Aigners Inventur – Oktober 2017

08.11.2017
Unser Kolumnist findet in diesem Monat wie immer vieles: schlecht, toll, das ganze Spektrum halt. Vor allem findet er aber seine Grabsteinschrift. Bei Christina Aguliera bedienen muss er sich dafür nicht. So viel sei verraten.
Die Nachricht des Monats kommt mal wieder aus dem Hause Migos: Beyonce, Lennon und McCart..äh also die drei Migos würden gerne die Rolle der Hyänen im König Der Löwen Remake übernehmen. Holzklopft euch wund und vertreibt euch die Wartezeit mit Offset, 21 Savage und Metro Boomin. Die haben pünktlich zu Halloween einen 10-Tracker namens »Without Warning« gedroppt, der insbesondere 21 Savages mäßiges 2017 retten dürfte. Locker fünfmal davon feistestes Mumble Rap Shook Ones, nur jetzt auch mit richtigen Hooks und so. McFit-Abo, ich denke alleine wegen »My Choppa Hate« wieder darüber nach. Viel besser auch als das sehr zu vernachlässigende Future / Thugger Tape.

Wu-Tang Clan
The Saga Continues Orange Vinyl Edition
eOne • 2017 • ab 25.99€
Es gibt übrigens ein neues Wu-Tang Alibi-Album, auf dem Redman dreimal mehr Credits mehr hat als GZA und Raekwon zusammen. Wer sich morgens seine Cornflakes immer noch in W-Form in der Müsli-Schüssel arrangiert, könnte sich vielleicht stellenweise über die soliden Ghost und Meth-Beiträge auf »The Saga Continues« freuen, der Rest verdrängt einfach weiter alles was in diesem Jahrzehnt in Staten Island passiert ist.

Kelela
Take Me Apart Clear Vinyl Edition
Warp • 2017 • ab 25.99€
Vielleicht hilft R&B. Den kann man aktuell nicht besser machen als Kelela. »Take Me Apart« kapiert alles: amerikanische Balladen-Empowerment, steppigen UK-Pop, blutorangenes Songwriting und Night Slugs meets PC Music Post-Digitalismus – und das auch noch mit einer stimmlichen Reichweite, die das alles zeitlos macht.

Fever Ray
Plunge
Raidb • 2018 • ab 21.99€
Absolut großartig auch die neue Fever Ray, auch wenn man sich erstmal an die Explizitheit von »Plunge« gewöhnen muss: musikalisch wie lyrisch wesentlich sexualisierter als der in sich gekehrte Vorgänger macht Karin Dreijer hier spleenigen, aber ungemein druckvollen Kunnnscht-Pop, der selbst in der Hommage vollkommen einzigartig klingt und dabei auch nicht mehr auf pompöse Manifeste zurückgreifen muss um sein Anliegen zu vermitteln.

John Maus
Screen Memories Black Vinyl Edition
Domino Records • 2017 • ab 24.99€
Die besten Musikintellektuellen schieben einem ihr proseminarisches Sendungsbewusstsein ja ohnehin unbemerkt unter. John Maus beruft sich auf »Screen Memories« auf Freud, Deleuze und vermutlich noch 60 weitere Brainbrains, aber was bei uns Simpletons ankommt sind: Melodien, Alter, Melodien. So hat sich seit 2011 nicht viel geändert, außer alles. Maus’ Songs existieren jetzt in einem Kalte Kriegs Throwback-Klima mit unklarer Schurkenverteilung, ein Kontext der sie noch greifbarer macht als das bißchen Spekulationsblasenbiz, das den Vorgänger umwehte. Ein unbequemes wie schönes Album, aber wer möchte, sperrt es einfach aus der Realität aus und legt es unter die Twin Peaks Stellen, die musikalische Begleitung hätten gebrauchen können.

