Hōzan Yamamoto – Meditation aus Improvisation

30.06.2021
Über fünf Dekaden hinweg pushte er japanischen Jazz in spirituelle Sphären, ohne Kitsch oder Esoterik. Ansehen erntete er dafür vor allem in seiner Heimat. Bis heute gilt Hōzan Yamamotos Schaffen international als Geheimtipp.

Hierzulande würde man von einem Wunderkind sprechen. Als Hōzan Yamamoto mit dem Spielen der japanischen Bambusflöte Shakuhachi begann, war der kühl kalkulierte Völkermord der US-Amerikaner in Hiroshima und Nagasaki gerade einmal etwas mehr als ein Jahr her. Der Staub hatte sich noch nicht gelegt, in weiten Teilen Südjapans schmolzen hunderttausende Zivilisten in einen langsamen Tod hinein, da ließ der kleine Hōzan an seiner hölzernen Längsflöte die meditativen Klänge zenbuddhistischer Mönche über weite Flur schallen.

Angeleitet von seinem Vater, dann vom bis heute völlig unbekannten Flötisten Chōzan Nakanishi, perfektionierte Yamamoto über zehn Jahre hinweg sein Spiel, studierte am Junior College Of Foreign Studies in Kyōto und am Seiha Music College in Tokio. Dass er seine Kür bei den Sessions zu Tony Scotts stilbildender Ethnojazz-Perle »Music For Zen Meditation« (1964) erlebte, war ebenso geschichtsträchtig wie vorprogrammiert. New Age wurde hier erfolgreich wie nie zuvor mit japanischem Sōkyoku verschmolzen, der Minimalismus des Westens mit den flugtauglichen Harmonien des fernen Ostens in Beziehung gesetzt. Schon sechs Jahre vor diesen Aufnahmen besuchte Yamamoto das World Folk Music Festival der UNESCO und profilierte sich später als einer der Avantgardisten im transpazifischen Brückenschlagen, zockte zusammen mit Ravi Shankar, Chris Hinze, Gary Peacock oder Helen Merrill auf diversen Alben – oder auch live on stage.

Wunderschöne Bambus-Flöte

Für Klänge jenseits seiner Kultur und ihre Protagonisten war er also quasi von Beginn an offen – und blieb es ein Leben lang. Mit Nobuo Hara And His Sharps & Flats realisierte er Big-Band-Alben wie »Sharps & Flats In Newport« (1967) oder »New Dimensions Of Bamboo Flute« (1968), die Fusion mit Folk, Bossa Nova mit Funk verwoben und dabei faktisch schon Mitte der 1960er Jahre eine asiatische Version dessen antizipierten oder mindestens inspirierten, was kurze Zeit später in weiten Teilen der westlichen Jazzwelt so richtig en vogue werden sollte – ob nun unter Schwammbegriffen wie »Ethnojazz«, »World Jazz« oder »World Music« subsumiert.

Seine melodische Leichtfüßigkeit wirkt nie überreizt, selbst wenn er sich in völlig fremden Sphären aufhält.

Höhepunkt dieser ersten Schaffensphase war dann aber – so der Konsens – das träumerisch groovende »Beautiful Bamboo-Flute« (1971), auf dem der mittlerweile 34-jährige Yamamoto seine bislang konzisesten Kompositionen präsentierte. Soundästhetisch zwischen dem New-Age-Vibe der angebrochenen Dekade und den Scores des exploitativen Chanbara-Kino aus den Jahrzehnten zuvor, ist das Album eine Lektion in klangkultureller Verschränkung: Chicago trifft auf die Vororte Tokios, eine körperliche Bläsersektion auf den dahinsäuselnden Ambitus der Shakuhachi, die traditionell aus dem Wurzelende des Madake-Bambus hergestellt wird und vom 17. bis zum 19. Jahrhundert bei den Fuke-Wandermönchen als spiritistisches Tool streng reglementierte Verwendung fand – also kein Mittel zum Fun, sondern seriöser Schlüssel zur Erleuchtung.

