Holy Hive sind die introvertierte Alternative zu Khruangbin

27.10.2021
Foto:Joseph Cochran © Big Crown
Mit »Float Back To You« legte das New Yorker Trio Holy Hive 2020 ein Folk-Soul-Balsam für das wundgescheuert blankliegende Nervenkostüm vor. Auf dem selbstbetitelten Nachfolger setzen sie den eingeschlagenen Kurs fort.

Den satten, nachhallenden Klang des voluminösen Backbeats von Homer Steinweiss, mal wuchtig, mal entspannt, oft beides zugleich, dürfte nahezu jeder schon mal gehört haben. Allerdings sollte diese Tatsache wiederum nur einer Minderheit bewusst sein. Und doch ist dafür, dass Songs wie der Amy-Winehouse-Welthit »Rehab«, aber auch viele Alben von Sharon Jones & The Dap-Kings, Charles Bradley, der Menahan Street Band und Lee Fields so nachhaltig im Hörgedächtnis verankert sind und bleiben, das distinkte Spiel, über das der 39-jährige Schlagzeuger gebietet, nicht zu unterschätzen. Auch Bands wie The Kills und The Arc versicherten sich bereits der Mitarbeit des Hunde- und Tennisenthusiasten, ebenso Lady Gaga, Bruno Mars, Scarlett Johansson, Miley Cyrus, Adele, Sheryl Crow, Liam Gallagher, St. Vincent, die Fleet Foxes, Dua Lipa oder Rufus Wainwright – und immer wieder auch Mark Ronson, der mit »Back to Black« 2006 den internationalen Durchbruch für Winehouse produziert hat.

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Auch mit dem Singer/Songwriter Paul Spring, den Steinweiss vor mehr als einem Jahrzehnt auf der Farm gemeinsamer Freunde in Minnesota kennengelernt hat, entwickelte sich zunächst neben einer innigen Freundschaft eine Arbeitsbeziehung, die 2015 dazu führte, dass Steinweiss schließlich dessen Soloalbum »Towards a Center« produzierte. Die Wellenlänge hat jedenfalls gepasst: »Wir spielen seit ungefähr sechs Jahren zusammen«, erzählt Steinweiss im Videotelefongespräch, lehnt sich in der Sitzgruppe seines Wohnzimmers in Brooklyn zurück und wartet ab, bis die Polizeisirene draußen auf der Straße etwas leiser geworden ist. Dritter im Trio-Bund ist der Bassist Joe Harrison. Als im vergangenen Jahr mit »Float Back To You« bei Big Crown Records das Debütalbum von Holy Hive erschien, wirkten die Songs darauf bereits beim ersten Hören so vertraut und tröstlich wie das unverhoffte Wiedersehen mit einem längst aus den Augen verlorenen Sandkastenfreund, der einem an einer Bar fern jeglicher Heimat weit nach Mitternacht den Arm um die Schulter legt und ein Bier ausgibt. Ihr unaufgeregter Folk-Hybrid aus Country-Folk-, Philly-Soul-, Quiet-Storm- und Yacht-Rock-Elementen, Paul Springs schwebender, fragiler Falsettgesang sowie ihr unverschämt eingängiges Songwriting fühlten sich inmitten der mit der Pandemie einhergehenden Einsamkeits-, Isolations- und Deprivationserfahrungen vielerorts wie Balsam für das wundgescheuert blankliegende Nervenkostüm an.

Mit dem schlicht »Holy Hive« betitelten Nachfolger liegt nun, erneut auf Big Crown Records, ein Album vor, das den eingeschlagenen Kurs fortsetzt – der ungefähr so klingt, als hätten Bill Withers, Hall & Oates und The Band eine Shoegaze-Platte aufgenommen oder Simon & Garfunkel eine Chillwave-Dream-Pop-Ästhetik verfolgt; anders gesagt: ähnlich wie die Musik von Khruangbin eine Art introspektiver Leichtigkeit ausstrahlt –, sich aber einer noch intimeren Atmosphäre bedient. Dass Holy Hive sich nicht auf die Formel Seventies-Soul-Revival reduzieren lassen möchten, deutet sich bereits im Titel der ersten Singleauskopplung »I Don’t Envy Yesterdays« (Ich beneide gestern nicht) an. Zwar lässt ihr Cover von Charlotte Gainsbourgs »Deadly Valentine« an die frühen Pink Floyd der Syd-Barrett-Ära denken, zwar würde »All I’d Be Is Where You Are« auch als Beatles-Ballade durchgehen; dennoch geht es Holy Hive nicht darum, nostalgische Sehnsüchte oder einen raffinierten Retrostyle zu bedienen, sondern die von ihnen als Zeitgenossen erlebte Gegenwart zu reflektieren: »Auf dieser Platte wollten wir persönlicher sein – wir wollten mehr über das Leben schreiben«, so Steinweiss.

Das Songwriting sei in diesem Fall hauptsächlich als Ping-Pong-Prozess zwischen Spring und ihm abgelaufen: »Jeder von uns bringt Ideen ins Studio mit und wir schauen dann, was sich daraus machen lässt.« Dabei handelt es sich um das Diamond Mine Studio in Long Island City, das Steinweiss seit 2014 mit Thomas Brenneck, Leon Michels und Nick Movshon betreibt und wo neben vielen der eingangs erwähnten Produktionen auch die Alben ihrer gemeinsamen Bands El Michels Affair, The Mighty Imperials, The Expressions und Menahan Street Band entstehen. Manchmal habe man einen Tune dort auch sofort spontan aufgenommen, an anderen in mehreren Sessions gefeilt, blickt Steinweiss auf die Zusammenarbeit mit Spring für »Holy Hive« zurück. Aber auch Harrison, der zu dieser Zeit zwischen Los Angeles und New York pendelte, habe immer wieder einige Facetten eingebracht und als virtuoser Multi-Instrumentalist schließlich auch viele Parts im Studio eingespielt, fügt Steinweiss hinzu.

»Ich möchte lernen wie Dave Grohl zu spielen«, habe er als Nirvana-Fan zu seinem ersten Schlagzeuglehrer gesagt, worauf dieser dem Grunge-begeisterten Teenager beschied, dass es dazu eines Fundaments bedürfe, das im Studium von Jabo Starks, dem Drummer von James Brown und Al Jackson Jr., dem Schlagzeuger von Booker T., bestehe. Dieser klassische Soul-Drumming habe er verinnerlicht und in seinem eigenen Stil sublimiert, beschreibt Steinweiss seinen Weg zum Instrument. »Die Pandemie hat mein Leben sicher weniger beeinflusst als das vieler anderer im Musikbusiness, weil ich nicht mehr so viele Auftritte mache. Ich konnte also einfach im Studio bleiben und weiterarbeiten«, meint Steinweiss in Hinblick auf die vergangenen anderthalb Jahre. Gleichzeitig wüsste er zu würdigen, dass »die ganze Welt eine Pause, eine Auszeit, einen Break genommen hat, um einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, warum wir hier sind – wodurch sie philosophischer geworden ist.« Was mit der Nachdenklichkeit der Holy-Hive-Lyrics trefflich korrespondiert. Und der Bandname Holy Hive (»Heiliger Bienenstock«)? Ursprünglich der Anfang einer Textzeile, als Ausdruck gespielter Verwunderung der folgenden Aussage (»It got cold outside«) vorangestellt, habe der Name indes keine tiefere Bedeutung: »Er hat uns gefallen und klingt gut, also sind wir dabei geblieben.«