Ausklang | 2017KW39 – 8 essentielle neue Platten

Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Jon Hassell
Fourth World:02 Dream Theory In Malaya
tak:til • 2017 • ab 19.99€
Messlattenstand anno 2017: Wir klopfen uns also nun auf die Schultern, weil 87% der Menschen, die sich zur Urnegeschleppt haben, nicht die Fascho-Partei gewählt haben. Und nu? Mehr Liebe, mehr Petitionen, noch mehr Sendezeit für die geifernden Arschlöcher, die in den Leitmedien schon vor dem 24. mehr Mitsprache als in der kommenden Legislaturperiode zugesprochen bekommen haben? Nein. Besser noch: Diejenigen unterstützen, die was tun, und erst recht diejenigen supporten, die als erste drunter leiden werden. Jon Hassells »Fourth World«-Musik mag zwar eher in Schmunzel-Dude-Luftschlössern statt auf dem Boden der Tatsachen gebaut worden sein, aber um mal Fredric Jameson zu paraphrasieren: Utopisches Denken erschafft nur sekundär schöne neue Welten und nimmt zuallererst die Beschissenheit der vorhandenen ins Auge. KC
V.A.
Third Floor Music
PH17 • 2017 • ab 9.99€
Von der vierten Welt zur »Third Floor Music« kann es da eigentlich nicht weit sein. Die Leipziger Crew um das Label PH17 schafft es zwar auch nicht, dingliche Lösungen auf dringliche Probleme zu finden, das kann aber auch niemand erwarten. Zumindest drückt es dahinter mehr als korrekt das Kreuz für die richtigen und wichtigen Ziele durch. Das Highlight kommt als tröpfelndes Ambient-Stück zum Schluss. Vielleicht, hoffentlich zumindest, ist hier nomen wirklich omen und diese Musik spinnt Ariadne-Fäden, die uns zum Ausgang oder besser noch Ausweg führen. Ein guter Anfang zum Ende also, bitte weiter so. KC
Jasss
Weightless
Ideal • 2017 • ab 26.99€
Wenn es sowieso so etwas wie einen Sound des dritten Floors gibt, dann ist er »Weightless« im Sinne von Grime oder besser noch JASSS. Schwebend und dennoch schwer auf dem Magen liegend, eine als Schulterschluss getarnte Backpfeife in Richtung Rave-Konventionen oder Zeitgenossenschaft. Damit war die Spanierin auf Mannequin bisher gut aufgehoben, ihr eigentliches Zuhause hat sie aber im iDEAL-Katalog zwischen Saxofon-Noise, Wall Noise, Harsh Noise, Black Metal Noise, Noise Noise und Küchenapparat-Noise gefunden. Ihr Debütalbum klappert wie ein Skelett in der Autowaschanlage, wo das Chassis nochmal für den Abstecher im Krematorium aufpoliert wird. Kurzum: geil widersprüchlich, weightless und zentnerschwer. KC
Maalem Mahmoud Gania
Colours Of The Night
Hive Mind • 2018 • ab 35.99€
Aber schwenken wir noch ein letztes Mal auf die vierte Welt um, bevor die Kollegen euch von mir erlösen: Maalem Mahmoud Gania wäre der (nördwestlichen) Welt wohl ebenso ein böhmisches Dorf geblieben wie Gnawa-Musik als solche, hätten Floating Points und James Holden ihn nicht Boiler Room-kompatibel gemacht. Seine lebensbejahenden Vibes kommen zwar leider de facto aus dem Grab, schließen aber nach den Grooves von der Schattenseite des Lebens den Bogen zum Anfang und das heißt eben nicht nur der Beschissenheit der Dinge, sondern auch der außerweltlichen Schönheit Jon Hassells. So rum, das flüstern uns diese letzten Gania-Aufnahmen mit knorriger Stimme zu, geht es aber eben auch: Statt eine vierte Welt zu erfinden, einfach mal in den anderen zweien nachschauen. Der Weg ist nicht ganz so weit und vielleicht findet sich die Lösung ja auf dem Weg dorthin. KC
V.A.
Q/R
Melodies Souterraines • 2017 • ab 17.99€
Der beurlaubte Kollege Kunze hat vor kurzem ein Bild gemalt, das entweder in zwanzig Jahren vom Gerichtspsychologen als erstes Anzeichen für dessen Außerweltlichkeit herangezogen werden wird oder aber einfach ein vorherzusehendes Nebenprodukt von Chen Yis »The Rug« ist. Das lief währenddessen nämlich rauf und runter und ist mindestens genau so verdreht schön wie der gerahmte Original Kunze in meinem Wohnzimmer. FA
Bionda E Lupo
Die Kinder Aus Dem Park
Charlois • 2017 • ab 10.99€
Wer ein bißchen mehr Struktur in seiner Kaputtheit braucht und bisher jedes Mal im Club bei »Los Ninos Del Parque« die Gelegenheit für peinlichstes VHS-Spanisch-Gestammel nutzte, sollte auch mal an seine Mitmenschen denken: Bionda E Lupos Cover kommt nämlich mit feistem Dada-Deutsch auf den Flur gestürmt und wenn man die Millisekunde überstanden hat, in der einen das kurz an Deichkind erinnert, ist das einfach ein ganz ganz brutaler Hit. FA
Necessaries, The
Event Horizon
Be With • 1982 • ab 22.99€
»Driving & Talking At The Same Time«, zumindest wenn du ein Mobiltelefon in der Hand hältst, wird zukünftig mit einem Bußgeld von 100 EUR und einem beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg bestraft. Aha! Das Lied zur StVO-Novelle kommt von The Necessaries, was eine scheinbar in Vergessenheit geratene, mir schlicht völlig unbekannte Band um den immer tollen Arthur Russell war. Das Label Be With – und das ist für mich als Fußgänger die eigentliche Nachricht hier – hat nun dem ca. 1982 veröffentlichten Album »Event Horizon« einen neuerlichen Spin ermöglicht. Also runter vom Gas, rein in den Plattenladen (also im besten Fall in den hier.) SH
Und während sich die Sozialdemokraten bei Spät-Burgunder und Riesling, Schupfnudeln und Currywurst in die Opposition verabschieden und die verfickten Nazis zur Jagd auf die Demokratie falsche Töne in ihr Horn blasen, lege ich mein Ohr an die Box und träume mich in die Welt der neuen Compilation von [Fire Records](https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5406/fire-records.) So erblicke ich gerade noch die Gesichter von Alexander Gauland und Alice Weidel, während die Stimme von Jane Weaver in meinem Kopf ihr Mantra singt: »I feel it starts again,/ I feel it starts,/ I feel it starts again,/ I feel it starts«_. SH **Mehr Sounds von der »Lost Libraries«-Compilation findest du hier