Records Revisited: Sigur Rós – Ágætis byrjun (1999)

15.04.2015
Sigur Rós versprachen mit ihrem zweiten Studioalbum »Ágætis Byrjun« »einen guten Anfang«. Daraus wurde ein klares Highlight in der Diskografie einer Band, die Ehrfurcht vor der Schönheit des Fremden weckt.

»We are not a band, we are music… We are simply gonna change music forever, and the way people think about music. And don’t think we can’t do it, we will«, kündigte die Band Sigur Rós im Jahr 1999 vor Release des Album »Ágætis Byrjun« auf ihrer Homepage an. Große, gar großspurige Worte. Dazu verspricht der Schriftzug auf dem Booklet-Cover im pappenen CD-Schuber: »Ég gaf ykkur von sem varð að vonbrigðum… þetta er ágætis byrjun«, zu Deutsch: »Ich habe euch Hoffnung gegeben, die sich in Enttäuschung gewandelt hat. Dies ist ein guter Anfang.« Eine rückblickende Entschuldigung für das zerfahrene Debüt »Von« (zu Deutsch: Hoffnung) und das dazu veröffentlichte Remix-Album »Von brigði« (ein Wortspiel, das sich entweder als »Variationen zu Von« oder »Enttäuschung« lesen lässt).

Gleichzeitig ist es das ambitionierte Statement zu einem Album, das den Pitchfork-Rezensenten Brent DiCrescenzo zu den Worten »To term this music ›post-rock‹ would be an insult; Sigur Rós are pre-whatever comes this century.« hinriss. Auf hochnäsige Claims folgte ein nicht minder lautes Echo. Nicht nur die Kritik feierte das auf dem isländischen Label Smekkleysa veröffentlichte Album, das 2015 um viel Bonusmaterial als Box-Set neu aufgelegt wird: Es verkaufte sich ausgezeichnet, die Band wurde mit Preisen bedacht und insbesondere die Singles »Svefn-g-englar« und »Ný Batteri« waren häufig in Fernsehserien zu hören.

Der Reiz der Andersartigkeit

Das ist verwunderlich, sehr sogar. Denn wie der alienhafte Engelembryo auf dem dunkelblauen Coverartworkj hat die Musik von Sigur Rós einen befremdlichen, beinahe abjekten Charakter. Vom »Intro« und dem abschließenden Stimmungsstück »Avalon« abgesehen ist keiner der Songs auf »Ágætis Byrjun« kürzer als sechs Minuten, kein Stück orientiert sich an konventionellen Songstrukturen und der ätherische Falsett-Gesang von Sänger Jón Þór »Jónsi« Birgisson lässt auch eingängige Hooks nicht zu.

Sigur Rós sind gleichzeitig Opfer und Täter, sprechen wir vom Island Syndrom.

Nein, die Faszination an Sigur Rós rührt ganz woanders her: Es ist eben die Andersartigkeit ihrer Musik, die deren Reiz ausmacht. Dass die Gitarre mit dem Bogen gespielt wird, dass die Lyrics stellenweise keinen Sinn ergeben (»Vonlenska«, zu Deutsch etwa »Hoffnungsländisch« nannte die Presse das) und Videos wie das zu »Svefn-g-englar« den Fokus auf das Wundervolle, Fantastische verrückten. Sprechen wir vom Island Syndrom, also der latenten Stigmatisierung der Insel als einem sagenhaften Ort, dessen Kultur Früchte wildromantischster Prägung produziert, sind Sigur Rós gleichzeitig Opfer und und Täter. Dabei zeigte sich die Band ihrer eigenen Rezeption gegenüber selbst immer nüchtern bis desinteressiert.

