Flying Lotus – Rastlose Lichtgestalt

06.09.2011
Foto:Benjamin Menedetter
Flying Lotus ist ohne Zweifel einer der derzeit einflussreichsten Künstler in den avancierten Bereichen populärer Musik. Zeit für ein Gespräch mit ihm über Brainfeeder, die Zusammenarbeit mit Erykah Badu und das neue Album von Thundercat.

Flying Lotus ist ohne Zweifel einer der derzeit einflussreichsten Künstler in den avancierten Bereichen populärer Musik. Nicht nur, dass er für die HipHop-Szene von Los Angeles weltweite Beachtung erlangte, man kann sogar sagen, dass er eine komplett neue Szene schuf. Dies gelang ihm mit seinem alles umkrempelnden eigenen musikalischen Werk als auch mehr und mehr mit seinem 2008 gegründeten Label Brainfeeder. Mit diesem Imprint wurde die Szene nochmals in Bewegung versetzt und der Welt eine neue Gruppe von Künstlern vorgestellt, die sich durch alles andere als stilistischen Stillstand auszeichnen. Valentin Menedetter hatte die Gelegenheit mit ihm zu sprechen.

Dein Label Brainfeeder hat inzwischen eine recht große Bedeutung in der Musikwelt erlangt. Was war die Idee hinter dem Label?
Flying Lotus: Ursprünglich habe ich das Ganze ins Rollen gebracht, weil ich von all diesen faszinierenden Künstlern umgeben war, die kein Zuhause fanden, für die Dinge, die sie erschufen. Samiyam war quasi mein Zimmerkollege und Teebs ebenso. Ich hatte das Gefühl, dass es viele Labels gab, die versuchten, Kapital aus dem Sound, den wir machten, zu schlagen. Also wollte ich sicher gehen, dass es etwas war, das wir machten, das wir kontrollierten. Wir haben es kreiert, also sollten wir es auch kontrollieren – unseren eigenen Platz, unser eigenes Haus.

» Wir wollten, dass es ein Kollektiv wird, das von Künstlern betrieben wird. Ich mache alle möglichen Arten von Kunst und meine Freunde genauso. Also wollte ich sicher gehen, dass die Leute es so verstehen – eben nicht nur Musik. Es gibt da so viel mehr.« (Flying Lotus)

Wenn wir schon von Häusern reden – ihr Jungs habt doch in einem Hotelkomplex gewohnt…
Flying Lotus: Es war eher ein Apartmentkomplex, es war ein Ort, an dem viele Künstler und Leute, die behaupteten Künstler zu sein, lebten. Es war ein sehr interessanter und inspirierender Ort. Man sah dort immer Leute an Sachen arbeiten und sie waren alle wirklich cool. Und ich konnte wirklich laut an meiner Musik arbeiten – Tag und Nacht. Es war großartig! Ich habe das Album Los Angeles dort gemacht und vieles von Cosmogramma ist dort auch entstanden.

Als du das Label gegründet hast, konntest du dir vorstellen, dass es sich zu dem entwickelt, was es heute ist? Es schließt ja viel mehr als Musik ein…
Flying Lotus: Ja, das war der Grund, warum wir es nicht Brainfeeder »Records« nannten. Wir wollten, dass es ein Kollektiv wird, das von Künstlern betrieben wird. Wir wollten verschiedene Medien repräsentieren. Ich mache alle möglichen Arten von Kunst und meine Freunde genauso. Also wollte ich sicher gehen, dass die Leute es so verstehen – eben nicht nur Musik. Es gibt da so viel mehr.

Du wirst ein wenig mit Erykah Badu arbeiten…
Flying Lotus: Ja, ich werde ihr nächstes Album produzieren, komplett. Ich möchte, dass es ein psychedelisches Album wird. So wie meine Platten, aber mit ihr drauf. Ich möchte versuchen, etwas Neues zu machen, einen neuen Charakter, etwas Einzigartiges zu schaffen und kein Erykah-Badu-Album. Es ist ein anderes Ding, ein anderes Wesen. Ich bewege mich weg von meinem gewohnten Umfeld, um mit jemandem zu arbeiten. Ich möchte, dass es eine einzigartige Situation ist. Es wird nicht Erykah Badu heißen. Es wird etwas anderes sein – wir wissen es jetzt noch nicht. Wir sind im Schaffensprozess und wir nehmen uns Zeit, um das beste Produkt zu machen, die beste Platte, das aufrichtigste Ding, das wir machen können.

Jeder kennt deinen Sound – wie gehst du mit den Erwartungen um, die die Leute an dich haben, wenn du auf die Bühne gehst?
Flying Lotus: Es ist eigenartig, sehr eigenartig, weil ich manchmal denke, dass die Leute erwarten, dass ich etwas anderes mache als ich dann mache. Ich möchte keine Musik spielen, die ich nicht schätze oder nicht spüre. Ich versuche die Dinge zu spielen, die ich wirklich mag, egal ob ich sie produziert habe oder nicht. Die Menge mag das vielleicht nicht verstehen, aber ich muss immer noch meinen Geschmack vertreten und was mich wirklich inspiriert. Wenn es nicht mein Zeug ist, dann etwas, worauf ich total stehe.

» Ich werde ein wenig nach Indien gehen, ohne Computer…« (Flying Lotus)

Bist du immer noch in der Lage, dich von der Musik und den Medien zurückzuziehen und ein wenig Zeit für dich selbst zu haben?
Flying Lotus: Es ist wirklich schwer, es braucht eine bewusste Anstrengung das zu tun. Es ist möglich, aber schwer. V.a. durch Brainfeeder fühle ich mich nun auch für den Erfolg anderer Leute verantwortlich. Das ist etwas ganz anderes. Früher ging es nur darum, was ich gemacht habe. Ich musste mich um nichts und niemanden kümmern. Jetzt muss ich schauen, dass die Leute Samiyam’s LP kaufen und das macht es schwierig. Auf der anderen Seite, ist es so ein lohnendes Gefühl zu wissen, dass die Kids es beachten. Das bedeutet viel und ist eine Motivation. Ich werde ein wenig nach Indien gehen, ohne Computer…

Kannst du deine Rolle bei Brainfeeder beschreiben?
Flying Lotus: Ich versuche so involviert wie möglich zu sein, versuche die Künstler auszuwählen, die veröffentlicht werden. Ich mache meinen Teil, indem ich mit den Künstlern kommuniziere und sehe wo sie sind und was sie versuchen zu tun, und ihre Vision zu erkennen. Großteils lasse ich ihnen freie Hand. Ich möchte sie nicht limitieren, sondern das Beste veröffentlichen, was sie zu bieten haben.

Der letzte Release auf Brainfeeder ist die Thundercat LP…
Flying Lotus: Das ist wirklich speziell für mich. Ich habe selbst viel Zeit damit verbracht, daran zu arbeiten und ich habe das Gefühl, dass es wirklich ein großer Teil meines eigenen Katalogs ist , einfach nur wegen der Menge an Zeit, die ich darauf verwendet habe. Es ist meine Liebe zu ihm – er ist wie mein kleiner Bruder. Es ist ein großes Ding. Es ist das erste Ding, an dem ich arbeite, wobei es sich nicht um ein Nischenprodukt handelt. Es hat einen universellen Anreiz und es ist schön.

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