Records Revisited: Stars Of The Lid – The Tired Sounds Of (2001)

29.10.2021
Die monumentalste Stille aller Zeiten: Mit »The Tired Sounds Of« schufen Stars Of The Lid im Jahr 2001 eines der wichtigsten Ambient-Alben. Sie verpassten dem Genre mit diesen zwei Stunden an Sounds, Drones und Loops eine neue Tiefe.

Um die Jahrtausendwende kam die Stille. Denn kaum ein Genre brachte in dieser kurzen Zeitspanne so viele Meisterwerke hervor wie Ambient. Da wäre »Endless Summer« von Fennesz, da wären die »Disintegration Loops« von William Basinski, da wäre »Pop« von Gas – und trotzdem stehen sie alle im Schatten eines Monuments des Genres. Denn »The Tired Sounds Of Stars of the Lid« ist in seiner Intensität ein brachiales Kunstwerk, dessen Echo für alle Ewigkeit bei seinen Hörern nachhallt. Dabei hielt sich das Interesse kurz nach der Veröffentlichung am 29. Oktober 2001 in Grenzen.

Erst zwei Jahre später klingelte das Telefon bei Adam Wiltzie wie er dem US-Magazin Rolling Stone mal in einem Interview erzählte. »Hey, etwas wirklich Merkwürdiges passiert gerade«, sagte ihm Joel Leoschke, Mitgründer von Kranky dem Label von Stars of the Lid Nach der Veröffentlichung seien gerade einmal 5.000 Einheiten über den Ladentisch gewandert, so Wiltzie. Drei Jahre später gingen jedoch innerhalb von sechs bis acht Monaten auf einmal 10.000 Einheiten. »Wir hatten nichts gemacht«, sagte Wiltzie. Was war passiert?

Dass sich nicht nur Liebhaber von Ambient und Drone auf einmal für Stars of the Lid interessierten, lag auch an den technischen Voraussetzungen: Das Internet und diverse Musikforen beschleunigten auf einmal das klassische Mundmarketing. (»Mr. Kranky«, wie McBride und Wiltzie Leoschke im Interview nannten, hatte es sowieso noch nie mit großen Werbebudgets und die Künstler des Labels waren auf die Kommunikation ihrer Fans angewiesen.) Und davon ab: »The Tired Sounds Of« bleibt bis heute ein über zweistündiger Geniestreich, der seine Hörer in eine schillernde Melancholie stürzt.

Die verschiedenen Kompositionen verarbeiten Loops und Drones von Instrumenten wie Klavier, Gitarre oder Piano. Manchmal fühlt es sich an, als wären es die fast verklungenen Sounds aus einem Orchestergraben, wenn niemand mehr im Saal ist. Viele Kritiker stellten heraus, dass diese Musik nichts neben sich zulässt, dass sich die Hörer ganz auf dieses Album einlassen müssen. (Dass kurz nach Veröffentlichung die ersten Yogalehrer die Platte für sich entdeckten, versteht sich von selbst.) Viele Momente bleiben verwischt wie in »Ballad of Distances, Pt. 2« oder in »Piano Aquieu«. Dabei trägt der Sound von Brian McBride und Adam Wiltzie auf diesem Album stets eine sakrale Erhabenheit in sich.

Es gibt keine Melodien, sondern nur diesen Zustand zwischen Wachen und Träumen, der dieses Album ausmacht.

Wenn Brian Enos Konzept von Ambient die Idee ist, dass sich Musik in die Atmosphäre eines Raums einfügt, ist »The Tired Sounds Of« ein eigenes labyrinthisches Heiligtum von unvorstellbarer Größe. Nichts fügt sich hier einem Raum, vielmehr formen McBride und Wiltzie erst die Architektur des Unendlichen mit diesem Sound. Kein Beat und kein Takt geben einen Rhythmus vor, alles wächst und vergeht gleichermaßen, alles erscheint und verschwindet. Wieder und wieder. Alles fließt in diesem Sound.

Dass das Album gleich drei LPs umfassen würde, war für die Band von Beginn an klar. McBride und Wiltzie wollten einfach eine längere Platte machen, um aus dem üblichen Veröffentlichungsrhythmus rauszukommen. Gab es davor noch fast jedes Jahr ein neues Album von Stars of the Lid, erschien für sechs Jahre nach »The Tired Sounds Of« nichts mehr. Erst 2007 folgte »And their Refinement of the Decline« – das bis heute letzte Album der Band. Gerüchte um ein bald erscheinendes neues Werk kommen seither auf und verebben genauso schnell wieder.

Aufgrund seiner Länge lässt sich »The Tired Sounds Of« auch heute nur schwer fassen. Denn diese Platte braucht ihre Zeit. Es gibt keine Melodien, sondern nur diesen Zustand zwischen Wachen und Träumen, der dieses Album ausmacht. Während Basinskis »Disintegration Loops« die Vergänglichkeit vertonen, ist »The Tired Sounds Of« existenzialistisch und schubst seine Hörer in eine endlose Innerlichkeit. All das versuchten andere Künstler vor Stars of the Lid bereits. Doch niemand schaffte es so konsequent, so eindringlich wie McBride und Wiltzie auf diesem Album. Es ist eine Flut an vertonter Stille, an Stillstand, an Zeitlosigkeit.

Ein Kritiker arbeitete sich einst an »The Tired Sounds Of« ab, um es als das langweiligste Album aller Zeiten zu betiteln. Wenn Langeweile jene Momente im Leben beinhaltet, in denen Tagträume und fliehende Gedanken beheimatet sind, mag dies stimmen. In der modernen Welt strengt es an, in diesen Zustand zu kommen, obwohl er für die Kreativität und das eigene Bewusstsein so wichtig ist. »The Tired Sounds Of« ist ein stimmloser Abgesang auf die Welt da draußen. Es ist die Stille. Man muss nur genau hinhören.

Stars Of The Lid
The Tired Sounds Of Stars Of The Lid
Kranky • 2001 • ab 43.99€