Aigners Inventur – September 2015

08.10.2015
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal mit u.a.: LGoony, Travi$ Scott, Dam-Funk und Damiano Von Erckert.
Ich gebe zu »What A Time To Be Alive« im Vorfeld an falschen Erwartungen gemessen zu haben. Drake und Futures in sechs, sicher reichlich bizarren, Tagen und Nächten in Atlanta aufgenommenes Mixtape ist sicher nicht mit dem selben Imperativ versehen wie »Watch The Throne«, sondern mal wieder einer dieser Drake’schen Litmus Tests, die beweisen, dass 2015 nicht mehr mit Manifesten, sondern spontan regiert wird. Wenn man als Gefolgsmann nun also akzeptiert, dass WATTBA in erster Linie illustriert warum Future und Drake diesen Rapscheiß rennen ohne ihre Produzenten zwölf Stunden lang an einer Hi-Hat arbeiten zu lassen und das hier eher eine strategische Allianz zweier Global Player ist denn blindes Verständnis, dann lässt es sich doch herrlich unverkrampft JUMPMANJUMPMANKUMPMAN brüllen, während man der GEZ geknickt wieder einen Fuffi in den String schiebt. Mehr gibt deutsche Stripclub-Kultur ja auch nicht her.

Travis Scott
Rodeo Deluxe Edition
Epic • 2015 • ab 13.18€
Weil Busenfreund Kunze zu Travi$ Scotts Haltung hier bereits alles pointierter herausgearbeitet hat als ich das je könnte, vielleicht noch zwei musikalische Gedanken zu »Rodeo«: natürlich jault hier jedes Gitarrentintermezzo wenig diskret »Runaway«, natürlich ist Scott der schamloseste Kanye-Epigone, der einem bisher untergekommen ist. Wenn man diesen Umstand jedoch versucht nicht als Vorwurf zu formulieren, macht »Rodeo« stellenweise tatsächlich Spaß. Weil Rapsongs, die die Vier-Minuten-Marke knacken, ohne einfach die selben acht Takte ad infinitum loopen immer noch Mangelware sind und Scott scheinbar so clever war, die Krümel, die der Messias nach »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« nicht mehr brauchte, schamlos aufzupicken. So wird das zwar nie etwas mit dem Thron, aber dieses Jordan-Jackson-Game6-Ding liegt Travi$ Scott ohnehin nicht.

Wobei: man kann das ja heute nicht mehr abschätzen. Da kleistert sich dieser komische Typ eine Hymne über das – ääääh – Kochen mit seiner Freundin zusammen, lässt sich beim Töne treffen von Lil Waynes und Young Thugs zerschossensten Momenten inspieren und schon muss Fetty Wap ein Album machen, das seinen surrealen Singles-Run zementiert. Nun habe ich fairerweise einfach noch nicht kapiert, warum ich mich auf Fetty einlassen soll, wenn besagter Thugger doch ohnehin ein Mixtape pro Tag veröffentlicht und wesentlich kreativer mit seiner Stimme umgeht, aber die Hoffnung auf meinen Trap Queen Initiationsmoment habe ich dennoch noch nicht aufgegeben.

Apropos Young Thug : der rief vor kurzem die »Slime Season« aus und soll, so wollen mir zumindest 58347 Memes verdeutlichen, damit delivert haben wie Karl Malone 1996. Hatte ich keine Zeit für bisher, weil sein deutsches Pendant (?!) fast gleichzeitig grape als Farbe des Herbstes salonfähig gemacht hat.

Nun gut, LGoony würde vermutlich vor Nervosität erstmal über seinen Scout-Ranzen stolpern, wenn er einen Raum mit Thug teilen würde, aber ey ohne Scheiß: dieses »Grape Tape« ist nun endgültig so viel mehr als diese überheblichen Yung-Lean-auf-deutsch-Urteile, die sich der vielleicht mittlerweile volljährige Kölner in der Vergangenheit hatte gefallen lassen müssen. Das liegt natürlich wieder an diesen sensationellen DJ Heroin Beats, aber auch daran, dass Goony ein ungeheures Gespür dafür hat, wie man 2015 Rap-Hooks schreibt. Und allein deswegen bleibt der Thug-Vergleich hier stehen. Wer weitere Fragen hat, wendet sich an Casper. Danke.

