Als im April des letzten Jahres die Erde in Istanbul bebte, so die Geschichte, trafen sich Anadol und Marie Klock in einem Park, verbrachten den Tag an einem sicheren Ort – und die Schreibblockade, die Letztere erdulden musste, war weg. Dass derlei irdische Probleme eine Künstlerin wie Klock ereilen, mag unvorstellbar wirken. Hört man ihre teils krachenden Chanson-Pop-Songs aus der Parallelwelt, liegt die Vermutung nahe, dass sie aus jeder Idee eine noch größere kreieren könnte.
Hier kommt Anadol ins Spiel, deren kaleidoskopischer, psychedelischer Ansatz der perfekte Spielplatz für Musik ist, die sich nur mäßig für das interessiert, was alle anderen machen. Ihr zweites gemeinsames Album bewegt sich erneut zwischen den Genre-Stühlen, pluckert und leiert, holt verspielte und klappernde Klänge leichtfüßig aus Keyboards und E-Orgeln, die in ihren Händen fast wie Spielzeug wirken.
Im deutsch getexteten Anti-Lullaby »Henri« lauschen wir der Mutter aller Anti-Konversationen: »Wie geht’s? Es muss.« »Rentrer à la maison« erzählt von dem unangenehmen Gefühl, sein Zuhause nicht als solches bezeichnen zu dürfen. Andernorts sprechsingt Klock darüber, was ein Brot uns wirklich zu sagen hat, aber wie so oft bei ihr gibt der Blick zwischen die Zeilen jede Menge preis. Man kann das alles auf Manivelles Leftfield nennen oder schrullig oder whimsical. Man nähert sich beiden Musikerinnen damit aber nur an. Großartig ist es allemal.

Manivelles

