Aigners Inventur – März 2015

01.04.2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Kendrick Lamar, Earl, Action Bronson und Björk.
Kendrick Lamar
To Pimp A Butterfly Clear Vinyl Edition
• 2015 • ab 14.99€
Auch zwei Wochen nach einem ersten, hilflosen Annäherungsversuch muss ich zu Beginn zu Protokoll geben: ich fühle mich nicht mal ansatzweise dazu in der Lage etwas definitives zu »To Pimp A Butterfly« loszuwerden. Jeder Durchgang ist eine Herausforderung, eine Tour De Force an Allegorien, Perspektivenwechseln, Wortspielen und Fußnoten, unterstützt durch diese trügerisch zugängliche Soulquarians-Soundästhetik, die zwar weniger offensichtliche Hymnen generiert als der Vorgänger, aber noch mehr zu Kendrick Lamars messianischem Status beiträgt als ein gerades Hitboy-Brett. The Great American Novel ist vielleicht gerade aus dem HBO-Quartier nach Compton umgezogen.

Earl Sweatshirt
I Don't Like Shit: I Don't Go Outside
Sony • 2015 • ab 7.79€
Direkt zum radikalsten Kontrastprogramm: Kendricks Multiperspektivität ist Earl gänzlich fremd, sein programmatisch betiteltes neues Album zeigt einen jungen Herrn am Rande der geistigen Gesundheit, neurotisch, asozial, misanthropisch, kaum wissend wohin mit seinem so offensichtlichen Überschuss an Talent und den daraus resultierenden Erwartungen. Und Kendrick nicht unähnlich reagiert Earl bockig auf diese Erwartungen: »I Don’t Like Shit. I Don’t Go Outside« ist die Halbstundenversion von Prodigys Dirty ass room staring at candles – Line ein musikalisch sprödes, beinahe skelettiertes Beatfragment auf dem Earl Sweatshirt sich in etwa so bereitwillig auf die Couch legt wie Tony Soprano in der ersten Staffel. Und gerade weil er diese Ignoranz nicht ablegen will, sondern kultiviert, ist dieser voyeuristische Blick Gewinn statt Bürde für den Hörer.

Fast noch deprimierender ist »56 Nights«, das gefühlt zwanzigste Mixtape von Future seit seiner Trennung von Ciara. Und während er sich zuvor noch an Selbstaffirmation durch unverbindlichen Ge-Vau und MDMA-Naivität versuchte um in den »Beast Mode« zu kommen, inszeniert er hier einen halbstündigen, schonungslosen Comedown, in dem er seine eigene Jämmerlichkeit und den unkontrollierten Gang zum Medikamenten-Schrank offenlegt. Wem The Weekends Depressionen stets zu konstruiert erschienen, bekommt hier die richtige Dosis Selbsthass, der jederzeit in materialistische Megalomanie und weggenuschelten Nihilismus umschwenken kann und genau deswegen so geil authentisch wirkt.

Für derlei Zweifel hat Father noch keine Zeit, im Gegenteil, auf seinem Debüt werden Körperteile so ungeniert aneinander gerieben, dass man sich zeitweise an Too $horts Sauereienkanon erinnert fühlt. Und weil der ATL-Newcummer offensichtlich Snap Music nicht vergessen hat, passiert das über derart reduzierte und effiziente Beats, dass jede noch so grenzdebile Adlib maximalste Durchschlagskraft entwickelt. Nein, Look At Wrist war kein Glückstreffer, sondern die Blaupause für das neue Atlanta. Vielleicht lief das ja schon bereits auf dieser infamosen Tinder-Party der Hawks schön jedenfalls die Vorstellung, dass Dennis Schröder dazu in den Club platzt und sich erkundigt: Who wants to sex ze German

