Kuhzart kümmert’s – Warum es »Yeezus« heißen muss

14.06.13
Foto:Ruke
Wie sagte Slug von Atmosphere so schön: »Not giving a fuck is so played out mainstream.« Das findet auch unser Autor. Er nimmt sich alles zu Herzen – Kuhzart kümmert‘s. Heute: Warum Kanyes neues Album »Yeezus« heißen muss.

Das nächste Woche erscheinende Album von Kanye West darf nicht nur, sondern muss »Yeezus« heißen. Gottkomplex schreien die einen, überbordender Narzissmus die anderen. Ich sage: Und wenn schon. Es ist der einzig logische Name, das einzig richtige Statement, das Kanye zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere machen kann.

Es macht einfach nur Sinn. Auf »College Dropout« rappte Kanye mitten aus dem Leben, auf »Late Registration« reflektierte er verstärkt über dieses, »Graduation« feierte das Good-Life eines Superstars, auf »808s & Heartbreaks« weinte Kanye über die Kehrseiten eines Lebens an der Spitze und auf »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« war er rastlos geworden, ganz da oben. Es gibt keine irdische Position mehr, von der Kanye berichten kann. Und was macht man, wenn dem eigenen Leben ein neuer Sinn gegeben sein will? Man macht ein Baby und findet zum Glauben. Kanye hat beides, wie immer radikal, umgesetzt: Er hat der Kim ein riiiiesiges Baby gemacht und glaubt jetzt nicht nur an Jesus, nein, er wird zu ihm.

»I Am A God« lautet ein Stück auf »Yeezus«. Viele würden für solch eine Selbstwahrnehmung in der Klappse landen – Kanye landet in den Charts. Was den Verdacht erhärtet, dass Irrenhaus und Charts ohnehin nicht weit voneinander entfernt liegen. In einem neuen Interview mit der New York Times sagte Kanye, er verstehe die Kultur, er sei der Kern davon. Kanyes Aussagen zielen oft über das Ziel hinaus, wie ein sturer Ehemann auf der Familientoilette, aber auf halber Strecke sind sie wahr. Denn Kanye hat verstanden, wie er das »Pop« vor Kultur setzt: Indem er seine Qualität immer neu

»I Am A God« lautet ein Stück auf »Yeezus«. Viele würden für solch eine Selbstwahrnehmung in der Klappse landen – Kanye landet in den Charts.

an den Konsens annähert, dabei unverkennbar bleibt und deshalb von den Massen gehört wird. Und wem hört der dauerklickende, stets downloadende, mit Informationen überfrachtete Mensch heute noch zu? Genau: Jesus. Oder einem der so »Banane« ist, von sich zu behaupten, Jesus zu sein. So hat sich Kanye alleine mit dem Albumtitel schon Gehör verschafft. Und das braucht er mehr als alles andere. Für sein Ego, aber v.a., weil er seit Beginn seiner Karriere stets eines wollte: »White America« auf die Füße treten. Das hat er, als er Taylor-Swift, Country-Sweetheart, den Arward aus der Hand riss. Und wen huldigen erzkonservative Weiße ein minibabybisschen mehr als Taylor Swift? Wieder klar: Jesus. Und jetzt erhebt sich ein schwarzer Entertainer zu Jesus – so erreicht man Aufmerksamkeit. »I‘d rather be a dick than a swallower«, rappt Kanye auf »New Slaves« und kommt einige Minuten später auf die Bluse der Bewohnerin einer Villa in den Hamptons. Solche Zeilen kommen von weit links im politischen Spektrum, solche Zeilen haben auch etwas von 2Pac. Schade für den, der das nicht sehen kann, weil ihn Kanyes Modefimmel blendet.

»Racism’s still alive, they just be concealin’ it« rappte Kanye schon auf »College Droput«. Es braucht in Amerika mehr denn je einen, der das anprangert. Denn zwar ist der Präsident nun schwarz, doch müssen viele erkennen, dass nicht alles gold ist, was maximalpigmentiert glänzt. Wer sagt, dass bei Kanye die Effekte über dem Politischen stehen, der hat Recht. Aber braucht nicht unsere ADHS-Generation gerade das? Effekte, die uns aufmerksam machen auf das, was darunter liegt!? Das kann man traurig finden, aber es gilt in dieser Zeit den Wert eines solchen Entertainers auch anzuerkennen. Dieser Typ ist besessen davon, etwas zu ändern, etwas Nachhaltiges zu erschaffen. Es braucht Kanyes absurden Größenwahn, seine ins Utopische neigenden Ideen, in einer Zeit, in der ein Phänomen die Halbwertszeit eines YouTube-Videos hat. Nur wer ganz nach oben greift, verändert etwas in der Mitte. »Reach for the stars, ’cause if you fall, you land on the clouds« Kanye ist ein Bob Dylan, ein 2Pac unserer Generation. Punkt. Und diesen Punkt lasse ich mir nicht nehmen.

Denn was ist, wenn Kanye aufhört? In welcher Welt wollen wir leben? In einer, in der Justin Bieber der Messias ist und alles voller Beliebers ist? Nah, right!? Alle, ob sie nun Kanye hassen oder lieben, werden sich irgendwann die Auferstehung von Yeezus wünschen.

In der Vergangenheit hat sich Kunze auch schon um Frank Ocean, Daft Punk und wackelnde Ärsche gekümmert.