Jahresrückblick 2021 – Top 50 Reissues

01.12.2021
Neues Jahr, neue Liste von Visionen von Zukünften, die bisher noch nicht Realität geworden sind. Diese 50 Schallplatten träumten in diesem Jahr aus der Vergangenheit am lautesten von einem besseren Morgen.

Wussten manche schon immer, fiel anderen erst vor Kurzem auf: Früher war wirklich alles besser. Okay, kleiner Spaß am Rande, allerdings liest sich der jährliche Reissue-Round-up dann doch wie eine Liste von Visionen von Zukünften, die bisher noch nicht Realität geworden sind. Ob nun Arovane, Autechre oder Porter Ricks, Alice Coltrane, Sun Ra und Hiroshi Suzuki, Akiko Yano oder doch Arthur Russell: Noch immer werden jede Menge Schätze der Vergangenheit gehoben, neu verpackt und in eine Welt entlassen, die aus diesen Sounds ihre Lehren ziehen und sie sich gründlich hinter die Ohren schreiben sollte.

Während in aller Welt Jazz neu gedacht wird, liefert der Blick in die Vergangenheit schließlich jede Menge Inspiration. Genauso verhält es sich mit elektronischer Musik und den transkulturellen Versuchen früherer Generationen, die auf einige der in diesem Jahr neu aufgelegten Schallplatten festgehalten wurden. Nicht selten aber erzählen Reissues mehr als nur musikalische Geschichten, sondern sie legen Zeugnis ab von bestimmten Menschen, von den sie umgebenden Kontexten oder gar den Widrigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sahen. Und das letztlich macht es so wertvoll, sich auf sie einzulassen, als Handlungsdirektiven und Hoffnungsspender.

Obwohl es manchmal wirken mag, als sei früher wirklich alles besser war – selbst inmitten der beschissensten Gegenwart bleibt die Zukunft ein unbeschriebenes Blatt und liefert die Vergangenheit die Tinte, mit der sich das ändern lässt. Es folgen die 50 besten Beispiele für diese Behauptung. Kristoffer Cornils

Akiko Yano
Ai Ga Nakucha Ne
Wewantsounds • 1982 • ab 26.99€
Um das ein für alle Mal klarzustellen: Ohne Akiko Yano würde Hosono vermutlich weiterhin Folk Rock auf irgendwelchen Retromania-Events spielen und Sakamoto gäbe Klavierunterricht. Und sowieso gehören Alben wie »Ai Ga Nakucha Ne« zu den Sternstunden japanischer Popgeschichte der frühen 1980er, weil Yano schon damals einen Scheiß auf Techno- und City-Pop-Empfindlichkeiten gegeben und stattdessen lieber ihr Ding gemacht hat. Die beste absonderliche Popmusik, die bei den ersten drei Durchläufen überhaupt nicht absonderlich klingt und gerade deshalb nachhaltig verstört. Kristoffer Cornils

Al-Dos Band
Doing Our Thing With Pride
Kalita • 2021 • ab 19.99€
Eine Disco-Platte ohne Ballast und Brimborium altert wie Keith Richards. Langsam. Und zwischen den Falten des Lebens. Die Al-Dos Band, eine Band aus South Carolina in den USA, hat 1976 eine Platte aufgenommen, die dahingehend ewig lebt. Keine Bläser, kein Pomp, kein Glitzer im Toupé. Nur Musik, die den Funk aus dem Beckenboden presst und den Soul druch der Zerstäuber pumpt. »Doing Our Thing With Pride« ist das Motto, Kalita Records sei Dank! Christoph Benkeser

Alice Coltrane
Kirtan: Turiya Sings
Impulse • 2021 • ab 31.99€
Spiritual Jazz, mal anders: »Kirtan: Turiya Sings« ist ein Meditationsalbum für Stimme und Wurlitzer, welches das New-Age-Jahrzehnt einläutete und seiner Zeit dann doch voraus war wie Alice Coltrane sowieso schon immer eine Transzendenzebene über den Dingen schwebte. Als ihr erstes Gesangsalbum überhaupt stellt es eine Besonderheit in ihrer sowieso schon außergewöhnlichen Diskografie dar, bringt vor allem aber selbst die säkularsten Typen dazu, zu spirituellen Einsichten zu gelangen. Alles anders, alles wie gehabt: Coltrane war eine der größten aller Zeiten, periodt. Kristoffer Cornils

Amancio D'Silva
Konkan Dance
Roundtable • 2021 • ab 32.99€
Das 1972 in London aufgenommene Werk »Konkan Dance« fand damals aus unbekannten Gründen nicht ans Tageslicht. Es blieb lange Zeit unveröffentlicht. Aus dem Dornröschenschlaf wurde es erstmalig in den 2000er geküsst, zuletzt von dem Label The Roundtable. Modaler Jazz und Indische Klassik vereinen sich zu einem Indo-Jazz-Hybriden getragen von Amancio D´Silvas Gitarre, die es versteht, psychedelische Reize zu versprühen. Martin Georgi

