Masta Ace – Kein Herbst in Sicht

28.06.2016
Foto:Tobias Hoffmann/Phyreworks
Als einer der dienstältesten MCs im Geschäft schafft es Masta Ace trotz seiner fast 30 Jahre Erfahrung relevant zu bleiben. Wie er das macht, wo seine Karriere begann und warum er nicht mehr malt, erfahrt ihr in unserem Interview.

Der Beruf des Rapper bringt normalerweise eine gewisse Halbwertszeit mit sich. Zahllose Karrieren einstiger Hip-Hop-Pioniere verlaufen sich über die Jahre in Stagnation, man versucht die goldenen Zeiten zurück zu holen oder läuft verzweifelt Trends hinterher. Doch Masta Ace ist die Ausnahme zu der Regel, dass 80er-Legenden heute entweder irrelevant oder tot sind. An dem Urgestein prallen auch nach 28 Jahren im Game die Wellen ab und er macht erfolgreich sein Ding. Vor allem in Europa wird der in Brownsville geborene Duval Clea konsequent gefeiert. In der Lobby eines kleinen aber schicken Düsseldorfer Hotels wirkt er etwas müde. Verständlich: erstens ist es recht früh und zweitens hat er gestern im ausverkauften Stahlwerk seine Europa-Tour eingeläutet. Neben den Klassikern aus seiner facettenreichen Diskografie stellt er sein neues Solo-Album »The Falling Season« vor, das am 13. Mai über hhv.de erschienen ist.

Wie ist der Kontakt mit hhv.de zu Stande gekommen?
Mast Ace: Es fing an, als sie mich fragten, ob sie meine Alben »Long Hot Summer« und »Disposable Arts« neu auflegen könnten. Diese Platten waren nirgends mehr zu finden, also hielt ich das für eine gute Idee, da beide Alben zu den wichtigsten meines Katalogs zählen. Ich wollte schon länger einen Vertrag mit einer europäischen Firma unterzeichnen und die jahrelange Zusammenarbeit an den Reissues zeigte mir, dass sie ein guter Partner sind.

Wolltest du bei einem europäischen Label unterzeichnen, weil du hier so beliebt bist?
Masta Ace: Ja, wir touren tatsächlich am meisten in Europa. Deswegen macht es Sinn, wenn eine Firma von hier die Platten vertreibt.

Was glaubst du, woher kommt es, dass du deine treusten Fans in Europa hast?
Masta Ace: Ich glaube die Fans in den USA sind stark von dem beeinflusst, was im Radio oder im Fernsehen läuft. Sie kennen nichts anderes. Es ist ein sehr kommerzieller Markt. Der Untergrund existiert, allerdings deutlich kleiner. Die andere Sache mit Europa und vor allem Deutschland ist, dass meine Musik hier eine jüngere Generation an Fans erreicht hat. Beim Konzert gestern zum Beispiel (gemeint ist das Konzert am 4.5.16 in Düsseldorf, Anm. d. Red.) waren ein paar Kids, die den Text zu jedem Song kannten. Die waren 18 Jahre alt. In den USA gibt es keine 18-jährigen, die irgendetwas darüber wissen, was ich tue. Die kennen Trap, das ist deren Popmusik. Wenn du da als 18-jähriger Masta Ace hörst, halten sie dich für einen Weirdo. Warum hört er nicht Drake?

Masta Ace versteht es auf Skit-reichen Konzeptalben eine cinematische Atmosphäre zu vermitteln. Man sitzt mit ihm am Küchentisch, streift mit ihm durch die Gänge seiner High School und hört heimlich unter der Decke die Radioshow des World Famous Supreme Team. Sein Durchbruch war der Gewinn des Rap-Contests einer Rollschuhbahn in Brooklyn.

