Die 10 besten Performances, – die wir beim Splash! 2014 sahen

25.07.2014
Foto:Tobias Hoffmann / PhyreWorX / © hhv.de mag
Ein Höhepunkt jedes Festivalsommers ist für Hip Hop-Fans in Deutschland natürlich das Splash! Wir waren trotz Ausladung auch dieses Jahr auf der Insel Ferropolis und haben 10 Dinge herausgepickt, die wir am sehenswertesten fanden.

Seit dem diesjährigen Splash! sind jetzt auch schon wieder ein paar Tage ins Land gestrichen, aber die Eindrücke in unseren Köpfen sind noch frisch wie die Frühlingsgöttin bei der Holzkohlenernte. Vor der beeindruckenden Kulisse der Eisenstadt Ferropolis, einem ehemaligen Tagebau, ging das Splash! 2014 am 10.7. in seine 17. Runde. Zwischen bis zu 130 Meter langen, feuerspuckenden Schaufelradbaggern und dem Ufer des Gremminer Sees wurde vor vier verschiedenen Bühnen und einem Biergarten wieder drei Tage lang gefeiert, getanzt, gesungen und gelacht. Auch diesmal war das Festival ausverkauft.

An der Szene vorbei organisiert
Diejenigen, die ein Ticket für die Reise ins Hip Hop-Glück ergattert hatten, durften sich über ein Line-Up freuen, dass u.a. Outkast, Schoolboy Q, M.I.A., Hudson Mohawke, K.I.Z, Cro, Kaytranada, Yelawolf und SSIO vereinte. Eine bunte Mischung, die sicherlich viel Platz für Neues bot, aber Altbewährtes vielleicht etwas in den Schatten stellte. Poprapper Cro als Headliner für das Hip Hop-Festival, wenig Raum für Writer und Breaker und jeden Abend reichlich Trapmusik und elektronische Klänge, ließen unter Verfechten der guten alten Zeit kritische Stimmen laut werden. Einerseits ist es erfreulich, dass das Splash! mit der Entwicklung des Hip Hop-Genres mit wächst, andererseits bedauernswert, dass sich weitgehend am Mainstream orientiert wurde.

Abwesend – und doch dabei
So musste auch hhv.de dieses Mal die Plattenkisten und Sneaker schweren Herzens zu Hause lassen und durfte erstmals (aufgrund einer neuen Sponsorenausrichtung des Veranstalters) seit 12 Jahren nicht mit einem Stand vor Ort sein. Dennoch halten wir das Splash! für das wichtigste Festival in Sachen Hip Hop und artverwandte Genre in Deutschland. Allein deswegen hielten wir es für unsere Pflicht, sich vor Ort umzuschauen und euch die besten Performances an diesem Wochenende zusammenzutragen.

Ab-Soul der uns beinahe vergönnt geblieben wäre. Er war nur als Ersatz für den kurzfristig abgesprungenen Earl Sweatshirt gekommen, was sich im Nachhinein als großes Glück entpuppte. Denn Schoolboy Q sorgte für gleichwertigen Ersatz und packte in letzter Minute vor Abflug Richtung Ferropolis noch schnell seinen TDE-Kollegen Ab-Soul ein. Auch wenn dieser (noch) ein wenig im Schatten seiner Kollegen von Top Dawg Entertainment um Schoolboy Q stehen mag, so heißt das keineswegs, dass seine Musik weniger genial sei. Sensible und retrospektive Texte auf ungeschmückten basslastigen Beats mit leichtem Hang zum Weltverbesserer. Die Black Hippy-Attitüde, die wir in den letzten Jahren so liebgewonnen haben, war hier unverkennbar.

Angel Haze lieferte pure und ungeschminkte Energie zum Anfassen. Fast drei Songs lang lief und rannte sie durch das elektrisierte Publikum und suchte die unmittelbare Nähe zu ihrer Fangemeinde. »Ich bin mit meiner Musik für euch da« sollte die Message lauten. Angel Haze weiß ein Publikum in ihren Bann zu reißen und es immer wieder von ihrer beeindruckenden Stärke als Künstlerin und Frau zu überzeugen. Tiefe Einblicke (in das Seelenleben) einer jungen Frau,
deren hohes Bestreben es ist, ihre Authentizität als Künstlerin zu bewahren und mehr als ›nur‹ eine Rapperin zu sein.

Jede menge Kakaobutterküsse und leidenschaftliche Gitarristen, die vor dem Publikum auf die Knie fallen, Farbpatronen in der Menge und Liebe in der Luft. Chance the Rapper bewies: Er kann den netten, vertrauenswürdigen Dude von Nebenan geben, der wenn nötig die Spülmaschine repariert, sich um die Haustiere kümmert und gerne auch mal einen Abend mit kalter Pizza vor dem Fernseher verbringt (wie er sich in »very very lovely« beschreibt) und dabei trotzdem ein ganzer Kerl sein, der auch bei männlichem Publikum auf hohe Resonanz stößt.

Beim diesjährigen Splash! gab es neben der Fußball-WM noch ein weiteres Finale zu feiern: Nämlich das End Of The Weak-Finale. Sechs Freestylechampions die sich bereits gegen die Konkurrenz in ihrer jeweiligen Heimat durchgesetzt haben, traten in 5 Disziplinen gegeneinander an und bewiesen ihr Können. Gekrönt wurde Deutschlands bester Freestyle-Rapper, welcher nun die Ehre hat zum World-Cup nach Uganda zu reisen. Das war Diffamie auf höchstem sprachlichem Niveau. Mit einem insgesamt 4-stündigen Slot der beiden Battle-Rap Veranstaltungen (neben End Of The Weak hatte auch Don’t Let The Label Label You seinen Platz) war den Wortsportlern ordentlich Zeit gegeben. Schließlich sollten bei all den neuen Stilrichtungen, denen sich das Splash! mit vermehrter Aufmerksamkeit widmete, die elementaren Wurzeln nicht zu kurz kommen.

