Dorian Concept will den Synthesizer hacken

28.10.2022
Foto:© Ninja Tune
Dorian Concept spielt die Keys wie ein Saxophon, zehrt von seiner Playstation-Vergangenheit und verrät, warum er wegen Thundercat schwimmen will. Ein Gespräch über »seine Keys«.

Egal, ob auf Platten von Thundercat, in der Band von Flying Lotous oder für Beats von MF Doom – Dorian Concept greift in die Tasten. Seine »nervöse linke Hand« hat der Wiener Musiker früher mit der Playstation therapiert, heute tänzelt sie für Labels wie Ninja Tune und Brainfeeder. Inzwischen erscheint das vierte Album des »Songbastlers«, wie sich Dorian Concept bezeichnet. Auf »What We Do For Others« leiden die Synthesizer zwar nicht mehr unter ADHS, die Speedskills an den Keys schimmern trotzdem durch.

Dein letztes Album »Nature of Imitation« war Maximalismus pur. »What We Do For Others«, deine aktuelle Platte, klingt dagegen fast … sanft.
Dorian Concept: Es ist ein Schritt weg vom In-die-Fresse-Maximalismus, mit dem man mich teilweise assoziiert. Ich sehne mich nach einem Alltag, der die Bewunderung in der Unaufgeregtheit findet. Deshalb beleuchte ich mit »What We Do For Others« die ruhigen Momente. Es ist ein nächtliches Album.

Weil es leerer ist?
Der Zugang zum Spielen der Keys hat sich verändert. Auf »Nature of Imitation« habe ich oft sehr kurze Segmente gespielt und viele Loops aneinandergereiht, was Collage-artige Kompositionen entstehen ließ. Auf dem aktuellen Album habe ich lange Takes gespielt – mit vier oder fünf Synthesizern und einer Workstation von Korg. Ich bin im Dunklen getappt und hab geschaut, was aus diesen langen Arrangements entstehen kann.

Und?
Ich hatte nicht mehr das Bedürfnis, die Technik zu betonen und das Beweisen der eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen, sondern beseelte Musik zu machen.

So ähnlich war es in der Band von Flying Lotus, oder?
Ja, er hatte Vertrauen in das, was in den Ohren der Bandmitglieder Sinn machte. Trotzdem habe ich nie nur improvisiert. Inzwischen bezeichne ich mich sogar eher als Songbastler, der die Tasten als Mittel zum Programmieren hernimmt. Die Mouse zum Editieren fällt weg, wenn ich über die Tastatur in den Flow komme. Dafür hab ich im Studio teilweise YouTube-Videos laufen, über die ich spiele. Im Nachhinein merkt man, dass Ablenkung eine spannende Ebene ins eigene Spiel bringen kann.

«Die Art, wie ich heute Synth spiele – mit wenig Harmonie und Akkorden, dafür mehr Melodie – ähnelt dem Ausdruck eines Saxophonspielers.«

Dorian

Du musst dich von deinen eigenen technischen Fähigkeiten ablenken?
Als Teenager hatte ich einen Drive zum Technischen – Polyrhythmen, Siebenachtel-Takte, das wollte ich lernen. Die Musik klingt danach. »Nature of Imitation« entstand erstmals weniger aus einem Lernen, sondern aus der Freiheit, mir schräge Ideen einfallen zu lassen. Das hat sich seitdem nicht verändert, im Gegenteil: Ich versuche, immer weniger nachzudenken, wenn ich Musik mache. Deshalb sind »Nature of Imitation« und »What We Do For Others« wie Geschwister.

Vielleicht ist Muscle Memory ein guter Begriff, um deine Freiheit zu umschreiben. Dein Körper hat die Technik internalisiert, du kannst sie frei anwenden, ohne darüber nachzudenken.
Diese Fähigkeiten habe ich mir durch meine Hartnäckigkeit als Teenager antrainiert. Darüber bin ich immer noch dankbar – und auch ein wenig überrascht. Schließlich gab es in meiner Familie keine Musiker, die mir eine Richtung vorgegeben hätten. Trotzdem wollte ich mit 15 nichts anderes als Musikmachen, vielleicht auch, weil mich zu dieser Zeit und in der Schule kaum etwas anderes interessierte.

Du warst mit …
Cid Rim und The Clonius in der Schule, ja. Uns haben die Schnittstelle zwischen der elektronischen Musik auf Labels wie Warp Records oder Ninja Tune und der instrumentellen Jazz-Musik, aber auch Hip-Hop und Funk interessiert. Wir haben aufgelegt, Instrumente gelernt und produziert.

Als erstes Instrument hast du nicht Klavier, sondern Saxofon gelernt.
Als ich Coltranes »After Blue« gehört hatte, wusste ich: Ich will Sopran-Saxofon spielen! Die Art, wie ich heute Synth spiele – mit wenig Harmonie und Akkorden, dafür mehr Melodie – ähnelt dem Ausdruck eines Saxophonspielers. Was man normalerweise mit dem Mund macht, mach ich mit Pitch Wheel und Modulation. Deshalb hören manche Leute wirklich Flöten auf den Aufnahmen, dabei sind es Synths! Ich merke aber: Meine Musik verwandelt sich zurück in die Ästhetik der Blasinstrumente. Mich faszinieren gerade die Extended Techniques – es geht um den Moment, wenn man das Instrument hackt und es keine normalen Töne mehr ausspuckt.