King Krule
The Ooz
XL Recordings • 2017 • ab 28.99€
Apropos Theorie: dort gibt es fast keinen cooleren Ficker als King Krule. Auch der Roll-Out zu »The Ooz« war an visuellem Genie, abgewichstem Geschmäcklertum und der natürlichen Ssense-Aura des lässigsten Gingers seit Brian Scalabrine kaum zu überbieten. Da vergisst man mal wieder gerne, dass auch »The Ooz« für sich betrachtet stellenweise unter seiner Skizzenhaftigkeit leidet und Krule ein äußerst fahriger Songwriter bleibt. Vielleicht hätte die angefragte Kanye-Kollabo damals Wunder bewirkt.

Jessie Ware
Glasshouse
Island • 2017 • ab 17.99€
Nun muss man sicher nicht so perfekt frisierten Festsaal-Pop wie Jessie Ware machen und sich vokalharmonisch auch mal bei Christina Aguillera bedienen, um auf Radio 1 tagsüber stattzufinden, aber ich habe ja ein kleine Schwäche für diesen hyperprofessionellen britischen Referenzpop. »Glasshouse« ist dann auch die geilere Alternative für alle, die sich nicht trauen ihren Algorithmus mit einem Adele-Click für immer zu ruinieren, sich aber insgeheim freuen, wenn Sie einmal im Quartal bei Kauf Dich Glücklich von der Jessie in den Arm genommen werden.

Martin Glass
The Pacific Visions Of Martin Glass
Kit Records • 2017 • ab 16.99€
Wobei eigentlich müsste man da halt auch mal was machen: Zu Martin Glass und »The Pacific Visions« könnte man sicher auch prima Handlotionen testen. Ein Album so glitschig wie sein Cover, so harmoniesüchtig wie der hier stets zitierte Hosono’sche J-Pop der 80er, ein Fest für alle die selbstverständlich noch nie in einem Kauf Dich Glücklich waren und trotzdem gut riechen.

Kaitlyn Aurelia Smith
The Kid Colored Vinyl Edition
Western Vinyl • 2017 • ab 23.38€
Fans von Kaitlyn Aurelia Smith riechen definitiv auch sehr gut, aber vermutlich eher holzig als seifig. »The Kid« ist das Ghostpop-Album auf das wir gewartet haben, symbiotisch as fuck und der Doktortitel für alle, die dachten nach Julia Holter und Joanne Newsom käme nichts mehr und die bisher an Laurel Halo und Holly Herndon gescheitert waren.


Hier entlang zu den Schallplatten von Aigners Inventur bei hhv.de.


Tarawangsawelas are a musical duo from Bandung, mainly performing a contemporary version of Tarawangsa, the sacred music from Sundanese West Java. Here they are joined by their teacher and maestro, Pak Pupung Supena, together with, Pak Jaja, on Sekalipon. »Wanci« is a minimalist, cosmic album composed with a careful modern interpretation of one of the most mystical and spiritual genres in Indonesia._

  • Der Pressetext.

Tarawangsawelas sind voll die Geilis.

  • Ich.
Visionist
Value Gold Vinyl Edition
Big Dada • 2017 • ab 9.99€
Visionist ist spätestens seit »Safe« sporadisch der bessere Arca, was er aber nun auf »Value« veranstaltet, lässt sich mit Vergleichen nur schwer beschreiben. Klar, saccharin hilft als Adjektiv hier oberflächlich weiter, wird aber der analogen Piano-Melancholie nicht gerecht. Vielleicht also so: wenn Mr. Mitch, M.E.S.H. und Arca gemeisam Liebeskummer verarbeiten müssten, dabei aber ständig von ihrem Twitter-Feed auf Terror, Brexit und globale Idiotie hingewiesen würden: sie hätten gaaaaaaanz eventuell dieses Album gemacht.

Lee Gamble
Mnestic Pressure
Hyperdub • 2017 • ab 17.99€
Und nochmal Next Level Kram: Lee Gamble debütiert auf Hyperdub erwartbar unerwartbar. Natürlich wird mit Jungle jongliert, Ambient die Belanglosigkeit aus dem Leib geprügelt, dem Rave der Hedonismus aus den Knochen exorziert und trotzdem fühlt sich hier alles leicht und unbemüht an. Sehr gutes Album, ja.