Arovane
Atol Scrap Remastered Edition
Keplar • 2021 • ab 23.99€
Da rutscht einem vor lauter Freude schon mal der linke Daumen beim Tinder-Swipen aus, wenn das erste Vinyl-Reissue von Arovanes »Atol Scrap« auf den Plattenteller springt. 1999 veröffentlicht, hat Uwe Zahn mit dem Album einen eigenen Meilenstein in die Irgendwas-mit-IDM-Landkarte gehämmert. Dass das Teil nach über 20 Jahren noch immer funktioniert, hat wahrscheinlich weniger mit der heutigen Musik als mit dem genialen Dilettantentum zu tun, das damals in und um Berlin herrschte. Muss man nur die Kollegen Hinz & Kunz(e) fragen schon sprudelts los. Berlin Ende der Nineties. Das ist der Sound dafür. Christoph Benkeser

Arpeggio Jazz Ensemble
Le Le
Jazz Room • 2021 • ab 23.99€
Wem der Baker zu seicht und der Brötzmann zu heavy ist, der fühle sich an dieser Stelle erstens total gut verstanden und zweitens primast von Arpeggio Jazz Ensembles »Le Le« abgeholt. Dieses 1987er Meisterwerk ist Spiritual Jazz mit einer ordentlichen Menge afrokubanischer Einflüsse, perfekt zwischen Anspruch auf Anspruch und Anspruch auf Genuss konsumierbar. Pippo Kuhzart

Arthur Russell
Another Thought
Be With • 1993 • ab 34.99€
*Arthur Russell – Another Thought (Be With)
Schon klar, es sagt viel über den Zustand dieser Welt aus, dass das Werk von Menschen wie Julius Eastman oder seinem Buddy Arthur Russell erst mit Jahr. Zehn. Ten. wirklich erschlossen wird, andererseits jedoch auch über ihre Musik: War halt ihrer Zeit voraus, was willste machen. Die Neuauflage von »Another Thought« durch Be With mag die gefühlte zwanzigste der letzten zehn Jahre sein, das große Fragezeichen wird damit aber noch nicht weggewischt: Wenn die Leute es schon damals gecheckt hätten, wie sähe dann heutzutage die Welt aus? Die Antwort immerhin fällt leicht: besser. Trauriger, aber besser. Kristoffer Cornils

Autechre
Chiastic Slide
Warp • 1996 • ab 27.99€
Sollte glitchiger IDM während der 1990er Jahre je die Schwelle zur entrückenden Zukunftsvision überschritten haben, geschah das zum vierten Male im Februar 1997, als Sean Booth und Rob Brown als Autechre abermals demonstrierten, was elektronische Avantgarde heißt – und was nicht. Warum man ihr viertes Album »Chiastic Slide« dennoch über zwei Dekaden auf ein amtliches Reissue warten ließ, bleibt ungeklärt. Vielleicht Impact-Maximierung? Die auditive Wiedergeburt ist dank amtlicher Warp-Pressung jedenfalls komplett geglückt und beschert uns in diesem abermaligen Scheißjahr das abgefahrenste Weihnachtsgeschenk südlich des Krebswendekreises. Wie Jesu Rückkehr, nur besser. Nils Schlechtriemen

Barcelona Traction
Barcelona Traction
Sommor • 1975 • ab 21.59€
Wetten, dass immer noch mehr Fusion aus den 70ern geht? Barcelona Traction, ein katalanisches Jazz-Trio, veröffentlichte 1975 ihr selbstbetiteltes Debüt. Und Sommor, das spanische Reissue-Label für undergroundigen Shit, reißt alte Wunden auf, um neue Rillen ins Vinyl zu pressen. Es klimpern die weißen Tasten am Minimoog, und der Wurlitzer heizt durch, während man unterm Palmenbaum den dritten Sangria wegrüsselt. Eine Platte als Cocktail-Party. No more. More less! Christoph Benkeser

HHV X PMC
100 box
• 2008 • ab 100.99€
Es gibt Alben, die auf Schallplatte einfach Nullkommanull Sinn ergeben und »Flood« steht ganz oben in dieser Liste. Aber es ist Jack White egal, es scheint auch Boris selbst schnurz und ehrlich gesagt kommt das Reissue dieses psychedelischen Meisterwerks in vier zerstückelten Teilen dann vor allem für Fans als willkommene Erinnerung daran, wie die japanische Band in ihrer besten Zeit mal klang: völlig grenzenlos, minimalistisch überdreht, dauerbekifft und doch hyperfokussiert. Ein sacht wabernder Gigant von einem Album, selbst mit zwischendurch Umdrehenmüssen. Kristoffer Cornils

Brian Brown Quintet
Carlton Streets
Roundtable • 1975 • ab 31.34€
Australischer Jazz aus den 1970ern? Count me in! Selbst für den Fall, dass Brian Brown, der Mann, der dem Quintett seinen Namen lieh, ein kolossaler Krachkopf gewesen sein sollte, will man hören, was Down Under vor 50 Jahren aus der Querflöte gehustet wurde. »Carlton Streets«, das das Melbourner Label The Roundtable neu aufgelegt hat, pfeift auf die Standards – und stoßlüftet zwischen Bobbi Humphrey und einem durchgedrehten Hancock durch. Ganz großes Damentennis! Kristoffer Cornils