Dorian Concept hebt ab

Wenn man dir zusieht, hört und sieht man: Du hast den Synth gehackt, aber: Wie hast du den Zugang gefunden?
Ich hab nie Synths aufgeschraubt und die Kabel neu verlötet. Es ging bei mir eher um die Ästhetik. Zum Beispiel kann eine random Modulation laufen, während ich spiele – so klingt alles ein bisserl verstimmt. Währenddessen bearbeite ich leicht das Pitch Wheel, um willkürliche Mikrotonalitäten zu erzeugen. Der Synthesizer lässt sich bearbeiten wie die Klappen eines Saxophons.

Du ahmst die Technik nach und überträgst sie auf ein neues Instrument.
Freunde und ich haben früher oft »Mortal Combat« auf der Playstation gezockt. Man musste sich komplizierte Combos auf dem Controller merken – und mit einem Daumen ausführen. Das mag lustig klingen, aber: Davon hab ich viel für mein Spiel gezehrt.

Das ist der Hack: Du veränderst den Kontext der Anwendung!
Bei Videospielen gibt es eine kompetitive Komponente, die unterbewusst abläuft. Die kleinen Meilensteine sind wichtig, um eine Technik zu lernen. Das ist beim Modulieren nicht anders. Früher habe ich es immer die »nervöse linke Hand« genannt. Inzwischen sehe ich es als Tanz, dessen Schritte ich nicht mehr bewusst mache. Ich übe auch nicht mehr, außer wenn ich ohnehin Musik mache. Was ich früher als Skizzen betrachtet habe, versteh ich heute als etwas, das aus einem tieferen Ort in mir kommt.

Du hebst die Skizze hervor…
… weil die Kunst dem Mensch und seiner Erkenntnis voraus geht. Ich erkenne das an meinem Karriereweg. Meine erste Veröffentlichung war 2004, international bin ich seit 2007 unterwegs. Trotzdem hab ich nie Musik gemacht, um Erfolg zu haben. Sie entstand vielmehr aus einem inneren Drive. Ich musste die Musik für mich machen.

»Scheitern ist wie ein schlechtes Date – man merkt es sich, weil daraus eine gute Geschichte entsteht.«

Dorian

Du wolltest nie Erfolg haben, spielst aber Keys für FlyLo oder MF Doom. Ein anderer pressured sich in diese Richtung und kommt nie an, du warst vielleicht schon dort, bevor du es überhaupt wusstest.
Deshalb können Ziele in der Außenwelt auch Sackgassen sein. Die Intention verändert sich, der Zugang zur Musik wird ein anderer, wenn man Erfolg haben will. Im Gegensatz dazu muss man die Teile in sich füttern, die zum ursprünglichen Interesse zurückführen – oder sie zumindest suchen.

Hast du was gefunden?
Ich habe mir die Frage so oft gestellt, dass sie sich klarer anfühlt. Mit »What We Do For Others« bin ich nicht mehr so verkrampft wie früher. Es ist ein Wegbegleiteralbum, bei dem sein eigener Entstehungsprozess im Mittelpunkt steht.

Die Songs zeigen, in welcher Stimmung du zum Zeitpunkt ihrer Entstehung warst.
Ich wollte bei meiner Musik nie über Gefühle sprechen, weil ich keinem Klischee entsprechen will. Für das neue Album habe ich allerdings auch aus seltsamen Gefühlen geschöpft. Es waren innere Journeys, die mich durch die Ruinen meiner eigenen Erwartungen geführt haben. Vielleicht zeigen sich diese Reisen am stärksten in den spärlichen Nummern. Sie verlassen die Euphorie und ziehen zu Außenorten, die bereits verlassen wurden.

Damit brichst du mit der Erwartungshaltung.
Die Außenwelt braucht einen Anker. Davon kann ich mich nicht ausnehmen, weil ich gewisse Menschen ebenso mit gewissen Eigenschaften in Verbindung bringe. Trotzdem kann man mit Erwartungen brechen. „Selected Ambient Works“ von Aphex Twin hatte wenig zu tun mit „Come To Daddy“, das er später produzierte. Es ist ein Spiel zwischen Polaritäten. Meine Veröffentlichungen sollen ähnlich funktionieren, sie sind Gegenbewegungen zum Vorangegangen.

Reviews zum Künstler

Du provozierst die Überraschung.
Deshalb bin ich zuletzt nur mit einer Roland SH-101 und einem Looper auf die Bühne gegangen, habe die Songs live gebaut – ohne vorgefertigtem Weg, dafür mit dem Potenzial, mich selbst zu überraschen. Ich muss dabei immer an die eine Futurama-Folge denken, wo Bender zu Gott kommt und der ihm sagt: »When you do things right, people won’t be sure you’ve done anything at all.«

Das Scheitern…
…ist allzu menschlich. Es ist wie ein schlechtes Date – man merkt es sich, auch weil es eine gute Geschichte ist!

Wie hat sich dieses Denken bei dir, ausgehend von deinen early beginnings über Aufnahmen für MF Doom und Live-Auftritten mit Flying Lotus bis hin zu deinem aktuellen Album, verändert?
Ich war 2016 mit Thundercat im Studioteam der Red Bull Music Academy in Montréal. Er ist ein unglaublich präziser Bassist, wir haben gemeinsam einen Track gebaut. Aus der Challenge heraus wollte ich ähnlich tight einspielen wie er, habe aber gemerkt, dass mein Spiel immer ein wenig schwimmt. Thundercat hat damals gesagt: »That’s you!« Inzwischen kann ich meine eigene Off-heit, mein eigenes Gefühl in Melodie und Timing, also meine Eigenheiten im Spiel viel stärker embracen als früher. Schließlich ist es wie eine Persönlichkeitsentwicklung: Man wird älter, im besten Fall findet man sich damit ab, wie man ist. Was ich einmal als Defizit betrachtet habe, erkenne ich mittlerweile als Eigenheit.