Moderat – Eine Frage des Feelings

15.08.2013
Foto:Malte Seidel
Zum Erscheinen ihrer zweiten Platte »II« haben wir uns mit Sascha Ring, Gernot Bronsert und Sebastian Szarzy im Studio verabredet um den Prozessen auf den Grund zu gehen, die den zeitlosen Elektro von Moderat ermöglichen.

Moderat sind Modeselektor und Apparat und so etwas wie die Berliner Speerspitze eines warmen, analogen Elektro mitten im Mekka des Minimal Techno. Mit einer Kombination aus der Körperbetontheit (Bass!) des Techno und seinen Spielarten und der cineastischen Weite eines guten Popsongs haben Moderat mit ihrem Debüt vor vier Jahren wie kaum andere Club- wie Kopfhörertauglichkeit zugleich bewiesen. Zum Erscheinen ihrer zweiten Platte »II« haben wir uns im Berliner Studio von Modeselektor, in dem die Platte entstanden ist, getroffen und versucht den Prozessen auf den Grund zu gehen, die diese unaufgeregte, zeitlose Musik zulassen. Als ich Sascha Ring auf die cineastische Qualität der neuen Platte anspreche, wendet er sich an Gernot und Szary und sagt: »Das war eigentlich unser Nenner, den wir von Anfang hatten, ne?« und Gernot ergänzt: »Es ist eben auch eine schöne Aufgabe eine Platte zu machen, die beides hat, zu der man tanzen kann, die aber auch zu Hause laufen kann oder im Auto, also die man einfach hören kann, also was moderates!«

Was macht einen guten Song aus? Und vor allem: Was kann man alles weglassen, so dass es doch noch ein guter Song bleibt?
Gernot Bronsert: Wir haben gelernt, dass wir sehr viel weglassen können. Je mehr Zeit man für einen Song hat, umso mehr verbastelt man eine Sache. Am Ende kramt man dann irgendeine Version heraus – dank des total records mit einem Rechner ist das ja möglich – und dann stellt man fest: Das war schon ganz cool so, das ist schlechter geworden.
Sascha Ring: Ich denke es gibt zwei Antworten auf die Frage. Weil im klassischen Sinne muss ein Song mit einem Sound und einer Melodie stehen und fallen, den muss man immer auf dem Klavier spielen können. Also wenn deine Festplatte kaputt geht, darf dein Album nicht weg sein, du musst es wieder reproduzieren können. Aber wenn du jetzt wirklich richtig Clubmusik macht, dann geht das so sehr über Töne und Sounds. Das Ganze geht so Hand in Hand, dass man das nicht mehr genau sagen kann.
Gernot: Ich glaube technisch kann man die Frage nicht beantworten, man kann sie auch nicht musikalisch beantworten, sondern das ist eine Feeling-Frage. Manche Songs basieren z.B. auf einem Sample. Wenn das Sample weg ist, hast du ein Problem, das kriegst du nie wieder hin. Manche Songs sind halt auf dem Piano nachspielbar, aber du wirst dann wahrscheinlich nie wieder den gleichen Flow hinkriegen, den du ursprünglich mal hattest. Wir sind alle keine klassischen Musiker, das hat bei uns viel mit einem Prozess zu tun und wir hatten eigentlich das Glück, das uns nichts abgeschmiert ist beim Produzieren.
Sebastian Szary: Am Ende ist es auch so, dass wir drei uns einig sein müssen, dass der Song uns einfach abholt.
Gernot: Man muss das Ding spüren. Entweder die Nummer holt dich ab oder nicht. Ich glaub das ist die Antwort der Frage. Wenn mich ein Song abholt, dann ist das ein guter Song.
Sascha: Und da das natürlich subjektiv ist, ist das dann in so einer Dreierkonstellation ein bisschen schwieriger. Und durch diesen Filter ist der Prozess bei uns natürlich ein bisschen langwieriger. Da sind viele Songs noch auf der Festplatte da hinter dir, die nur zwei von dreien von uns abgeholt haben, und deswegen nicht aufs Album durften.

CITI:»Alben sind wichtig, oder? Also nach wie vor sind wir Alben-Typen.«:### Wie wichtig ist es euch, dass die einzelnen Nummern in eine Gesamterzählung passen? Gibt es Tracks, die euch alle drei abholen, aber einfach nicht reinpassen in das, was auch über die Platte hinaus Moderat erzählt?

Szary: So was gibt’s auf jeden Fall oder gab es in diesem Fall.
Sascha: (zu den anderen) Alben sind wichtig, oder? Also nach wie vor sind wir Alben-Typen.
Gernot: Ja, das ist schon unser Medium, eine Platte zu machen. Letztendlich haben wir bei der Platte aber nicht einen bewussten Fahrplan gehabt, sondern die Songs haben sich entwickelt und wir haben dann bis zum Schluss darauf gehofft, dass die zusammen passen. Wir haben die Songs während wir produziert haben nie zusammen im Kontext gehört, also wir haben auch kein Tracklisting probiert. Wir hatten dann 11 Songs und haben dann das Listing versucht und das war ziemlich kompliziert. Wir haben es irgendwie nicht gebacken bekommen, dass die Songs miteinander funktionieren und so mussten wir einen der stärksten Songs [»Last Time«] einfach rauslassen und auf einmal war die Platte da. Und jetzt haben wir ihn halt als Bonus Track nehmen müssen.
Sascha: Wir haben früh im Prozess gemerkt, dass es bei bestimmten Songs aus verschiedenen Gründen kein Sinn ergibt, die zu Ende zu machen. Selbst wenn es keine Konzeptplatte ist, merkst du irgendwann in welche Richtung das soundästhetisch geht, du kannst nicht alle Songs in diese Welt mitnehmen.