Coil
Love's Secret Domain Black Vinyl Edition
Infinite Fog • 2021 • ab 44.09€
Dreißig Jahre später: Coil sind tot, ihre Musik überdauerte sie und wird auch uns überdauern, ihr Schaffen einer neuen Generation zugänglich gemacht. Immer und immer wieder. Mit **»Love’s Secret Domain« erschien dieses Jahr eines ihrer Wendepunktalben, nach denen nichts mehr so war wie zuvor, sowohl für das Projekt als auch für den Rest der postmodernen Musikwelt. Ein genau sechzigminütiger Malstrom aus Spätindustrial, Poesie, Sexmagie und ersten manischen Vorahnungen europäischer Clubsounds. Immer wieder unterschätzt: Danny Hydes maßgebliche Rolle hinsichtlich Produktion und Ausgestaltung dieses in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Gesamtkunstwerks. Nils Schlechtriemen

Costa Blanca
Viaje A Prantia
Altercat • 1977 • ab 21.84€
Das Berliner Label Altercat gräbt Perlen der Vergangenheit aus, die nicht durch Zufall in die YouTube-Recommendations gespült werden. Costa Blanca, ein spanisches Jazz-Rock-Ding aus den späten 70ern, gehört definitiv dazu. Mit »Viaje A Prantia« produzierte das Quartett 1977 ein Album. Danach war Sense. Entweder haben sich die Typen zu viel Kraut in die Birne gepfiffen oder einfach auf die Musiksache geschissen. Vielleicht hat man auch einfach den Weather Report gehört. Und sich auf eine never-ending Siesta geeinigt. Fair! Christoph Benkeser

Fennesz & Ryuichi Sakamoto
Cendre
Touch • 2007 • ab 31.99€
*Fennesz & Ryuichi Sakamoto – Cendre (Line)**
Der österreichische E-Mail-Checker Fennesz und der japanische Ambientionist Sakamoto haben aus ihrer Zusammenarbeit eine Heiratssache zur Liebesgeschichte gemacht. Um mit »Cendre« eine Platte zu produzieren, auf die sich die E-Musik-Abteilung im Musikverein genauso einigen konnte wie 15-jährige Call-of-Duty-Pros, die auf der Suche nach Erlösung dem YouTube-Heiland vertrauten. Und heute mit Atonal-Shirts im Philosophie-Seminar sitzen. Ambient für die E-wig-keit! Christoph Benkeser

François De Roubaix
Les Secrets De La Mer Rouge
Transversales Disques • 2021 • ab 22.99€
Manchmal scheint ein Hauch Italowestern durch die Sierra Nevada zu wehen. Dann wieder meint man, das Herz des Dschungels pochen zu hören – mitunter gar den des Asphaltdschungels. Stattdessen vertont François de Roubaix´s Score die See, genauer: Das Rote Meer. Dass das ohne Widersprüche funktioniert und auch zwischen klimatisierten Betonwänden Spannung, Fernweh und Outlaw-Romantik erzeugt, liegt eventuell daran, dass der Soundtrack der TV-Serie **»Les Secrets de la Mer Rouge« ein Hybrid ist: Er setzt auf eine organisch-hippieeske Orchestrierung, zu der sich in der zweiten Staffel – sie erschien 1975, acht Jahre nach der ersten – neumodische Synthie-Klänge gesellen. Schön!Christian Neubert

Hiroshi Suzuki
Cat
We Release Jazz • 1976 • ab 26.99€
Japanischer Jazz und seine Raritäten: Mit dem Album »Cat« des Posaunisten Hiroshi Suzuki gab es in diesem Jahr eine Neuauflage einer fast kultisch gefeierten Platte. Obwohl sie bis dahin wohl die wenigsten Menschen gehört haben. Was sich jetzt ändert. Denn die 1976 erschienen Stücke verknüpfen Fusion und Einflüsse vom Funk zu einem geschmeidigen Sound, der den US-Alben dieser Zeit kaum nachsteht. Die perfekte Platte für die Stunden mit künstlichem Licht und hochprozentigen Alkoholika. Björn Bischoff

Hozan Yamamoto & Yu Imai
Akuma Ga Kitarite Fue Wo Fuku
Mr Bongo • 1978 • ab 29.99€
Bei Bambusflöten ist man geneigt, an folkloristische Darbietungen in Fußgängerzonen zu denken. Bei Hozan Yamamoto ist das anders. Seinem Instrument, der Shakuhachi, erschloss der japanische Komponist und Virtuose ganz eigene Regionen. In seinem Soundtrack zum Film „Die Flöte des Teufels“ von 1979 sind das vor allem Fusionwelten, gern diabolisch reduziert mit knarztrockenem Bass und Schlagzeug und eisigen Synthesizern. Ohne das gehört zu haben, kann man kaum behaupten, die Bambusflöte zu kennen. Tim Caspar Boehme

Ian Carr
Belladonna
Mr Bongo • 1972 • ab 25.64€
»Belladonna« klingt so, als hätte John McLaughlin häufiger zum Whiskey und seltener zum Joint gegriffen, als hätte überhaupt das Mahavishnu Orchestra mehr Bock auf Groove statt auf Entgrenzung gehabt. Fusion-Jazz ohne die benebelte Laune, ohne den Stallgeruch des Profi-Muckertums. Ian Carr und seine Mitspieler haben über sechs Stücke offensichtlich etwas, das bei der ganzen Sache einst im Vordergrund stehen sollte und dann doch dem ständigen Selbstbeweis weichen musste: Spaß zusammen. Gab’s damals also, könnte es heut gern wieder geben. Kristoffer Cornils

