Review

Caustic Window

Caustic Window LP

Rephlex Records • 2014

Das Auftauchen der »Caustic Window LP« ist definitiv eine der interessantesten und seltsamsten Veröffentlichungsgeschichten dieses Jahres, die vor allem eines zeigt: Richard D. James alias Aphex Twin kann auch 2014 noch für Wirbel sorgen. Selbst wenn er seit Ewigkeiten nichts veröffentlicht hat und sich seit mindestens 13 Jahren nicht mehr um Progressivität schert. Vielleicht zieht gerade deshalb die Verheißung, mehr als zwanzig Jahre altes Material von ihm zu ergattern. Was es mit dieser ominösen »Caustic Window LP« auf sich hat, haben wir bereits an anderer Stelle aufgearbeitet Aus dem Ziel, über Kickstarter $ 9.300 für die Digitalisierung dieses nur als Testpressung vorliegendes Altwerkes zu sammeln, sind am Ende über $ 67.000 geworden. So erhielten Anfang Juni 4.124 Aphex-hungrige Unterstützer ihren einmaligen Download-Code zum High Quality Rip der 15 Titel. Und sie alle werden sich wahrscheinlich fragen, weshalb die »Caustic Window LP« anno dazumal nie das reguläre Licht der Welt erblickt hat. Aus der 2014er Perspektive ist das Album zwar weit davon entfernt, Platte des Jahres zu werden. Man hört dem Album deutlich sein Alter an. Es ist ein Artefakt aus den Anfängen der IDM und aus der frühen Schaffensphase eines der relevantesten elektronischen Musiker unserer Zeit. Die LP zeigt aber auch, wie weit James damals schon draußen war. Sie erinnern daran, weshalb er die 1990er Jahre strukturell und klanglich fest im Griff hatte. Nicht nur enthob James damals den Techno aus seinem sattelfesten Dancefloor-Ansatz. Im Gegensatz zu den drei eher kruden »Joyrex« EPs, die seinerzeit unter dem Moniker Caustic Window erschienen, tauchte James auf der »Caustic Window LP« auch stärker in die Vermischung seiner Hardcore-Wurzeln mit ambienter Wärme. Es war der Sprung von seinen tribalen, von metallischen Stakkatos durchzogenen frühen Eps für R&S (»Xylem Tube«) und Rephlex (»Analogue Bubblebath I-IV«) zum zwischen Melancholie und Klaustrophobie schwankenden Debütalbum »Selected Ambient Works 85-92«. Der Klang der Titel ist warm und analog, stellenweise simpel und aggressiv. James wechselt zwischen Hämmern, Chillen und Panoptikumbesuch. Flirrende bis hochviskose Synths schlüpfen unter dumpfes Bassgrollen und spitze Hihats. Am Ende bleibt genau dieses bekifft-euphorische Science-Fiction-Gefühl, das schon 1992 bei James’ Musik unweigerlich einsetzte. Die Schönheit hat James frühe Klangwelt zumindest nicht verloren – insbesondere im Zuge des aktuellen Revivals eben jenes Musikzeitalter. Übrigens ging auch die Auktion, die Anfang 2014 alles ins Rollen gebracht hat, wieder online. Ende Juni schob jemand satte $ 46.300 für die Doppel-LP über den Ladentisch! Es wurde gemunkelt, dass Skrillex und Kanye West sich hier gegenseitig nach oben getrollt haben. Vielleicht hatte auch Richard D. James selbst seine Finger im Spiel, um die Platte gleich wieder aus dem Verkehr zu ziehen – einfach nur, um die anderen zu ärgern. Möglich ist bei dieser Veröffentlichung alles.