»Es sollte sich so anfühlen, als würde man am Wochenende in eine Kirche in Südlondon hineinlaufen«, sagt Moses Boyd über sein neues Album Songs For Sinners. Gemeint ist damit auch der sogenannte »Kitchen Choir«: Teile seiner Familie, die er, wie der Name vermuten lässt, für das Album in seiner Küche aufgenommen hat. Das Projekt ist nicht nur eine Hommage an sein Aufwachsen und die Kirche als ersten musikalischen Berührungspunkt, es ist das Ergebnis eines jahrelangen, wenn nicht jahrzehntelangen kreativen Prozesses.
Boyds musikalische Sozialisation begann mit Gospel, entwickelte sich aber früh in verschiedenste Richtungen. Zur Kirche kamen irgendwann das Jazzkonservatorium und der Undergroundclub. Als Schlagzeuger, Producer, Komponist und DJ gehört er zu den Pionieren dessen, was wir heute als »UK Jazz« bezeichnen. Gemeinsam mit einer Generation von Musiker:innen wie Shabaka Hutchings, Yussef Dayes, Nubya Garcia, Ezra Collective und Theon Cross trug er dazu bei, Jazz neu zu definieren.

Songs For Sinners Black Vinyl Edition
»Natürlich ist es stark vom amerikanischen Jazz beeinflusst. Aber der Unterschied zwischen mir und Robert Glasper ist, bei Robert Glasper geht es nicht um Soundsystem-Kultur oder Afrobeat, Cumbia und Soca.« Die entscheidende Besonderheit seiner Generation in London sei die Verbindung von Jazz mit Soundsystem-Kultur und afro-diasporischen Musikstilen. »Es ist wie Jazz, der auf dem Notting-Hill-Karneval war.«
Dafür brauchte es Räume außerhalb etablierter Jazzclubs. Einer davon war Steez in Lewisham, eine frühe Clubnacht, bei der Musiker:innen, Kunst-, Film- und Fashion-Leute – also »alle Cool-Kids« – aufeinandertrafen. »Es gibt ein paar Orte, an denen wir, bevor es zum Mainstream wurde, die Gelegenheit hatten, zu experimentieren und vor Leuten zu spielen, die es verstanden haben.« Das Publikum sei mit Jungle-Raves und illegalen Hausbesetzungen aufgewachsen. »Wie ich Schlagzeug spiele, ist da nicht besonders revolutionär.«
Aus diesem Ethos entstand auch die Zusammenarbeit mit Saxofonist Binker Golding. Das Duo Binker and Moses wurde 2015 mit dem MOBO als bester Jazz-Act ausgezeichnet und als Aushängeschild des modernen Jazz gefeiert, indem es Grime und Coltrane in einen Topf wirft. Sein erstes Solo-Release Rye Lane Shuffle bewies endgültig: Seine Musik passte weniger zu Ronnie Scott’s als in den Boiler Room.
Leben und Leben verstehen
Mit Songs For Sinners erweitert Boyd seine musikalische Sprache nun um eine Dimension, die von Anfang an Teil seiner musikalischen Sozialisation war: Gospel. »Bei diesem Album geht es darum, ein Gefühl einzufangen und Songs zu schreiben.«
Zum ersten Mal hat Boyd die Lyrics eines Albums vollständig selbst geschrieben – weil die Geschichte zu persönlich, das Konzept zu präzise war, um sie jemand anderem zu überlassen. Songs For Sinners beschäftigt sich mit unserem Verhältnis zu Glauben: mit Suche und Flucht, mit Glauben und Zweifel, mit guten und schlechten Erfahrungen. »Manche Menschen machen positive Erfahrungen mit Glauben und Religion, andere wiederum negative«, sagt Boyd. Gerade diese zweite Seite habe er in der Gospelmusik vermisst. »Es wird nie darauf eingegangen: Was ist mit den Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, und wie sieht deren Geschichte aus?«
»Was ist mit Menschen, die schlechte Erfahrungen [mit dem Glaube] gemacht haben, und wie sieht deren Geschichte aus?«
Moses Boyd
Die Idee für diesen Sound hatte Boyd bereits mit 16. Für die Umsetzung habe ihm damals noch das technische Können und das Selbstvertrauen gefehlt. Heute, fast zwei Jahrzehnte später, ist die Idee endlich da, wo sie immer hinwollte: »Ich glaube, ich musste einfach ein bisschen Leben leben und echte Erfahrungen machen, eine echte Beziehung zu Leben, Glauben und Menschlichkeit entwickeln und das dann wieder in die Musik einfließen lassen.«
So wird Songs For Sinners zu einer Rückkehr, die gleichzeitig ein neues Kapitel aufschlägt. Gospel trifft auf Jazz, Soundsystem-Kultur auf elektronische Produktion, Kirche auf Tanzfläche, die Stimmen seiner Familie auf einen Musiker, der einen großen Teil seiner Karriere damit verbracht hat, genau solche Grenzen zu verwischen.
