Ausklang | 2017KW40 – 8 essentielle neue Platten

06.10.2017
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Jane's Addiction
Nothing's Shocking
Rhino • 1988 • ab 18.99€
Meistens kamen gerade die CDs, die ich auf keinen Fall meinen Eltern zeigen wollte, am besten bei meinen Kumpels an. Diese hier stieß weder hüben noch drüben auf Verständnis. Als ich meinen Teenie-Freunden das erste Mal »Jane Says« von Jane’s Addiction, meine neueste Entdeckung aus der VIVA Zwei 2rock-Rotation (RIP, du genial-dilletantische Brutstätte meiner musikalischen Sozialisation) zeigte, war die Antwort nur jede Menge homophobes Gebrabbel von Leute, die den Großteil ihrer Zeit damit verbrachten, Johnny Knoxville zur Zielscheibe ihrer libidinösen Verwirrungen zu machen. Über ein halbes Leben später kann ich nur sagen: Pech gehabt, in beiderlei Hinsicht. Der hier bleibt, für immer. KC
Sandy Samuel
I Like Sado Music
Erezioni • 1980 • ab 9.99€
Von »Nothing’s Shocking« zu schlicht shocking (zumindest im Kontext seiner Zeit): Das offizielle Video zu Sandy Samuels »I Like Sado Music« findet ihr übrigens nicht auf YouTube, aber es steht auf Internetplattformen für euch bereit. Knickknack, habt ihr nicht von mir gehört. »I Love Sado Music« lohnt allerdings – im Audioformat, meine ich – nicht nur, weil es Sasha Greys (ja, musste ich auch erst googlen keine Ahnung wer usw. usf. ) Quereinstieg in die Musikbranche vorweg nahm, sondern weil es leider dabei blieb. Ein furchtbar wonky Stück Italo Disco mit KoolAid Man-Cameo (oral) und, Achtung, masturbatorischer Gitarrenarbeit ohne Sinn und Verstand. Ein musikalischer (höhö) Hüftschuss vielleicht, ein money shot aber in jedem Fall. KC
Alessandro Alessandroni
Ritmo Dell'Industria N°2
Sonor Music Editions • 1969 • ab 24.99€
Da ich schon mit einem Bein im Urlaub stehe, gibt es heute von mir nur Musik, die mich auf diesen mental vorbereiten. Nun ist ja »I Like Sado Music« leider schon besprochen LOL … aber es gibt ja noch andere Wege der Entspannung. Zum Beispiel kann man sich mit Alessandro Alessandroni gen Italien träumen (heute: ein doofer Witz nach dem anderen). Tatsächlich kann man zur Musik auf »Ritmo Dell’Industria N°2« wie Charlie Brown mit seiner Clique durch die Kleinstadt stromern, im Park Baseball spielen, oder die bella italia versprechenden, übergroßen Plakate der Tourismusindustrie bestaunen, um sich dann mit bella rathausplatz abzufinden. Urlaub. Yeeh! SH
Piero Umiliani
Studio Umiliani - Rare and unreleased tracks from Sound Work Shop Archives 1967 - 1983
Four Flies • 2017 • ab 34.99€
Oder man flaniert mit wiederentdeckten Archivaufnahmen von Piero Umiliani auf den Ohren durch die Innenstadt, noch schnell die weißen Tennissocken in seinen braunen Ledersandalen gerichtet, um mit gekonnter Weltgewandtheit die architektonischen Feinheiten westdeutscher Baukunst der späten 1960er Jahre zu bestaunen und sich zu fragen, was wohl zukünftig aus diesem, demnächst wohl leerstehenden Karstadtgebäude werden wird. Foto hier. Foto da. Bis dich Sturm »Xavier« oder so in die hinteren Winkel der eng bebauten Innenstadt peitscht. Dort trinkst du dann deinen Latte Macchiato, der Löffel ist auch ein Strohhalm. Praktisch. La deutsche vita. Endlich Urlaub. Ich bin so aufgeregt. SH
Deradoorian
Eternal Recurrence
Anticon • 2017 • ab 16.49€
Ich habe nach wie vor keine Ahnung, ob »Eternal Recurrence« wirklich ein gutes Album wird. Erstens, weil ich ich mir 2005 hart antrainiert habe, Eiterpickel auszubrüten, wenn irgendwo Anticon draufsteht und zweitens, weil das vorab zu streamende »Mountainside« im Grunde genommen auch nur wie eine Julia Holter D-Seite klingt. Aber: habe Deradoorian live im Kölner Acephale gesehen vor zwei Monaten und wollte schon immer mal im Kreise der krampfigen Ehrenmänner ankommen, die Platten basierend auf Konzerten empfehlen und irgendwas mit intim und einnehmend faseln. Next up: Rotweinkenntnisse. FA
Radiante Pourpre
Radiante Pourpre
Antinote • 2017 • ab 9.99€
Würde eigentlich viel lieber Radiante Pourpre live sehen, um so zu tun als wäre deren verauschter Millenial-Take on all things Muslimgauze und (klar) Industrial für Live-Auftritte nicht viel zu schneidersitzig. Dank Antinote kann man sich dieses ursprünglich auf (noch klarer) Tape erschienene Loop-Massaker jetzt auch (übertriebenst klar) auf Wenüüüüül kaufen, um sich beim verkehrtesten Anlass all diesen Takt- und Strukturfetischisten way, way überlegen zu fühlen. Wobei, zumindest das hier verlinkte »III« ist dafür dann doch eine Spur zu elfenhaft. FA
Agnes Obel
Stretch Your Eyes Quiet Village Remix
Phonica • 2017 • ab 11.99€
Derweil es mittlerweile okay ist, Burial hin und wieder scheiße zu finden, war das 2011 noch a) undenkbar und b) verboten, sprich es stellte den unübertreffbaren Distinktionsgewinn dar. Ich bin vermutlich der einzige Trottel, der an einem Oktobertag die Burial-Kollaboration mit Massive Attack im Shopping Cart hatte und dann doch nicht bis zur Kasse vordrang. Resultat: Heute lese ich viel in der politischen Ökonomie nach, um die Schuld für die verpasste Kapitalanlage woanders zu suchen und schlage lieber sofort zu, wenn mir was Ähnliches unter die Nägel kommt. Ich weiß irgendwie nur halb, wer Agnes Obel ist und rein gar nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Quiet Village verbirgt, aber: Das hier ist ein steppender Slowdance in der Turbinenhalle, wie ich ihm noch in zehn Jahren in meiner Plattensammlung beim Verrotten zusehen möchte. Rare, hauchen britische Radio-DJs bei solcher Gelegenheit ins Mikro. KC
V.A.
Monika Werkstatt Remixes
Monika Enterprises • 2017 • ab 7.49€
Jetzt aber mal riehl tork, die Erste: Monika Werkstatt rollen gerade das Game von hinten auf, es will sich nur mal wieder niemand dafür interessieren. Riehl tork, die Zweite: Okay, Barbara Morgensterns große Zeiten sind vielleicht vorbei, aber in Kombination mit Gudrun Guts Clique kommt immer noch Schönes dabei rum. Riehl tork, die Dritte: Das Beste an den jüngsten Omar S-Veröffentlichungen war sowieso immer Nite Jewel, die eben aus einer Morgensternschen Werkstatt-Session nun endgültig das Geilstmögliche rausholt. Diese Chord-Schnipsel, diese Basslines, diese Hook. House ist eine Nation, Monika eine andere – hier sind sie beide vereint. Riehl tork. KC