Lord Finesse – Digger With Attitude

08.02.2012
Lord Finesse ist vor allem bekannt als Produzent und DJ von Digging in the Crates (DITC) und dafür die Tradition des Samplens und Aufspürens alter Schallplatten am Leben zu erhalten. Ein Interview über den Status Quo im Beat-Digging.

Lord Finesse ist vor allem bekannt für freshe Beats, smoothe Raps mit Wortwitz und das Sammeln von Telefonnummern attraktiver Damen. Darüber hinaus ist er als DJ tätig und bewahrte mit seiner Crew Digging in the Crates (DITC), die Tradition des Samplens und Aufspürens alter Schallplatten. Der Fachmann nennt diese Tätigkeit »(Beat-)Digging«. Im Interview teilte uns Lord Finesse seine Ansicht zu einigen aktuellen, aber auch generellen Aspekten des Diggings mit: Internet, DJ Software und Urheberrechte. Auch seine zwei aktuellen Digging-Projekte fanden Erwähnung.

Vor dem Boom von Breitband-Internet und der damit einhergehenden Fülle und Erreichbarkeit von Informationen waren die Wege zu neuen Fundstücken wesentlich steiniger. Was hältst Du vom so genannten E-Digging, also der Online-Recherche und –Beschaffung vermeintlich seltener Grooves?
Lord Finesse: Ich denke, es sollte einen gewissen Punkt in der Karriere geben, an dem man das bedenkenlos tun kann. Ich z.B. besitze über 10.000 Platten und habe meinen Anteil wortwörtlich beigesteuert: Zählt man die Beträge zusammen, die ich für Platten bezahlt habe, kommt man auf eine ziemlich hohen Summe. Wenn jemand wie ich also etwas im Internet entdeckt, dann ist das etwas anderes als bei jemandem, der keine Schallplatten kauft, der nur YouTube oder Blogs durchsucht, um seine Sammlung anzuhäufen. Es gibt übrigens immer noch hier und da Fundstücke, die nicht im Internet verfügbar sind. Das gleiche gilt in meinen Augen für virtuelle DJ-Software: Wenn man seit langer Zeit DJ ist, sich seinen Status hart erarbeitet hat, indem man zehn bis fünfzehn Jahre Plattenkisten geschleppt hat, dann sollte man ruhigen Gewissens diese Software benutzen dürfen! Dann hat man sich das in meinen Augen wirklich verdient.

Du hast vor kurzem eine Mix-CD zum Thema »Digging« veröffentlicht. Worum ging es dir dabei?
Lord Finesse: The Art of Digging sollte hauptsächlich zeigen, dass es immer noch Leute da draußen gibt, die diggen, und dass immer noch viele sehr, sehr, sehr, sehr extrem seltene Stücke und Grooves existieren. Das kann man sich gar nicht vorstellen! Ich bin mit so einer Art Sammler-Ansatz an die Sache herangegangen; einfach nur alle möglichen abgefahrenen Breaks spielen wollte ich nicht. An alle, schnappt euch meine CD und vergleicht sie mit allen anderen Break-CDs im Umlauf! Viele Leute nehmen Mixe auf und spielen nur, was alle anderen auch spielen. Auf meiner CD spiele ich Zeug, das viele wohl nicht kennen werden, bei dem sie sich aber fragen werden: »Was verdammt ist das!?«

»Seid lieber vorsichtig, denn einige der Samples müssen vor Veröffentlichung urheberrechtlich geklärt werden! Wenn Ihr erwischt werdet, schiebt nicht die Schuld auf mich!« (Lord Finesse)

Das war für mich letztlich der Anreiz solch einen Mix zu veröffentlichen, denn ich hatte anfangs wirklich keine Lust dazu, weil ich mir sicher bin, dass viele Leute direkt von meiner CD samplen. Manche Produzenten werden sich die CD nur aus diesem Grunde besorgen: Seid lieber vorsichtig, denn einige der Samples müssen vor Veröffentlichung urheberrechtlich geklärt werden! Wenn Ihr erwischt werdet, schiebt nicht die Schuld auf mich! Als ich mich dann doch durchgerungen hatte, wollte ich das Ganze möglichst gut umsetzen, weil ich schließlich Teil der Digging in the Crates-Crew bin. Die Leute erwarten einfach das Bestmögliche, wenn ein DITC-Mitglied etwas veröffentlicht. Soweit ich weiß, findet die CD großen Anklang, was mich sehr demütig werden lässt.

Ein Art Fortsetzung deines aktuellen Mixes wird bald veröffentlicht – The Art of Digging: Blue Note State of Mind. Erzähl uns bitte etwas darüber!
Lord Finesse: Der neue Mix wird ausschließlich Samples von Blue Note Records beinhalten. Als Beigabe wird es Flexi Discs mit zwei Beats von mir geben, bei denen ich Blue Note-Stücke gesamplet habe. Verrücktes Zeug! Auf dem einen Beat habe ich eine Art Re-Interpretation von Electric Relaxation erschaffen, indem ich das originale Ronnie Foster-Stück benutzt habe. Flexi Discs sind übrigens dünne Plastikscheiben, auf die früher Schallplattenrillen gebracht wurden. Das Ganze konnte man dann auf einem Plattenspieler abspielen.

Könntest Du durch die Veröffentlichung solcher CDs eigentlich Probleme mit den Urheberrechtsinhabern bekommen?
Lord Finesse: Geneigter Urheberrechtsinhaber, ich sehe das so: Leute wie ich machen eure Musik populär, wodurch sie möglicherweise gesamplet wird. Diese Samples müssen dann wiederum mit Euch geklärt werden. Ich mache also Werbung für eure Musik. Mal ehrlich, wie viel Geld kann man schon mit einem Mixtape machen?

Einen ähnlichen Mix hat doch auch Madlib veröffentlicht, oder?
Lord Finesse: Diggin On Blue habe ich 1999 veröffentlicht… Ich glaube, das war vor Madlibs Release. Diesen Mix fanden die Leute zwar großartig, aber ich hatte darauf zuviel gequatscht, zu viele Shout Outs verschickt. Also entschloss ich mich, Blue Note ein weiteres Mal in den Mittelpunkt zu rücken – dieses Mal jedoch mit viel, viel weniger Gerede und mehr Musik. So kam der neue Mix zustande.

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