Action Bronson
Mr. Wonderful
Atlantic • 2015 • ab 13.99€
Ich bin ja nun kein großer Bronsolino-Apologet und die kolportierte bluesige Ausrichtung von »Mr. Wonderful« weckte in mir ZZ Top- Sampleparanoia und arg offensichtlich zur Schau gestelltes Kaukasiertum. So weit zur Theorie. Dann rappt Action Bronson sich auf »Only In America« durch ein von Patrick Bateman abgesegnetes Reagan-Era-Medley und ich bin angefixt. Zuvor hatte er bereits in seinem patentierten Paleface Killah Flow vieles bis alles kurz und kleingehackt, aber erst als Phil Collins und Peter Gabriel für die Fratboy-Ah-Has sorgen bin ich wirklich drin. Warum will ich gar nicht erst analysieren, aber danach säusel ich euphorisiert Chance The Rappers Hook mit und checke endlich, dass »Easy Rider« trotz Gitarrensolo tatsächlich einer der wichtigeren Rap-Tracks 2014 war.

Cannibal Ox
Blade Of The Ronin
iHipHop Distribution • 2015 • ab 19.99€
Mag eigentlich außer mir noch irgendjemand Vast Aire im Jahr 2015? Nun ist das neue Cannibal Ox Album gemessen an »The Cold Vein« natürlich höchstens ein laues Lüftchen, aber irgendwie finde ich diese ungelenke Delivery von Vast immer noch gut, insbesondere wenn sich dessen Androiden-Verstopfungs-Timbre an Vordul Megas sauber vorgetragenen Zeilen reibt. »Blade Of The Ronin« wäre ohne die Last des Debüts ein durchaus ansprechendes Rap-Album, klassischer im Sounddesign, aber nicht ohne Reiz. So landet man halt als Pointe aber doch wieder bei Stress Rap

‘SPACER:2

Farid Bang
Asphalt Masska 3
Warner • 2015 • ab 4.75€
Apropos Pointe: Ich hatte mich mit Kollege Kunze vor geraumer Zeit schon mal über Punchline-Tiki-Taka unterhalten und wenn Kollegah sich schon kaum aus dem Dilemma des Ballbesitzraps befreien kann, dann kämpft Farid Bang mittlerweile gegen den Abstieg. »Asphalt Massaka III« wird mit seiner Teekesselchen-Dichte natürlich wieder Deutschlands Mittelstufen dominieren und irgendwie ist es ja auch niedlich, wie hart Farid die letzten Jahre daran gearbeitet hat zu seinem Mentor aufzuschließen, aber als erwachsener Kritiker muss man halt auch festhalten, dass Kevin Großkreutz nie Dani Alves werden wird.

Schön wenn Erwartungen sich erfüllen. Tinashe, die nicht nur wir letztes Jahr als potentielle neue R&B-Königin auserkoren hatten, macht mit dem Mixtape »Amethyst« wieder alles richtig. Da sind diese postmodernen Produktionen, die sich dennoch nicht vor der großen Melodie fürchten und immer ein bißchen so klingen, als hätte Arca sich endlich getraut bei Teddy Riley zu klauen und vor allem ist da diese Bereitschaft das Divenhafte genau so weit vokal auszuleben, dass wir weder assoziativ Mariah aus einem Kleid platzen sehen, noch uns so allein gelassen fühlen wie von FKA Twigs.

Björk
Vulnicura
One Little Indian • 2015 • ab 34.99€
Und nochmal Beziehungsbewältigung: Björk seziert auf »Vulnicura« die gescheiterte Beziehung zu Matthew Barney in drei Etappen, aber wie immer bei Björk ist das tatsächlich Gesagte gar nicht das Entscheidende: Björk benutzt ihre Stimme immer noch eindrucksvoller als Musikinstrument als fast alle anderen, hier aber wählt sie leise Töne, um die teils sehr mächtigen elektronisch fiependen, teils dem Streicherkitsch nur knapp entkommenden – äh – Beats von Arca, The Haxan Cloak und ihr selbst nicht zu sehr herauszufordern. Eine Entscheidung, die »Vulnicura« zum besten Björk Album seit…seit…seit wann eigentlich macht?