Idee Du Femelle
Sequences
Musica Maquina • 1988 • ab 29.99€
Im Windschatten des Hypes um die Mega-Clubs wie Berghain und Fabric hatte sich in den letzetn zehn Jahren diese wunderbar undergroundige Nische an Programm- und Wohnzimmerclubs geöffnet, die immer wieder in den Annalen kramen, um neuen-alten heißen Scheiß zu finden. Solch’ ein Fundstück (von Hivern Discs-Chef John Talabot) ist jene Kassetten-Reissue des Barceloniken Toni Parera. Elektronisch, trocken bisweilen düster, geschult an Industrial-, Tribal- und Fourth World-Sounds! Lars Fleischmann

Joe Mcphee & Lasse Marhaug
Harmonia Macrocosmia
Actions For Free Jazz • 2020 • ab 21.99€
*Joe Mcphee & Lasse Marhaug – Harmonia Macrocosmia (Actions For Free Jazz)
Man hat sein Musikerhörer:innen Seepferdchen besser erfolgreich abgeschlossen, bevor man sich
»Harmonia Macorcosmia« annimmt, selbstverständlich spielen Joe McPhee und Lasse Marhaug** nicht zur Höregwohnheit hin, sondern von ihr weg. Die Tröte trötet, die Uhr tickt, die Electronics haben Beton im Getriebe: Nicht leicht nervöses Zähneknirschen ist hier das Ziel, sondern der direkte Biss auf die Betonkante. Im Higher Place dann nichts als nacktes Fleisch. Pippo Kuhzart

Kevin Mccormick & David Horridge
Light Patterns
Smiling C • 1982 • ab 23.99€
»Put the album on, lie back and enter the land of no floors« – mehr muss man zu dieser Platte eigentlich nicht sagen. Was die Mancunians Kevin McCormick und David Horridge Anfang der 80er aus zwei Gitarrenhälsen quetschten, geht 40 Jahre später locker als Instrumentalalbum in Meditationszentren zwischen Wien und Wilhelmshaven durch. Man muss nicht mal am Zirbenpolster schnuppern, um sich mit der Neuauflage auf Smiling C zu berauschen. »Just put it on!«, würden Marisa Anderson-Fans sagen. Christopher Benkeser

Koopsta Knicca
Da Devil's Playground Yellow Translucent Vinyl Edition (with Seamsplit)
D-Evil • 1994 • ab 38.99€
Niemand erhofft sich von einer Reissue aus dem erweiterten Three 6 Mafia Umfeld im Jahr 2021 einen signifikanten Erkenntnisgewinn, Koopsta Knica flüstert sich im Proto-Bone-Thugs-Triplet-Flow durch Horrorcore-Klischees, Grünzeug-Propaganda und Corner-Maintenance und das sind noch die unproblematischeren Themen. Aber: dieses Album ist auch 25 Jahre später noch DIE Blaupause für die verrauschte Memphis Nostalgie, in der der stete Niedergang von Soundcloud galant wegignoriert wird und eine gechoppte Hook für einen veritablen Underground Hit ausreicht. Dazu noch das obligatorische, von Spotify und Co. gefressene Art Of Noise Sample und es gibt keine ernstzunehmenden Argumente mehr, warum Da Devil’s Playground an dieser Stelle nicht erwähnt werden muss. Florian Aigner

Kurt Stenzel
OST Jodorowsky's Dune Lita 20th Anniversary Clear Vinyl Edition
Cinewax • 2013 • ab 49.99€
In diesem Jahr lief »Dune« im Kino an, die Neuverfilmung von Frank Herberts gleichnamigen Kultroman. Zuvor adaptierte David Lynch das Buch für die Leinwand. 1984 war das, ein paar Jahre, nachdem die Rechte für eine erste Verfilmung ausliefen: In den Händen des Midnight-Movie-Megalomanen Alejandro Jodorowsky sollte »Dune« das ultimative Filmereignis werden – zustande kam es nie. Der Dokumentarfilm »Jodorowskys Dune« spürt der Geschichte des »besten Science Fiction Films, der nie gedreht wurde«, nach. Mit einem reduzierten Synthie-Score, der sich erhaben, erbaulich, elegisch, flirrend, flackernd und fluoreszierend über die Bewegtbilder legt – und von ihnen losgelöst zum Reinlegen einlädt.Christian Neubert

Lewis Taylor
Lewis Taylor
Be With • 1996 • ab 29.99€
Be With haben mit dem 1996er Debüt von Lewis Taylor ein echtes Juwel aus den Archiven gegraben. Die Scheibe hat zwar 25 Jahre auf dem Buckel, doch zeitloser hat der Neo-Soul aus den Neunzigern nie geklungen. Nicht ohne Grund zählten D’Angelo, Aaliyah und David Bowie zu Lewis Taylors heimlichen Fans. Warum ihm trotz überschwänglichem Kritikerlob der große Durchbruch einst verwehrt blieb, ist nicht vollständig verbrieft, aber zumindest wird dem Werk mit dieser Reissue nun die verdiente Ehre erwiesen. Benjamin Mächler

