Q-Cut – Der geloopte Beat

01.12.2014
Q-Cut hat sich auf »Kaiju Dugu« neu erfunden und einen Ansatz erprobt, der Beat und Loop zusammendenkt. Das Resultat ist packend. Wie es genau dazu kam und wer ihn dabei inspirierte, erzählt uns Q-Cut im Interview.

»Keats« nennt sich eine neue Reihe an Vinylreleases, die sich mithilfe von Beatmakern stetig ihren Weg durch die Städte bahnt. Genauer gesagt, durch die heimischen Kieze. Im ersten Teil stattete Figub Brazlevič dem Berliner Kiez Moabit einen Besuch ab, Auf Keats 02 tritt nun DJ, Produzent und Beatschmied Q-Cut in Erscheinung und schickt sogleich ein ganz eigenes, handverlesenes Arsenal an instrumentalen Beats ins Rennen. Mit diesem Release möchte der 30-jährige aber keineswegs in irgendwelche Fußstapfen treten. Vielmehr schlägt der gebürtige Magdeburger auf »Kaiju Dugu« einen völlig neuen Kurs ein. Hier geht es nicht bloß um einen Kiez. Wohin die Reise genau gehen soll, bestimmt das Kaiju, diese phantastische, von Q-Cut ins Leben gerufene Kreatur, die sich unaufhaltsam, über ganze Straßenzüge, Stadtviertel und Landesgrenzen hinweg, in die Gehörgänge derjenigen schleicht, die ihrem überirdischen Ruf folgen. Auf einer Skala von düster bis abstrakt, kreiert Q-Cut eine sagenhaft melodische Loop-Symphonie der Eigenart, die vielmehr einem Drehbuch gleicht, als einem willkürlichen Griff in die Plattenkiste.

Was bedeutet der Titel »Kaiju Dugu« genau?
Q-Cut:* Bis heute bin ich ein großer Fan von Dinosauriern. Früher schaute ich gern die alten »Godzilla«-Filme, die eine Zeit lang sonntags im Fernsehen liefen oder auch »Jurassic Park«. Und dann habe ich den Film »Pacific Rim« gesehen. Dort tauchte das Wort kaiju auf, dass im Japanischen ›eigenartige Kreatur‹ oder schlicht ›Monster‹ bedeutet. Das hat es mir angetan und entsprach dem Sound. Schließlich kam ich noch auf dugu, einer Zeremonie des karibischen Garifuna-Stammes, um die verstorbenen Ahnen zu beschwichtigen, ein spirituelles Opferfest sozusagen.

Wie kam es zur Veröffentlichung in der »Keats«-Reihe und für welchen Kiez gehst du ins Rennen?
Q-Cut: Die Jungs von hhv.de wollten eine Instrumental-Reihe ins Leben rufen. Durch den Release von »T.C.A.Z.« mit Main Moe bestand der Kontakt und so kamen wir ins Gespräch. Wenn ich wirklich einen Kiez nennen müsste, dann wäre es wohl Stadtfeld, in meiner Heimat Magdeburg. Inzwischen wohne ich im Prenzlauer Berg in Berlin, aber eigentlich bin ich hier nur zu Gast. Für mich gibt es keinen richtig festen Kiez. Es ließe sich somit nicht ganz vermeiden, mit dem Kiez-Beats-Konzept der »Keats«-Reihe zu brechen. Jetzt ist sozusagen das Kaiju für mich ins Rennen gegangen. Sprich, die Musik spielt immer in dem Kiez, in dem das Kaiju gerade auftaucht.

In welchem Umfeld ist das Album entstanden?
Q-Cut: 80 Prozent der Beats auf »Kaiju Dugu«sind schon ca. ein Jahr alt. Es war also tiefster Winter. Und da ich in der Regel abends Musik mache, war es wahrscheinlich immer dunkel. Das hatte sicher einen gewissen Einfluss. Ich bin ein klassischer bedroom musician. In unserem Schlafzimmer stehen mir ziemlich genau drei Quadratmeter für meine Technik zur Verfügung. Aber das reicht. Ein Freund erzählte mir neulich, dass er seit Längerem meditiere. Als er mir den Zustand, den er dabei einnimmt, beschrieb, fiel mir auf, dass ich einen ähnlichen Zustand beim Produzieren einnehme. Seitdem erwische ich mich quasi immer wieder dabei, wie meine Gedanken auf Null fahren und ich einfach mache.

Kommen bei »Kaiju Dugu« ausschließlich Samples zum Einsatz oder verarbeitest du auch Liveaufnahmen?!
Q-Cut: Es sind zu 95 Prozent Samples. Ich wollte es bewusst analog halten und keine externen Klangerzeuger nutzen, sondern Melodien aus gesammelten und gesampleten Sounds erstellen. Einzige Ausnahmen sind ein paar MicroKORG-Klänge sowie einige Shaker und andere Percussion im Hintergrund.