Da hatte man endlich den Eindruck gewonnen, dass sich The Game freigeschwommen hatte und bei sich angekommen ist und schon legt er sich mit der Sequelisierung seines Klassikers eine Bürde auf, die »The Documentary 2« natürlich nicht erfüllen kann. Aber wenn man die Suche nach einem zweiten »Church For Thugs« oder einer Übersingle eingestellt hat, darf man feststellen was schon immer galt: The Game ist und bleibt ein Meister darin zu emulieren und Beats zu picken, die sein Reibeisenorgan maximal unterstreichen. Ob man dafür nun unbedingt alle It-Pieces des Jahres (Guido Maria Kretzchmar Voice) ankarren hätte müssen (Kendrick, Future, Dr. Dre, Kanye, Drake) sei dahin gestellt, aber…

Jay Rock kann einem ein bißchen leid tun, zeichnet sich doch mit dessen Debüt »90059« die Memphis Bleek-Rolle im Black Hippy Camp immer deutlicher ab. Hier läuft musikalisch wenig schief, Jay Rock ist aber nicht nur musikalisch ein Risikominimierer, vor allem in Sachen Charisma wird er von den eigenen Arbeitskollegen immer wieder mit spielerischer Leichtigkeit vorgeführt. Kann man nur hoffen, dass as long as K.Dot alive, he a millionaire

Und weiter mit dem bisher süßesten Furzwitz des Milleniums: Run The Jewels setzen für ein bißchen 9gag-Liebe ihre beträchtliche Reputation aufs Spiel, holen sich von Geoff Barrow, Just Blaze und anderen Hilfe bei ihrer Schnapsidee ihr letztes Album mit Katzentönen neu aufzunehmen und natürlich sorgen Killer Mike und El-P dafür, dass das alles nicht halb so unhörbar wurde wie es auf dem Papier klang. Ob es allerdings mittelfristig zu mehr reicht als eine designierte Anekdote für Familienfeste zu werden, bei denen man gefragt worüber man so beruflich schreibt, wage ich zu bezweifeln.

Dam-Funk
Invite The Light
Stones Throw • 2015 • ab 11.24€
Guck an, Dam-Funk hat endlich sein Prince Album gemacht. »Invite The Light« ist Dam-Funks poppigstes Album, natürlich sind diese Parliament-Basslines immer noch überall, aber die dominante Farbe ist nun endgültig purpur. In den schlechteren Momenten klingt das dann stellenweise nach unschlüssigen Momenten von »The Love Below«, in den guten jedoch wie die Krönung eines Soundentwurfs, der organisch reifen durfte.

Damiano Von Erckert
Also Known As Good
AVA. RECORDS • 2015 • ab 19.99€
In meinem Hang zur situativen Hyperbel habe ich am vergangenen Montag Damiano von Erckert im Anschluss an dessen (staatsmännisch mit hochgelegten Beinen vom Sofa verfolgten) Boiler Room Set halböffentlich ausgerufen, dass der Wuschelkopf in meiner Top 10 aktiver DJs angekommen ist. Und ich glaube ich meine das heute immer noch. Was Von Erckert als DJ ausmacht, spiegelt sich interessanterweise auch perfekt in seinen Maxis und vor allem auch Alben wieder: diese völlig unverkrampfte Verschränkung der allgegenwärtigen Achse des Guten: House/Soul/Disco/HipHop. Das machen viele, aber kaum einer bekommt es aktuell so unverkrampft hin das auch im Albenkontext zu vereinbaren und Von Erckert hat das mit Mitte 20 bereits zum zweiten Mal geschafft. »Also Known As Good« ist im allerbesten Sinne das Album, vor dem sich die deutsche Benchmark in Damianos Sparte (und Mitglied der Aignerschen DJ Top 5), sein Spezi Motor City Drum Ensemble, im Anschluss an seine Raw-Cuts-Phase gedrückt hat.

Init
Two Pole Resonance
Hivern • 2015 • ab 18.89€
»Two Pole Resonance« hingegen ist eines dieser verflixten Alben. Benedikt Frey und Nadia D’Alo machen viele, ganz viele Sachen, die ich mag, aber auch nach über fünf Wochen will es bei Init und mir nicht klicken. Dabei gibt es hier rumpelnde Drum-Machines, mystisch gehauchte Frauenvocals, diese typischen großen Hivern-Melodien, einen virtuosen Wechsel zwischen Agonie und Ekstase und überhaupt nur geilen Scheiß. Ich setze immer noch alles auf Slow Grower hier und wenn das bis zum Ende des Jahres dennoch nicht gefunkt hat, fange ich an Quarter Life Crisis zu googlen.

Benjamin Damage
Obsidian
50 Weapons • 2015 • ab 19.99€
Benjamin Damage hatte ich bisher völlig agendafrei ignoriert, nicht aus Misstrauen, ist einfach irgendwie so passiert. Das änderte sich tatsächlich erst durch diese Against The Clock Geschichte bei Fact, in der Damage innerhalb von zehn Minuten gefühlt vier Tracks produzierte, die durch elegante Acid-Figuren den bollernden Technobeat fast schon zart wirken ließen. In der Hoffnung auf mehr, habe ich mich nun auf »Obsidian« eingelassen, nur um etwas enttäuscht festzustellen, dass hier seltsamerweise nichts so unmittelbar zündet wie besagte Impromptu-Session. Vielleicht auch weil Damage stark dazu tendiert die magische Simplizität, die er sich häufig nur zu Beginn der Tracks gönnt im Laufe der weiteren Minuten mit immer mehr polyrhythmischen Einfällen unnötig zu verkomplizieren.