Lon Moshe & Southern Freedom Arkestra
Love Is Where The Spirit Lies Black Vinyl Edition
Strut • 2020 • ab 24.99€
Es ist ja nun relativ offensichtlich, wessen eingerahmtes Porträt Lon Moshe über dem Nachttisch hängen hatte, und nicht nur die Schreibweise seines Southern Freedom Arkestra bringt das zum Ausdruck. Doch bietet dieses erstmals in diesem Jahr veröffentlichte Werk aus den späten 1970er-Jahren dann eben doch mehr als Fußnoten in einer Hausarbeit über Sun Ras musikalisches Nachbeben. Sondern einen im allerbesten Sinne komplett bescheuerten Mix aus Free Jazz, spirituellen Anklängen, übertrieben ambitionierten Soli und jeder Menge nicht-westlichen Einflüssen, der weiterhin wunderbar enigmatisch und elektrifizierend bleibt. Kristoffer Cornils

Marcos Resende & Index
Marcos Resende & Index
Far Out • 2021 • ab 24.99€
Lebensfreude kann man nicht kaufen. Mit »Marcos Resende & Index« kommt man der Sache aber so nah, dass man am liebsten noch zwei Zehner drauflegen würde. Schließlich bringt Marcos Resende, der studierte Mediziner und Session-Pianist für Gilberto Gil und Gal Costa, im Brasilien der 1970er alles mit, was man gegen eine antauchende Winterdepression im Coronawinter tun kann: Schlaghose, Schnurrbart und den Schmäh, aus Fusionküche nicht nur überteuerten Scheiß für Geschäftsessen zu fabrizieren, sondern eine Platte zusammenzubasteln, bei dem den ärgsten Headhuntern einer auskommt. Christoph Benkeser

Marcus Fischer
Monocoastal 10th Anniversary Clear Vinyl Edition
12k • 2010 • ab 27.99€
»Monocoastal« ist das 12k-Album to end all 12k albums. Marcus Fischer hat hier die freundliche, mit allerhand spielerischen Nebenbeigeräuschen gesäumte Ambient-Philosophie von Taylor Deuprees Label auf nachhaltige Art kondensiert. Diese Platte ist warm und kalt zugleich, ein langsamer Trauermarsch und doch das sacht den Thorax emporkletternde Gefühl von Euphorie. Acht Stücke wie eine seichte Brise inmitten der Hitzewelle: essentiell notwendig, aber genauso ephemer und schnell vergessen. Das Reissue zum zehnten Geburtstag kam erst im Folgejahr raus – genau so eine Platte ist das hier. Kristoffer Cornils

Maulawi
Maulawi
Strata Records Inc. / 180 Proof • 1974 • ab 36.99€
Der Opener von »Maulawi« gehört ohne Weiteres zu den grandiosesten Blaxploitation-Szenen, die nie gedreht wurden. »Street Rap« stellt sich direkt an den Street Corner während das Maulawi-Ensemble das bunte Geschwatze im überhitzten Chicago mit einem super-slicken Jazz Funk überzieht. In sechs mäandernden Titeln kreierte Maulawis 11-köpfige Band 1974 ein buntes, Funken und Leben sprühendes Debütalbum, das nach Lust und Laune zwischen Free Jazz, Criminal Jazz, Jazz Funk und Bossa springt. Der Bass treibt alles, schnarrt und groovt wie ein pinkes Pimpmobile. Und alles klingt dabei lose und spontan und superpräzise zugleich. Jens Pacholsky

Michel Portal, John Surman, Barre Phillips
Alors!!!
Souffle Continu • 2021 • ab 23.39€
»Ça Boom ?« »Ça Boom !« »Oo Bam Ba Deep« Einige Titel dieser Reissue hintereinander gelesen, dann klingt das, als würde der große französische Komiker Louis de Funès den hier zu hörenden Free Jazz verbalisieren. »Nein!? – Doch!! – Ohh!!« Hören, Staunen, Weitermachen. »Alors!!!« wurde 1970 von Michel Portal, John Surman, Barre Phillips, Stu Martin und Jean-Pierre Drouet eingespielt. Nun neu von den Originalbändern gemastert und von Souffle Continuu auf 180 Gramm schwerem Vinyl wiederveröffentlicht. 45 Minuten Wahnsinn. Sebastian Hinz

Nichts
Tango 2000 Remastered Deluxe Black Vinyl Edition
Cargo • 1982 • ab 19.99€
Mit weiteren Vertretern des einstigen NDW-Labels Schallmauer wird ein Revival probiert: Cargo Records hat in diesem Jahr die ersten beiden Alben von Nichts neuveröffentlicht. »Tango 2000«, das weniger punkige von beiden, schaffte es 1982 auf Platz 22 der Albumcharts. Heute lässt sich die Platte am besten fernab von Vergangenheitsverklärung hören. Mit ihrer separatistisch-individualistischen Attitüde, die im unschuldigen Groove, zu Tango-Rhythmus, quietschenden Gitarren und kessen Parolen dahertanzt, behauptet sie sich geistesgegenwärtiger als gegenwärtige (Deutsch-)Rockmusik.Jana-Maria Mayer