Freiheiten statt Geheimnisse

Als sich das Quartett einmal mit den wohl schlechtesten Interviewfragen der Geschichte des Musikjournalismus konfrontiert sahen, vergolten sie das mit den wohl schlechtmöglichsten Antworten auf diese. Fast schien es, als wollten die Isländer zu ihrer Musik gar nichts sagen, als könnten sie das nicht einmal. Dass sich die Fans von Sigur Rós ernsthaft der Entzifferung und sogar Übersetzung der semantisch leeren Töne widmen, die Jónsi auf »Vonlenska« von sich gibt, ringt ihnen regelmäßig nur ein müdes Lächeln ab. So reichhaltig das Sinnangebot von Sigur Rós auch scheint: Die Band verweigert sich der Exegese durch Bodenständigkeit und Schulterzucken.

Auf die palindromischen Strukturen von Tracks wie »Starálfur« oder anderer Spielereien (das »Intro« enthält zum Teil rückwärts abgespielte Passagen des Titelstücks, »Avalon« ist die ein ganzes Viertel langsamere Version eines Parts aus »Starálfur«) angesprochen, erntete die Presse für gewöhnlich ebenfalls höchstens leere Phrasen, die als genau solche markiert waren. »Es gibt keinen Grund, den Leuten etwas darüber zu erzählen. Das ist die künstlerische Freiheit, die du hast. Wir haben es so gemacht, wie wir es wollten«, antwortete Bassist Georg Hólm in einem Interview auf die Frage nach den musikalischen »Geheimnissen« des Albums.

Zwischen Rezeption und Produzentenhaltung

»Ágætis Byrjun« entzieht sich über anderthalb Jahrzehnte nach Veröffentlichung seiner exotisierenden Rezeption und der vermeintlich gleichgültigen Haltung seiner Produzenten. Was das Album aus dem um die Jahrtausendwende seinem Höhepunkt zustrebenden Post-Rock-Diskurs, sondern rückblickend auch Sigur Rós‘ eigener Diskografie herausstechen lässt, ist sein einzigartiger Umgang mit Traditionen und Stilmitteln. Zu sagen, die zehn Tracks wären wunderschön und würden über ihre mehr als 70 Minuten Laufzeit eine einzigartige Atmosphäre schaffen, reicht zur Beschreibung kaum aus.

Sigur Rós haben sich das Fremde erst angeeignet – und anschließend etwas Befremdliches daraus gemacht.

»Ágætis Byrjun« ist eine kompositorische Meisterleistung, die bis auf die an ein Sonar erinnernden Synthie-Bleeps am Anfang von »Svefn-g-englar« ohne Elektronik auskam und Elemente aus Jazz, Minimal Music, spätromantischer Orchestermusik, Noise, Rock, Pop und, ja, ohrenbetäubender, wunderschöner Stille integrierte. Was nämlich die eigentlich, nachhaltige Faszination an Sigur Rós’ eigentlichem Debüt ausmacht, ist die Leistung der Band, sich das Fremde erst angeeignet und anschließend daraus wieder Befremdliches geschaffen zu haben. Dass Sigur Rós zwar sicherlich kein breitenwirksames Umdenken über Musik angeregt oder aber den Sound des kommenden Jahrhunderts formuliert hat, spricht im Grunde für sie: Noch immer verbrennen sich EpigonInnen der Band die Finger, wenn sie aus demselben Topf naschen wollen. Noch immer ist »Ágætis Byrjun« in seiner Komplexität und Dichte unerreicht.

Reintegrierte Fremdheit

So leider auch im Falle der Band selbst. Schon das minimalistischere Nachfolgealbum »( )«, das gänzlich auf »Volenska« eingesungen wurde (sprich: ohne Lyrics daherkommt) litt unter seiner atmosphärischen Zweiteilung und der Nachfolger »Takk« konnte sich nicht recht zwischen Post-Rock, Pop und Pomp entscheiden. Es waren die letzten großen, großartigen Alben einer Band, die sich daraufhin einem zwingenden, gefühlsüberladenden Orchester-Pop widmeten, der nur kurzfristig die Effekte erzielen konnte, die »Ágætis Byrjun« bis heute evoziert: die Ehrfurcht vor der absonderlichen Schönheit reintegrierter Fremdheit.