Robert Mapplethorpe – Der Oberflächliche

04.02.2011
Foto:c|o Berlin
Mapplethorpes Fotografien im c|o Berlin zeigen sich als moderner Bildatlas der Posen und Archetypen der Popkultur.

Das c|o Berlin im alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Berlin widmet – als letzte große Ausstellung vor dem Auszug aus dem Gebäude im Frühjahr – eine große Retrospektive dem Werk des amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe. Eröffnet wird der Rundgang durch die Ausstellung mit folgenden Worten des Kunstkritikers John Berger: »Ausgestelltsein bedeutet, die Oberfläche der eigenen Haut, die Haare des eigenen Körpers zu einer Art Verkleidung werden zu lassen, die – in dieser Situation – nicht mehr abgelegt werden kann. Der Akt ist dazu verdammt, niemals nackt zu sein, der Akt ist eine Form der Bekleidung.« Das Zitat hallt beim Betrachten der Fotografien aus nahezu allen Schaffensperioden Mapplethorpes nach und schafft somit einen Blickwinkel auf die bekannten, weil oft gedruckten, Bilder. Kaum jemand hat es geschafft durch Nacktheit so sehr zu verhüllen und durch vermeintliche Preisgabe ästhetischer Grenzen, eben jene Konturen umso schärfer zu ziehen. Fasziniert von seiner Arbeitsweise sagte das oft von Mapplethorpe portraitierte Modell Lisa Lyon: »Er hat nie viele Bilder gemacht. Er wusste genau, was er wollte, und das hat er sich geholt.« Ein paar Mal abgedrückt – das wars. Es gehört sicher zu den Talenten des 1989 verstorbenen Fotografen, dass er die Kamera mit solch gnadenloser Präzision bedienen konnte. Doch mit dem »Decisive Moment« eines Cartier-Bresson hat dies nichts gemein. Mapplethorpe materialisiert seine Vision (»I never liked photography. Not for the sake of photography. I like the object.«) – die Akteure füllen eine Form, imitieren geradezu die Vision des Fotografen, bis der bekommt, was er will. So zeigt sich im Werk Mapplethorpes etwas archetypisches der Popkultur. Es geht um Posen, um Ähnlichkeiten – keine von ihm geschaffenen, nur von ihm erkannte und wieder-erkannte. Er gießt sie in Gelatine und lässt sie erstarren. Hier zeigt sich, warum der von Kritikern gerne bemühte Rodin-Vergleich ins Leere führt. Während Rodin die Facetten menschlicher Existenz aus der Tiefe an die Oberfläche holt, ihnen ein Gesicht, eine Bewegung gibt, existieren bei Mapplethorpe nur Oberflächen – man kann sich nackt machen, weil es unter der Hülle nichts zu befürchten gibt, nichts Ungesagtes, Verborgenes zurückbleibt. Mapplethorpe schafft die reine Pose.

»Ausgestelltsein bedeutet, die Oberfläche der eigenen Haut, die Haare des eigenen Körpers zu einer Art Verkleidung werden zu lassen, die – in dieser Situation – nicht mehr abgelegt werden kann. Der Akt ist dazu verdammt, niemals nackt zu sein, der Akt ist eine Form der Bekleidung.« (John Berger)

Exemplarisch ist das im c|o anhand der aus Filmen entlehnten Posen in der Sektion »Self Portraits« und noch reduzierter und eindrucksvoller im Obergschoss in der Sektion »Bodies and Sculptures« zu sehen. In letzter Sektion finden sich auch jene Bilder, bei denen er seine Modelle mit bronzener Farbe übergoß und so die Funktion des Modells als Form auch handwerklich manifestierte. Der Höhepunkt der Ausstellung ist aber wohl die kuratorisch gelungene Gegenüberstellung seiner Flowers mit den mit Sex betitelten Aufnahmen des männlichen Gliedes. Mit fast schon naiver Faszination entdeckt Mapplethorpe hier Formen und Analogien und teilt seinen anbeterischen Blick mit dem Zuschauer, so dass man die im Zusammenhang mit dem Fotografen viel zitierte Grenze zur Pornografie schon herbeireden müsste. Umso unverständlicher erscheinen bei der Besichtigung der im c|o gezeigten Bilder die großen Skandale um seine Fotografien. Vielmehr zeigt sich in dieser Retrospektive sein spielerischer Umgang mit Formen, die Sehnsucht nach Ähnlichkeit, das Drängen auf das Schaffen einer Sinnverbindung, und sicher- auch das Bewusstsein über den Voyeurismus des Betrachters. Dieser wird jedoch auch entschärft, z.B. wenn im Triptychon zwischen die Aufnahmen zweier von einer Hand umfassten Penisse, eine spiegelglatte Gelatineschicht hängt, in der sich der Betrachter selbst sieht. Es unterstreicht den selbstironischen Aspekt im Werk Mapplethorpes, einem Ästheten und Archivar der Pose, der – wenn er es auch immer fossiert hat – nicht zum Provokateur gereicht.