Ein Déjà-vu der angenehmen Art. Wie schon letztes Jahr gehörte die Nacht zum Samstag dem zunächst unscheinbar wirkenden Hudson Mohawke. Sein letztjähriges Set sollte nicht unübertroffen bleiben. In unvergleichlicher Etikette verstand der Schotte es die Menge mit seiner vielschichtigen Musik unter Strom zu halten. Verschnaufpause? Fehlanzeige. Von Partysongs bis zu unbekannten instrumentalen Produktionen war alles dabei. Was nicht Trap- und tanzfähig war, wurde eben durch Synthesizer und andere Gerätschaften gejagt. Das aber in feinfühliger Art und Weise, mit Liebe fürs Detail. Es bleibt ein Rätsel wie Hudson Mohawke es schafft, viele Geschmäcker abzudecken und trotzdem seinen Wiedererkennungswert nicht zu verlieren.

Neon-leuchtende Kalaschnikows und blinkende Visierkreuze, regenbogenfarbene, im Kreis marschierende Elefanten, abstrakte Formen, schrilles Leuchten, Wärmebildkamera-Aufnahmen von Tauben und Toten und diese grellflackernden Leinwand-Projektionen einer in Gold gehüllten M.I.A.. Das spektakuläre Bühnenbild war die bewegte Version ihrer radikal collagierten Artworks der kleinen Rebellin. Das Publikum wurde mit Bässen bombardiert. Politisch gefärbte ›Auf-die-Fresse‹-Musik im Glitzerkleid. Dazu tanzte die M.I.A.- Armee, welche sich die goldene Kriegerin kurzerhand aus dem Publikum auf die Bühne rekrutierte. Eine Revolution startet man eben besser nicht alleine…

Sonne, Wasser, Sand, Splash! und jede Menge begeisterte Fans die fleißig mit den Armen in der Luft wedeln und die Texte mitgröhlen. Was will man mehr als Frischling in der Rap-Szene und wieso das Ganze nicht gleich im eigenen Rap-Video festhalten? Das dachte sich auch der gebürtige Ukrainer Olexesh. Verewigt ist der Auftritt nun im Video zum Titel »Was mich wach hält« Ja, die fetten Jahre des Deutschrap sind angebrochen und Olexesh will mitmischen. Sein Splash!-Auftritt war ein Schritt in die richtige Richtung. Der 26-Jährige hat feines Händchen für innovative Beatkullissen bewiesen und gezeigt, dass aggressiver Straßenrap durchaus spannend präsentiert werden kann.

Stell dir vor, es ist Splash!, Outkast ist Headliner und kommt dann wirklich. Nach einem erfoglreichen Festivalsamstag voller Highlights, Secret-Gigs und Spontanauftritt von Splash!-Stammspieler Materia hätte man auch meinen können, dass die Endorphinproduktion schon etwas zu sehr überstrapaziert wurde. Dann aber betreten, leicht verspätet Outkast die Mainstage. Nach dem Auftritt wird es ihnen keiner mehr Verübeln. Andre 3000, an dem ein überproportional großes Preisschild mit der Aufschrift ›Sold Out‹ heftet und Big Boi in Kunterbunt beginnen stolz nach den Perlen ihrer persönlichen Hitsammlung zu tauchen. Diese ist so üppig, dass die Südstaatenrapper es sich locker leisten können, »Ms. Jackson« schon im ersten Drittel der Show zu spielen. Wirklich: Ein Brett nach dem anderen. Und zwischendurch wird herumgealbert und das Publikum bespaßt, als ob es nie anders gewesen wäre.

Für den in Wiesbaden geborenen Schoolboy Q war sein Auftritt beim Splash!-Festival quasi ein Heimspiel und genauso wohl schien er sich mit seinem Publikum auch zu fühlen. Andersherum galt das Gleiche – die Aruba-Stage war voll wie selten. Von allen Ecken und Enden versuchten die Leute sich ins Zentrum des Geschehens zu drängen, um den selbsternannten »Man Of The Year« zu bejubeln. Getobt und getrapt wurde, wie es sich gehörte, die Mittelfinger gingen in der Luft, wann es verlangt wurde und die fiktiven Dollarbillz, die Schoolboy Q in die Menge warf, wurden mit großem Jubel aufgefangen und in den leeren Hosentaschen verstaut. Es war sogar so schön, dass der Schuljunge aus dem Hause Top Dawg Entertainment gar nicht mehr gehen wollte und Terminator-ähnlich seine Wiederkehr versicherte.

Positiv überraschender Ansturm und Vorfreude bei Freshmen Vic Mensa . Der erst 21 Jahre alte MC ließ sich mit einem Countdown der Menge auf die Bühne holen und zeigte in einer unglaublich gut gelaunten, einstündigen Performance das Spektrum seiner Musik. Aufgewachsen mit Jay-Z, Kanye und Mobb Deep, groß geworden mit Wacka Flocka Flame und 2Chainz. Vielleicht sind das ja die wichtigen Zutaten für seinen speziellen Sound. Eines der eher unerwarteten Highlights und vielleicht der Geheimtipp dieses Festivals.


Weiterlesen: [Splash! 2013 – was war denn da noch mal los?](https://www.hhv-mag.com/de/feature/5268/splash-festival-2013-neues-aus-ferropolis)

Unsere Autorin Sonja Memarzadeh hatte zuletzt für uns mit Talib Kweli über Conscious Rap und die Schönheit des Lebens gesprochen.

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