Jam City
Dream A Garden
Night Slugs • 2015 • ab 9.99€
Was zum Teufel? Jam City produziert jetzt Panda Bear -Pop? Immer noch auf Night Slugs? Für sein avantgardistisches Albumdebüt 2012 von der englischen Presse für seine Bockigkeit in die Ikarus-Rolle gezwungen, reagiert Jam City nun mit verwaschenen Gitarrenakkorden und seiner eigenen Stimme, die irgendwo weit weg kaum verständliche Träumereien leiert. »Dream A Garden« nennt er das dann und ich wittere überall Ironie, kann jene aber nicht belegen. Ein spätes Bekenntnis zu urbanem Hippietum oder Lügenbaron im Schafspelz? Ich will das wissen, verdammt.

John T. Gast
Excerpts
Planet Mu • 2015 • ab 20.99€
Meine erste und bisher einzige Auseinandersetzung mit John T. Gast erfolgte vor eineinhalb Jahren als Randerscheinung auf einem der erinnerungswürdigsten Konzerte ever ever ever. Dort bereitete Gast mit seinem morastigen IDM-Not-IDM Dean Blunt den Weg zu dessen brillanter stinkefingerigen Publikumstrollerei. Damit für immer einen Stein im Brett habend und den perfekten Kontext für »Excerpts« liefernd, bin ich nicht gewillt vor seinem Albumdebüt zu kapitulieren. Seltsam ist alles hier, da werden Popmelodien angedeutet, aber mit Prä-Napster-Clipping-Mastering zerschossen, im nächsten Moment ertönen glasklare Acid-Motive und penibel arrangierte Hooks, um dann wieder von einem Brei erdrückt zu werden, der über das Wort Ambient nur blutspuckend lachen kann. Geil schwierig, das alles.

Pearson Sound
Pearson Sound
Hessle Audio • 2015 • ab 14.44€
Nicht richtig click click clack machen will es bei Pearson Sounds erstem Album. Nun kennt man diese nackte Percussionfokusierung von Herrn Kennedy bereits, egal ob aus eigenen Produktionen oder aus einer Unmenge an Hessle Audio -Veröffentlichungen, die ihr Ausrufezeichen mit Joes chirurgischem Rhythm Trax Funk fand. Vielleicht auch deswegen wirkt das erste Pearson Sound Album irgendwie kraftlos: Kennedy folgt dem Diktat seiner Drums hier, sie pointieren kaum, echte Melodien oder identitätsspendende Loops finden sich selten, gleichzeitig aber schaffen es die meisten Tracks hier nicht ihre Tooligkeit abzulegen. So bleibt ein Album übrig, das wie eine Kapitulation vor dem Format wirkt.

Scuba
Claustrophobia
Hotflush • 2015 • ab 20.99€
Man kann Scuba vieles vorwerfen, allen voran Inkonsequenz und Wankelmut, aber zumindest garantiert die Sprunghaftigkeit des nun auch schon einige Jahre Berliners, dass keines seiner Alben so klingt wie das vorherige. »Claustrophobia« soll nun alles zusammenführen, das Emporkommen im Autoren-Dubstep, die Hände-in-Die-Luft-Phase, den Berghain-Sound. Komischerweise lähmt Scuba dieser Anspruch eher, weil er zum ersten Mal so wirkt als wolle er es allen rechtmachen. Genau damit gibt er jedoch seine größte Stärke auf, seinen Egozentrismus.

Palmbomen II
Palmbomen II
Rvng Intl. • 2015 • ab 27.99€
Ach übrigens: ein junger Holländer hat auf einem längeren Zwischenstopp bei Muddern und nach einem Akte X-Marathon mal eben so das bisher beste House Album des Jahres produziert. Palmbomen II gibt jeder seiner an Legowelt Larry Heard und L.I.E.S. geschulten Lo-Fi-Skizzen den Namen eines Nebencharakters aus Pro7s ehemaligem Montagabend-Straßenfeger und sorgt so nicht nur nominell für Stringenz. Das erinnert in seiner new-agigen Schluffiness manchmal an das erste Maxmillion Dunbar Album und das ist in meiner Welt immer noch ein Ritterschlag.

