Aigners Inventur – Juli & August 2019

17.07.2019
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal mit u.a. Freddie Gibbs & Madlib, Denzel Curry, Skepta und Moodyman.
Freddie Gibbs & Madlib
Bandana Black Vinyl Edition
Keep Cool • 2019 • ab 21.99€
Wer immer noch glaubt Freddie Gibbs bräuchte Madlib mehr als Madlib Freddie Gibbs braucht, cuet sich bitte sofort »Bandana«. Natürlich ist es kompletter Irrsinn, dass Madlib in seinem siebenundsiebzigsten Frühling womöglich das beste Rap-Album 2019 produziert hat, aber wer immer noch nicht glaubt, dass das insbesondere auch an Freddie Gibbs wahnwitzig variablen Flows liegt, achtet nur mal darauf welche Gäste Gibbs hier schwindelig rappt. Wimbledon-Shit.

Denzel Curry
Zuu
Caroline • 2019 • ab 18.99€
Sich zu wundern warum Denzel Curry der einzige Raider Klan-er ist, der seine Karriere im Griff hat, mag zwar ein guter Aufhänger bleiben, aber eigentlich stellt sich diese Frage schon lange nicht mehr. »ZUU« ist Florida ohne Narcos- und Bloodline-Romantik und Denzel Curry vielleicht jetzt schon der wichtigste Rapper aus Carol City.

Skepta
Ignorance Is Bliss
Boy Better Know • 2019 • ab 38.99€
Irgendwie hat es Skepta seit »That’s Not Me« geschafft, komplett satt zu klingen, aber trotzdem als hungrig zu gelten. Papa Skepta hat nun relativ offensichtlich noch weniger Zeit für Verse und insbesondere Hooks über als zuvor. »Ignorance Is Bliss« ist noch ein überragend arrogantes Achselzucken, aber ob die nächsten fünf Jahre (musikalisch) so gut zu Skepta sein werden wie die letzten fünf, darf man sich trotzdem fragen.

Slowthai
Nothing Great About Britain
Method • 2019 • ab 25.99€
Auch als Gast auf Slowthais »Nothing Great About Britain« kultiviert Skepta seine kauzige Grummeligkeit, hier fällt sie als Kontrast zu Slowthais sehr animierten und schrillen Flows jedoch positiv auf. Und überhaupt: manchmal klingt das als hätte Grime seinen Master in Oxford gemacht, manchmal als wäre Mike Skinner Guardian-Prakti, dann wieder wie John Oliver mit Council Estate Roots.

Flying Lotus
Flamagra Black Vinyl Edition
Warp • 2019 • ab 28.99€
»Flamagra« bestätigt unterdessen nur was ich vorher schon wusste: Flying Lotus ist am besten, wenn er assoziativ arbeitet, Skizzen on the fly verwirft, Songstrukturen und das große Jazz-Erbe gleichermaßen vergisst. »Flamagra« ist das sich am kleinsten anfühlende Flying Lotus-Album seit mindestens »Los Angeles« und gleichzeitig das beste seit »Cosmogramma«

Moodymann
Sinner
KDJ • 2019 • ab 69.99€
Moodymann fair zu rezensieren ist für mich eigentlich unmöglich, weil Moodymann quasi ein Totem für mein schizophrenes Verhältnis zu organischem House geworden ist. Mit Moody ging alles los, Moody signalsierte aber auch die vollkommene persönliche Übersaturierung durch eine Million Copycats. Der Messias hat sich jedoch viel Zeit gelassen und »Sinner« kommt nun zu einem Zeitpunkt, an dem ich wieder klar erkennen kann, dass jeder Zweifel an der Ausnahmestellung KDJs meine – äääh – Sünde war. Einzig, dass es das wunderbar prollige »8 Mile D Boy« nicht auf die Platte geschafft hat, nervt.