Nyssa Musique
Comme Au Moulin
Ici Bientot • 1985 • ab 22.99€
Kämen Nyssa Musique aus Japan, hätte uns der YouTube-Algorithmus dieses Album schon vor fünf Jahren in den Sidebar gelegt. So aber mussten Ici Bientôt ran und es einfach auf Gutdünken neu auflegen. Das im Jahr 1985 im Selbstverlag veröffentlichte »Comme Au Moulin« erinnert deutlich an die Musik von vor allem Midori Takada und dem Mkwaju Ensemble oder auch Yas-Kaz in seinen jazzigeren Momenten: Wild drauflos gespielte und doch ewig verfeinerte, Patschuli-verwaschene Musik, die sich aus aller Welt bedienen will, um die Träume einer neuen Transkulturalität wahr werden zu lassen und dann aber doch noch ganz andere Richtungen einschlägt. Die Tropical Drums of Frankreich schlugen selten mit so viel Nachhall. Kristoffer Cornils

Pamela Z
Echolocation
Freedom To Spend • 2021 • ab 24.99€
Gen Z’ler winken gelangweilt ab, Plattenladen-Boomer nicken erhaben. »Stop pretending, do it in reality« fordert Pamela Z im Intro ihres Debütalbums »Echolocation« und könnte damit kaum besser in den zeitgenössischeren Diskurs passen. Freedom To Spend hat das ursprünglich 1988 erschienene Album neu aufgelegt. Stimme, Delay, Wave: die ›Musik‹ einer Performancekünsterlin im Amiland der spätern 80er eben. Pippo Kuhzart

Phew
Phew
P-Vine • 1981 • ab 38.99€
Phew hätte ein Star werden können, machte dann aber doch lieber ihr Ding. Die Fakten: Mit Aunt Sally mitbegründete sie eine der führenden frühen japanischen Indie-Bands und schloß sich dann in einem deutschen Studio ein, um mit Conny Plank als Produzenten sowie Holger Czukay und Jaki Liebezeit als Gastmusikern ihr Solo-Debütalbum einzuspielen. Spröder, weirder, elektronisch angereicherter Post-Punk, wie ihn zuvor und danach nie jemand so hinbekommen hat. Alles zusammengehalten von einer der eigenartigsten, einzigartigsten Stimmen im Game. Und dann? Machte Phew Pause, weil sie kein Bock auf den Fame hatte. Die Beste. Kristoffer Cornils

Piero Umiliani
Atmospheres HHV Exclusive Blue Vinyl Edition
Musica Per Immagini • 1979 • ab 22.99€
Wer bei all den Piero Umiliani gewidmeten Reissues noch den Überblick bewahren kann, dürfte schätzungsweise sowieso eine abgeschlossene Bibliothekarsausbildung hinter sich haben. Für alle anderen gesprochen: »Atmospheres« ist das Album, das wirklich die Zukunft vorausgesehen hat. Unmöglich, dass Vangelis nicht von diesen skurrilen elektronischen Vignetten abgespickt hat, unwahrscheinlich, dass irgendwer widersprechen würde, wenn wir sagen: So hat Umiliani selten geklungen, so nah war Ende der 1970er der Zukunft niemand sonst. Der eine große Pflichtkauf aus der Reissue-Flut, versprochen. Kristoffer Cornils

Porter Ricks
Biokinetics 25th Anniversary Vinyl Edition
Mille Plateaux • 2021 • ab 24.64€
»Biokinetics« ist das beste Dub-Techno-Album aller Zeiten gerade weil Porter Ricks darauf Dub Techno abstrahierten, transzendierten und letztlich hinter sich ließen. Kaum mehr als eine Zusammenstellung einiger Singles mit Bonus-Tracks und doch ein großes Narrativ darüber, den heimischen Hafen zu verlassen, in unbekannte Gewässer aufzubrechen und geläutert wieder heimzukehren. Musik, die den Körper mit Umweg durch den Geist in Bewegung setzt. Ein fluider Meilenstein in elektronischer Musik überhaupt. Kristoffer Cornils

Robbie Basho
The Art Of The Acoustic String Guitar 6 & 12
Gnome Life • 1979 • ab 17.99€
Die schlechte Nachricht zuerst: Robbie Basho singt auf dieser Platte. Die gute lautet: Er tut es nur ganz, ganz wenig. Was er ansonsten auf den wahlweise sechs oder zwölf Stahlsaiten seiner akustischen Gitarren an Raga-Anverwandlungen und folkloristischen Variationen aus seinen Fingern fließen lässt, hat magische Kraft. Gar nicht im bedrohlichen oder unheimlichen Sinn, man wird einfach verzaubert. Der wohl wunderlichste von den Künstlern des American Primitivism, wird heute nicht mehr gebaut. Tim Caspar Boehme