Nick Höppner
Folk
Ostgut Ton • 2015 • ab 25.99€
Nicht ganz so schlüssig ist für mich »Folk«, Nick Höppners Album für das Label, das er so lange selbst betreute. Zwar ist der übliche Spagat zwischen Clubwalzen und verspielterem Schnickschnack, zu dem sich so viele elektronische Produzenten immer noch gezwungen fühlen hier weniger krampfig, aber irgendwie tuckert das alles so vor sich her, wirklich nachhaltig bleibt außer dem cleveren »Grind Show« nichts wirklich hängen.

Prodigy, The
The Day Is My Enemy
Take Me To The Hospital • 2015 • ab 26.99€
Das unfreillig (?) komischste Album des Monats kommt von The Prodigy, die mit »The Day Is My Enemy« den Zeitgeist in etwa so gut erfassen wie eine Limp Bizkit Unplugged-Session. Ich frage mich ja am meisten wie die Generation Autoscooter EDM auf sowas reagieren würde, jenes Dumpfheitsniveau erreichen Liam und Co. zwar spielerisch einfach, aber die Prodigy’sche Krawallformel dürfte in diesem Jahrtausend Geborenen in etwa so fremd vorkommen wie Zauberwürfel und Arabelle Kiesbauer. Nun gut, auch als »Fat Of The Land«-Fistpumper bleibt hier nicht viel zu tun als beschämt zur Seite zu gucken.

Dass sich derweil Skrillex und Diplo metahumorig mit jenem Furunkel beschäftigen, das sie selbst mitgezüchtet haben, mag zunächst subversiv klingen, dennoch kann Jack-Ü auch mit seinem platten Zynismus schwer davon ablenken, dass sich EDM auch als popkulturell gebrochenes Statement gerne so schnell wie möglich verpissen darf, egal ob da 2 Chainz feixend die Kotauswürfe mit Febreze aufwischt.

Twin Shadow
Eclipse
Warner • 2015 • ab 22.39€
Apropos Kot: Dass Twin Shadow dem eigenen Narzissmus bei Album Nummer Drei vollständig erliegen würde, hatte sich bereits auf »Confess« angedeutet, wie er auf »Eclipse« aber humorfrei seine Gitarre mit dem Gemächt bedient und dabei eine fast schon Bono’sche Ungeilheit versprüht, ist doch einigermaßen – wie sagen die Amis doch gerne – vomit-inducing. Womit wir in Sachen Körperflüssigkeiten für heute auch durch wären.

Sufjan Stevens
Carrie & Lowell Black Vinyl Edition
Asthmatic Kitty • 2015 • ab 25.99€
Wobei: die ein oder andere Solidaritäts-Träne könnte man schon mit Sufjan Stevens vergießen, so aufrichtig und schonungslos wie sich dieser auf »Carrie & Lowell« selbst therapiert. Das ist Familienaufstellung in der schonungslosesten Art, völlig ohne Verbitterung, emotional so komplex, dass Sufjan weder Lösungen anbietet, noch Mitleid erheischen will. Und weil er dabei eben nie aufdringlich wird und musikalisch wie lyrisch genug Relief-Momente bereitstellt, könnte man sich der Aufgeregtheit bei Pitchfork drüben ja beinahe anschließen.

Courtney Barnett
Sometimes I Sit And Think, And Sometimes Orange Vinyl Edition
Sound Pollution • 2015 • ab 26.99€
Nur des Titels wegen hier reingeschafft hat es »Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit«. Courtney Barnett schreibt, so wollen mir das Menschen mit mehr Leidenschaft für Gitarrentradition erzählen, ganz tolle Songs, die sich als logische Fortentwicklung von Grunge lesen lassen. Ah ha, für mich klingt das manchmal so als hätten Sheryl Crow und Karen-O einen Töpferkurs bei Eddie Vedder im Keller gemacht, aber was weiß ich, manchmal sitze ich ja auch nur rum und denke nicht.