Was hat es mit »Vinyl-Rumination« auf sich? Volume 11 scheint eine Art Skizze von »Kaiju Dugu« zu sein…
Q-Cut:* Die »Vinyl-Rumination«-Reihe veröffentliche ich seit 2005 in unregelmäßigen Abständen. Grundidee ist es dort Loops zu sammeln, die einfach so wie sie sind schon dope klingen. Alchemist oder Madlib machen das ja fast nur noch und ich feiere das total. Meistens zerstört man den ursprünglichen Vibe, wenn man den Loop um weitere Drums oder ähnliches ergänzt. Für die aufwändigeren Beats auf »Kaiju Dugu« brauchte ich vor allem Soloparts einzelner Instrumente. Alles andere Coole, wird dann auch aufgenommen, gespeichert und landet irgendwann auf einem »Vinyl-Rumination«-Release. Bei »Vinyl-Rumination Vol. 11 waren es eben Loops, die ich auf der Suche nach den passenden Sounds für »Kaiju Dugu« gefunden habe.

»Meistens zerstört man den ursprünglichen Vibe, wenn man den Loop um weitere Drums oder ähnliches ergänzt.« (Q-Cut)

»Kaiju Dugu« klingt streckenweise nach klassischer Musik, wären da nicht die Beats und Loops, welche die Tracks im Hip Hop verorten. Was war die Vision bzw. woher kam die Inspiration zum Bruch mit dem bisherigen Schaffen?
Q-Cut:* Grundsätzlich war und bin ich von den Beats gelangweilt, die man so hört. Auch von denen, die ich selbst noch bis vor zwei Jahren gebaut habe. Im Netz gibt es diese Sammlung von 300 Drumloops, die wirklich jeder zu haben scheint. Die sind zwar cool, aber sie tauchen immer wieder auf. Das hatte mich schon lange gestört, bis ich auf einmal »Rare Chandeliers« von Alchemist und Action Bronson hörte. Darauf wird zu 80 Prozent mit Loops gearbeitet, einfach nur Loops. Das war wohl musikalisch die größte Inspiration. Also kam ich auf die Idee, Beats zu kreieren, die klingen, als wären sie geloopt. Im Idealfall, wie auch gleich beim »Prelude«, sogar zu versuchen ganz auf Bassdrum und Snare zu verzichten und dabei dennoch fette Sounds zu erzeugen. Sounds, die den Beat rollen lassen. Das hat nicht immer so funktioniert, führte aber dazu, dass ich mir wieder jede Menge neue Drum-Samples und Percussion-Samples besorgt habe und teilweise auch längst durchgesamplete Platten nochmals durchgegangen bin, um nach Schlagzeugsolos zu suchen. Parts, die ich eventuell überhört hatte, weil sie nicht nach klassischen Hip Hop-Drums klangen. Inzwischen
suche ich bei jedem Beat zunächst nach einem coolen Drum- oder Percussion-Loop und dann erst nach einem passenden Sample. »Kaiju Dugu« vereint also das Beste der ersten 25 Beats, die ich mit dieser quasi neuen Technik erstellt habe.

Welche Hoffnungen setzt du an dieses Projekt?
Q-Cut: Madlib sagt immer: »I do it for my health.« So geht es mir auch. Mir macht es Spaß diesen Sound zu produzieren und ich freue mich, dass ich einen ersten Teil davon auf Vinyl bringen konnte. Natürlich freue ich mich dabei über jeden Like, jede positive Resonanz. Aber ich bin auch realistisch und weiß, dass es genügend andere Beatbauer gibt. Zudem ist das keine leichte Kost und könnte den ein oder anderen Hörer eventuell abschrecken.

Das ist auch deine erste eigene LP auf Vinyl. Was kommt als nächstes?
Q-Cut: Die wirklich erste Vinyl war die »T.C.A.Z.«, aber ja, das ist mein erster eigener Vinylrelease. Ich habe gerade ein neues Album mit Main Moe fertiggestellt und auch weitere Projekte, u.a. mit Fleur Earth und Moontroop sind in der Pipeline. Ansonsten mache ich fleißig weiter Beats. Irgendwie will ich auch die »Kaiju«-Reihe fortsetzen. Man könnte die Geschichte weiterspinnen. Dazu habe ich auch schon ein paar Ideen für das Artwork, die ich
damit verknüpfen werde.

Kommen wir nochmal auf Berlin zu sprechen. Fühlst du dich in Berlin zumindest musikalisch zu Hause oder fehlt dir die Magdeburger Szene?
Q-Cut: Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich einen Tapetenwechsel brauchte und meine Freundin bereits hier wohnte. Noch fühle ich mich hier wie im Urlaub, da Berlin nicht wirklich meine Heimat ist und ich hier sicherlich nicht alt werde. Mittlerweile wohnt hier sogar auch ein Teil der Magdeburger Szene, zumindest die Leute mit denen ich in der Vergangenheit schon viel gemacht habe, wie zum Beispiel die OFDM-Bande um Schaufel & Spaten, Der Plusmacher, Fresh Face oder Pierre Sonality, der allerdings in Hamburg wohnt. Aber ich denke nicht, dass mein Wohnort einen musikalischen Einfluss auf mich hat. Andererseits lernt man in Berlin schneller Leute kennen und die Platte wäre vielleicht nicht erschienen, wenn ich noch in Magdeburg wohnen würde.


Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Blog Levislev.com entstanden. Dort findest du auch eine englische Version des Interviews mit Q-Cut.

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