Weit über 100 Veröffentlichungen

Wahrscheinlich zurecht wurde Hōzan Yamamoto dann auch ab Mitte der 1970er Jahre in seiner Heimat mit Preisen überhäuft, erhielt 1977 den prestigeträchtigen Odaka-Award und durfte sich kurz nach dem Millennium den Titel »Lebender Nationalschatz« ans Revers heften. Mit Koryphäen japanischer Traditionsmusik wie dem Ehepaar Tadao und Kazue Sawai oder Jazz-Reformern vom Kaliber Takeshi Inomata coverte er J.S. Bach (»J.S. Bach Is Alive And Well And Doing His Thing On The Koto«, 1971) und spielte völlig singulären Fusion auf dem breit angelegten Kollaborativalbum »Jazz-Rock« (1973) ein. Die Lust am ästhetischen Crossover blieb ein Leben lang präsent im Schaffen des umtriebigen Virtuosen, der 1980 bei den Donaueschinger Musiktagen mit seinem Trio Shakuhachi Sanbon Kai große Augen forcierte und danach selbst für Filmsoundtracks wie »Makai Tenshō« (1981) engagiert wurde.

Mitte der Achtziger fand er in Karl Hans Berger einen weiteren Gleichgesinnten in einem eher unerwarteten Teil der Welt. Zusammen mit dem Heidelberger Free-Jazz-Pianisten und Vibraphonisten spielte Yamamoto für Victor Record das Fusion-Kleinod »Again And Again« (1985) ein, mit dem er abermals Meditation aus Improvisation gebar. Doch wie sonst auf nur wenigen seiner weit über 100 Veröffentlichungen, finden die delikaten Vibrati seines Instruments hier tatsächlich einen ebenbürtigen Counterpart im ausgeglichen variablen Spiel Bergers, der wie ein Tanzpartner die Melodien mal leitet, mal begleitet. Ein Merkmal, das vielen Platten aus Yamamotos Diskografie gemein ist: Auch wenn seine Flöte durch ein perliges Klangbild und luftige Intonation meist aus den Kompositionen hervorsticht, wahrt der Kopf der Hozan-kai Shakuhachi Guild stets ein gewisses Understatement. Seine melodische Leichtfüßigkeit wirkt gerade deshalb nie überreizt, selbst wenn er sich in völlig fremden Sphären aufhält.

Flamenco, Country, House Music

Die suchte er immer wieder zu erforschen. Es folgten Ausflüge in die Welt des Flamenco und Folk, in Richtung Country und Kirchenmusik, die während der Jahre nicht nur Yamamoto als Person, sondern insbesondere auch die Shakuhashi als Instrument zunehmend im Westen bekannter und beliebter machten. Mit Chano Dominguez und Javier Paxariño drang ihr idyllisches Bläsertimbre Richtung Spanien vor (»Otoño«, 1998), nach der beeindruckenden Kooperation mit Wolfgang Mitterer (»Masters Of Zen: Shakuhashi And Organ, 1998) horchte man auch in Deutschland auf und selbst in zeitgenössischen DJ Mixes von Pop über Hip-Hop bis House finden die Sounds des Flötisten immer wieder Verwendung, oft genug ohne Credits zu bekommen. Wird er in Japan selbst von jüngeren Generationen als Nationalheld gefeiert, fristet Yamamoto in Europa und den USA nach wie vor eher ein Dasein als Insidertipp, ja wird selbst unter notorisch abenteuerhungrigen Discogs-Diggern nahezu stiefmütterlich behandelt. Als er am 10. Februar 2014 im Alter von 76 Jahren in einem Tokioter Krankenhaus verstarb, nahm davon in unseren Breiten dementsprechend niemand etwas wahr. Geblieben ist eine Musik, die beileibe nicht nur Jazz-Afficionados als unerwarteten Sommersoundtrack feiern können.

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