko Mobb taugt zumindest noch als Gedankenexperiment dafür was passiert wäre, wenn Kevin Lyttle Body Party covern würde. Danach wird es – öh – schwierig. Das mag an meiner Dancehall-Phobie liegen, aber das wird mir dann doch zu sehr Autoscooter meets 3 Sterne Ibis-Hotel. Gen Ende bin ich dann zurück am Bingo-Tisch, weil: RAP.

John Carpenter
Lost Themes
Sacred Bones • 2014 • ab 21.99€
Es hätte das deprimierendste Ereignis des Jahres werden können, zumindest bis Giorgio Moroder sein Album veröffentlicht, aber John Carpenter ist – wie soll man sagen – der allergeilste. Der allergeilste Tattergreis. Mit 115 Jahren sein erstes Album, nach 1150 Soundtracks, von denen zumindest die Hälfte Klassiker sind. Nach Jahren der Bedeutungslosigkeit, weil die B-Movie-Industrie nicht mehr existiert und man lieber Hans Zimmer mit Pharrell in ein Studio quält. Times they are a-changin. Nun gut, »Lost Themes« ist eine erstaunlich kohärente Sammlung Carpenter’scher Kompositionen, die ausnahmsweise nicht zu bewegten Bildern geschrieben wurde. Das ist zwar im Endeffekt doch nicht ganz so spektakulär wie nach den ersten Snippets vor einigen Monaten angenommen, aber feuer ins Öl des Methusalem-Komplotts.

Model 500
Digital Solutions
Metroplex • 2015 • ab 23.99€
Und weil man die älteren Mitmenschen immer respektieren sollten, so lange sie sich nicht ohne Rücksicht auf Verluste mit Gehstock durch die KVB knüppeln, ist es auch eine schöne Geschichte, dass Juan Atkins sein legendäres Model 500 nochmals reanimiert und sich dabei nicht blamiert. Im Gegenteil: »Digital Solutions« klingt meist nach den Achtzigern und den Gründertagen des Metroplex-Fundaments, es gibt aber auch immer wieder diese Passagen, in denen das beispielsweise auf Martyns 3024 Label bestens aufgehoben wäre. Kein »The Chase«, natürlich, aber auch nicht redundant. Das sollte man als Erfolg werten.

Paranoid London
Paranoid London
Paranoid London • 2014 • ab 39.99€
Auch ein Erfolg, wenngleich in einem Preissektor verkauft, der eigentlich Theo vorbehalten ist: das Album der Roland-Maoisten von Paranoid London. Der Überraschungseffekt der ersten Singles ist zwar mittlerweile verflogen, aber wer rüdestes Acid-Fiepsen mit Diva-Vocals kombiniert als Stünde der Summer Of Love unmittelbar bevor, darf mich auch gerne abzocken.

Lake People
Purposely Uncertain Field
Permanent Vacation • 2014 • ab 18.99€
Liebe Pressetexter: tut mir und euch doch bitte einen Gefallen und erwähnt in euren schnuckeligen Beipackzetteln nicht, wenn ein Track es in die Rotation von Dixon geschafft hat. Nun habe ich mir von zuverlässigen Quellen sagen lassen, dass Dixon doch nicht der Teufel ist, aber immer wenn eine Veröffentlichung mit diesem vermeintlichen Gütesiegel versehen wird, erwische ich mich dabei, wie ich unweigerlich daran denke, dass ich unbedingt mal wieder Altglas wegbringen sollte, anstatt mich gedanklich der Musik zu widmen. »Purposely Uncertain Field« von Lake People ist ein Album, zu dem ich nun wahrscheinlich übermäßig gemein bin. Schön produziert ist das, sehr deutsch, Arpeggios fransen nicht aus, Übersteuerung gab es in Martin Enges Studio vermutlich nur beim Einrichten. Das ist dann alles deep und fragil und leider langweilig. Überhaupt scheint sich gerade wieder diese sehr bequeme Romantik im deutschen Techno breit zu machen, bei der sich auch Recondite so gerne bedient, die aber doch eigentlich durch Dial und Smallpeople schon ad infinitum durchexerziert wurde. Naja, ich verkneife mir jetzt mal Schuldzuweisungen, dieser Dixon ist bestimmt eigentlich in Ordnung.

Im Grunde eher EP als Album ist Anthony Naples auf Text veröffentlichter 8-Tracker »Body Pill«. Mit 29 Minuten, zwei Interludes und dem soundästhetisch unangenehm aus der Reihe fallenden Used To Be gibt es hier zwar nicht unbedingt mehr zu begutachten als auf einer normalen Maxi, aber allein das wunderbar schluffige Abrazo und die Levon Vincent-Verneigung »Miles« rechtfertigen eine Warenkorbisierung.

Levon Vincent
Levon Vincent
Novel Sound • 2015 • ab 42.99€
Hoffentlich bereits gekauft, weil wie immer vermutlich schnell vergriffen: eben dessen 4er-Pack, den jener Levon Vincent szeneuntypisch ein Tag vor seiner Veröffentlichung kostenlos digital zur Verfügung stellte. Auf elf Tracks demonstriert der New Yorker mit den schönen Bomberjacken dann erwartungsgemäß das, was seine Anhänger eh schon wussten: dass er einer der konstant aufregendsten Techno und House-Produzenten war und bleibt. Egal, ob er Cold Wave-Synths ohne Snare-Diktat ihre größtmögliche Wirkung entfalten lässt, Schraubstock-Techno in fragilen Melodien auflöst oder Elegien für seine Katze schreibt: Vincent weiß genau wann es Zeit ist, eher am be-en zu sein und wann es gilt – es folgt das letzte Verbrechen an der deutschen Sprache für heute – upzuturnen. Ich lösche derweil mal meinen Verlauf und versuche endlich diesen Moneyboy-Mittag zu vergessen, an dem ich mir sieben Mal am Stück Eric Piatkowski angehört habe. Nächsten Monat bin ich zurück, mit Goethe, Schiller und Pastrami Sandwiches.