Records Revisited: A Tribe Called Quest – Low End Theory (1991)

24.09.2021
Viel besser geht es nicht. Zu Beginn der 1990er Jahre brachten A Tribe Called Quest mit ihrem zweiten Album »The Low End Theory« den Flow auf den Punkt. Ohne aggressiv männliche Posen, dafür mit Jazz, Breaks und Vibe.

Dieses Album kann womöglich Wehmut antriggern. Auch beim Wiederhören nach längerer Zeit bleibt es so unerreicht, dass sich unter die Begeisterung ein Gefühl des Verlusts mischt. Wobei nicht ausgeschlossen ist, dass es sich um eine Art projektiven Irrtum handelt. Eine vor 30 Jahren gekaufte Schallplatte kann man halt nicht neu hervorkramen, ohne selbst älter geworden zu sein.

Im Jahr 1991 waren A Tribe Called Quest ein junges Trio aus Queens. Ihr ursprünglich vierter Mitstreiter Jarobi White hatte sich nach dem Debütalbum »People’s Instinctive Travels and the Paths of Rhythm« von 1990 verabschiedet, um Koch zu werden. Blieben die Rapper Kamaal Ibn John Fareed aka Q-Tip und Malik Izaak Taylor aka Phife Dawg, als DJ für die Produktion zuständig war Ali Shaheed Muhammad.

A Tribe Called Quest waren wie De La Soul und die Jungle Brothers Teil des Native Tongues-Kollektivs, zu dem auch Queen Latifah und Monie Love gehörten. Eines ihrer Anliegen war die Rückbesinnung auf das eigene afroamerikanische Erbe, mit Texten, in denen Humor oder zugewandte Nachdenklichkeit vorherrschten. »Schwache Stimmen«, wie Poptheoretiker Diedrich Diederichsen sie charakterisierte. Anders als im Gangsta Rap gab es bei ihnen nichts von der aggressiv männlichen Selbstbehauptung unter Androhung von Waffengewalt. Der gesamte Tonfall eher elegant als schroff. Auf »The Low End Theory« haben sie für Botschaft, Flow und Beats die perfekte Form gefunden.

Bei der Auswahl ihrer Samples spielte Jazz eine tragende Rolle. So beginnt der erste Titel »Excursions« mit einer synkopiert federnden Kontrabassfigur, über der Q-Tip mit rollendem, rhythmisch unauffällig dagegengesetzten Flow einsetzt: »Back in the days when I was a teenager / Before I had status and before I had a pager«. Erst nach acht Zeilen kommt der Beat hinzu. Im Text fallen Stichworte wie »Africa« als »The Motherland«, ihre grundsätzliche Haltung fasst Q-Tip zusammen mit: »Get in the zone of positivity, not negativity / Cuz we gotta strive for longevity«.

Was sich mit gesundem Selbstbewusstsein bestens verträgt: »The abstract poet prominent like Shakespeare« – immerhin waren A Tribe Called Quest in den 1990er Jahren die erfolgreichsten unter den Native Tongues. Politische Untertöne werden am deutlichsten durch das Sample aus »Time« (auf dem Cover von »The Low End Theory« unter dem Titel »Time Is Running Out«) der Proto-Hip Hopper The Last Poets die seinerzeit aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen waren.

»Get in the zone of positivity, not negativity / Cuz we gotta strive for longevity«.

Durchgehend ist die Produktion der Stücke sparsam, ohne übermäßig homogen zu wirken. Wozu nicht zuletzt die Reihenfolge der ohne Pause aneinander anschließenden Stücke beiträgt, die beim Groove gelegentlich anziehen, dazwischen leichte Ruhemomente setzen, sich dann wieder steigern, eine Jazzsession, fast ganz ohne Jazzmusiker. Allein in »Verses From the Abstract« kommt der Kontrabassklang nicht von einer anderen Platte, sondern ist eigens eingespielt vom Jazztitan Ron Carter.
Zur Wirklichkeit, die A Tribe Called Quest beschreiben, gehört auch das eigene Geschäft: »Rap Promoter« und »Show Business« machen kritische Anmerkungen zur Branche, unter denen die Zeile »All that glitters ain’t gold« zu den höflicheren zählt. Interessant ist in dem Zusammenhang die Mischung aus expliziten Texten und freiwilliger Selbstkontrolle. Während Phife Dawg zumindest in »Show Business« das Wort »motherfuckers« in voller Länge ausspricht, gibt es bei ihm und Q-Tip sonst an einschlägigen Stellen einfach eine Pause zum Selbstergänzen.

Unabhängig von der Wortwahl rappten Q-Tip wie der 2016 gestorbene Phife Dawg in ihren Texten gegen den misogynen Mainstream im Hip-Hop an. »The Infamous Date Rape« ist ein prominentes Beispiel auf »The Low End Theory«, an dem sich manche heutige Rapper ein Beispiel nehmen könnten.

Gealtert ist die Platte höchstens in der Hinsicht, dass sie ein wenig kommunikationstechnikhistorische Aufklärung erfordern könnte. Der oben im Text von »Excursions« genannte pager, auf Deutsch weniger sexy als Funkmeldeempfänger bekannt, war in den USA, vor allem in New York, in den 1990er Jahren beliebt als Nachrichtenempfänger oder mobiler Anrufbeantworter, abzurufen über öffentliche Telefonzellen, ein inzwischen ziemlich vergessener Vorläufer des Mobiltelefons. Mit dem Stück »Skypager«, das sich dem Gerät ausgiebig widmet, haben A Tribe Called Quest dieser »Brückentechnologie« ein Denkmal gesetzt.

Zur Großartigkeit von »The Low End Theory« gehört schließlich, dass die Platte, anders als etwa einige von Algorithmen zusammengestellte Playlists, nicht in derselben Stimmung endet wie sie anfängt. Für das Finale »Scenario« drehen A Tribe Called Quest entregelt auf, befeuert von in alle Richtungen wegspritzenden Beats, bitten eine Reihe von Gästen ans Mikro, die sich in rhythmischem Freestyling gegenseitig überbieten.

Höhepunkt ist der abschließende Rap von Busta Rhymes der seine scheinbar unkontrollierten Ausbrüche in bester Free-Jazz-Manier zu anarchischer Wortkunst kondensiert. Nicht als musikalisches Äquivalent von Gewalt, sondern als stimmlicher Ausdruck von Freiheit.

A Tribe Called Quest
The Low End Theory
Jive • 1991 • ab 39.99€