El Michels Affair – Wu-Chronicles

21.04.2017
Acht Jahre nach »Enter The 37th Chamber« ist es für Leon Michels und El Michels Affair an der Zeit, die Shaolin-Kammer aus bombastischen Bläser-Sets und cinematoskopischer Mehrdeutigkeit wieder zu betreten. Ein Rückkehr im Zeichen des Wu.

Erstmal nichts Besonderes: ein Student findet die Musik des Wu-Tang Clans geil. So ging und geht es vielen Menschen – bei Leon Michels geht es weiter. Er schließt 2003 die Highschool ab. Und gründet El Michels Affair. Sechs Jahre später droppt der Multiinstrumentalist mit dem Soul-Projekt El Michels Affair das umjubelte Wu-Tang-Cover-Album »Enter The 37th Chamber«, was auch diesseits des Huston Rivers Blog- und Insider-Fame einstrich. Jetzt war es für den New Yorker abermals an der Zeit die finstere Shaolin-Kammer aus bombastischen Bläser-Sets, verschmutzen Gitarrenriffs und cinematoskopischer Mehrdeutigkeit zu betreten.

»Cinematic Soul«
Es war während der ersten Hochphase des Soul Revivals der frühen 2000er, als Leon Michels das Projekt El Michels Affair beginnt. Zu dieser Zeit updaten Amy Winehouse Sharon Jones & The Dap-Kings oder aber auch Sample-Spürnasen wie Kanye West und Just Blaze die 70er-Ikonen wie Curtis Mayfield oder Donny Hathaway für das neue Jahrtausend.

Schon das Albumdebüt, für das sich der frischgebackene Highschool-Absolvent Mitmusiker von Bands wie Antibalas oder The Dap Kings zusammensucht, orientiert sich nicht bloß an offensichtlichen Impulsen wie The Meters oder Sly & The Family Stone, sondern scheut sich auch nicht, etwa den Geto-Boys-Classic »My Minds Playing Tricks On Me« neu zu interpretieren – Musik ist für Leon Michels von Beginn an ein beliebig aufwickelbares Wollknäuel der Ideen.

»RZAs Beats sind nicht einfach nur tolle Loops, das sind richtige Kompositionen.« (Leon Michels)

Sein »Cinematic Soul«, wie er diesen organischen Sound-Entwurf nennt, basiert nicht auf affektierter Retro-Romantik, sondern ist nur die moderne Reaktion eines 90er-Kids, das gerne alte Soul-Vinyls hört. Geduldig wagt sich der Multiinstrumentalist auf einem Vierspurgerät vor, die Wurzeln seiner Lieblingsmusik zu ergründen. Kein Computer, keine DAW, Michels ist Kind des Analgoen. »Ich hatte kein Geld, um mir cooles Equipment zu kaufen«, sagt er heute über die Anfänge in seinem Kinderzimmer in West Village, New York. »Für meine ersten Songs habe ich etwa ein dynamisches Mikrofon mit Batteriebetrieb benutzt – das war qualitativ etwa wie ein Karaoke-Mikro. Mittlerweile habe ich aber ein bisschen Geld verdient und konnte mir ein vernünftiges Studio kaufen.«

Sein natürliches Habitat ist die analoge Technik. Er produziert keinen Software-Soul. »Sounding Ot The City« gilt heute vor allem auch wegen seiner pointierten Bläser-Arrangements als Genre-Klassiker, der den Produzenten Leon Michels in die Studios von Dan Auerbach, Lana Del Rey Aloe Blacc oder Travis $cott führen wird – ja, er hat »I Need A Dollar« produziert und an »Antidote« war er ebenfalls beteiligt.

Zwischen Free-Jazz und Dekonstruktivismus
Der eigentliche Schicksalsschlag erfolgt, als El Michels Affair über einen Freund als Support- und Backing-Band für Raekwon angefragt werden. Die Live-Shows sind so erfolgreich, dass am Ende die gemeinsame Single »The PJ’s…From Afar« erscheint. 2009 geht man noch einen Schritt weiter und legt über das ikonische Fat-Beats-Label »Enter The 37th Chamber« vor – ein Album mit neu eingespielten Instrumentals des Wu-Debüts »Enter The Wu-Tang (36 Chambers)«.

