Records Revisited: Porter Ricks – Biokinetics (1996)

11.06.2021
Als Porter Ricks im Jahr 1996 das Album »Biokinetics« veröffentlichten, handelte es sich um mehr als nur eine um Zusatzstücke erweiterte Sammlung ihrer ersten 12inches. Sondern um den utopistischen Versuch, Dub Techno weiterzudenken.

Dub ist nicht ohne die Seefahrt zu denken. Nicht ohne Grund gab einer der Pioniere des Genres seinem Studio den Namen eines Schiffs: In der Black Ark von Lee »Scratch« Perry wurden zahlreiche der zentralen Alben des Genres produziert. Dub ist allerdings auch eine Ausprägung dessen, was der Kulturtheoretiker Paul Gilroy einst in seinem gleichnamigen Buch als »Black Atlantic« bezeichnete, eine diasporische Kultur, die im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels mit Gewalt begründet wurde. Dub hat deswegen immer auch eine politische Dimension, weil darin das nachhallt, was Gilroy als »doppeltes Bewusstsein« bezeichnete: eine Form von Identität, die ihr Zuhause gleichermaßen auf der einen wie auf der anderen Seite des Atlantiks hatte.

Als Dub nach Europa überschwappte und in Berliner Studios mit Detroiter Techno kombiniert wurde, ging diese Dimension verloren. Ein Projekt allerdings nahm in seinen Tracktiteln Metaphern der Häfen, des Nautischen und der Bewegung in sich auf: Porter Ricks benannten sich nach dem Besitzer des Delfins Flipper aus der gleichnamigen Serie und gaben ihren ersten im Jahr 1996 auf Vinyl veröffentlichten Tracks Namen wie »Nautical Dub« oder »Port of Call«. Ergänzt durch zwei weitere Stücke erschienen sie noch im selben Jahr auf CD auf dem Basic-Channel-Sublabel Chain Reaction, benannt wurde das Album nach den zwei durchnummerierten Nachzüglern: »Biokinetics«, in der Biomechanik der Begriff für die Erforschung von Körperbewegungen. Anders als Dub oder Techno schien Dub Techno eigentlich primär dazu gedacht, eher den Verstand als den Körper in solche Bewegungen zu versetzen. Zumindest nicht den menschlichen.

»Biokinetics« ist eine Studie sich bewegender Klangkörper, deren kinetische Energie auf dem festen Fundament behäbig stampfender Kickdrums freigesetzt wird. Mit aller gebotenen Ruhe, versteht sich. Schon der Opener »Port Gentil« lässt sich anderthalb Minuten Zeit, um aus einem wuchtigen Puls einen Beat zu entwickeln, darüber schweben sparsam eingesetzte, geloopte Akkorde. Ein mechanisches Rattern setzt ein – ist das die Soundkulisse des Motorraums eines Schiffes? Es sirrt plötzlich in der Luft als läge ein schlieriger Sirenensound darin, bis schließlich eine akzentuierte Hi-Hat aus dem bloßen Grundrhythmus einen handfesten Groove macht. Nach circa sechseinhalb Minuten erreichen die Sirenenklänge ihr Intensitätsplateau und für eine ganze Weile bleibt sich alles weitgehend gleich, bis das Ende des Tracks dessen Anfang nachahmt, alles langsam zurück im Meer versinkt und sich nur noch das metallische Klappern deutlich vernehmbar macht. Das Schiff blieb in Bewegung.

»Port Gentil« formuliert mit seinen feinsinnigen Klangmodulierungen und weitschweifigen Gesten bereits das komplette musikalische Program von Thomas Köner und Andy Mellwig aus, doch wäre damit keineswegs die endgültige Tonalität von »Biokinetics« vorgegeben. Der kratzige »Nautical Dub« erinnert mit seiner spannungsgeladenen Bassline schon wieder an Maurizio, »Biokinetics 1« abstrahiert den Dub-Techno-Gedanken zu einem beklemmenden Stück SloMo-Power-Electronics-Track und zwar nimmt »Biokinetics 2« den sphärisch-raumgreifenden Faden des ersten Stücks wieder auf, doch wird die Kick noch einen Ton tiefer gelegt und der Rhythmus zum bloßen Pulsschlag herabgesetzt.

Dass »Port of Call« wie eine übersteuerte, aber heruntergepitchte Minimal-Techno-Platte klingt, »Port of Nuba« in einem buchstäblich trockenen Klangbild Bass und Rhythmus durcheinanderwirbelt und »Nautical Nuba« das lediglich mit mehr Soundeffekten fortführt, bevor »Nautical Zone« den Faden von »Port Gentil« aufnimmt und das Ausgangsmaterial aber umso mehr verdichtet, kommt einem beschwerlichen Umweg gleich, der letztlich im Heimathafen sein Ende findet. Bei »Biokinetics« mag es sich auf eine Art um kaum mehr als eine Ansammlung von Tracks handeln, doch werden sie dramaturgisch nach einem Prinzip arrangiert, das in nuce bereits im Auftakt vorweggenommen wird.

Vor allem aber verdeutlichte das Produzentenduo über knappe 70 Minuten hinweg, dass es seine Reise durch die Wellenbewegungen des Sounds auch von den zu dieser Zeit schon weitgehend etablierten Konventionen des Dub-Techno-Genres hinfort führen würde. Das wiederum hieß auch, dass Köner und Mellwig – ob willentlich oder nicht – mit den Mitteln und der Metaphorik von Dub dessen politische Dimension auf andere Verhältnisse umdeuteten. Statt zwischen den Polen eines doppelten Bewusstseins oder dem einen Musikstil und dem anderen vermittelte ihre Interpretation von Dub Techno Geist und Materie, ließ mit wuchtigen Bässen den Körper zum intellektuellen Rezeptoren werden und schlich sich durch den Verstand in ihn hinein, um ihn aus dem Brustkorb heraus in Bewegung zu setzen.

Denn das, sagten Köner und Mellwig in einem ihrer seltenen Interview dem damaligen Pitchfork-Redakteur Philip Sherburne gegenüber sei die eigentliche »biokinetische Erfahrung – unsere Metapher für den Tanz und den Körper und all seine Ausdrucksformen.« Es war eine utopische Idee, und was war Utopia doch gleich? Eine Insel im Meer der Möglichkeiten. »Biokinetics« umkreist sie mit mächtigen Bewegungen.

Porter Ricks
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