Fast 90, aber so busy wie nie: Seit dem Jahr 2020 hat die argentinische Komponistin und Musique-concrète-Pionierin Beatriz Ferreyra ihre bis dahin schmale Diskografie verdoppelt. Neben dem Anfang dieses Jahres auf CD neu aufgelegten Huellas Entreveradas veröffentlichte sie damals Echos +, den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit mit Room40. A Distracted God ist ihr viertes Album für Lawrence Englishs Label und enthält neben dem 1998 erschienenen »Souffle d’un petit Dieu distrait« zwei bisher unveröffentlichte Stücke.
Die titelgebende Komposition aus dem Jahr 1987 unterstreicht Ferreyras Fähigkeit des (Other-)World-Buildings: Sie arrangiert satte Texturen und Sounds zu ebenso subtilen wie packenden Dynamiken, eröffnet einen dreidimensionalen Raum und spinnt darin aufreibende Klangnarrative. Kompositorisch streng, strukturell offen: Dieses Computer-Stück denkt die Tradition der frühen elektronischen Musik weiter und klingt deshalb zeitlos. Beim CTM Festival würde das auch heute gut ankommen.
»Tierra Quebrada« aus dem Jahr 1976 stützt sich auf ausdrucksstarkes Bratschenspiel. Nicht nur das feinstoffliche Knistern lässt dieses Stück dated klingen: Als Studie über Intensität und Kontraste wirkt es oft gezwungen statt zwingend, rettet sich aber mit einem dröhnenden Finale. »Sourires d’autonne« von 2004 beschließt die Platte mit einer ahnungsvollen Übung in digitaler Musique concrète. Es schlägt eine Brücke zu den Anfängen von Ferreyras langer Karriere, die dankenswerterweise noch lange nicht vorbei ist.

A Distracted God