»Enter The Wu-Tang (36 Chambers)« ist das mit Abstand beste Album«. ( Leon Michels)

Der Clou: bei den 15 Songs handelt es sich nicht um schnittige Liveband-Versionen von Rap-Tracks, wie es etwa Breakestra schon seit Mitte der 1990er Jahre umsetzen, sondern authentische Cover-Songs. Michels beruft sich nicht auf die Wu-Samplequellen, sein Ausgangspunkt bewegt sich auf Hip Hop-Fundament. »Wir haben RZAs Arrangements so belassen, wie sie waren und um unsere Ideen ergänzt. ›Was passt hier noch für eine Hornline rein? Was macht den Sound so einzigartig? Welche Effekte machen Sinn?‹«, fasst er die Herausforderung des Projekts zusammen. »RZAs Songs bestehen aus vielen Layern mit verschiedene Samples, die oft nicht mal in der gleichen Tonhöhe liegen – wir mussten sie in Einzelteile zerlegten und neu-zusammenbauen. Am Ende klang sein Beat auf einmal wie Free-Jazz. Es war verrückt.«

Die Wertschätzung für den postmodernen Pop-Dekonstruktivismus der Band teilen bald auch internationale Auskennerkreise, El Michels Affair werden zum Blogger-Liebling 2009. Rückblickend resümiert Michels in vielen Interviews, dass RZA hier zu einem seiner Lieblingsproduzenten wurde: »Seine Beats sind nicht einfach nur tolle Loops, das sind richtige Kompositionen.« Nur logisch, dass er sich beim zweiten Teil auf »The Abbot« konzentrieren würde.

Reunited
Eigentlich wollte Leon keine Fortsetzung machen, sagte er, als Produzent arbeite er an genug Originalmaterial. Letztlich führt der Ausbau seines Studios zur Entstehung des RZA-zentrierten Follow-Ups »Return To The 37th Chamber«: »Wir hatten so viel neues Equipment zusammengetragen, dass es mich gereizt hat, ein Projekt zu beginnen, in dem ich all diese neuen Errungenschaften einsetzen konnte. Dafür war RZAs Werk perfekt: es lässt einfach sehr viele Experimente zu.«

Der musikalische Approach ist dieses Mal breitspektraler. Neben Songs aus dem eigentlichen Clan-Repertoir, verhackstückten Michels und Band auf »Return To The 37th Chamber« auch RZA-Produktionen von »Only Built 4 Cuban Linx…« oder »Tical«. »Enter The Wu-Tang (36 Chambers)« ist das mit Abstand beste Album. »Wu-Tang Forever« ist auch großartig, aber ehrlich gesagt, halte ich ein paar Soloalben für besser.«

Gerade der modrige Lo-Fi-Sound aus den Anfangsjahren von RZA hat es El Michels Affair angetan, »sein Sound ist sehr matschig. Trotzdem könntest du die Beats jederzeit nach einem Trap-Song spielen ohne, dass sie an Durchschlagskraft einbüßen.«_, was etwa die rauchigen Bläser- Flips des holprigen »Shaolin Brew« zeigen, welche die Band zu einem organischen Blaxplotation-Mehrstimmenkonzert orchestriert.

»RZA hatte in den frühen Neunzigern einen Bob-Dylan-Moment, als alles, was er gemacht hat, einfach überragend war.«. Es geht Michels um die Ursprünge von Wu-Tang. Fragt man Leon Michels, wie die 37.Kammer genau aussieht, sagte er: »Wenn man alle 35 Kammern durchlaufen und auch die 36. gemeistert hat, wäre die 37. eine Rückkehr zur allerersten Kammer«. Obgleich er kein Experte für Shaw-Brothers-Filme – jene zweitklassigen Kung-Fu-Streifen aus den 1970er Jahren, auf die sich der Clan seit jeher bezieht – sei, fügt Leon Michels mit der spirituellen Bedachtsamkeit eines Zen-Meisters abschließend hinzu: »Der Kreis wäre wieder vollendet.«

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