Einen Geist erfassen – die Jimi-Hendrix-Erfahrung

24.09.2026
Foto: Elif Özdemir / HHV Mag

Vor 60 Jahren landet Jimi Hendrix in London, ein Nobody aus den USA. Vier Jahre, 400 Konzerte und drei Alben später ist er tot und ein Mythos geboren. Was von ihm bleibt, ist selbst voller Brüche: Fakten, Legenden und Gerüchte, die sich bis heute widersprechen.

24. September, vor 60 Jahren. Jimi Hendrix landet in London. 24 Jahre alt, in seiner Heimat USA ein Nobody. In London aber ist Hendrix schnell eine Sensation. Spielerisch, kompositorisch; die Breaks und Arrangements, die Show, die Ausstrahlung, Afro-Aura, das Wie. Wie er die Gitarre behandelte, misshandelte, keine Töne spielte, sondern fühlte und weiterhauchte, Akkorde und Noten ineinander verkuppelte wie in einem wild zerrupften Kingsize-Bett. Hoch-konzentriert und dann wie ein aus einem Wanderzirkus flüchtender 5-jähriger.

Keine vier Jahre später, am 18. September 1970,  wird Hendrix’ – vermutlich – kaum mehr lebender Körper vom Samarkand Hotel zum St. Mary Abbots Hospital gebracht, wo der diensthabende Notfallarzt nach Wiederbelebungsmaßnahmen um 12:45 Uhr den Tod des Amerikaners feststellt. So weit, was wie Fakten klingt.  

Geil und aufregend

Daten sind ja viel wert. Zahlen auch. Selbst wenn man genau darüber das Phänomen Jimi Hendrix am allerwenigsten erfasst, über das Messbare. Ausweislich der Plattenverkäufe in den USA (RIAA Buchführung) kommen Hendrix‘ drei zu Lebzeiten aufgenommenen Studioalben auf 10 Millionen; alleine Thriller wird mit Mio. 34 gelistet, Hotel California mit 28 Mio., Back in Black mit 27 Mio., Led Zeppelin IV mit 24 Mio., The Wall mit 23 Mio. Hendrix hat seinen Status als Legende nicht wegen der Zahlen inne.

Zurück ins Jahr 1966. Die neu gegründeten Cream machten als Trio den aus den USA importierten Blues rockiger, auch – analog zu Jazz – anspruchsvoller. Fast sophisticated. Und während es bei Elvis, Beat und Pop um 7“-Singles, schnelllebiges Zeug zum Mitpfeifen und Vergessen ging, kam nun die Langspielplatte. Beatles‘ Revolver zerschoss Karrierekorsetts des alten Musters. Farbe fand ins Fernsehen. Das Raumschiff Enterprise hob ab; Jane Fonda ging weiter: sie sauste in Barbarella mit Stones-Muse Anita Pallenberg und Marcel Marceau ins Jahr 40.000. Die Zukunft, alles Kommende war noch geil und aufregend, voller Möglichkeiten. Die Sinne der Massen sensibilisiert, kam 1967 Beatles‘ Sgt. Peppers mit Klappcover. Das Album als Gesamtkunstwerk. Wie ein ausgerollter roter Teppich für Hendrix‘ Debüt Are You Experienced?. Das Album erschien im Mai 1967.

Kein Jahr nach seiner Ankunft in London also. Wo er Tage nach seiner Landung noch in Clubs jammte, dann Vorgruppe für Cream spielte, gefolgt von mehreren Dates in Frankreich und der Münchner Diskothek Big Apple. Zu Pfingsten war er Headliner in Berlin. Zum Preis von drei Schachteln Zigaretten, DM 6,– Eintritt, im Vorverkauf. 
 
»Einmaliges Sondergastspiel, Jimmy Hendrix mit The Experience aus London«. Einer Zeitzeugin zufolge, Absolventin der Jack Kerouac School of Disembodied Poetics, verliefen sich, fußläufig vom Club Neue Welt, mehrere Besuchende – unter ihnen der 68er-Kult-Autor Bernward Vesper mit seiner Lebensgefährtin Gudrun Ensslin in der Hasenheide. Tagelang.