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im <a href=”https://www.hhv.de/shop/de/aigners-inventur-juli-2019/p:iENLSB“>Webshop von HHV


Pepe Bradock
What A Mess!
Atavisme • 2019 • ab 23.99€
Für mich biographisch untrennbar mit Moodymann verbunden: jedermanns Lieblingsweirdo-Frenchie <a href=”https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/2490/pepe-bradock,”>Pepe Bradock der auf seinem ersten Album seit 1998 gar nicht erst so tut als gäbe es hier Hilfestellungen. Keine Tracktitel, zwei 17-Minüter, die in alle Richtungen ausfransen, fragil-melancholischer Micro-House neben ungehobeltem Acid und diesen typischen Bradock’schen beatlosen Fragmenten, die in einem Moment alles zusammenhalten und im nächsten alles genau so schnell wieder auflösen. Wäre 2004 ein Hirnficker gewesen, heute ein wunderbar garstiger Reminder.

Cassius
Dreems
Because Music • 2019 • ab 20.99€
Man muss beim neuen Album von Cassius unweigerlich über Zdar sprechen, aber muss man, wenn man über Zdars viel zu frühes Ableben spricht, auch zwangsweise über das neue Cassius-Album sprechen? Nicht wirklich, »Dreems« ist gut gemachter Dance Pop, eindeutig im Melodien- und Rhythmusverständnis der 00er-Jahre gefangen und damit eines der am wenigsten innovativen Projekte eines großes Innovators.

Never
Never
Jolly Discs • 2019 • ab 14.39€
Die vielleicht schönste Dub-Pop EP des Jahres, die nicht mehr als 500 Leute erreichen wird, wurde streng genommen schon 2018 veröffentlicht, kommt über Jolly Discs jetzt aber auch auf Vinyl. Never alias Guy Gormley stellt hier Bubbles-Erlend neben 808-Kanye, Arthur Russell ans Post Punk-Saxofon und bleibt dabei trotzdem so nerdy, dass das hier eher persönliche Vignetten denn öffentliche Güter sind.

Equiknoxx
Eternal Children
Equiknoxx Music • 2019 • ab 23.99€
Apropos öffentliche Güter: Falls hier irgendwann noch über die besten Alben der 2010er abgestimmt werden sollte: die ersten beiden Equiknoxx-Alben sind gesetzt, aber auch Nummer Drei drängt sich schon kurz nach Erscheinen bereits als unverzichtbar auf. So abstrus war Pop seit dem Timbo/Neptunes-Run vor fünfzehn Jahren nie wieder, so souverän wurde Eurozentrismus lange nicht mehr das snobbistische Grinsen aus dem Gesicht geohrfeigt. Welthits innerhalb der nächsten drei Monate, fünf Production Credits auf dem nächsten Rihanna-Album, Equiknoxx Coachella-Headliner, ansonsten ist Pop halt tot.

J-Zbel
Dog's Fart Is So Bad The Cat Throws Up
Brothers From Different Mothers • 2019 • ab 21.99€
In ihrer ungestümen Überdrehtheit eigentlich auch fast Pop: das Schenkelklopfertrio J-zbel, das für sein Album nochmal einen drauf gesetzt hat und mich jetzt zwingt die folgenden Worte anneinander zu reihen: »Dog’s Fart Is So Bad The Cat Throws Up«. Drüben bei den 50 Alben stand dann anschließend folgendes: In Zeiten, in denen Neunziger-Nostalgie den Achtzigern mittlerweile den Rang abzulaufen scheint, haben J-zbel das perfekte Album zum Zeitgeist abgeliefert. Hardcore, Trance, Jungle, Mortal Kombat, Reggaeton, Acid, String Hits – alles, was irgendwie richtig schön dumm ist, wird hier extrem smart aufbereitet. Aaaaa-Men.

DJ Marcelle / Another Nice Mess
One Place For The First Time
Jahmoni • 2019 • ab 17.99€
Im Gegensatz dazu fällt mir gerade niemand ein, der so unabhängig von Zeitgeist, Mikrotrends und sonstigen Codes auflegt und produziert wie DJ Marcelle. Nach wie vor bleibt das Mix-Format das bessere für Marcelle, aber auch »One Place For The First Time« lässt zumindest erahnen wie die Niederländerin eigentlich uncollagierbare Platten in einen endlosen Mindfuck patchworkt.

Special Request
Vortex Magenta & Green Colored Vinyl Edition
Houndstooth • 2019 • ab 25.99€
Weiter mit stooooopid viel Spaß. Den hat Paul Woolford offensichtlich immer besonders als <a href=”https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5222/special-request,”>Special Request aber »Vortex« ist selbst für Woolfords ungehemmtestes Alias Nüsse und Bananen. Im Grunde genommen die professionellere und etwas uncoolere Version des J-zbel Albums, minus der Riddims.

