Techno, House und Wellenbewegungen mit Dekmantel-Resident Guy Blanken

14.09.2021

Die elektronische Musik hat ihre Schablonen, die bedient werden wollen – und mit dene Standards einhergehen, die erfüllt werden wollen. Guy Blanken spielt das Spiel mit, aber zu seinen eigenen Regeln.

Unter seinem House-Alias Makam veröffentlichte Blanken etliche Subgenres der Spielart, sein Techno als Talismann kommt mit einer Urgewalt und Griffigkeit, die immer wieder auf andere Art zu überwältigen weiß. Beide Pseudonyme sind schon lange in Betrieb: Makam kommt schon in den Nullerjahren auf erste Veröffentlichungen, Talismann ab Anfang der Zehnerjahre – ganz zu schweigen vom THC-inspirierten Pseudonym Terry Hengers, das Blanken zuallererst annahm.

Zum Videocall schaltet sich Blanken aus seinem Studio in Den Haag zu, seiner Heimatstadt, in der für ihn alles begann: »Ich war 14 und bin auf einen Warehouse-Rave in Den Haag gegangen. Sven Väth und Dave Clarke haben gespielt. Ich hatte davor noch nie Techno gehört, das hat mich direkt umgehauen. Ich war ein unruhiger junger, etwas leidenschaftsloser Typ, der nicht gut in der Schule war. Es sah nicht gut aus, aber das hat mein Leben verändert. Ich habe etwas gefunden, das ich wirklich mochte.« In den Haag, dieser Bastion holländischer elektronischer Tanzmusik, man denke an Bunker Records oder Legowelt, lernt er außerdem schon mit zwölf die Crew der Tastemaker-Marke schlechthin kennen: Er schließt Freundschaft mit jenem Zirkel, der später das Label und Festival Dekmantel gründen sollte, spielt auf dem Amsterdamer Mega-Rave bis heute jedes Jahr als Resident.

Welle machen, Welle nehmen

Vor seinem Musikerleben verdiente Blanken seinen Lebensunterhalt ein paar Jahre lang als Kameramann, zögerte, ob er alles auf die eine Karte setzen sollte. Das erledigte sich von selbst: Er wurde gefeuert und mit etwa 25 Jahren Resident im legendären Amsterdamer Club Trouw. Seine musikalische Liebeserklärung an den 2015 geschlossenen Club, A Night at Trouw, veröffentlicht als Makam, steht exemplarisch für eine Facette des Producers: Blanken weiß genau, wie man mitreißende Big-Room-Dynamiken mit Finesse erzeugt, und lacht, als ich ihn auf eine pseudonym-übergreifende Besonderheit in seiner Musik anspreche: Besonders in seinen Clubproduktionen geht er sparsam mit Backbeats um, verlässt sich zumeist auf das unerschütterliche Pochen der Kickdrum: »Das ist gut analysiert. Es wird zu cheesy, wenn ich überall eine Snare oder Clap reinpacke. Wenn es passt, passt es. Aber das ist eben nicht immer der Fall.«

Es wurde in gewisser Weise zu leicht, als Makam weiterzumachen.

Guy Blanken

Besonders als Talismann, etwa im Track »Matam«, entwickelt sein Techno so Ritualcharakter, den desorientierende Vocals und Call-and-Response-Muster auf die nächste Stufe heben. Davon, Gebrauchsmusik, die Clubmusik nunmal ist, zu verkomplizieren, hält Blanken aber nichts: »Es ist sehr offensichtlich, wie Talismann klingt: Düster, intensiv, daran gibt es keinen Zweifel.« Künstlerischer Anspruch, handwerkliche Nüchternheit also.

Makam ist das Pseudonym mit der größeren Varianz. Hier erschienen nicht nur Kickdrumbretter, sondern auch zurückgenommene Deep-House-Grooves wie »The Hague Soul«, die Den Haag als die wahre House-Hochburg auserkoren. Oder zuletzt das Dekmantel-Album Tarp, das atmosphärisch an den Vorgänger Than Sadet von 2016 anschließt und verdeutlicht: Blanken hält nicht viel davon, Alben für den Dancefloor zu produzieren. Beide LPs verbinden Strandstimmungen mit Four-to-the-Floor-Momenten, wirken wie für den Übergang vom Chillout zum Rave gedacht. »Jackie B« liefert beispielsweise Afterhour-Deep-House, »Static Shade« könnte mit seinen schiefen Bläsern und Dub.-Anklängen bei Wolfgang Voigts Alias GAS unterkommen.

Wieso also zuletzt zehn Jahre Makam-Pause, wieso der Fokus auf Talismann, wenn in beiden Pseudonymen so viel Potenzial steckt? »Es wurde in gewisser Weise zu leicht, als Makam weiterzumachen. Es gab sehr konkrete Erwartungen. Ich wollte aber aggressiver spielen. Das passt nicht zu Makam. Jetzt habe ich wieder mehr Lust auf Makam. Das geschieht ganz natürlich.« Künstlerische Launen kommen bei Guy Blanken in Wellenbewegungen. Das ist nur einer der Gründe dafür, dass er das Spiel nach seinen eigenen Regeln spielt.

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