Stimmt es, dass du deine Hip-Hop-Karriere der Schwester eines Schulfreundes und den United Skates of America verdankst?
Masta Ace: Ja, das ist alles richtig! Auch vor allem meiner Mutter, denn die ganze Geschichte fing damit an, dass mein Kumpel mich anrief und mir von einem Rap-Wettbewerb erzählte. Ich sagte ihm: »Nein, ich kann nicht gehen, ich bin hier mit meiner Familie und es ist Weihnachten.« Aber meine Mutter hatte das Gespräch gehört und sagte »Warum gehst du nicht einfach?

In den USA gibt es keine 18-jährigen, die irgendetwas darüber wissen, was ich tue. Die kennen Trap, das ist deren Pop-Musik. (Masta Ace)

Wir haben schon gegessen und machen nichts mehr wirklich, geh‘ einfach mit deinem Freund.« Ich rief dann meinen Freund zurück, aber er war schon weg, ich wusste nicht wohin. Also bat ich seine Schwester, mit der ich telefonierte, ihn einzuholen. Sie sagte »warte kurz«, rannte nach draußen und ich hörte sie durchs Telefon auf der Straße nach ihrem Bruder rufen. Also kam er zurück, sagte mir den Treffpunkt, ich nahm den Zug und wir machten beim Rap-Wettbewerb der United Skates of America in Queens mit. Ich gewann. Der erste Preis waren sechs Stunden im Studio mit Marley Marl und der Rest ist Geschichte.

Nach erfolgreichen Jahren mit Marley Marl und Juice Crew orientiert sich Masta Ace um. Aus seinem Studio in Brooklyn heraus experimentiert er mit seiner Gruppe »Masta Ace Incorporated« mit Gangsta Rap und G-Funk. Damals gerät er dadurch zwischen die Fronten des Eastcoast-Westcoast-Konflikts, die Leute glaubten er sei nach L.A. gezogen, man warf ihm vor er würde sich dem Feind anbiedern. Heute benutzt er den Begriff »Kompromiss-Album«, redet lieber über seine späteren Werke.

Die Releases von Masta Ace Incorporated haben sich vom Sound her stark von deinen Vorherigen unterschieden. Ich war bei der Recherche überrascht davon, wie viel du in dieser Zeit produziert hast. Vor allem die großen Hits wie »Sittin‘ on Chrome« und »Born to Roll« Auf deinen späteren Alben war maximal ein Beat von dir, wie kam das?
Masta Ace: Ich brauchte einfach neue Musik, um mich inspirieren zu lassen. Als ich diese Alben machte war es eine Formel. Ich wusste genau, was für Beats ich machen musste, damit sie dem Publikum gefallen und habe darauf Texte geschrieben. Bei »Disposable Arts«… meine Beats waren damals gut, aber ich hatte das Gefühl, dass ich die Beats anderer Leute brauchte, um Texte zu schreiben, die von Herzen kamen. Deswegen habe ich für dieses Album und »Long Hot Summer« nur jeweils einen Beat von mir genommen. Die hatte ich aber auch schon Jahre vorher produziert.

Meinst du, du setzt dich nochmal an die MPC?
Mast Ace: Weißt du, meine MPC ist noch in wirklich gutem Zustand. Marco Polo will, dass ich sie ihm gebe (lacht). Ich denke ich werde irgendwann wieder produzieren, weiß aber nicht wann. Wahrscheinlich sobald ich umziehe, weil ich zu Hause kein richtiges Studio habe. Früher hatten wir eine 2-Zimmer-Wohnung und eines der Zimmer war das Studio, wo ich mein ganzes Equipment und Platz hatte. Doch dann wurde meine Frau schwanger, das Studio wurde zum Kinderzimmer und die ganze Ausrüstung wurde in Kisten verpackt. Es ist immer noch das Zimmer meiner Tochter und ich hatte bis heute keinen Raum. Es muss Platz sein für Lautsprecher, mein aufgebautes Equipment, Platten… ohne das richtige Umfeld mache ich es nicht.