Der Beginn des Spektakels

Inzwischen tritt Hendrix eigentlich nonstop auf, auch in den USA, auch mit The Who, im Package mit Cat Stevens, spielte um die 400 Mal, an manchem Tag auch zwei Gigs. Parallel nahm Hendrix‘ Trio weiter im Studio auf. Mit mobilen Endgeräten, mitnehmbaren Schallplattenspieler, der es ihm erlaubte, drei Tage nach dem bahnbrechenden Beatles-Album den Titelsong zu spielen. Spieltechnik ständig am Reifen, aber auch die Technik, die das Massenphänomen begleitet. Sichtbar ist, dass er sich früh Boxen der P.A.-Firma WEM auf die Bühne stellt, die im Heavy Metal heute normativen Marshall-Türme ordert er bei Jim Marshall, dem ehemaligen Lehrer des Experience-Drummers Mitch Mitchell.  

Das alles – Musik voller Energie und Lärm und nuancierten Gänsehautmomenten – vor kontinuierlich größeren Zuschauermengen. Explosiv und aufflammend im Finale bei Monterey Pop (dem ersten Baby des Summer of Love), abgeklärter und überwältigt kulminierend in Woodstock, wo Hendrix als Haupt-Attraktion auftrat. Für 500.000 in Woodstock wurde die Soundanlage fürs Publikum unglaublich professionalisiert. Um die 10.000 bis 12.000 Watt auf 16 Lautsprecher-Türmen, Speaker separat ausgerichtet auf die nahestehenden und die entfernteren Fans. Verantwortlich zeichnete sich der Mann, der beim Newport Jazz Festival am Mischpult stand, als die Jünger Bob Dylan ausbuhten, weil er zur E-Gitarre gewechselt war. Small world.

Die Gagen pro Hendrix-Gig waren inzwischen entsprechend. Im Grunde war das, fand man später, die Blaupause für Mega-Spektakel-Events, der Übergang vom Beat-Treiben hin zum Big Business, speziell mit Solokünstlern, die sich leichter lenken lassen als Bands. Schnell in der Auffassung, polyamourös mit Hörgewohnheiten. Voll da. Verstärker und Technik, Effekte und Astraltheorien, alles gleich aus den Vollen gekippt.

Und die Person Hendrix, zwischen all dem Sound? Charmanter Talker, schüchtern, charismatisch. Voller Gegensätze. Wie die ultra-krachenden Attacken neben Arrangements, flüssig wie ein Bach. Zudem war er offenbar ein Intensiv-Zuhörer, der analysierte, sofort nachahmte, was es wert war, mitgenommen zu werden; der verbesserte und alles lauter und elektrifiziert zurechtstutzte – wie in Unterhaltungen jeder Gitarrismus-Gitarrist herausfand. Ähnlich auch Joni Mitchell, Frank Zappa, Bob Dylan, Beatles, Pete Townshend. Schnell in der Auffassung, polyamourös mit Hörgewohnheiten. Voll da. Verstärker und Technik, Effekte und Astraltheorien, alles gleich aus den Vollen gekippt. So viel wie Hendrix verdiente zu der Zeit kein Musiker, auch keine Band, auch nicht Dylan oder Elvis. Kohle beiseitelegen oder unterschlagen konnten bis zu vier Manager gleichzeitig. Hendrix war umgarnt von Abstaubern und Nachtfaltern, Alles-Checkern und Blutegeln. 

Die Gitarre brennt ja eigentlich sowie schon

Knapp nach seinem 56.–Todestag – 18. September – kommentiert irgendwer auf YouTube: »Einfach absolut erstaunlich: Er starb 1970 und schuf in seinem kurzen Leben über 170 Songs – und hier sind wir im Jahr 2026, und Jimmy ist immer noch unerreicht. Sein Werk und sein Können waren ein wahres Meisterstück. Er verließ diese Welt als geliebter Mensch, und sein Schaffen wurde gut bewahrt. Seiner Eigenheiten war er sich bewusst und spannte die Saiten seiner Gitarre deshalb ganz bewusst verkehrt herum auf – damit auch lange nach seinem Tod niemand seine Musik Note für Note nachspielen oder kopieren könnte. Das wird niemals geschehen. Ruhe in Frieden, James Marshall Hendrix; du warst ein unglaublich begabter Mann.«
 
1970 drückte man das anders aus. Tony Palmer in electric revolution. Die Inside-Story der Pop-Stars1: »Jimi Hendrix spielte seine 240 V Gitarre mit den Zähnen, auf dem Rücken oder unterm Bein. Je nach Laune zertöpperte er sie oder steckte sie in Brand.« Geradezu ikonographischer Moment in der Geschichte des Rock als Pop: die weiße Strat in Flammen und daraufhin Anlass für Besucher und Glotzer, nach Monterey-Fanal nur darauf zu warten: wann spielt er die Saiten mit der Zunge, wann zerkloppt er die Klampfe, oder darf man erleben, dass er sie anzündet? Eine Nummernrevue, die vom Eigentlichen ablenkte. Frust.  
Trotzdem, jetzt mal kurz: Die Finger verbrannte er sich im London Astoria (31. März 1967), in Monterey verfeuerte er »Wild Thing« (18. Juni 1967), bei Frank Zappa landeten irgendwann die Überreste einer beim Miami Pop Festival entflammten Stratocaster (19. Mai 1968). 