Das permanente Verwerfen und Scheitern ist also fester Bestandteil eurer Arbeit?
Gernot: Sascha macht z.B. eine Platte, findet die dann nicht gut, schmeißt die weg und macht die noch mal neu. Szary und ich funktionieren anders. Wir machen Skizzen, die sind meistens nur 16 Bar Loops, davon haben wir ganz viel. Aber wir haben keine großen Projektordner, wo ein Song eigentlich schon fertig arrangiert ist und wir den nicht nehmen, sondern wir machen immer alle Songs, an denen wir sitzen, fertig. Das ist wirklich ein essentieller Unterschied zwischen unserer und Sascha’s Arbeitsweise. Und das haben wir so ein bisschen bei Sascha gelernt, das man an einem Punkt mal sagen muss, klar ist der Song geil, klar ist der fett, klar funktioniert der, und klar kann der auch ein Hit werden, aber der bringt jetzt nichts hier, der passt jetzt nicht, der kostete uns jetzt Zeit und Energie. Und das ist das Anstrengende an dem, wie wir Musik machen, dass es ein Lernprozess ist. Man lernt die ganze Zeit immer noch dazu und das hört nie auf.
Sascha, du bist wahrscheinlich für die lyrische Seite der Produktionen zuständig? Gibt es ansonsten Bereiche, die klar verteilt sind?
Sascha: Das war’s eigentlich auch schon fast. Da ich die Dinger halt singe, habe ich da nochmal eine spezielle Aufgabe, aber ansonsten sind wir drei Typen, die alle das gleiche machen und können. Drei Produzenten – das ist manchmal ein Segen und manchmal ein Fluch.

Wie läuft es denn ab, wenn es ein Segen ist?
Sascha: Irgendwer fängt immer an mit einer Idee und die triggert dann irgendwo bei wem anders etwas und kickt den und die besten Momente im Studio sind die, wo der Stein dann immer weiter rollt, wie ein Schneeball, und immer größer wird und uns alle mitnimmt.

CITI:»Bei der Platte sind es nicht unbedingt Apparat und Modeselektor, sondern Szary, Gernot und Sascha.«:###Ist da auch Platz für introvertierte Momente, geht ihr euch auch aus dem Weg?

Gernot: Wir haben halt zwei Studioräume. Und wir hatten oft die Situation, dass Sascha hier unzufrieden auf der Couch saß, mit seinen Stimmen nicht zufrieden war. Dann ist er manchmal tagelang in einstündigem Takt rüber gegangen und ist mit einem USB-Stick zurück gekommen und wir fanden es dann cool oder eben auch nicht. Aber es gab immer so Rückzugsmomente und manchmal war es wirklich so, dass ich gar nicht wusste, ob er überhaupt da ist oder ob Szary da ist.
Sascha: Aber am Ende eher selten. Am Ende war die Phase, wo wir alle zusammen arbeiten mussten, weil auch immer irgendwer Angst hatte, dass ohne ihn etwas verändert wird.

Gibt es auf der Platte Tracks, die eher Modeselektor und Tracks, die eher Apparat sind?
Sascha: Bei der Platte sind es nicht unbedingt Apparat und Modeselektor, sondern Szary, Gernot und Sascha. So ist »Gita« z.B. eher ein Gernot-Song, »Ilona« ist eher so ein Szary-Ding. Der hat da die meiste Zeit mit verbracht.
Szary: Oft Nachtschichten geschoben.
Gernot: Ja, viel Zeit mit verbracht und dann ist das von mir wieder komplett zerhackt worden.
Szary: Du hast dann den Schluss gemacht …
Gernot: Nee, das warst du.
Sascha: Es ist auch geil, das man es irgendwann nicht mehr weiß.

Ist es für euch wichtig bzw. ist es eigentlich möglich, in der Musik innovativ zu sein?
Gernot: Klar, darum geht’s ja.
Sascha: Nur immer in kleineren Fenstern, natürlich kannst du nicht mehr alles neu erfinden. Es geht darum Sachen zu kombinieren oder irgendwie in kleinen Details, was irgendwie innovativ ist.
Gernot: Das ist unser Fluch, deswegen leiden wir so. Das ist es, was mich antreibt. Innovativ ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich finde Musik muss nicht immer ein neues Genre sein, sondern muss einfach inspiriert klingen. Und ich finde, sobald Musik einen inspiriert, ist es egal, was es für eine Musikrichtung ist, dann ist es schon innovativ. Wenn ich z.B. Musik von Sascha höre, weiß ich nicht immer wie er es macht, aber ich kann es mir schon vorstellen, wie er es machen könnte … also wenn ich irgendeinen Sound höre und ich nicht weiß, wie er den macht, dann bin ich schon inspiriert.
Sascha: Das kenn ich übrigens auch, aber ich weiß nicht, ob das nicht eher so ein Nerd-Blickwinkel ist, aus dem wir das sehen.
Szary: Man geht gleich ins Technische …
Sascha: Genau, ich weiß nicht, wie sich das auf den nicht so technischen Zuhörer überträgt – ob der das auf einer emotionalen Ebene auch so empfindet, aber nicht so formulieren kann.
Gernot: Er wird es unterbewusst aufnehmen und lieben.

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