2AMFM
2AMFM
Bopside • 2015 • ab 16.63€
Auch Tadd Mullinix und D’Marc Cantu alias 2AM/FM verschachteln ihre Jack Trax gerne, die unmittelbare Brutalität früherer Glanztaten wie The Path fehlt auf »LP« jedoch weitgehend. Die Arrangements sind etwas großzügiger, Rimshot-Salven werden dezenter gesetzt und die 303 auch für weniger schematische Einsätze angeworfen. Ein gelungenes Album, aber auch seltsam gehemmt für ein ansonsten überbordend energetisches Duo.

King Midas Sound & Fennesz
Edition 1
Ninja Tune • 2015 • ab 17.98€
Ambient-Postrock (was in etwa so schlüssig klingt wie Softmetal) bleibt huuuuhuuuuge diesen Herbst. Nun gibt es ja für jede große Entdeckung bekanntermaßen fünf belanglose »Music For Airports« Derivate, auf denen weniger passiert als bei Noisli mit allen Reglern auf Anschlag. King Midas Sound und Fennesz fallen in Personalunion irgendwo in dazwischen, was angesichts der hier involvierten Namen leider schon als Enttäuschung gewertet werden muss, vor allem weil diese Abgründigkeit des KMS-Dubs weitgehend zu Gunsten von Vinnisage-Flächen vernachlässigt wird.

Synkro
Changes
Apollo • 2015 • ab 32.99€
Apropos Vinnisage-Flächen: auch Synkro ambientet im Albumformat gerne vor sich hin, nutzt dabei aber wie gehabt gerne Burial’sche Sample-Techniken und nähert sich mit flüchtigen, jenseitigen Vocalfetzen, viel Delay und dieser typischen englischen Tristesse jedoch als Außenseiter dem Genre. Dass es nicht zu mehr reicht, liegt dann aber leider daran, dass der Schatten seines Idols einfach ein zu großer bleibt und die Zusammenarbeit mit echten Vokalisten meist in gefälligem Trip Hop verendet.

Darkstar
Foam Island
Warp • 2015 • ab 18.69€
Die Umstellung zum gesanggeleiten Folk-Duo haben Darkstar schon vor Jahren hinter sich gebracht, ich kann aber auch nach dem wirklich gelungenen, weil besonders melancholischen »Foam Island», nicht umhin mich zu fragen was hier noch hätte passieren können nach »Aidy’s Girl Is A Computer«, immer noch einem der wichtigsten Tracks der aufregenden Post-Etappe der Dubstep-Ära. Sei es drum, dieses Songwriter-Dings machen die beiden auch weiterhin gut, vor allem auch weil ich mit Violinen ganz gut kann.

Micachu & The Shapes
Good Sad Happy Sad
Rough Trade • 2015 • ab 25.99€
Na klar ey, kaum werden Micachu und Co für den »Under The Skin Soundtrack« allerorts mit anerkennenden Chinstrokes begrüßt, fühlen sich die Damen und Herren berufen ihre Kernkompetenz (Popsongs, verdammt noch mal) zugunsten gelangweilt vorgetragener Kunst-Wichserei zu vergessen. Dabei ist »Good Sad Happy Sad« nichtmal scheiße, aber nicht immer verbessert sich eine Band wenn sie versucht so zu klingen wie vor dem ersten Demotape.

Julia Holter
Have You In My Wilderness
Domino • 2015 • ab 18.74€
Gut, dass ein Bekenntnis zur Einfachheit und Melodien auch als Bequemlichkeit und neue Seichtheit gedeutet werden kann, erfährt partiell gerade auch jedermanns Liebling Julia Holter, die bisher als weitgehend unfehlbar galt, sich nun aber schon unreflektierte Feist-Vergleiche von schmierfinkigen Late Adoptern wie mir gefallen lassen muss. Muss sie gar nicht, »Have You In My Wilderness« ist sicher toll, ich bin mir nur nicht so schnell sicher dies sagen zu können wie bei den beiden Alben zuvor.

Peaches
Rub
I U She • 2015 • ab 15.99€
Ein Track auf dem neuen Peaches Album heißt »Dick In The Air«. Ein Track auf dem neuen Peaches Album heißt »Pickles«. Volle Punktzahl, obviously.

Disclosure
Caracal
Universal • 2015 • ab 32.99€
Disclosure verprügeln ist gerade Volkssport unter Journalisten geworden. Das hat gute Gründe, aber nachdem ich letzte Wochen eine unfassbar deprimierende Vox-Reportage über EDM-DJs gesehen habe, drängt sich bei mir die Frage auf, ob »Caracal« nicht das kleinste Problem dieses seelenlosen Oktoberfestzirkusses sein wird. Muss man aber natürlich nicht so sehen.