Pessimist & Karim Maas
Pessimist & Karim Maas
Pessimist Productions • 2019 • ab 20.99€
Farbpalettenmäßig versucht sich Pessimist hingegen auch in Kooperation mit Karim Maas maximal an Anthrazit, dafür ist Illbient hier als Pate vielleicht zum ersten Mal wichtiger als Halfstep-D&B. Wem Scorn und Word&Sound immer noch hätten eine Spur bösartiger sein dürfen: Album des Lebens.


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im <a href=”https://www.hhv.de/shop/de/aigners-inventur-juli-2019/p:iENLSB“>Webshop von HHV


Radiante Pourpre
II
Antinote • 2019 • ab 16.99€
Antinote wieder. Schieben kurz vor River Yarras hithithittiger Frosch-EP noch eine zwischentönige, unsommerliche, fast zaghafte Platte von Radiante Pourpre ein, die man vermutlich erst im November so richtig zu schätzen weiß. Ein Album wie eine Nosedrip Episode.

Garland
#2
Lullabies For Insomniacs • 2019 • ab 24.99€
Auch ein Album wie eine Nosedrip Episode: Die zweite von <a href=”https://www.hhv-mag.com/de/glossareintrag/5795/garland.”>Garland Dub informiert auf »2« immer noch das Selbstverständnis dieser weitgehend Kick- und Clap-freien Platte, die es sich strikt verbietet auch nur eine Spur zu viel zu belegen. Noch so ein kommender November-Winner.

Lifted (Max D, Beatrice Dillon, Co La ++)
2
Pan • 2019 • ab 20.99€
Vibemäßig eher März: auf der zweiten Lifted daddeln, dudeln und drummen sich neben Max D, Motion Graphics, Jeremy Hyman und Co La noch Beatrice Dillon, Bass Clef, Jordan GCZ, Dawit Eklund, Will DiMaggio und Aya (OOIOO) durch die unakademischste Jazz-Platte des Jahres. Lifted ist vor allem deswegen als Projekt auch so gewinnbringend, weil sich hier niemand besonders wichtig nimmt, Dekonstruktion einfach passiert und Struktur nicht per se der Feind ist. Man könnte jetzt hier noch Hassell erwähnen, aber das machen vermutlich eh alle.

Burnt Friedman
Musical Traditions In Central Europe
Nonplace • 2019 • ab 21.99€
Vielleicht ist Burnt Friedman ohnehin die die bessere Referenz. Natürlich wird eine Friedman Platte, die Zentral-Europa als Motiv und Berlin als konkrete Inspiration listet, nie klingen wie Kartoffel-Techno, aber zumindest zeitweise erkennt man hier einen etwas melancholischeren, greifbareren Friedman, wahrscheinlich auch weil viele der Stücke Remakes und Remixe anderer europäischer Künstler sind, unter anderem sogar eine straighte (!) 4×4-Interpretation eines Muslimgauze Tracks.

Anatolian Weapons
To The Mother Of Gods Feat. Seirios Savvaidis
Beats In Space • 2019 • ab 18.99€
Bemerkenswert auch das Albumdebüt von Anatolian Weapons, der es sich nach Willikens’ Co-Signs und jeder Menge Bookings auch hätte bequem machen können auf 95 BPM und vier Synth-Presets. Stattdessen interpretiert der Grieche Songs von Seirios Savvaidis neu. Staubiger Psych und Drone-Folk, Ash Ra Temple und Embryo, Aviators und Cowboystiefel: man müsste hier jetzt noch Acid erwähnen, aber dafür bin ich viel zu erstaunt über dieses Album.

Spaza
Spaza
Mushroom Hour Half Hour • 2019 • ab 25.99€
Wer sein Geld diesen Sommer auch mal in zwischenmenschlich sinnvollere Güter als Vinyl investieren will, darf sich abschließend gerne einreden, dass er die besten Momente der letzten drei Platten auch einfach mit Spaza faksimilieren könnte, aber die Wahrheit ist das halt auch nicht. Trotzdem: eine sensationelle Live-Session großartiger Johannesburger Jazzer; traditionell die Zukunft, spiritual aber mit stabilem WLAN.


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