F Ingers
Awkwardly Blissing Out
Blackest Ever Black • 2017 • ab 15.99€
Fast ekelhaft wie unkrawallig ich diesen Monat bin. Auch F ingers lullen mich mit der besten potentiellen Grabstein-Inschrift »Awkwardly Blissing Out« vollkommen ein und Carla Dal Forno hat, nach ihrer ebenfalls fantastischen Maxi, einen Übermonat. Wer immer schon wissen wollte was passieren würde, wenn Tropic Of Cancer den Verstand verloren hätten: hier du gehen.

NSRD
The Workshop For The Restoration Of Unfelt Feelings
Stroom • 2017 • ab 23.99€
Ja ok, ich motze gleich wieder, aber vorher noch brutalst genuine Freude über NSRD. Das sind vom Stroom-Camp ausgegrabene Letten, die nun auf »The Workshop For The Restoration Of Unfelt Feelings« von Nosedrip kompiliert wurden und alleine auf der A-Seite so schönen Strange Wave machen wie das eigentlich nur die Franzosen und Belgier konnten. Wer diesen Monat nur ein Vinyl-Budget von 25 Euro hat: nehmt die.

Belief Defect
Decadent Yet Depraved
Raster • 2017 • ab 21.99€
Auf Belief Defect bin ich fairerweise auch erst reingefallen. »Decadent Yet Depraved« ist genau so humorlos wie sein Titel, es wird gecoilt (Ja ja, pun hyperintended), aber immer in dieser chirurgischen Raster-Ästhetik. Dahinsiechen bleibt das Leitmotiv, wie es sich für gothischen Industrial-Techno gehört freilich langsam und qualvoll. Da kann man Anfang November schon mal einen Fehler machen und überhören, dass dieses Album eigentlich ziemlicher Quatsch ist und auch rhythmisch langfristig eher krampfig gegen den Strich bürstet. Wer seine kaputte Heizung mit demogorgischem Keifen bekämpfen will, kauft vielleicht doch besser die letzte Pact Infernal.

Not Waving
Good Luck
Diagonal • 2017 • ab 26.99€
Von monochromem Depri-Industrial zu Not Wavings überraschend grellem »Good Luck«. Es kann in die Hose gehen, wenn Künstler im Albumformat versuchen ihren ausufernden DJ Sets gerecht zu werden, aber der anerkannte NTS-Resident schafft genau das: »Good Luck« fängt die Spontanität einer mehrstündigen Radiosendung ein und updatet dabei Not Wavings Lieblings-Genres auch noch vollkommen souverän. Gutes Jahr für Diagonal!

Juju & Jordash
Sis-Boom-Bah
Dekmantel • 2017 • ab 19.99€
Kollege Boehme hat das in seiner Review ohnehin schon perfekt auf den Punkt gebracht: Juju & Jordash setzen ihren Live-Lorbeeren mit »Sis Boom Bah« nun auch ein Denkmal auf Platte. Jammen tun sie alle, live spielen auch, aber ein elektronisches Tanzmusik-Album, das tatsächlich auch so klingt ist auch 2017 immer noch eine Seltenheit.

Es ist schon verdammt schwer Levon Vincents Social Media Rehab bei der Besprechung seiner neuen Platte »For Paris« zu ignorieren. Mit einer dummdreisten Naivität und Undifferenziertheit, die einen an andere zurecht durchs Dorf getriebene Säue von Alki-Bush bis Science-Cruise erinnerte, lieferte Vincents Facebook-Entschuldigung , die sein neues Album begleitete, Twitter-Intellektuellen genug Lästermaterial für mindestens eine Woche. Aber jetzt mal ehrlich: abgesehen von dem unsäglichen Misereor-Artwork und Titeln, die selbst Siebtklässlern zu klischeehaft wären, ist das musikalisch ein kohärentes, bisweilen ungewohnt subtiles Techno-Album, auf dem Vincent vor allem eins beweist: er ist ein viel besserer Produzent als Blogger.


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