Roland Bocquet
Paradia
WRWTFWW • 2021 • ab 25.99€
Roland Bocquet war Keyboardist bei den französischen Drogen-Heinis von Catharsis. In den 70ern düdelte er auch solo am Moog herum und machte Musik für Kräuter und Hortensien. Wer mit Mort Garsons Pflanzendünger was anfangen kann, muss sich »Paradia« reinziehen. Die Platte ist bei den Allesausgräbern von We Release Whatever The Fuck We Want Records erschienen. Und kommt mit der wunderbarsten Power-Ballade, die jemals zwischen Baguette und Käseplatte zu hören war. Christoph Benkeser

Seefeel
Succour (Redux)
Warp • 1995 • ab 33.99€
Seefeel waren in den 1990er Jahren eine Anomalie im Zirkus der elektronischen Musik. Ihr zweites, neu veröffentlichtes Album »Succour« 1995 klang wie ein riesiger verdubbter Hohlraum, der sich in die IDM und Ambient-Technowelle auf ihrem Label Warp Records bohrte. Sind das Gitarren? Drums? Eine Stimme? Oder einfach das Bewusstsein pulsierender Schaltkreise? Wie Seefeel dieses Album ohne Synthesizer und mit einem Minimum an Samples realisierten, bleibt weiterhin ein Rätsel. Aber das wusstest du ja bereits, oder? Jens Pacholsky

Singing Dust
Singing Dust
Fresh Hold / Efficient Space • 2021 • ab 21.99€
Jazz, klar. Aber auch: traditionelle indische Musik, Folk, moderne klassische Musik, Miami-Vice-typa Synthesizer und Preset-Rhythmen aus der Drummachine. Fusion und New Age, Muckertum und Ethno-Kitsch. Robert Welsh ist im Jahr 1986 das Unmögliche gelungen, er hat unter dem Namen Singing Dust (lol?) das Ganze konsequent unpeinlich erst zusammen- und dann ausgeführt. Ein Album wie ein ironischer Weihnachtsstrickpulli: Es gibt in der ganzen Familie dann doch eine Person, der das Teil tatsächlich passt – in diesem Fall heißt sie Robert Welsh und ist der angeschwipste Onkel. Kristoffer Cornils

Stella Chiweshe
Ambuya!
Piranha • 2021 • ab 22.99€
Wetten, irgend so ein Michi labert gleich von »World Music«? Ne, ne! Das lassen wir mal lieber bleiben, mein Lieber, sonst schepperts links und rechts! »Ambuya!« von der aus Zimbabwe stammenden Stella Chiweshe ist a) keine Allerweltsmusik. Und b) Lebensfreude im Dreiliterfass, verschäumt und verspritzt in den späten Achtzigern, von Jon Peel gefeaturt und jetzt – 33 1/3 Jahre später – endlich wieder auf Vinyl. Wer das Teil aufdreht und nicht den unmittelbaren Drang verspürt, auf einem Bein mit ausfallenden Bewegungen durchs Wohnzimmer zu springen, hat keine Seele! Christoph Benkeser

Sun Ra
Lanquidity
Strut • 1978 • ab 23.99€
Man soll ja nicht so apodiktisch sein, aber dies ist einfach das Reissue des Jahres. Ein Klassiker des afrofuturistischen Weltraumresonanzenvermessers Sun Ra, und ein untypischer, da mehr Fusion als Free in dieser Jazzsession das Gravitationszentrum beherrscht. Als Paralleluniversum bietet die leider limitierte Neuauflage von Strut eine komplette Alternativversion des Albums gleich mit dazu. Eine Einladung, tiefer in die Welten einzutauchen, von denen „sie“ uns nichts erzählt haben. Tim Caspar Boehme

Humble Bee, The
A Miscellany For The Quiet Hours
Astral Industries • 2021 • ab 25.99€
Wo Astral Industries drauf steht, da kommt auch Astral Industries raus. Auch The Humble Bees »A Miscellany For The Quiet Hours ist im Herzen Dub, de facto aber einige Male durch den Kassettenspieler gelaufen, ein Loop haunted den nächsten. Das ist Caretaker auf Kohlenhydrate, das ist echt mellow und sau dramatisch at the same damn time. So nimmt wohl ein Fisch im Aquarium sein Life wahr. Pippo Kuhzart

New Age Steppers
The New Age Steppers
On-U Sound • 1980 • ab 19.99€
Die Thatcher-Jahre waren keine Alternative. Deshalb schnallte man den Nietengürtel auf der Insel enger. Anfang der 80er zog der Producer Adrian Sherwood am Dübel, verfilzte sich die Mähne und gründete eine Gruppe: New Age Steppers. Post-Punk und Reggae sollten es werden – nicht wie bei The Clash als Aneignung, weil’s gerade geil war. Sondern weil man sich in der Deepness des Dubs etwas erhoffte und mit Leuten aus Jamaika zusammenarbeitete. Das Ergebnis: Eine Platte so tripped-out, Rhythm & Sound haben sich mindestens drei Akkorde abgeschaut. Christoph Benkeser

