Wie Harmony Rec. über Off-Raves in Prag zur europäischen Techno-Adresse wurde

18.06.2026

Harmony Rec. sucht Techno dort, wo Tiefgang und Körperlichkeit ineinanderfallen. Zwischen Deep Techno, Trance und progressiver Direktheit wächst ein Sound, der sich nicht festlegen lässt. Prag liefert den Ursprung, Europa den Resonanzraum.

Prag hat seine Vorteile, wenn es um DIY-Partys und Off-Raves geht, wie Tomáš Bím weiß: »Das tschechische Gesetz ist nicht so strikt. Die Polizei hat weniger Befugnisse, nicht wie in Deutschland – oder in den Niederlanden. Wenn es dort Beschwerden gab, konnte die Polizei in deine Wohnung und dein Equipment mitnehmen. In Tschechien können sie eine Party nicht so leicht beenden.« Ein perfekter Nährboden für das, was er und Gleichgesinnte 2014 aus der Taufe hoben: eine Partyreihe, die sich inzwischen zu einer der relevantesten Adressen im europäischen Techno-Underground gemausert hat.

Ohne die großen Off-Location-Raves in der Prager Freiheit, die damals noch herrschte und die heute dank der idealtypischen Gentrifizierungsdynamik in beträchtlichen Teilen verloren gegangen ist, wie Bím sagt, hätte die organische und doch stringente Entwicklung von Harmony Rec. nicht funktioniert. Los ging es mit Veranstaltungen, auf denen insbesondere Deep Techno lief. »Als wir anfingen, buchten die meisten anderen Veranstalter klassischen Berliner Berghain-Techno«, skizziert Bím die damalige Feierlandschaft der tschechischen Hauptstadt.

Harmony Rec. spürten in ihren Anfängen hingegen einem Sound nach, der auf damals neuartigen Labels wie Midgar, Hypnus Records oder Spazio Disponibile stattfand: Deep Techno. Das meint: Techno mit natürlichem Antlitz, Biotopmusik, zu der man gerne wiedergeboren wird. Es blubbert, knarzt, Flüsse aus jenen Tiefen, die diese Labels früh ausgelotet haben. Bím stellt allerdings im selben Atemzug klar, dass man nie eindimensional gedacht habe: »Wir haben uns nie als Deep-Techno-Label oder -Partyreihe positioniert.« Und vielleicht ist es gerade dieser Tiefgang, der Harmony Rec. bis heute trägt.

All that techno

»Wenn du eine Party organisierst, steckst du so viel Aufwand rein. Nach acht bis zwölf Stunden ist alles vorbei, und du hast nur noch die Erinnerung, nichts Physisches«, sagt Bím. Alfred Czital, das wohl prominenteste Mitglied des Kollektivs, drängte deshalb 2017 darauf, den Sound und die Erinnerungen an diese Nächte auf Platte festzuhalten und ein vollwertiges Label aus der Taufe zu heben. »Ich bin ihm dafür sehr dankbar«, sagt Bím.

Nun fahren Harmony Rec. zweigleisig. Zu Veranstaltungen in ganz Europa, zuletzt im C115 in Berlin, wo ein Teil des Kollektivs inzwischen lebt, gesellen sich immer wieder starke Veröffentlichungen, die ästhetisch divers ausfallen. Im Katalog, der bis auf 2017 datiert, finden sich Deep-Techno-Platten im Geiste von Prologue Records, atmosphärischer Trance von Alan Backdrop oder schnellerer, perkussiver Maultrommel-Techno von der Münchnerin Polygonia und Shoal.

»Die Musik, die wir veröffentlichen, soll man auf dem Monument Festival und der Mala Junta spielen können.«

Tomáš Bím

Die neueren Sachen, etwa die EP Night Out von Czital & Ayu, gehen zackig in eine progressivere, trancige Richtung, was Besucher:innen der Partys nicht überraschen dürfte: »Auf unseren Events lief schon immer auch andere Musik. Wir mochten Trance immer. Auch wenn Leute nun sagen, dass wir uns verändert hätten: Hör’ dir frühe Veröffentlichungen von Alan Backdrop bei uns an«, sagt Bím dazu nur. Und in der Tat: Laguna Sud von 2021, wenn auch langsamer als der aktuelle Output, fährt ausdauernde Trance-Synths auf, die den Dancefloor in Lila tauchen.

Sexy abtauchen

Außerdem wollte man nicht als reines Deep-Techno-Label abgestempelt werden und sich nicht künstlich einengen. Vermeintliche Widersprüche sollen bei Harmony Rec. ineinander aufgehen: »Die Musik, die wir veröffentlichen, soll man auf dem Monument Festival und der Mala Junta spielen können.« Heißt: Gepflegtes Abtauchen und kommunikative, direkte Sexyness schließen sich nicht aus. Besonders nicht in familiärer Atmosphäre: Das Kollektiv kennt alle Künstler, die auf Harmony veröffentlicht haben, persönlich – über Geschmack lässt sich so leichter streiten.

Die Familie um Harmony Rec. wächst also kontinuierlich, aber organisch. Besonders als Label, das, wir erinnern uns, der Prager Szene entstammt, sei das wichtig. Die gesamte osteuropäische Szene würde gerne mal übersehen. Ein riesiger Meilenstein wartet deshalb Ende Juni: »Soweit wir wissen, sind wir das erste tschechische Label und Kollektiv, das eine Nacht in der Säule im Berghain veranstalten darf. Darauf sind wir unglaublich stolz.«