Du hast unter dem Pseudonym ASE1 produziert, was auch dein Graffiti-Name war. Ist es länger her, dass du einen Beat gemacht hast, oder dass du sprühen warst?
Masta Ace: Ich war 2001 in Köln malen, nach 2001 habe ich noch Beats gemacht, also ist es länger her, dass ich bomben war.

Steht das Piece noch?
Masta Ace: Mein Kumpel DJ Schneider aus Köln hat mir vor kurzem ein Bild geschickt, auf dem es noch steht (durchsucht sein Handy nach dem Foto und zeigt es dann stolz). Es ist bei einer Autobahnunterführung. In dieser Nacht wurden wir auch fast erwischt, deswegen dachte ich mir: »Ich kann nicht auf Tour bomben gehen, in Deutschland verhaftet zu werden wäre nicht so gut.« Danach habe ich mit dem Malen aufgehört.

Seit deiner Beteiligung an Masta Ace Inc. hast du regelmäßig Rapperinnen auf deinen Alben gefeaturet.
Masta Ace: Das stimmt, ich war wahrscheinlich einer der ersten Rapper, der auf drei verschiedenen Songs eines Albums Features mit drei verschiedenen Frauen gemacht hat.

»Wenn eine Rapperin einfach nur authentische Musik machen will, scheint die Wirtschaft zu denken, es sei nicht zu vermarkten. ( Masta Ace)

Frauen haben eine wichtige Stimme im Hip-Hop und es gibt Songs, die einfach die weibliche Perspektive brauchen. Alles dreht sich immer um die männliche Perspektive, meine Perspektive. Und dann holt man eine Frau, die eine ganz andere Sicht auf die Dinge hat. Wenn ich talentierte Rapperinnen treffe, freue ich mich immer mit ihnen aufzunehmen. Deswegen habe ich mit Leuten wie Rah Digga, Jane Doe oder auf dem neuen Album Queen Herawin gearbeitet.

Hättest du damals gedacht, dass Rapperinnen heute im Hip-Hop präsenter wären?
Masta Ace: Ich glaube der kommerzielle Markt schreibt vor, wie sichtbar weibliche MCs sind. Der kommerzielle Markt hat entschieden, dass Rapperinnen sich sexy, fast nasty anziehen müssen, damit die Fans es kaufen. Und wenn jemand wie Rapsody, die sich respektabel kleidet und rappt, mit purer Lyrik und guten Tracks kommt, scheint es so, als würde die Wirtschaft denken, es sei nicht zu vermarkten. Obwohl wir wissen, dass es sich verkaufen kann. Man muss einfach mehr Künstlerinnen wie Rapsody dazu bringen Musik zu veröffentlichen. Es erscheinen nicht genügend Alben von Rapperinnen, die nicht den Weg einer Nikki Minaj gehen, sondern einfach nur authentische gute Musik machen wollen.

Was sind deine Top-5 weiblicher MCs?
Masta Ace:(überlegt lange) In unbestimmter Reihenfolge: Rah Digga, Queen Latifah, Invincible, Lauryn Hill als sie rappen konnte und Lady Leshurr.

Mit der Zeit verfliegt auch die Müdigkeit aus Masta Ace Gesicht. Der Mann ist so lange im Geschäft, dass man ihn tagelang interviewen möchte. In einem Atemzug gibt es von dem sowohl professionell als auch privat talentierten Geschichtenerzähler Anekdoten über seine Familie, Big Daddy Kane und MF DOOM. Er muss noch seine Sachen packen, dann geht weiter nach Aalst in Belgien. In den nächsten 23 Tagen wird er 16 Konzerte zwischen Nantes und Talinn spielen. Er will sich neben der Musik auch anderen Sachen widmen, sagt er, vielleicht sogar irgendwann pausieren, aber alles zu seiner Zeit. Denn das hat sich Masta Ace wie kaum ein anderer Rappe bewiesen: dass er Zeit hat.

Masta Ace sinniert über 4 spezielle Tracks aus seinem neuen Album »The Falling Season«

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