Same, The
Sync Or Swim
Freedom To Spend • 2021 • ab 20.99€
Collagen mit Tonbändern, aus diversen Instrumenten zusammengeschnitten. Repetitive Patterns, vereinzelt perkussiv, meist getragen von Synthesizern und Gitarren, die mitunter an den Art-Rocker Robert Fripp denken lassen, dazu gelegentliches Alltagsrumoren machen dieses Projekt des Briten Robert Cox, später als Rimarimba aktiv, zu einem zuvorkommend kauzigen Bindeglied zwischen Siebziger-Prog und Achtziger-DIY. Erschienen 1981 auf Cox’ eigenem Kleinstlabel, ist die Musik jetzt reif zum Entdecken. Tim Caspar Boehme

Trip Shrubb
Trewwer, Leud Un Danz
Faitiche • 2021 • ab 19.99€
Trip Shrubb gelingt derweil mit »Trewwer, Leud Un Danz« ebenfalls eine Sensation. Als Ausgangspunkt dieser Remixe diente der Folkways-Katalog, aber mit Folk haben diese 13 ausgewählten Stücke nur noch eine krude Sehnsucht gemein. Eigentlich ist das hier Dub Techno ohne Techno und Dub ohne Jamaika. Heraus kommt dabei dann eine Werkbund Platte für Chain Reaction. Dass man das noch erleben darf. Florian Aigner

Tülay German & Francois Rabbath
Tülay German & Francois Rabbath
Zehra • 1980 • ab 20.89€
Ist mittlerweile von Tülay German die Rede, wird im selben Atemzug für gewöhnlich »Burçak Tarlası« genannt. Die im Jahr 1964 veröffentlichte Single, für die German einen Türkü als Pop-Song neu arrangierte, zählt als einer der Meilensteine in der frühen Entwicklung des Anadolu Pop. Das Reissue ihres gemeinsam mit dem Kontrabassisten François Rabbath im Jahr 1980 veröffentlichten Album allerdings zeigt sie von einer anderen Seite: Folkloristische Formen werden behutsam neu arrangiert, ausdrucksstarker Gesang und sparsame Instrumentierung heben aus der Vergangenheit etwas Neues, ja Zeitloses hervor. Kristoffer Cornils

Ultramagnetic MC's
Critical Beatdown Black Vinyl Edition
Music On Vinyl • 2021 • ab 28.99€
1988 gilt für viele Hip Hop-Historiker als Beginn des goldenen Zeitalters und als das Jahr, das die meisten Genre-Klassiker hervorbrachte. Zu den bahnbrechendsten Alben aus diesem Jahr zählt ohne Zweifel »Critical Beatdown« von Ultramagnetic MC’s. Für diese Zeit völlig neuartige Beats – erstmals wurde die legendäre SP-1200 für eine Hip Hop-Produktion benutzt – trafen auf irrwitzig, abstrakte Raps über Astrophysik oder längst vergessene Baseball-Stars. Mehr als 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es diesen Rap-Klassiker nun erstmals auf Doppelvinyl, neu gemastert und mit Booklet, Linernotes und rarem Bandfoto von Janette Beckman versehen. Essenziell. Benjamin Mächler

Uman
Chaleur Humaine
Freedom To Spend • 2021 • ab 23.99€
»Chaleur Humaine« von Uman zieht die Watermark von Enyas Gesamtwerk ab. Danielle und Didier Jean, ein Geschwisterduo, hat in den 90ern Musik produziert, die keine 30 Jahre später wie ein Vorbote für die Hyperpopisierung der Gesellschaft durchgeht, gleichzeitig aber genau jene Traumfänger-Vibes mitbringt, um in Yogastudios, Urban Outfitter-Filialen und im sortierten Räucherwerk in die Rotation zu ballern. RVNG Intl. hat das erkannt und das Material für den herabschauenden Hund neu aufgelegt. Christoph Benkeser

Vinicio Adames
Al Comienzo Del Camino
Trueclass • 1985 • ab 27.54€
Am Anfang des Weges, wie der Titel dieses Albums übersetzt heißt, wartet mit Tuerzo El Movimiento ein Versprechen: Robert Görl trifft Robert Wyatt auf einen Drink, Momus fährt mit dem Mofa vorbei… Großer Pop mit wenig Mitteln und Technik, halt! Drum-Machines pochen, Delays sind schief, die Gesangsaufnahmen rauschen. Die Unmöglichkeit an die Produktionsweisen von Disco und den Majors anzuschließen, macht das lange, lange Jahre vergriffene Debüt des Venezolaners so berauschend entzückend – und die ReIssue zum Glücksfall. Lars Fleischmann

White Light / Jo Bogaert
Whale
Stroom • 2021 • ab 14.99€
Einige Jahre bevor Jo Bogaert 1987 das Projekt Technotronic aus der Taufe hob und damit kurze Zeit später den Moment des Weltruhms genießen durfte, spielte er in seiner belgischen Heimatgemeinde Aalst in der Band White Light. Zwei Songs und zwei weitere Solosongs wurden in diesem Jahr auf ~STROOM als EP wiederveröffentlicht. Ursprünglich wurden die Stücke 1982 und 1983 auf dem belgischen Kleinstlabel Whale Records veröffentlicht und »Whale« heißt auch der Release. Vor allem »I Want You To Know Me« ist dabei ein Hit, eines dieser Lieder, nach deren hören du dich fragst, wie ein Leben vorher ohne diesen Song überhaupt möglich gewesen sein konnte. Sebastian Hinz