Evidence über Verantwortung, Verlust und wie ihm das zu neuer Stärke verhalf

05.01.2026
Foto:Stephen Vanasco / Rhymesayers

Evidence hat nicht nur wegen seiner Vaterschaft einen Neustart hingelegt. Wir haben mit ihm videogechattet und erfahren, welche Wege einer Künstler einschlagen muss, um wieder bei sich selbst zu landen.

Als die Verbindung steht, sitzt Evidence bereits in seinem Homestudio in Los Angeles. Das Licht ist gedimmt, ein Joint glimmt und im Hintergrund hängt eine goldene Schallplatte. »Das ist mein Hauptquartier«, sagt er, und schnell wird klar: Dieser Raum ist viel mehr als ein Arbeitsplatz. Vier Jahre nach Unlearning Vol. 1 erschien im August 2025 der Nachfolger, es ist die Fortführung eines Prozesses, der musikalisch und persönlich noch nicht abgeschlossen war.

Musikalisch bleibt er seiner Handschrift treu: hypnotische Loops, Selbstreflexion und knochentrockene Punchlines. Doch alles wirkt noch dichter, konsequenter. Wie der Blick eines Menschen, der gelernt hat, unter Druck weiterzuatmen. Die 15 Songs erzählen von Verlust, Verantwortung und den langsamen Verschiebungen im Inneren, die erst sichtbar werden, wenn man gezwungen ist, neu zu lernen – oder eben: alte Muster entlernen.

Als unser Call endet, bleibt der Eindruck, dass Unlearning Vol. 2 weniger Fortsetzung als Selbstverortung ist.


Wie unterscheiden sich Unlearning Vol. 1 und Vol. 2 für dich persönlich?
Evidence: Unlearning Vol. 1 beschreibt den Zustand einer der dunkelsten Zeiten meines Lebens. Mein Sohn kam zur Welt, seine Mutter ist kurz danach verstorben – das war alles zu viel. Ich wusste oft nicht, ob ich der Künstler Evidence sein wollte oder einfach nur Michael Perretta. Vol. 2 spiegelt diese neue Lebensrealität wider und trägt dabei aber etwas mehr Optimismus. Immer wieder habe ich die Albumproduktion zur Seite gelegt, andere Leute produziert – zum Beispiel das Album mit Blu (Los Angeles, Anm.d.Red.) fertig gestellt. Dadurch habe ich meinen Kopf freigeräumt. Und als ich zurückkam, konnte ich Dinge mit ein bisschen mehr Licht sehen.

Was bedeutet das Konzept des Unlearning für dich, musikalisch als auch privat?
Ich wollte weg von der Wetter-Thematik. Unlearning stand mitten in Covid plötzlich im Raum und es fühlte sich für mich wie ein Neustart an. Verlernen, neu anfangen. Ich habe bewusst alte Arbeitsweisen verlernt: Takes behalten, die ich früher neu gemacht hätte, beim Mixing und Recording Dinge bewusst anders gemacht, einen neuen Sound gefunden. Gleichzeitig musste ich als alleinerziehender Vater komplett neu lernen, was das überhaupt bedeutet.

Das Thema Unlearning könnte man auch gut auf künstliche Intelligenz beziehen. Welchen Einfluss hat KI auf deine Arbeit? Hast du schon mal Texte mit KI geschrieben?
Nein, niemals! Ich könnte nicht mal ein Reimwörterbuch benutzen. Für Texte ist KI ein Cheat-Code ohne Seele. Aber für Audio kann sie nützlich sein, zum Beispiel Spuren trennen, sowas in die Richtung. Wenn ich KI benutze, um mein Handwerk zu verbessern: okay. Wenn KI meine Musik komplett macht: nein. Das ist dann nicht mehr meins und das finde ich lächerlich.