Aber das Ding war, er war so ein krasser Gitarrist, dass… dass das allein schon genug war. Echt genug. Und der Showkram lenkte davon ab.

Lou Reed


»Er spielte ja rund um die Uhr«, erinnert Lou Reed, dessen Karriere mit Velvet Underground – selbe Zeit, selber Ort Greenwich Village – via Andy Warhol einen Schub bekam. »Seine Musik fand ich unterhaltsam, ebenso seine Show. Aber das Ding war, er war so ein krasser Gitarrist, dass… dass das allein schon genug war. Echt genug. Und der Showkram lenkte davon ab. Ich denke, das wurde ihm auch klar, und er wollte davon weg. Damit die Leute einfach auf die Musik achten. Unendlich viel hätte er noch bringen können. Aber die Situation, in der er eingeklemmt war… durch… entweder seine Plattenfirma, das Management, Konzertpromoter, die Publicity-Leute, dieser ganze Haufen Leute, mit denen man da zu tun hat. Die alle sagen ›Hey Jimi, wir haben doch diese Tour und du musst da, dort, da und dort und dort auch noch sein, so und so viele Leute kommen nicht rein, du solltest besser dies und das tun, dein Kontostand rutscht runter auf X, du willst Electric Ladyland [Studio] aufbauen und betreiben vielleicht haut das nicht hin. Da lastete viel Druck auf ihm.« 

Noch lange nicht ausgebrannt

Was bleibt, sind die vier Jahre. Dazwischen Entfernungen und Grenzen und Stress, bei dem man schnell nicht mehr mitkriegt, wo oder warum man aufwacht. Is it tomorrow, or just the end of time? Und es bleiben drei offiziell abgenickte Studioalben. Mit rückwärts laufenden Tonbändern, Cartoon-ähnlichen Intros; und mit, generell ziemlich wenig beachtet: wahnsinnig berührenden Lyrics. Der essenzielle Punkt: Synästhesie, Comics oder Science-Fiction-Romane transferiert in Musik. Stimmungen. Lila Nebel als Gemütszustand, aber dabei eine hörbare Haltung.

Das Ende war unnötig. Er hatte Pläne mit Miles Davis, liebelte mit Händel, Bach und dem ›Marsch‹ aus Tschaikowskis Nussknacker. Wollte sich in seinem Studio Electric Ladyland – wie die Beatles nach 1966 – nur noch dem Aufnehmen widmen. Da war noch so viel, da blieb noch so viel, was man mal machen müsste. Stattdessen wurden einige, nach seinem Tod und ohne sein Protestieren, sehr reich. 

In den ersten Nachrufen starb er mit 24. Andere spekulierten, er müsse ausgebrannt gewesen sein, nach so viel Drogen, so viel Exzess und Erfolg und Frauen und schlaflosen Nächten. John Mayall intonierte den Tod als unbeabsichtigte Überdosis2. Kleben blieb das Verdikt »nach neun Schlaftabletten an Erbrochenem erstickt … durch Selbstmord oder einen Unglücksfall« (Der Spiegel 31/1974). Das Nachspiel war ziemlich grässlich. Irre sponnen abartige Theorien.  Eric Burdon, der noch am 17. September mit Hendrix bei Ronnie Scott‘s Jazz Club jammte: »Er wirkte immer wie ein Geist, so gespenster-mäßig, er ließ niemanden an sich heran. Das Leben berührte er nur – das war sein Geheimnis –, an sich gerissen hat er nie irgendwas oder irgendwen.«  





1 Tony Palmer: electric revolution. Die Inside Story der Pop-Stars, aus dem Englischen von Klaus Budzinski. Verlag Bärmeier & Nikel, Frankfurt/Main.
2 »Accidental Suicide« auf John Mayall: Back to The Roots, Polydor 1971.

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