Julia Holter – Die Entschachtelung der Gedanken

20.08.2013
Foto:Patrick Cavaleiro
Mit »Loud City Song« ist Julia Holter gerade ein großer Wurf gelungen. Inspiriert von einer Novelle Colettes hat die 28-jährige Musikerin ein zugleich entrücktes wie sehr konkretes Bild ihrer Heimatstadt Los Angeles entworfen.

Im Gespräch sitzt noch nicht jedes Wort an seinem Platz und die Füllwörter fallen auch etwas ins Gewicht, doch dienen diese nur der Entwirrung ihrer komplexen Gedankenstränge, die man förmlich mitverfolgen kann. Der Blick von Julia Holter huscht durch den Raum, sie ballt die Faust leicht und beißt sich auf die Lippe, auf der Suche nach der passenden Formulierung. Die 28-jährige Absolventin des Kompositionsstudium am California Institute of Arts muss heute, wie sie es selbst ausdrückt, den unangenehmen Teil ihres Daseins in der Öffentlichkeit erfüllen und der Presse im Halbstundentakt Rede und Antwort stehen. Im Gegenzug hat es Holters neues Label Domino ihr erstmals ermöglicht, sich einzig und allein der Musik zu widmen, worüber sie betont glücklich ist, wo es doch ihr Traum war »Hi-Fi-Artistin« zu sein: »Ich bin jetzt eine Vollzeitmusikerin und ich kann ständig an Musik arbeiten, was eine große Veränderung für mich bedeutet. An der neuen Platte zu arbeiten war eine der besten musikalischen Erfahrungen, die ich je hatte«, erzählt sie heute.

Julia Holter ist jemand, der die Zügel bei ihrer Arbeit nur widerwillig aus der Hand gibt, da ihr an einer perfekten Umsetzung dessen gelegen, was ihr schon lange vorher im Kopf rumschwirrte – nichts soll dem Zufall überlassen sein. Trotz dieses Wissens beeindruckt es zutiefst, mit welcher Akribie Holter an die einzelnen Stücke herangeht. Hauptinspirationsquelle für ihr neues Werk »Loud City Song« war neben Colettes Novelle »Gigi« auch Vincente Minellis filmische Adaption von 1958. Darin gibt es eine Szene im sozialen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, dem Restaurant »Maxim’s«, dem sie den zentralen Song ihres

»An der neuen Platte zu arbeiten war eine der besten musikalischen Erfahrungen, die ich je hatte.« (Julia Holter)

Albums gewidmet hat. In dieser Szene mokieren sich die Gäste, allesamt aus der feinen Pariser Bourgeoisie, singend über die Neueintretenden – Holter übernimmt für ihren gleichnamigen Song »Maxim’s« das Metrum dieses Gesangs und zitiert diese bittersüße Sequenz auf unnachahmliche Weise. Der Suche nach Erfüllung und Liebe zu Zeiten alles dominierender (sozialer) Medien, die kritische Auseinandersetzung mit der irrationalen Verehrung von »Prominenten« und die damit verbundene Oberflächlichkeit hat sich Holter auf ihrem dritten Album zum Thema gemacht: »Es gibt einfach Menschen, die so etwas mögen. Zugleich ist es schockierend festzustellen, wie unterschiedlich Menschen sein können. Für manche ist das real, für sie ist das ein Beobachten der Gesellschaft. Und das sind auch alles kluge Menschen, es ist nicht so, dass es sich hierbei ausschließlich um einen Haufen dummer Menschen handelt. Ich bin nicht zu sehr am Leben anderer interessiert, aber ich denke für manche ist das eine Art Realität. Mir kommt das alles sehr traumhaft und seltsam vor, aber für andere ist es das, wofür sie leben.« Also Götzenverehrung als Flucht für das heutige Bildungsbürgertum aus der unerträglichen Realität?

Einerseits betörend elfenhafter, andererseits trotziger Gesang, die schwere orchestrale Instrumentierung, die undurchsichtigen Strukturen und zahlreichen Leerstellen lassen einem auch mit ausdrücklicher Anleitung viel Interpretationsspielraum. Trotzdem ist »Loud City Song« Holters geradlinigstes Album, weil sie tut, was sie will: »Viele meiner frühen Arbeiten waren sehr verschachtelt, da ich verschiedene Dinge probiert habe, die mich verwirrten. Ich war stets bemüht, meine Professoren zufrieden zu stellen und habe zu viel auf einmal versucht. Erst als ich begonnen habe, unabhängig zu denken, habe ich angefangen, Musik zu machen, mit der ich glücklich bin.«