»Für Texte ist KI ein Cheat-Code ohne Seele.«

Evidence

Du rappst »Making music for me, but got you in mind«. Fühlt sich Musik manchmal wie eine Therapie an?
Total. Man sagt manchmal Dinge ins Mikro, die man sonst niemandem sagen kann. Dieses Aussprechen hilft, das ist fast therapeutisch. Es gab Zeiten, da habe ich beim Schreiben geweint. Heute kaum noch, aber die Funktion bleibt: Musik klärt meinen Kopf und verbindet mich mit Leuten, die ähnliche schwere Zeiten durchmachen.

Wie gelingt es dir, tiefgründige Aussagen häufig so leicht und mühelos klingen zu lassen? Manchmal passiert’s einfach. Manchmal liegen Lines jahrelang rum, bis der richtige Beat kommt. Ich schreibe wenig auf, ich sammle Ideen im Kopf. Wenn der richtige Beat läuft, fällt es plötzlich zusammen. Oder es ist einfach die erste Zeile, die alles andere ins Rollen bringt. Dieses ›Mühelose‹ ist eher mit der Zeit und Erfahrung gekommen — und liegt vielleicht auch daran, dass ich über gewisse Dinge nicht mehr so stark nachdenke, sondern einfach das nehme, was passiert.

Was inspiriert dich zu deinen Lyrics?
Filme, definitiv. Rap auch. Und dann alles dazwischen. Aber ich bin nicht der Typ, der jeden Tag Reime schreibt, so wie viele meiner befreundeten Kollegen, die alle echte Rap-Maniacs sind. Ich produziere zuallererst Beats. Die Musik inspiriert mich zum Schreiben. Und ich bin heute mehr Künstler als nur Rapper, ich fotografiere, drehe Videos, führe ein Label und bin gerade in der künstlerischen Phase meines Lebens, während ich mein Kind großziehe.

Nach sieben Jahren Pause warst du im Sommer wieder auf Tour in Deutschland. Wie hat sich das angefühlt?
Ich war nervös, Mann. Ich hatte zwar hier und da mal Auftritte, aber keine kompletten Sets. Zwischen den beiden Unlearning-Platten habe ich 18 Projekte nur als Produzent auf meinem Label Bigger Picture Records herausgebracht. Touren ging einfach nicht, weil mein Sohn mich brauchte. Jetzt war der richtige Moment.

Liebt Menschen und Musik: Evidence (Foto: Stephen Vanasco / Rhymesayers)

Wie stark spürst du die Liebe deiner Fans?
(Er überlegt länger.) Es gibt zwei Arten von Liebe: die für den Menschen und die für die Musik. Beides bedeutet mir viel und ich bin unglaublich dankbar dafür. Manche bringen mir Mitgefühl entgegen wegen meiner Geschichte. Manchmal hilft das, manchmal will ich aber auch einfach nach vorne schauen und stark sein. Und dann gibt es die ›Nerd-Liebe‹: Leute, die über Drum-Breaks reden oder über ein Sample, das ich geflippt habe.

Wie sicherst du dir eigentlich jedes Mal die besten Alchemist-Beats?
Oft bin ich einfach zufällig in seinem Studio, wenn niemand sonst da ist. Al hat keinen ›VIP-Ordner‹ für Stars. Wenn du einen Beat liebst und er fühlt’s, dann bekommst du ihn. Manchmal ist es auch einfach nur Timing. Beim »Future Memories«-Beat zum Beispiel wollte Earl Sweatshirt ihn auch – ich war nur schneller. Und manchmal liegt auch einfach ein Beat mit einem fertigen Alchemist-Verse in meinem Postfach, so wie bei »Rain Every Season«. Da hatte ich gar keine andere Wahl.

Eine Frage, die viele Fans umtreibt: Wie realistisch ist ein neues Dilated-People-Album? Keine Ahnung! DJ Babu betreibt erfolgreich seine DJ-Schule, Rakaa wohnt mittlerweile etwas weiter weg. Wir haben Shows gespielt, die Chemie ist weiterhin da, wir sind wie Brüder. Wenn es sich natürlich ergibt und wir alle gemeinsam im Studio landen, passiert’s. Ich habe noch kein konkretes Bild davon, die Idee ist gut. Aber wie realistisch ist das? Ich weiß es nicht.

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